Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

643 Presseschau-Absätze - Seite 60 von 65

Magazinrundschau vom 07.02.2006 - Elet es Irodalom

Nach dem Bericht über die Stasi-Vergangenheit Istvan Szabos enttarnt das ES-Magazin weitere Prominente als Informanten des ungarischen Geheimdienstes: Kardinal Laszlo Paskai und den Filmemacher Zsolt Kezdi Kovacs. Der junge Historiker Krisztian Ungvary zitiert aus der Stasi-Akte des Kardinals Paskai und fordert die Ungarische Bischofskonferenz auf, ihr Schweigen zu brechen: "Jeder, der heute seine Stasi-Vergangenheit als Geheimnis mit sich schleppt, ist fünfzehn Jahre nach der Wende immer noch ein Sklave der Diktatur. ? Wir machen gerade die fürchterliche Erfahrung, dass auch jene, die nur zögernd mit der Stasi zusammenarbeiteten, mit der Zeit eine Art Loyalität zur Staatsmacht entwickelt haben, obwohl sie von ihr erniedrigt wurden."

Zsolt Kezdi Kovacs erzählt, wie Istvan Szabo und er von Geheimdienstleuten abgeholt, später verhört, getreten und beschimpft wurden. Er beschreibt den Moment, als er sich entschieden hat, für den Geheimdienst Berichte über Mitstudenten zu verfassen: "Wir fuhren im Aufzug in das mehrere Etagen tiefe Gefängnis, es war ein halbes Jahr nach der niedergeschlagenen Revolution, und ich spürte, dass dies ein grundsätzlich ungleicher Kampf ist. Ich war nie besonders tapfer, aber Tapferkeit hätte hier auch nicht viel gebracht. Ich wusste, dass ich keine Kraft haben würde, die Schläge zu ertragen oder alles aufzugeben, was ich endlich erreicht hatte: an der Filmhochschule studieren zu dürfen? Ich hielt es für kaum vorstellbar, dass ich der Stasi Informationen geben könnte, die meine Freunde, meine Eltern oder irgendjemanden in meiner Umgebung in Schwierigkeiten bringt. Die einzig mögliche Strategie war es, auszuharren und um den heißen Brei herumzureden."

Magazinrundschau vom 31.01.2006 - Elet es Irodalom

Elet es Irodalom hat eine lebhafte Debatte über den Umgang mit Informanten der Staatssicherheit angezettelt. Ausgelöst wurde sie durch eine Dokumentation über die IM-Tätigkeit des Filmregisseurs Istvan Szabo in den Jahren 1957-1963. Der damalige Student schrieb 48 Spitzelberichte über 72 Kollegen und Lehrer. Neben allgemeinen Stimmungsbeschreibungen an der Filmhochschule ("... das kann nicht als Widerstand bezeichnet werden, die Studenten sind an der Politik, am Werdegang des sozialistischen Lagers nicht interessiert") werden in den Berichten auch private Angelegenheiten der denunzierten Personen angesprochen ("...das Geld machte ihn unverantwortlich und hochnäsig..."). Einige "Mini-Portraits" von Szabo nahm die Staatssicherheit offenbar zum Anlass, die entsprechenden Personen einer "näheren Betrachtung zu unterziehen".

Der Schriftsteller Rudolf Ungvary fragt sich, warum die Ungarn so uninteressiert sind an ihrer jüngsten Vergangenheit. "Es ist eigenartig, wie ein Teil der Bevölkerung darauf verzichtet, den Mechanismus der Staatssicherheit aufzuklären, obwohl gerade die Staatssicherheit die größte Demütigung für ungarische Staatsbürger bedeutete. Heute fühlen sich die Ungarn persönlich beleidigt, wenn ihr beliebter Fußball-Kommentator als ehemaliger Spitzel entlarvt wird, es stört sie aber nicht, dass kein Wort der Entschuldigung aus dem Munde der Denunzianten zu vernehmen ist. Dabei müsste als Folge der kommunistischen Vergangenheit auch vermittelt werden, wie gemein Spitzelei ist. Innere Emigration hat ohne das Bewusstsein einer moralischen Opposition keinen Wert."

Magazinrundschau vom 24.01.2006 - Elet es Irodalom

Andras Lanyi überlegt, warum in Ungarn kaum über die jüngste Vergangenheit gesprochen wird. "Historische Epochen kann man, wie auch literarische Werke, nur vom Ende her interpretieren: Das Ende gibt dem vorher Geschehenen einen Sinn. Für die Zeit zwischen 1956 und 1989 trifft dies jedoch nicht zu, denn wir haben immer noch nicht richtig über sie gesprochen. Wenn sich ein Land nicht an seine Vergangenheit erinnert oder sich nicht erinnern will, gibt es dafür meiner Meinung nach mindestens drei Gründe. Erstens: Die Kultur des Schweigens hat sich schon früher entwickelt, das Verschweigen ist eine bewährte Strategie der gesamten Gesellschaft. Zweitens: Die Menschen möchten mit der Vergangenheit nicht konfrontiert werden, weil ihre Geschehnisse mit den allgemeingültigen Erklärungen der Gegenwart unvereinbar sind. Drittens: Die Vergangenheit ist noch nicht vergangen."
Stichwörter: 1956

Magazinrundschau vom 17.01.2006 - Elet es Irodalom

"Sie wollten keine Museen in die Luft sprengen wie die Futuristen, die Menschheit nicht erlösen wie die Expressionisten, sie quälten nicht einmal ihr Publikum mit verschiedenen Theorien wie die Surrealisten", feiert der Kunsttheoretiker und Essayist Laszlo Földenyi den Dadaismus anlässlich der großen Ausstellung im Pariser Centre Pompidou. "DADA wirkt heute genauso, wie vor neun Jahrzehnten. Egal was für Zufälle, was für unerwartete und ungeplante Dinge geschehen, die Kraft DADAs ist immer zu spüren. DADA lebt, auch wenn man das Gegenteil munkelt. Es lebt in uns, heute noch, am meisten vielleicht in Momenten, wenn wir nicht daran denken. ... DADA ist für mich die wichtigste, aktuellste Kunstrichtung des 20. Jahrhunderts. In seiner Nähe spürt man eine ungeheuere Freiheit, alle Ideologien und Besonnenheiten werden schwerelos. DADA ist ein Vexierspiegel für Schlausprecher, ein eiskaltes Lächeln für Besserwisser."

Miklos Haraszti, Mitbegründer der demokratischen Opposition Ungarns, heute Beauftragter für Medienfreiheit der OSZE, erklärt im Interview, mit welchen Schwierigkeiten sein Amt in den postsowjetischen Ländern zu kämpfen hat: "In diesen neuen Demokratien ist Meinungsvielfalt meist nur in den Printmedien und im Internet möglich. Es sind zwar auch einige kommerzielle Fernsehsender entstanden, aber das änderte kaum etwas am Informationsmonopol des Staates: die Privatisierung wurde durch die für diese Länder typischen Netzwerke von Verwandten und Freunden stark manipuliert. Die Printmedien werden von den Behörden unter Druck gesetzt. Die Strafgesetzbücher werden als 'rechtsstaatliche' Mittel benutzt, Meinungsäußerungen und journalistische Recherche als Verleumdung, Ehrenbeleidigung und Geheimnisverrat zu bestrafen. Oppositionelle Nichtregierungsorganisationen haben das Recht, diese Praxis heftig zu kritisieren, und wir können sie verteidigen. ? Aber dann dürfen wir nicht politisch, sondern müssen rein medienrechtlich argumentieren."

Außerdem: Der Osteuropaexperte Paul Lendvai wertet die 395 Seiten umfassenden Stasi-Unterlagen aus den Jahren 1958-1966 aus, die ihm das Ungarische Staatssarchiv "zu Weihnachten schenkte".

Magazinrundschau vom 03.01.2006 - Elet es Irodalom

Seine Asche soll in Triest über das Meer verstreut werden, die Teilnehmer der Zeremonie sollen in ein Kaffeehaus gehen und sich nicht über ihn unterhalten - das war der letzte Wunsch des 2002 verstorbenen ungarischen Schriftstellers Miklos Meszöly. Der befreundete Laszlo R. Hollos denkt darüber nach, was Triest für ihn bedeutet haben mag: "Er meinte bestimmt das Cafe Tommaseo links von der Piazza Unita, ? ein echtes Kaffeehaus aus dem 19. Jahrhundert, wie das Kaffehaus New York in Budapest, das Cafe Slavia in Prag oder die vielen Pendants in Wien: riesige Spiegel, Marmortische, Kristallleuchter? Triest liegt an der Grenze zwischen Norden und Süden, wie seine Geburtsstadt Szekszard. Es ist eine unsichtbare Grenze zwischen den Geistern zweier Landschaften, an der man zwei Welten gleichzeitig erleben kann. An der Küste in Triest sind Frohsinn, Lärm und Düfte des Mittelmeerraums zu spüren, aber zwischen den Häusern flattert keine aufgehängte Wäsche im Wind. Die Stadt ist kälter, geschlossener als andere italienische Städte. Durch die blendenden Farben der Adria schlendert der Geist Wittgensteins."

Der Filmkritiker György Baron feiert den preisgekrönten Kurzfilm "Never Never Gipsyland" von Kati Macskassy: "Der Film erzählt von den Träumen und Sehnsüchten der Roma, die in ihren Volksmärchen Ausdruck finden. ? Wie im magischen Realismus südamerikanischer Künstler wird die tiefste, dunkelste Schicht der Realität mit den höchsten, blendenden Fäden der Phantasie durchwoben. In diesem mit Worten, Gesang und Fotos erzählten Film fliegt das Märchen auf Vogelfittichen aus Schlamm und Not plötzlich auf, so hoch, dass die Schwerkraft der Dramaturgie überwunden wird ? Das Märchen wird doch nicht zur billigen Folklore reduziert, weil die betonfarbene, grausame Realität stets präsent bleibt."

Magazinrundschau vom 13.12.2005 - Elet es Irodalom

Unter den Domruinen der kleinen Stadt Szekesfehervar, in der fünfzehn ungarische Könige gekrönt wurden und begraben sind, will ein Unternehmer mit Unterstützung der Stadtvewaltung ein "Pantheon der ungarischen Könige" errichten. Die Kunsthistorikerinnen Piroska Biczo und Klara Mentenyi beschreiben entsetzt diese "grandiose Kitschparade": "Vierzig Meter unter den Ruinen würde eine Reihe von sich bewegenden und sprechenden Figuren die Vergangenheit heraufbeschwören. Die Besucher würden mit einer Rolltreppe in den 10.000 Quadratmeter großen Komplex herunterfahren, wo alles zu sehen wäre, was glorreich, alt und ungarisch ist - von der Heiligen Krone über die Altungarische Marienklage bis zu den Volksmärchen über König Matthias." Für die Autorinnen zeigt das Projekt vor allem, dass die Ungarn ihre Geschichte gern verklären: "Womit können wir uns identifizieren? Nur mit den Märchen und Legenden unserer Geschichte? Oder auch mit den selbst verschuldeten Katastrophen?"

Kann man den eigenen Augen beibringen, Gemälde zu betrachten, fragt die Dichterin Zsofia Balla. Ja, wenn wir "uns auf das Bild vorbereiten, die unsere Augen verschleiernden epischen Erwartungen und Filter der Vorurteile abbauen, das herkömmliche, faule Sehen hinter uns lassen. ? Das Physische soll auf der Netzhaut, im Sehnerv frei zur Geltung kommen, damit wir durch die Alchemie des Lichts, der Farbe, der Komposition, der Perspektive und anderer Elementen gegen die giftigen Wirkungen der kunstfeindlichen realen Welt gewappnet werden. Lassen wir diese Antikörper, die homöopathischen Perlen großer Kunstwerke mit unserem Leben verschmelzen!"

Die Politiker profitieren vom Infotainment kommerzieller Fernsehsender, meint der Medientheoretiker Peter György: "Wer sich als passives Objekt einer von Naturkatastrophen geplagten, undurchschaubaren Welt betrachtet, der erwartet von der Gesellschaft nicht viel und wird die Politiker seiner Wahl auch nicht zur Rechenschaft ziehen. Hinter den Bildern der Hochwasser und Brände verbirgt sich die abergläubische Lehre von der Unergründlichkeit der Welt, die vom Erlebnis des Ausgeliefertseins geprägt ist ... Nicht die aktuellen Geschichten der nach rationalen Normen aufgebauten, spätmodernen Gesellschaft werden jeden Abend erzählt, sondern dass die 'Gesellschaft' nur ein Mythos und das Ausgeliefertsein ein Naturgesetz seien."

Weiteres: Der in Paris lebende ungarische Architekt Attila Batar fordert im Gespräch, dass ein spannendes Gebäude nicht nur das Auge, sondern auch Hände, Ohren und sogar die Nase ansprechen soll. Janos Salamon feiert den vor 200 Jahren geborenen politischen Philosophen Alexis Tocqueville und die gesellschaftsphilosophische Aktualität seines Werkes "Die amerikanische Demokratie".

Magazinrundschau vom 06.12.2005 - Elet es Irodalom

Der Literaturkritiker Attila Balazs feiert den internationalen Erfolg des jungen Dramatikers Zoltan Egressy. Seine Figuren sehnen sich aus dem kleinen ungarischen Dorf nach Portugal wie einst die "Drei Schwestern" nach Moskau, aber "die Kneipe, das Bier, der schlechte Wein und ihre eigene Trägheit hält sie doch zurück. Schmachten, Strampeln, Zappeln ein ganzes Leben lang. Wie die Weinfliegen im Glas? ? Im Mittelpunkt des Universums stehen ein kaputter Umkleideraum, ein alter Zirkus und eine beseligende Kneipe, in der wir mit der erschreckenden Hoffnungslosigkeit unserer eigenen Erlösung konfrontiert werden - während die Pointen auf dem schmalen Grat zwischen Weinen und Lachen seiltanzen."

"Kann ein Buch widergeben, wie ein echter in Jeans schwitzender Po 1972 war? Und was kann die systematisierende und analysierende Geschichtswissenschaft über die abgerissenen Sandalen und das in einem wahnsinnigen Tempo herumhüpfende Individuum erzählen, das beim Anblick eines bewaffneten sowjetischen Soldaten ausspuckt und dann im Konzert fuchtelt, grinst und hofft?", fragt "dr. Marias", nachdem er die neue "Geschichte der ungarischen Rockmusik" gelesen hat.

Weiteres: Tamas Csapody schreibt eine Sammelrezension über Bücher, die sich Menschen widmen, die wegen Kriegsdienstverweigerung während der zwei Weltkriege in Arbeitslager deportiert wurden. Und Barbara Nagy singt eine Hymne auf Berlin als Kunst und Künstlerstadt.

Magazinrundschau vom 29.11.2005 - Elet es Irodalom

"Hinter der Darstellung der Einwanderer als homogene Masse verbirgt sich die Betonung der symbolischen Überlegenheit der Europäer", meint der Kulturanthropologe Peter Niedermüller. "Auch unter den Einwanderern gibt es religiöse Fanatiker, allgemeingefährliche Kriminelle, Männer und Frauen, deren Leben auf die schiefe Bahn geraten ist und Familien, in denen Frauen nur Erniedrigung, Unterdrückung und Gewalt zuteil wird. Aber es ist doch unverkennbar, dass die gleichen Probleme leider auch in den europäischen Mehrheitsgesellschaften vorhanden sind. Die unsere modernen Gesellschaften durchdringende häusliche Gewalt identifizieren wir auch nicht mit dem europäischen Christentum, auch jene Männer nicht, die ihre Kinder und Frauen regelmäßig schlagen oder minderjährige Mädchen und Jungen belästigen, vergewaltigen. Genauso wenig identifizieren wir pädophile Priester mit der katholischen Kirche, und so dürfen wir einzelne Formen des radikalen sozialen Verhaltens auf keinen Fall mit den Einwanderern und dem Islam identifizieren."

Die ungarische Psychologin und Wahlberlinerin Eszter Fischer berichtet über den Alltag in Berliner Schulen, in die fast nur die Kinder der Einwanderer gehen: "In Deutschland - wie in Ungarn - bestimmt der familiäre Hintergrund die Chancen der Kinder in der Schule extrem, die sozialen Faktoren entscheiden darüber, welche Ausbildung und Qualifikation sie später erwerben. ... Die Schule in Deutschland ist wie ein Laufband: wer nur einmal heruntergetreten oder -gefallen ist, der wird nie wieder aus eigener Kraft zurückklettern können."

Magazinrundschau vom 08.11.2005 - Elet es Irodalom

Die literarische Sensation des Herbstes in Ungarn ist eindeutig Peter Nadas' Roman "Parallele Geschichten". Er wird von der Literaturkritik als Jahrhundertroman gefeiert - ebenbürtig Werken wie Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" und Leo Tolstois "Krieg und Frieden". Warum es in diesem Roman statt eines Ich-Erzählers mehrere, von der ersten in die dritte Person "gleitende" Erzähler gibt, die statt einer Geschichte "parallele Geschichten" vom Ungarn des 20. Jahrhunderts erzählen, sagt Peter Nadas im Interview: "Früher habe ich gehofft, dass die Liebe das Individuum in einer Diktatur retten kann, dass der Liebesroman wenigstens von der Bewahrung der Sehnsucht nach Freiheit erzählen kann. Ich musste einsehen, dass das Individuum nicht gerettet werden kann, sondern jene Banalität eintritt, die wir aus dem wunderschönen Gedicht von Gyula Illyes 'Ein Satz über die Tyrannei' kennen: Die Tyrannei stieg sogar ins Hochzeitsbett, infizierte sogar die Paarung. Wenn die Tyrannei sogar in der Liebe, in den intimsten Situationen zu spüren ist, dann dringt die Gesellschaft sehr tief ins Individuum hinein. Dann wirken kollektive Bewusstseinsinhalte nicht nur als kultureller Kitt, sondern auch als zerstörerische, vernichtende Kraft. Die Frage ist, ob es überhaupt ein Individuum gibt, wenn solche kollektiven Kräfte in einem einzigen Menschen toben. Wo ist die Person in mir, wenn das Herdentier in mir so stark ist?"

Das ES-Magazin ist nicht überrascht, dass in der von Foreign Policy und Prospect präsentierten Liste der 100 wichtigsten Intellektuellen der Welt, die Osteuropäer stark unterrepräsentiert sind. Verfasser der Liste "kennen sich nach eigenen Angaben vor allem im englischen Sprachgebiet aus. Großbritannien ist mit seinen ehemaligen Kolonien enger verbunden als mit den großen Kulturnationen des europäischen Kontinents. Deshalb ist Kenia, erfreulicherweise, sogar mit zwei Namen vertreten - soviel wie Deutschland", kommentierte in der vorletzten Ausgabe Janos Szeky. Die Wahl Noam Chomskys zum wichtigsten der 100 wichtigsten Intellektuellen erklärt er sich in der letzten Ausgabe mit der Faszination, die der Typ des "radikalen Oppositionellen, den Chomsky verkörpert", auf die "altliberalen, regierungs- und establishmentfreundlichen Leser beider Magazine" ausübt.

Magazinrundschau vom 01.11.2005 - Elet es Irodalom

Der Magnum-Photograph Patrick Zachmann, der für die Ausstellung "Euro-Visions" im Pariser Centre Pompidou Ungarn porträtierte, erzählt im Gespräch, dass ihm die schreckliche Eintönigkeit der ungarischen Geschichte erst bei dieser Reise klar wurde: "Die Geschichte Ungarns prägten vor allem Fremdbesatzungen, das Land wurde in verschiedenen Epochen von verschiedenen Völkern überfallen und zerstümmelt. Mir wurde erst jetzt bewusst, wie viele bedeutende Gebiete Ungarn im Friedensvertrag zu Trianon verlor. Das hat mich bestürzt. ... Wenn die Menschen darüber reden, wirkt es wie eine unverheilte Wunde, wie ein dauerhafter Schmerz. ... Andererseits haben die Ungarn ihre Geschichte während des Zweiten Weltkriegs auch noch nicht verarbeitet, ich denke vor allem an ihre Kollaboration mit den Nazis. Sie vermeiden es, der Vergangenheit ins Auge zu schauen. Die Anerkennung der eigenen Schuld, wie in Deutschland, fehlt in Ungarn. Auch das lässt eine gedrückte Stimmung entstehen."

Der Schriftsteller Gabor Nemeth feiert einen der wichtigsten ungarischen Schriftsteller der Slowakei, den Romancier und Verleger Lajos Grendel: "Vermutlich versteht Grendel unter Geschichte etwas, was andere Schicksal nennen, eine Geschichte, die man gestaltet, nicht erleidet, in der man noch die Chance hat zu wählen - und sei es nur zwischen zwei schlechten Wegen. In Zeiten, die in einer großzügigeren Art und Weise unglücklich sind, nennt man das eine Tragödie. Aber laut Grendel ist die Welt so kleinlich, dass uns gerade ihre Kleinlichkeit als letzte Tragödie bleibt."