
Dem ungarischen Staatspräsidenten
Pal Schmitt wurde vom Senat der Budapester Semmelweis-Universität (SOTE) wegen Plagiats sein
Doktortitel aberkannt. Nachdem am Wochenende in Budapest nach Angaben der Organisatoren etwa 400.000 Menschen auf die Straße gegangen waren, ist er gestern
gestern zurückgetreten. Für Empörung sorgt auch der (vor der Aberkennung bekannt gewordene) Befund der von der Universität eingesetzten Untersuchungskommission, wonach die
Verantwortung für das Abschreiben nicht bei Schmitt, sondern bei seiner damaligen Hochschule, der heute in die SOTE integrierte Sport-Universität liegt, da sie Schmitt auf das Fehlverhalten nicht hingewiesen habe. Zoltán Kovács, Chefredakteur der Wochenzeitschrift Élet és irodalom,
hält das für ungeheuerlich: "Das ist offensichtlich eine
unermessliche Peinlichkeit. Damit wird nämlich suggeriert, dass nicht der Dieb der Schuldige ist, sondern der, der den Diebstahl nicht merkt und wenn es dann bekannt wird, keine Konsequenzen folgen lässt. Vielleicht wird ja die Gesellschaft Konsequenzen daraus ziehen. Und sie tut es, denn heute sind sich sogar die verblendetsten Anhänger von Schmitt und der Regierung über die Tatsache des Textklaus im Klaren, aber solange der Dieb täglich vom
Balkon seines Amtssitzes im Sándor-Palais winkt, ist es - man möge mir diese Katachrese verzeihen - die Lüge, die dem Volk da zuwinkt und verkündet, dass man ruhigen Herzens klauen solle, seht her, auch ich bin ungeschoren davongekommen. Das Land ist nicht zu retten."
Kürzlich haben sich Mark Palmer, der ehemalige US-Botschafter in Budapest, Charles Gati von der John Hopkins Universität und Miklós Haraszti, ehemaliger OSZE-Beauftragter für die Pressefreiheit, mit der Erwägung zu Wort gemeldet, die 1993 eingestellte ungarische Ausgabe des Radiosenders
Radio Free Europe neu zu starten - aufgrund der
Bedrohung der Pressefreiheit in Ungarn. Zwar wurde der Vorschlag auch von liberalen Intellektuellen im Land kritisch gesehen, doch angesichts der festen Überzeugung ungarischer Regierungsanhänger, die "Verleumdungen" gegen Ungarn in der
deutschsprachigen Presse hätten mit der
Zensur in diesen Ländern zu tun,
schlägt ein ES-Redakteur in einer Glosse eine weitaus "nützlichere" Verwendung des Radiosenders vor: "Die von der Zensur geknebelte Presse in der Bundesrepublik Deutschland und in Österreich darf ihre Meinung über das blühende, demokratische Ungarn nicht schreiben - wie auch die
eingeschüchterten Bürger dieser Länder, die nichts darüber erfahren dürfen und sich auch nicht trauen, sich zu äußern. Auch die französischen, englischen, holländischen, belgischen, spanischen, dänischen, schwedischen, finnischen usw. Bürger der EU sind dem Druck der
kolonialisierenden Diktatur der Europäischen Kommission ausgesetzt und werden desinformiert. Die Zeit für einen Neustart von RFE ist in der Tat gekommen, und zwar in deutscher, französischer, englischer, flämischer, spanischer, dänischer, schwedischer, finnischer usw. Sprache. Klar ist auch, von wo aus man senden sollte: aus
Budapest, der Hauptstadt des demokratischen Ungarns, das seine Freiheit nach zwei chaotischen Jahrzehnten wiedererlangt hat."