
Der italienische Schriftsteller
Claudio Magris war im April Ehrengast des Budapester Buchfestivals. Am Rande des Festivals
sprach er auf einer vom Kunsthistoriker József Mélyi moderierten Podiumsdiskussion mit seinem ungarischen Kollegen
Péter Esterházy über Mitteleuropa, Nostalgie und Provinzialität. Dass nun Magris einst von einem Journalisten als "
kosmopolitischer Provinzialist" beschrieben wurde, findet Esterházy ziemlich zutreffend, denn diese Formulierung beschreibe einerseits Offenheit und andererseits das Gefühl, Zuhause zu sein an dem Ort, an dem man lebt. Magris zufolge müsste dies aber für jeden freien Menschen gelten: "Wie jene Kinder zum Beispiel, die in einem
kleinen Hinterhof spielen; sie lieben den Hof und reden im örtlichen Dialekt, aber sie suchen dort nicht das Lokale und Provinzielle, sondern das Spiel und das Abenteuer. Zum
Weltbürger wird man durch die Art, wie man mit seinen Freunden in einem Hinterhof spielt - ganz gleich, ob dies in einer Großstadt oder in einer kleinen Ortschaft in der Provinz geschieht." Esterházy ergänzt dies mit den Worten: "
Provinzialität entsteht allerdings nicht aus einer freien Entscheidung, sondern aus Angst. Wenn du im Hof spielst und dich vor der Welt außerhalb des Hofes fürchtest, bleibst du im Hof. ... Heute schließen wir alle Fenster, vor allem aus Angst. Diese Angst ist nicht ganz unbegründet, weil sich der Mensch in der Welt, die außerhalb des Hofes existiert, nicht zurechtfindet."
In einem anderen Teil des Gesprächs erwähnt Magris den Protest gegen sein erstes Buch ("Der habsburgische Mythos in der modernen österreichischen Literatur") in Österreich, weil er sich darin
gegen die Nostalgie gewandt habe, und er erinnert an
Joseph Roth, der seine Liebe zum Habsburger Reich und zu Österreich mit seiner früheren Rebellion gegen Franz Joseph I. rechtfertigte: "Dies ist die Treue, die
aus der Rebellion entsteht. Ohne Revolte ist jede Treue falsch, und die Nostalgie ist überhaupt und in jeder Hinsicht immer das Falscheste. Mein Freund, der Dichter Biagio Marin hat einmal gesagt, dass die Vergangenheit nicht existiere. Es gibt entweder
nur Fakten, die einst eine Funktion hatten, nun aber nicht mehr - mein vor zehn Jahren gültiger Reisepass beispielsweise hat keinen Sinn mehr. Oder es gibt Werte, Gefühle, Menschen, die schlichtweg existieren. Sie sind nicht Objekte der Nostalgie, man kann sie lieben oder hassen, sie sind aber nicht Teil der Nostalgie, des Zurücksehnens. Jeder Mensch, den wir einst geliebt hatten, ist präsent. Shakespeare
ist ein Dichter, sagen wir, und nicht, dass er ein Dichter war. Nostalgie ist Fälschung, falsch gegenüber Gefühlen und Menschen. Und auch gegenüber der Geschichte, die sie beschönigt."