
Der ungarische Schriftsteller
Balázs Györe, bekannt für seine "Tatsachen-Romane", in denen er das eigene Leben und das der Familienmitglieder und Freunde beschreibt, hat die Dokumente seiner
Stasi-Akte zu einem
Roman verarbeitet: "Meine Freunde, die auch meine Spitzel waren". Tatsächlich war Györe in den '70er und '80er Jahren von einigen seiner engsten Freunde bespitzelt worden (
mehr dazu hier). Der Publizist János Tódor hat das Buch gelesen und
schreibt: "Im Roman wird niemand zur Rechenschaft gezogen, auch findet sich darin keine Abscheu oder Drohung, höchstens eine Prise Wut, oder Wut gegenüber sich selbst; vielleicht deshalb hatte der '
beste'
Spitzelfreund [der sich gegenüber dem Autor vor dem Schreiben des Buches enttarnt hatte, Anm. der Red.] angenommen, dass alles in Ordnung sei, seine Beichte habe ihr Ziel erreicht, sein einstiger Freund habe ihm die Absolution erteilt. Dabei ist hier von Vergebung keine Rede, von Absolution erst recht nicht. Es gibt keine Katharsis. Györe steht auch in dieser äußerst heiklen Situation ganz entspannt herum, denn dieses Herumstehen zwischen den Menschen und den Dingen ist die
conditio sine qua non seines schriftstellerischen Daseins. Er sichtet, untersucht und ordnet seine einstigen Freunde - wie ein pedantischer Insektensammler seine
ohnmächtige Beute, die gerade noch sein Blut gesaugt hatte - aber er setzt sie nicht auf die Anklagebank. Warum die verbluteten Wanzen noch an der Wand zerdrücken?
Mene.
Tekel.
Ufarsin. Die Freundschaften wurden gewogen und für zu leicht empfunden. Die Zeit wird die Dinge früher oder eher später an ihren rechten Platz rücken, sagt der Autor."
Kürzlich ist in Ungarn eine neue - dritte -
Übersetzung von James Joyces "Ulysses" erschienen. Übersetzt wurde das Werk acht Jahre lang von der "Ungarischen James Joyce Werkstatt" (das sind Marianna Gula, András Kappanyos, Gábor Zoltán Kiss und Dávid Szolláth), die sich bei ihrer Arbeit auf die Übersetzung des ungarischen Schriftsteller
Miklós Szentkuthy aus dem Jahr 1974 stützte. Der Literaturkritiker István Csuhai
würdigt die Neuerscheinung als bedeutendes kulturelles Ereignis, ist allerdings ein wenig verwundert darüber, dass der neue Ulysses eine vorhandene Übersetzung als Grundlage nimmt und diese im Grunde bestätigt: "Alles in allem sehe ich diese sowohl in ihrer Form und ihrer Aufstellung, als auch hinsichtlich der Zeitspanne und der Kommunikation außergewöhnliche
übersetzerische Teamarbeit so: Hier wurde das ursprüngliche Gebäude abgetragen, die Ziegelsteine, Dachziegel, Balken, Dachkonstruktion, Fenster und Türen blieben erhalten und aus diesen Elementen errichteten die Baumeister ein neues Gebäude. Den Grundriss behielten sie bei, schöne Details bauten sie wieder ein, einige Ornamente setzten sie wieder an ihren ursprünglichen Ort, andere schnitzten sie neu, die Ziegel, Dachziegel und Balken sind im Ganzen vorhanden; das fertige Haus haben sie neu gestrichen, ebenso Fenster und Türen, und nun ist alles vertraut und dennoch neu. Und der Roman selbst ist
genauer,
ansprechender, frischer, flüssiger und überschaubarer geworden, wenngleich er dem Leser immer noch eine gewisse Arbeit und Fürsorge, eine spezielle Aufmerksamkeit abverlangt."