Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

642 Presseschau-Absätze - Seite 27 von 65

Magazinrundschau vom 06.06.2017 - Elet es Irodalom

Eine Frühjahrsausgabe der Zeitschrift Die Horen befasste sich mit der ungarischen Literatur ("Von der unendlichen Ironie des Seins - Ungarische Ungereimtheiten"). Die Ausgabe wurde vor kurzem im Petőfi Literaturmuseum in Budapest vorgestellt. Anwesend war auch Katharina Raabe, Lektorin für osteuropäische Literaturen bei Suhrkamp, die mit László J. Győri über die Wirkung von ungarischen Schriftstellern auf die deutsche Gegenwartsliteratur sprach. "In den vergangenen Jahren war es Peter Esterházy, der am meisten präsent war im deutschen Literaturbetrieb ... Esterházy hielt Reden, er war ein großer Europäer und niemand staunte darüber, dass ein großer Europäer nicht aus Frankreich, sondern aus Ungarn kam. Mich würde es nicht wundern, wenn es deutsche Autoren gebe, die viel von ihm gelernt hätten. Auf Felicitas Hoppe zum Beispiel wirkte neben Hrabal wahrscheinlich auch Esterházy. Ich weiß, dass Hoppe die Bücher von László Darvasi mag, und auch Sibylle Lewitscharoff ist eine leidenschaftliche Leserin der zeitgenössischen ungarischen Schriftsteller."

Magazinrundschau vom 09.05.2017 - Elet es Irodalom

Kein Erweckungserlebnis hatte der Kunsthistoriker Péter György, der die Ausstellungsreihe "Nationaler Salon" der von der Orban-Regierung protegierten Ungarischen Kunstakademie (MMA) besuchte: "Wenn die Akademie wirklich den Geist der Nationalen Salons erneuern wollte, dann hätte sie verstehen müssen, dass eine nationale Gemeinschaft als solche nur ernst genommen werden kann, wenn sich darin auch die armen Menschen selbstverständlich heimisch fühlen. (...) In einem Land mit mehreren Millionen Armen müssten die Kuratoren einer Ausstellung über angewandte Kunst einsehen, dass die Vertreter dieser Zunft sich nicht nur mit sich selbst und ihren ideologischen Narzissmen beschäftigen sollten. Das bisher geleistete ist nichts als der Neo-Barock des Konsums."
Stichwörter: Ungarn, Barock

Magazinrundschau vom 25.04.2017 - Elet es Irodalom

Vergangene Woche wurde ein neues Gesetz zur Kennzeichnung von NGOs in das ungarische Parlament eingebracht. Ähnlich wie in Russland müssten sich demnach Organisationen, die Fördergelder zur Verwirklichung ihrer Projekte aus dem Ausland erhalten, als "ausländische Agenten" bezeichnen. Beobachter urteilen, dass das neue Gesetz als nächster, propagandistischer Schritt der Regierung gegenüber dem Milliardär George Soros dient. Im Gespräch mit Eszer Rádai kritisiert der geschäftsführende Direktor der Gesellschaft für Freiheitsrechte (Társaság a Szabadságjogokért, TASZ) Máté Dániel Szabó das neue Gesetz: "Dies ist ein System, das über sich selbst lügt, es sei ein Verfassungssystem, welches die Menschenrechte garantiert. Darum müssen wir es wann immer möglich bloßstellen und die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass die rechtsstaatlichen Kulissen ein die Menschenrechte nicht achtendes System decken. Und wenn die Regierung ihren Kritikern den Grundrechtekatalog der Verfassung vor die Nase schiebt und auf das Verfassungsgericht zeigt, das für die Verletzung der Menschenrechte zuständig sei, dann ist es auch unsere Aufgabe zu zeigen, dass dies auch nur eine Art Potemkinsches Gebäude und Kulissenrechtsicherung ist."

Magazinrundschau vom 18.04.2017 - Elet es Irodalom

Lange wartete die Öffentlichkeit auf das neue Buch von Péter Nádas ("Világló részletek", Aufleuchtende Details), die Erinnerungen des Schriftstellers an seine ersten 14 Lebensjahre von 1942 bis 1956. Im Interview mit Csaba Károlyi spricht Nádas unter anderem über Erinnerungskonstruktionen und Identität sowie über Fiktion und Wirklichkeit. "Selbst an Dialoge aus der Kindheit erinnert sich der Mensch. Ich bedauere es sehr, doch meine Erfahrung ist - und diese Erfahrung wurde durch das Erlebnis des klinischen Todes nur verstärkt - dass sich der Mensch an alles erinnert. Nur erinnert er sich nicht in allen Situationen an alles. (...) Wenn er sich erinnert, wählt er eine Richtung und lotst so die Geschichte. Hierfür hat Freud einen sehr essentiellen Wegweiser: Warum zum Beispiel ein Traum nicht aufgeschrieben werden darf. Was auch für Erinnerungsbilder gilt. Ein Bild kann sowieso nicht auf- oder niedergeschrieben werden. Wenn wir es beschreiben, wird es zur Fiktion. In diesem Sinne ist auch mein Text Fiktion, obwohl ich danach strebte, der Vorstellungskraft keinen Raum zu geben. Doch die Wirklichkeit hat immer wesentlich mehr Segmente als wir überhaupt wahrnehmen oder verfolgen können. Gerade das beschäftigte mich, die unerschöpfliche Vielfarbigkeit und Vielfältigkeit der Phänomene."

Magazinrundschau vom 11.04.2017 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller László Krasznahorkai erhielt 2017 den renommierten Aegon-Literaturpreis für seinen Roman "Die Heimkehr des Baron Wenckheim". In seiner Laudatio auf den Preisträger sagte der Literaturwissenschaftler Sándor Bazsányi: "Krasznahorkai spielt, Krasznahorkai unterhält, Krasznahorkai tollt rum, Krasznahorkai verspottet, Krasznahorkai ironisiert. Wie ein Großhändler, doch wilder als jemals zuvor. Mit gnadenloser Selbstironie schreibt er seine wichtigsten Themen neu, vom verunglimpften Erlösungswunsch bis hin zur dichten Apokalypse. Es ist ein befreiendes Buch - in beiden Bedeutungen des Wortes: Weil es mit seiner sprachlichen Beweglichkeit die schwerwiegendsten regionalen und existentiellen Themen der Krasznahorkai-Prosa entfesselt. Ich könnte metaphorisch sagen, dass es ein Satirespiel ist, wenn ich den Begriff nicht als verniedlichend und ungenau empfinden würde. Denn wir spüren hier nicht eine dem Tragischen untergeordnete Satire, sondern das Tragische kreuz und quer durchdringende Satire, besser: das Ironie. Bei Krasznahorkai wie bei allen wichtigen Schriftstellern von Tolstoi über Tolstoi bis Tolstoi steht das Ironische nicht an Stelle des Tragischen, es ist dessen Bestandteil. Ohne Zweifel haben wir vom diesjährigen Preisträger ein spielerisch weises, dunkel karnevalistisches Meisterstück als Geschenk erhalten."

Magazinrundschau vom 07.03.2017 - Elet es Irodalom

Obwohl Ungarn einer der größten Profiteure des Kohäsionsfonds der Europäischen Union ist, haben seit 2013 alle geförderten ungarischen Regionen im gesamteuropäischen Vergleich (und auch im Vergleich mit den Mitgliedsländer seit der Osterweiterung 2004) ihre Positionen verschlechtert. Die von der EU veröffentlichten Ergebnisse stehen den wiederholten Beteuerungen der ungarischen Regierung diametral entgegen. Victor Orban hat keines seiner Modernisierungsversprechen gehalten, stellt der junge Politologe Zsolt Pétervári fest: "Der wichtigste ideologische Kitt des Orbanismus als kleinstaatlicher Nationalismus ist der traditionelle westenfeindliche, beleidigte Chauvinismus sowie die aus der Triade Trianon-Trauma, Weltkriegsniederlage und gescheiterte 56er Revolution genährte Frustration. Zugleich ist dies das größte Hindernis für eine dauerhafte Installation des Orbanismus, denn dauerhaft erfolgreiche nationalistische Regime werden von geglückten Modernisierungszyklen getragen. Dies gilt für die Türkei unserer Zeit oder in der Zeit der hohen Ölpreise für Russland sowie vormals für die Tigerstaaten Ostasiens. Im Ungarn der Gegenwart, gekennzeichnet durch Deklassierung, Abnahme der Wettbewerbsfähigkeit und Massenauswanderung stehen solch positive nationale Identifikationsmuster für eine breite Mittelschicht zur Ausarbeitung eines kollektiven Selbstbildes nicht zur Verfügung. (...) Die Günstlinge des Regimes selbst wollen erst gar nicht in vergilbte Geschichtsbücher. Nach ihnen die Sintflut."

Magazinrundschau vom 28.02.2017 - Elet es Irodalom

Ungarn zieht seine Olympia-Bewerbung für 2024 zurück.  Ein Grund ist, dass die kritische Initiative Momentum ausreichend Unterschriften für ein Referendum sammeln konnte, das Viktor Orbán durch hätte gefährlich werden können. Gut so, findet Zoltán Kovács, und wahrscheinlich wird Orban selbst bald denen dankbar sein, die er heute noch als unpatriotisch beschimpfen lässt: "Die plötzlich verwirrte Sprache des Regierungschefs verstärkt noch das Gefühl, dass bei dieser Bewerbung nicht nur 'die nationale Einheit' und die erforderliche Kalkulation fehlten, sondern dass auch der Regierungschef selbst nicht an die Bewerbung glaubte. Wie alles betrachtete er auch diese Angelegenheit als Programm zur nationalen Einigung und spürte erst, wie groß das Übel ist, als eine Kandidatenstadt nach der anderen ausstieg. Als nur noch drei übrig waren, ahnte Orbán, was jene riesige dunkle Wolke, die sich näherte, bringen könnte. Er sah genau, dass unter der Organisation sowohl das schwache Kontrollsystem, als auch die ganze öffentliche Verwaltung zusammenbrechen würde. Er wusste dies, weil diese eben durch sein Regieren geschwächt wurden. Er müsste sich bei jenen bedanken, die die Pferde im letzten Augenblick stoppten."

Magazinrundschau vom 21.02.2017 - Elet es Irodalom

Sehr kritisch sieht der Schriftsteller und ehemalige Vorsitzende des ungarischen Schriftstellerverbandes Iván Sándor das vor kurzem angekündigte, jedoch nicht konkretisierte Regierungsvorhaben, für die Pflege des Nachlasses von Imre Kertész eine Milliarde Forint (ca. 3,25 Millionen Euro) für eine neue Stiftung unter der Leitung der umstrittenen Historikerin Maria Schmidt (Haus des Terrors) bereitzustellen. "Abgesegnet hat das Milliardenprojekt kurz vor ihrem Tod seine seit Jahren ebenfalls todkranke Witwe. Ich weiß nicht, wer ihr an ihrem Sterbebett dieses Projekt vorstellte, das dem Willen ihres Mannes entgegen steht. Ich weiß nicht, wer die zwei Zeugen waren. Doch moralisch und in ihrer Konsequenz halte ich die Übertragung für inakzeptabel und ungültig, solange nicht ein Dokument mit der beglaubigten Unterschrift von Imre Kertész auftaucht, in dem er die Entscheidung, seine Arbeiten der Obhut der Berliner Akademie zu übertragen revidiert."

Magazinrundschau vom 07.02.2017 - Elet es Irodalom

In Élet és Irodalom grübelt der im serbischen Novi Sad beheimatete ungarische Schriftsteller László Végel über Nation und Minderheitendasein: "Zwei Leben, zwei Sprachen: In Budapest überrascht mich am meisten, dass der Schaffner in meiner Muttersprache brüllt und ich die Werbung auf Ungarisch lesen kann. In Novi Sad ängstigt mich der Erkenntnis, dass ich ein Leben und zwei Sprachen habe, in (Buda)Pest entdecke ich zaghaft, dass ich zwei Leben und eine Sprache habe. Könnte ich mich nur vom Wahrheitsgehalt der einen oder der anderen Aussage vergewissern, dann wäre ich nicht hin und hergerissen, denn keiner der Paradoxa beruhigt mich."

Magazinrundschau vom 31.01.2017 - Elet es Irodalom

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán pries in der vergangenen Woche in zwei Reden (in Brüssel bei der Konrad-Adenauer-Stiftung und in Budapest bei der Lamfalussy Conference) die Politik des neugewählten US-Präsidenten Donald Trump. Außerdem griff er die föderalistischen Idee der Europäischen Union an und sprach sich für ein "Europa der Vaterländer" aus. In der kommenden Woche wird in Budapest der russische Präsident Putin zum Staatsbesuch erwartet. Zoltán Kovács, Chefredakteur von Élet és Irodalom meint dazu: "Abgesehen von der Negierung der gesamteuropäischen zivilisatorischen Werte, ist selbstverständlich nichts zu Ende gedacht. Beim Pochen auf die Freiheit der Nation wird außer Acht gelassen, dass die Selbstbestimmung der Nation nicht bedeutet, dass sie nirgends hingehört, sondern dass sie darüber entscheiden kann, wo sie hingehören will. Ungarn wollte in den neunziger Jahren zur Europäischen Union gehören. Heute will sich Orbán befreien, doch das Land erhält von der EU Unsummen von Geldern, sodass es seine Austrittsabsichten nicht einmal zu formulieren wagt. Orbán weiß genau, dass die EU kein unterdrückendes, sondern ein Regeln folgendes System ist, darum erhält das Land den Geldregen, der von den Zuständigen teilweise zweckentfremdet wird. Der nationalen Selbstbestimmung betreffend: Gegenwärtig wird daran gebastelt, der weltweit ersten Macht im Hinblick auf Okkupationsabsichten und militante Gedanken Einfluss auf Ungarn zu geben: Russland."