Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

642 Presseschau-Absätze - Seite 28 von 65

Magazinrundschau vom 03.01.2017 - Elet es Irodalom

Der Historiker Miklós Mitrovits geht der Frage nach, warum im Erinnerungsjahr 2016 die intellektuellen Wurzeln des Aufstands von 1956 beinahe vollständig ausgeblendet werden - und kommt zu dem Ergebnis, dass sie für die Regierung keine Rolle spielen: "Das liegt nicht nur daran, dass sie eher der Linke zuzuordnen wären, sondern auch daran, dass das heutige System seine Wurzeln eher in der Zeit vor 1944 fand." In den anderen Ländern Osteuropas sei dagegen 1989 der Wendepunkt, "der Anfang einer neuen, pluralistischen, demokratischen Ordnung".
Stichwörter: Ungarn, Ungarn-Aufstand, 1956

Magazinrundschau vom 29.11.2016 - Elet es Irodalom

Das europäische Theater hat es derzeit oft schwer unter den neuen konservativen oder rechtspopulistischen Regierungen. Aber es liegen auch Chancen in diesen Schwierigkeiten meint György Szabó, der geschäftsführende Direktor des Budapester Kulturhauses Trafo, im Interview mit Natália Kovács. "Das Ganze ähnelt einem Erdbeben. In Spanien passierte das früher und gegenwärtig scheint es so, dass dies der spanischen Kultur gut tut, dort ist die Bewegung lebhafter, die Stücke sind schärfer, spanische Künstler sind gerade gut drauf. Dasselbe gilt für die Griechen. Die Krise bringt immer etwas Neues, wenn auch nicht das, worauf wir gehofft oder womit wir gerechnet haben."

Magazinrundschau vom 22.11.2016 - Elet es Irodalom

István Dobozi, ehemaliger Chefökonom der Weltbank, analysiert mögliche Auswirkungen der Präsidentschaft von Donald Trump auf Ungarn: "Trump beschäftigte sich weder während der Kampagne noch in seiner außenpolitischen Rede mit Ost-Europa. Die ukrainischen, baltischen und polnischen Sorgen bezüglich seiner Russlandfreundlichkeit erreichten ihn offenbar nicht. Orbán setzte auf das richtige Pferd: 'Die Außenpolitik der Demokraten ist für Europa schlecht, für Ungarn ist sie tödlich. Dagegen ist Trumps Migrations- und Außenpolitik gut für Europa, für Ungarn bedeutet sie das Leben', sagte er im Sommer dieses Jahres ohne die sonst übliche diplomatische Distanz.  An den Ufern des Potomac war Orbán wegen seiner Innenpolitik lange Zeit unerwünscht - dieser Alptraum könnte nun für ihn zu Ende gehen. Als verwandte Seelen könnten Orbán und Trump in einigen wichtigen Fragen recht einfach einen gemeinsamen Ton finden."

Magazinrundschau vom 15.11.2016 - Elet es Irodalom

Mit ausgesprochen tröstlichen Worten verabschiedet Miklós Fáy den verstorbenen Pianisten und Dirigenten Zoltán Kocsis, der als künstlerischer Gigant das ungarische Musikleben geprägt hat: "Es ist möglich, ohne Zoltán Kocsis zu leben, wir werden es lernen müssen. Doch seine Wirkung wird glücklicher Weise noch lange anhalten. Wie oft werden wir noch sagen: das ist er, sein Tempo, sein Akzent, seine Tonlage. Und wenn wir es nicht mehr sagen werden, wird es trotzdem so sein. Auch wenn wir es heutzutage vielleicht nicht immer spüren, die musikalische Tradition arbeitet doch weiter und so sind in einer alltäglichen Vorstellung auch Liszt oder Beethoven präsent. Wenn das kein Wunder, kein Glück, kein Geschenk ist, dann weiß ich nicht was all das ist."

Magazinrundschau vom 01.11.2016 - Elet es Irodalom

Bis zum 4. November - Tag der Niederschlagung der Revolution - laufen Veranstaltungen zum sechzigsten Jahrestag der Ereignisse von 1956 in Ungarn, wobei die Aussagen und Botschaften der staatlich organisierten Veranstaltungen und Veröffentlichungen auf wenige Schlagworte im Dienste des "Kollektivs der Nation" reduziert werden. János Széky geht der Frage nach, warum es schwierig ist, außer plakativen Aussagen eine fruchtbare Bedeutung für die Gegenwart oder gar für die Zukunft aufzuzeigen. "Seit 1989 bemüht sich die jeweilige Regierungsseite, ihr System irgendwie mit 56 zu verbinden, so dass sie außer der Ehrung der Helden etwas findet, das fortgesetzt werden kann. Doch 56 kann nicht fortgesetzt werden, nicht der Partisanenkampf, nicht die Arbeiterrevolte, nicht der demokratische Sozialismus und auch nicht die Ahnungslosigkeit in Militär- und Geopolitik (auch wenn die heutige Regierung sich anstrengt). Fürs Heldentum ließen sich Fortsetzungen denken, allerdings nicht um das Bestehende zu erhalten, sondern um es zu stürzen."

Magazinrundschau vom 18.10.2016 - Elet es Irodalom

Der langjährige Redakteur der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom, Gusztáv Megyesi, schrieb regelmäßig für die Wochenendausgabe der Tageszeitung Népszabadság, deren Printausgabe letzte Woche überraschend vom Verleger "bis auf Weiteres" eingestellt worden war (mehr dazu hier). Hinter der Entscheidung wird politischer Druck seitens der Regierung auf den Verleger der auflagenstärksten Tageszeitung vermutet. Dazu meint Megyesi: "Sie haben Angst. Sie haben Angst vor dem geistreichen Satz, vor der Ironie. Der eine hat Angst, weil er es nicht versteht, der andere weil er es sehr wohl tut. Sie haben große Angst vor den sehr gut schreibenden Kollegen, sie fürchten sich vor dem guten Text, nicht nur weil sie dazu nicht fähig sind, sondern auch, weil der gute Text sie und ihre Lügen entlarvt. Sie hören auf wichtig zu sein."

Magazinrundschau vom 27.09.2016 - Elet es Irodalom

Der Kunsthistoriker József Mélyi greift die umstrittenen Aussagen des designierten Direktors des Petőfi Literaturmuseums, Gergely Prőhle, über künftige Ausstellungen auf und notiert eine mögliche Verschiebung des Museums aus dem kulturellen in den machtpolitischen Raum: "Das Petőfi Literaturmuseum blieb in den vergangenen Jahren für alle Protagonisten des literarischen Lebens offen, trotz der Tatsache, dass es Veranstaltungen der Ungarischen Kunstakademie (MMA) beherbergte (was an anderer Stelle, mit anderen Akzenten für viele ein Ausschlusskriterium war). Das konnte gelingen, weil die scheidende Direktorin es schaffte die Akzente aus dem machtpolitischen Raum in den kulturellen Raum zu verlagern. (...) Würde Prőhle seine Rolle nicht im politischen Kontext interpretieren - wie er es bereits 1999 tat, als er in seiner Funktion als Staatssekretär im ungarischen Kulturministerium verkündete, nicht der damalige Staatspräsident Arpad Göncz, sondern der damalige Ministerpräsident Viktor Orbán werde die Eröffnungsrede bei der Frankfurter Buchmesse halten (Ungarn war 1999 Ehrengast, Anm. d. Red.) - dann könnten durchaus kulturhistorisch wichtige Ausstellungsthemen diskutiert werden."

Magazinrundschau vom 20.09.2016 - Elet es Irodalom

Der Philosoph Gáspár Miklós Tamás kommentiert das Vorhaben des designierten Direktors des Petőfi Literaturmuseums, Gergely Prőhle, eine Ausstellung für den rechtsradikalen Schriftsteller und Mitglied der "Pfeilkreuzler-Bewegung" während des zweiten Weltkrieges Albert Wass (1908-1998) zu organisieren. "Prőhle sagte: 'Vielleicht können wir hier über Wass sprechen und die mit ihm verbundenen Trivialitäten und Vorurteile pro und contra vermeiden'. Was ist ein mit Wass verbundenes positives Vorurteil? Wass war Pfeilkreuzler. Was ist ein mit Wass verbundenes negatives Vorurteil? Wass war Pfeilkreuzler. 'Warum gibt es zweihundert Denkmäler für Wass, nicht aber für Dezső Kosztolányi', fragt Prőhle. Weil Kosztolányi kein Pfeilkreuzler war. 'Interessanterweise fragt niemand nach Kassák', fährt Prőhle fort. Niemand fragt nach Kassák, weil Kassák ein großer Künstler war, Albert Wass dagegen ein mittelmäßiger Schreiberling, der in seiner Freizeit Pfeilkreuzler war."

Magazinrundschau vom 30.08.2016 - Elet es Irodalom

Die Empörung war in Ungarn groß, als dem strammrechten Publizisten Zsolt Bayer das Ritterkreuz verliehen wurde. Der Philosoph Gáspár Miklós Tamás gab aus Protest seinen eigenen Staatsorden zurück, fürchtet allerdings, dass die Verteufelung Bayers dem gleichen Problem entspringt wie die konservative Vorstellung, an den Problemen der Moderne seien die Sozialisten, Angela Merkel oder die Soros-Stiftung schuld: "Bayer ist kein wirklicher Faschist (Faschismus und Nazismus gehören zum zwanzigsten Jahrhundert). Die Weltsicht von Bayer ist negativ, aber nicht kritisch ... Damit befriedigt er - wenn auch vielseitiger - dasselbe Bedürfnis wie der Hass auf Victor Orbán beim Mitte-Links-Lager: Die verständliche Verunsicherung, die Weltwirtschaft und internationale Politik bewirken, wenn sie immer unergründlicher Umwelt, Demografie, Lebensführung, Sexualethik, Arbeitsformen, Siedlungsstrukturen und Kultur beeinflussen, führt er auf eine einzige identifizierbare und personifizierte Ursache zurück."

Magazinrundschau vom 09.08.2016 - Elet es Irodalom

Der Philosoph Sándor Radnóti würdigt noch einmal den verstorbenen Schriftsteller Péter Esterházy als öffentliche Persönlichkeit: "Péter Esterházy war kein Aristokrat, seine ethische Eleganz war jedoch aristokratisch geprägt. Diese Distanzierung diente dem Schutz einer strengen Arbeitsmoral und Lebensordnung, der Abwehr sich auftürmender Hindernisse bei seinen politisch oft heiklen Aufgaben. Es war seine unangreifbare individuelle Lebensstrategie. Auf die durch und durch politische Frage, wie wir uns hier und jetzt von der Willkürherrschaft befreien können, gab er keine Antwort - das war auch nicht seine Aufgabe. Man kann und man muss auch ethisch sittlich sein, und Eleganz ist zwar keine Pflicht, doch jeder kann sie sich nach seiner Art aneignen. Fallen beide, Ethik und Eleganz, zusammen, dann ist dies eine einzigartige Leistung, die kaum zu erreichnen, jedoch anzuerkennen ist."