Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 17.04.2012 - Elet es Irodalom

Über Kunst und Alltag in der kommunistischen Epoche zu berichten, ist alles andere als selbstverständlich, denn mit dem damaligen System ist auch die Sprache dieser Zeit untergegangen. Ohne die Kenntnis dieser Sprache bleibt jedoch das einst Geschehene unbegreiflich, meint der Medienwissenschaftler Péter György: "Die Voraussetzung des Verständnisses ist, dass wir die Existenz des einstigen ideologischen Universums akzeptieren und ernst nehmen; wenn wir also nicht wahrhaben wollen, dass die kommunistische Ideologie den Alltag tief durchtränkt hatte und schließlich zur Muttersprache von Millionen Menschen wurde, werden wir die gewaltige Entfernung unserer heutigen Welt vom damals Geschehenen nicht veranschaulichen können. Folglich werden wir auch nichts über die Kunst jener Zeit erzählen können und werden lediglich die Lügen über die angebliche Kontinuität wiederholen. Als würden wir im selben Land, in derselben Zivilisation, in derselben Welt leben, doch dem ist nicht so."
Stichwörter: Zivilisation, Muttersprache

Magazinrundschau vom 03.04.2012 - Elet es Irodalom

Dem ungarischen Staatspräsidenten Pal Schmitt wurde vom Senat der Budapester Semmelweis-Universität (SOTE) wegen Plagiats sein Doktortitel aberkannt. Nachdem am Wochenende in Budapest nach Angaben der Organisatoren etwa 400.000 Menschen auf die Straße gegangen waren, ist er gestern gestern zurückgetreten. Für Empörung sorgt auch der (vor der Aberkennung bekannt gewordene) Befund der von der Universität eingesetzten Untersuchungskommission, wonach die Verantwortung für das Abschreiben nicht bei Schmitt, sondern bei seiner damaligen Hochschule, der heute in die SOTE integrierte Sport-Universität liegt, da sie Schmitt auf das Fehlverhalten nicht hingewiesen habe. Zoltán Kovács, Chefredakteur der Wochenzeitschrift Élet és irodalom, hält das für ungeheuerlich: "Das ist offensichtlich eine unermessliche Peinlichkeit. Damit wird nämlich suggeriert, dass nicht der Dieb der Schuldige ist, sondern der, der den Diebstahl nicht merkt und wenn es dann bekannt wird, keine Konsequenzen folgen lässt. Vielleicht wird ja die Gesellschaft Konsequenzen daraus ziehen. Und sie tut es, denn heute sind sich sogar die verblendetsten Anhänger von Schmitt und der Regierung über die Tatsache des Textklaus im Klaren, aber solange der Dieb täglich vom Balkon seines Amtssitzes im Sándor-Palais winkt, ist es - man möge mir diese Katachrese verzeihen - die Lüge, die dem Volk da zuwinkt und verkündet, dass man ruhigen Herzens klauen solle, seht her, auch ich bin ungeschoren davongekommen. Das Land ist nicht zu retten."

Kürzlich haben sich Mark Palmer, der ehemalige US-Botschafter in Budapest, Charles Gati von der John Hopkins Universität und Miklós Haraszti, ehemaliger OSZE-Beauftragter für die Pressefreiheit, mit der Erwägung zu Wort gemeldet, die 1993 eingestellte ungarische Ausgabe des Radiosenders Radio Free Europe neu zu starten - aufgrund der Bedrohung der Pressefreiheit in Ungarn. Zwar wurde der Vorschlag auch von liberalen Intellektuellen im Land kritisch gesehen, doch angesichts der festen Überzeugung ungarischer Regierungsanhänger, die "Verleumdungen" gegen Ungarn in der deutschsprachigen Presse hätten mit der Zensur in diesen Ländern zu tun, schlägt ein ES-Redakteur in einer Glosse eine weitaus "nützlichere" Verwendung des Radiosenders vor: "Die von der Zensur geknebelte Presse in der Bundesrepublik Deutschland und in Österreich darf ihre Meinung über das blühende, demokratische Ungarn nicht schreiben - wie auch die eingeschüchterten Bürger dieser Länder, die nichts darüber erfahren dürfen und sich auch nicht trauen, sich zu äußern. Auch die französischen, englischen, holländischen, belgischen, spanischen, dänischen, schwedischen, finnischen usw. Bürger der EU sind dem Druck der kolonialisierenden Diktatur der Europäischen Kommission ausgesetzt und werden desinformiert. Die Zeit für einen Neustart von RFE ist in der Tat gekommen, und zwar in deutscher, französischer, englischer, flämischer, spanischer, dänischer, schwedischer, finnischer usw. Sprache. Klar ist auch, von wo aus man senden sollte: aus Budapest, der Hauptstadt des demokratischen Ungarns, das seine Freiheit nach zwei chaotischen Jahrzehnten wiedererlangt hat."

Magazinrundschau vom 27.03.2012 - Elet es Irodalom

Die Freundschaft zwischen den Polen und den Ungarn hat eine lange Tradition. Diese Freundschaft sieht der Polonist Miklós Mitrovits nun in Gefahr, nachdem am 15. März, dem ungarischen Nationalfeiertag, etwa 2.000 Polen - treue PiS-Anhänger und Leser der ultra-rechten Wochenzeitung Gazeta Polska - an der Kundgebung der ungarischen Regierung teilnahmen und dem Ministerpräsidenten Viktor Orbán ihre Unterstützung versicherten (mehr dazu hier bei der tagesschau). So instrumentalisiert man eine Freundschaft zu nationalistischen und europafeindlichen Zwecken, meint Mitrovits: "Es ist schon ungewöhnlich, dass sich an der Feier eines Nationalfeiertags auch Mitglieder einer anderen Nation in großer Zahl beteiligen. Noch ungewöhnlicher ist, wenn diese ihre Unterstützung für eine fremde Regierung auf diese Art zum Ausdruck bringen. Denn Regierungen kommen und gehen, die Freundschaft und Sympathie zwischen zwei Völkern sollte aber nicht von einer bestimmten politischen Richtung abhängig sein. Mal abgesehen von den parodistischen Elementen dieser Beteiligung und von der osteuropäischen Absurdität, dass, sofern diese Demonstranten die Opposition unterstützt hätten, die Regierung von einer Provokation und einer 'ausländischen Einmischung in innere Angelegenheiten' sprechen würde - solche Aktionen zeugen gerade von einer völligen Unkenntnis des anderen und von politische Demagogie."

Magazinrundschau vom 20.03.2012 - Elet es Irodalom

Die politische Bildung, die Erziehung zur Demokratie ist in den westlichen Demokratien selbstverständlich ist, in Ungarn hat sie dagegen keine Tradition, nicht mal bei den Liberalen, schreibt der Politologe Ervin Csizmadia. Dabei wäre dies wünschenswert, da die erfolgreichen Demokratien ihren Erfolg gerade jener von unten organisierten Staatsbürgerkultur verdankten, die sie die demokratischen Werte und Mechanismen immer wieder aufs neue erlernen lässt: "Die Antwort auf die Frage, ob die ungarische Gesellschaft zur Demokratie erzogen werden kann, lautet: Schön wäre es. Die Steifheit und Unflexibilität der politischen Tradition in Ungarn hat es jedoch bislang nicht möglich gemacht, das Thema überhaupt in den Kanon des Demokratiediskurses aufzunehmen, weshalb die Öffentlichkeit sich ganz und gar nicht im Klaren darüber ist, wie bedeutend diese Frage ist. Man kann es nicht oft genug betonen: Die politische Bildung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen der liberalen Demokratie."
Stichwörter: Kanon, Politische Bildung

Magazinrundschau vom 13.03.2012 - Elet es Irodalom

Bei einer Konferenz der ungarischen Europa-Gesellschaft MET Anfang März wurde die Frage erörtert, ob es (für Ungarn) ein Leben außerhalb der Europäischen Union geben könne. Dieses Szenario ist heute nicht mehr so völlig abwegig wie noch vor wenigen Jahren, meint der Soziologe und MET-Vorsitzende István Hegedüs im Interview mit Eszter Rádai. Die Gefahr sei jedoch, dass sich das Land international vollkommen isoliert und an den Debatten über die Zukunft Europas nicht mehr teilnimmt: "Auch das hat nicht erst jetzt begonnen. Schon vor zehn, fünfzehn Jahren haben wir uns keine ernsthaften Gedanken darüber gemacht, weshalb und welch einer Europäischen Union wir uns anschließen. Wir haben uns auch nicht dafür interessiert, wie die EU funktioniert und worin jene spannenden gesamteuropäischen Fragen bestehen, in die wir uns einbringen sollten, um an den Debatten über die Zukunft des Kontinents teilnehmen zu können. Doch die ungarischen Intellektuellen waren damals schon mit ihren inneren Kriegen, mit den polarisierten politischen Kämpfen in Ungarn beschäftigt, und dieser Fehler schlägt in der heutigen Krisensituation mit besonderer Härte zurück. Wir bleiben jenen großen europäischen Debatten fern, die sich um Argumente, Gedanken und Probleme drehen und die, sofern wir uns darin auskennen und uns an ihnen beteiligen würden, unsere Vorstellungen von der Welt ändern würden. Dabei bedeutete die Mitgliedschaft in die EU gerade auch eine Einladung in diesen Debattierklub."

Magazinrundschau vom 28.02.2012 - Elet es Irodalom

In der Lösung der Affäre um den Bundespräsidenten lieferte Deutschland ein schönes, demokratisches Beispiel, wenngleich die Angelegenheit im Vergleich mit dem drohenden Einsturz des Hauses Europa eher geringfügig ist, findet der Schriftsteller Attila Sausic, der im Umgang mit der "Causa Wulff" das Wesen der Demokratie erkennt: "Das Amt des Bundespräsidenten ist ein hohes, aber kein sehr großes Amt. [...] Weil es allerdings Teil der demokratischen Ordnung ist, wird auch dieses Amt ernst genommen. Gerade dieser oft verhöhnte und manchmal auch lächerliche Ordnungsfimmel, diese auch in der Politik zu beobachtende Hygiene-Besessenheit unterscheidet die Deutschen von jenen Völkern, die fünf gerade sein lassen. Deshalb reicht Europa bis dorthin, wo der Rasen noch gemäht wird, wo die Häuser angestrichen und die Straßen markiert werden, damit die Entgegenkommenden nicht aneinander geraten, wo also alles einen sichtbaren Rand, klare Konturen und eine ausgeprägte Form hat. Dieses Herumwerkeln an der Ordnung des Lebens, die Regelung jeder Lappalie ist einerseits ziemlich langweilig, andererseits äußerst nützlich und führt letzten Endes zu jener Berechenbarkeit, ohne die ein moderner Staat und eine moderne Demokratie nicht gut funktionieren kann und in der es sich auch nicht unbequem leben lässt."
Stichwörter: Attila, Hygiene

Magazinrundschau vom 21.02.2012 - Elet es Irodalom

Wurde in Spanien die faschistische Diktatur erfolgreich beseitigt? Vordergründig ja, aber ungelöste Konflikte überschatten immer noch die Gegenwart, wie zuletzt etwa der Fall des Richters Baltasar Garzón zeigte, der wegen seiner Ermittlungen gegen das Franco-Regime selbst zum Angeklagten wurde. Zu den Verfechtern einer konsequenten Vergangenheitsbewältigung gehört auch die Historikerin Mirta Núñez Díaz-Balart, Professorin der Complutense-Universität in Madrid. Im Interview erklärt sie, warum das ewige Beschweigen gefährlich ist: "Die francistische Propaganda hat seit den 50er Jahren tiefe Wurzeln in der Gesellschaft geschlagen und ab den 60er Jahren fand tatsächlich eine enorme wirtschaftliche Entwicklung statt. Die Mittelschicht ist entstanden und wurde immer stärker. Ein Teil der Gesellschaft ist sich jedoch nicht im Klaren darüber, für welchen Preis und unter welchen Umständen all dies geschah; sie identifiziert sich daher mit den 'Werten' des Franco-Regimes. [...] Zudem lehnt ein großer Teil der Bevölkerung eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ab, weil sie glaubt, dass dadurch alte Wunden wieder aufgerissen und Konflikte generiert würden. Damit wird die Sache aber nur beschönigt, da diese Wunden - aufgrund des totalen Schweigens der Franco-Diktatur, die auch in der Zeit des Übergangs anhielt - nie verheilt sind."

Magazinrundschau vom 14.02.2012 - Elet es Irodalom

Moderne Städte gestalten nicht nur sich selbst, sondern auch ihr Image immer wieder neu. Budapest hat sich jedoch im Vergleich zu anderen Städten in der Region, wie Prag oder Warschau, nur wenig verändert: die Stadt verfügt weder über ein Branding noch stellt die Regierung ausreichende Mittel zur Verfügung, ein zeitgemäßes Image aufzubauen. Der Stadtarchitekt und Urbanist Bálint Kádár, der in Berlin ein gutes Beispiel für die künftige Entwicklung Budapests sieht, ist im Interview von Tibor Bérczes dennoch optimistisch: "Zwar ist Berlin eine größere Stadt als Budapest, hinsichtlich ihrer Maßstäbe und Probleme ist sie dennoch mit unserer Stadt verwandt. Berlin ist eine hoch verschuldete Stadt, die einen großen Schritt wagte und scheiterte. Dann ging sie zu kleinen Schritten über, was eine richtige Entscheidung war. Seitdem Berlin knapp bei Kasse ist, entwickelt es sich viel innovativer und menschenfreundlicher. Heute zieht jeder nach Berlin, der sich nach günstigen Preisen und einem kreativen Umfeld sehnt. Meiner Meinung nach sollte auch Budapest bewusst diese Richtung einschlagen, dann würde es, sobald sich Berlin verteuert, auf der Hand liegen, nach Budapest umzuziehen. Zwar ist in Berlin die Bereitschaft größer, Fremde aufzunehmen, doch war diese Tradition einst auch in Budapest vorhanden und kann wiederbelebt werden."
Stichwörter: Moderne Städte, Branding, Bali

Magazinrundschau vom 07.02.2012 - Elet es Irodalom

Dass in Ungarn eine politische Lyrik existiert, davon ist der Literaturkritiker Tibor Barany in der aktuellen Debatte zu diesem Thema fest überzeugt (mehr dazu hier und hier) - nur erhält sie anscheinend nicht die Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, die ihr zustehen würde. Einer der Gründe dafür ist, dass die Deutung der politischen Gedichte nicht in einem Vakuum, sondern im Kontext der politisch-öffentlichen Rede stattfindet. Diese ist jedoch seit mindestens zehn Jahren fast schon hoffnungslos gespalten und gestaltet sich entlang einer Wagenburg-Logik, wonach bestimmte Politiker moralisch unglaubwürdig sind, kritisiert Barany: "In diesem Umfeld der Spaltung können politische Meinungsunterschiede - gar in lyrischer, bisweilen in mehrfach verunsicherter und kaum 'direkter' Form ausgedrückt - nicht mehr diskutiert werden. Was auch immer man sagt, aus der Sicht des Diskussionspartners ergreift man automatisch Partei für einen oder mehrere politische Akteure, die aus moralischen Gründen ihr Recht verwirkt haben, sich zu den Angelegenheiten der Gemeinschaft zu äußern. Die Unglaubwürdigkeit wird durch Berührung übertragen und die Infektion macht auch an der Grenze zwischen Dichtung und Wirklichkeit nicht Halt."

Magazinrundschau vom 17.01.2012 - Elet es Irodalom

An der in Ungarn derzeit stattfindenden Debatte über politische Dichtung (mehr dazu hier) lässt sich, so hofft der Literaturwissenschaftler György C. Kalman, endlich und auch für Laien die These veranschaulichen, dass ein literarischer Text niemals "an sich" existiert, sondern stets von seiner Rezeption abhängt. Denn "politische Dichtung" ist dann politisch, wenn sie als solche gelesen wird: "Es ist in der Tat sehr interessant, ob die heutigen Leser fähig sind, in der heutigen Dichtung Texte zu entdecken, denen sie eine konkrete politische Bedeutung beimessen oder deren dichterische Haltung sie als beispielhaft betrachten können, oder die sie an andere, für sie politisch wichtige Texte erinnern. Doch diese interpretatorische Fähigkeit hängt nicht von der so genannten 'politischen Dichtung' ab, sondern von uns Interpreten."