Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

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Magazinrundschau vom 20.12.2016 - The Atlantic

Graeme Wood erzählt die Geschichte des Yahya Abu Hassan, der einst bei Dallas als John Georgelas aufwuchs - in einer griechisch-amerikanischen, patriarchalisch geprägten Familie von Obersten und Marines. Zuhause wurde er nichts. Dafür wurde er in Syrien zu einem prominenten ultraradikalen Funktionär des Islamischen Staats: "Als der männliche Erbe der Familie genoss John einen speziellen Status im Georgelas-Patriarchat. An diesen Status waren Erwartungen geknüpft, und also war die Enttäuschung groß, als klar wurde, dass er sich nicht als Soldat eignete. Sein Körper weigerte sich in eine kampfgemäße, robuste Form zu wachsen. Sein Charakter fügte sich keiner militärischen Disziplin. Als er nach einer Beinverletzung an die Schule zurückkehrte, hatte er wenig Interesse an universitärer Ausbildung und der Befolgung von Regeln. Sein Vater versuchte sein Betragen mehrfach zu korrigieren und versagte." Und doch hat er die Erwartungen ja gewissermaßen erfüllt!

Magazinrundschau vom 10.01.2017 - The Atlantic

Eine inneramerikanische Literaturdebatte mag für deutsche Leser nicht so von Belang sein, aber William Deresiewicz' Essay ist so leidenschaftlich und polemisch rasant geschrieben, dass er dennoch lohnt. Deresiewicz, der durch eine Kritik an amerikanischen Elite-Universitäten bekannt wurde, setzt sich mit John D'Agatas jüngst publizierten Essay-Anthologien auseinander, die er sich nur deshalb zur Brust nimmt, weil D'Agata Creative Writing an der University von Iowa lehrt - offenbar das renommierteste Institut Amerikas. Er wirft D'Agata vor, eher poetisch-literarische, ja lyrische Texte auszuwählen und führt eine Menge seiner Meinung nach prätenziösen Gedrechsels an, das D'Agatha nun zum offiziellen Lehrstoff für zahllose Studenten macht: "D'Agatha lehrt Creative Writing, und sein Material ist tatsächlich 'kreativ' im schlimmsten Studi-Sinn: weder Fiktion, noch Lyrik, noch Erinnerung, noch Essay, sondern sprachverliebtes Geschwätz, das alles und nichts zugleich ist, und formlos, monoton, selbstverliebt und stumpf." Am meisten aber wirft Deresiewicz dem Professor aus Iowa ein allzu liberales Verhältnis zu Fakten vor. Sein Gegenprogramm: "Der Essay zieht seine Stärke nicht aus der Trennung von Vernunft und Fantasie, sondern daraus, dass sie in Beziehung treten. Ein guter Text fließt zwischen Denken und Fühlen. Er unterwirft das Persönliche der Strenge des Intellekts und der Disziplin der äußeren Realität. Er sucht mehr als nur emotionale Wahrheit.

Magazinrundschau vom 22.11.2016 - The Atlantic

Mit der heute doch etwas altertümlich wirkenden Frage, ob Künstlerinnen ebenso bedeutend sein können wie Künstler geht Sarah Boxer im Atlantic einige wichtige zur Zeit in den USA laufende Ausstellungen durch, in denen etwa die abstrakten Expressionistinnen gewürdigt werden. Sie nimmt dabei Bezug auf einen offenbar klassischen Essay der feministischen Kunsthistorikerin Linda Nochlin, die im Jahr 1971 eingangs zitierte Frage gestellt hatte (hier als pdf-Dokument).  "Lasst mich das Ende verraten: Es gibt große Künstlerinnen", schreibt Boxer dann irgendwann. Und "Künstlerinnen sind im Lauf der Jahre auf viele Weisen heruntergeschrieben  worden, aber die Grundtechnik geht so: Ein Kritiker, ein Kurator, ein Kunsthändler beschreiben, in welcher Weise Frauen anders malen als Männner, dann erklärt er diese Qualität als unterlegen. Frauen werden als kontrolliert, tastend, persönlich abgestempelt... Männer gelten dagegen als wild und selbstsicher und stark im Umgang mit externen Kräften."

James Fallows' epischer Artikel über das zunehmend aggressive und repressive China ist sicher vor den amerikanischen Wahlen geschrieben worden und wirkt wie eine an Präsidentin Hillary Clinton gerichtete Handreichung. Seine Bescheibung dürfte aber zutreffen: "Die Sorge vor einem aggressiveren China ist nicht die vor einer neuen Sowjetunion aus den Zeiten des Kalten Kriegs, sondern die vor einer viel größeren Version des heutigen Russland. Dies würde als Hindernis und nicht als Vorzug in ökonomischen und strategischen Projekten wirken, die die Vereinigten Staaten voranbringen wollen. Es wäre ein weiteres Beispiel von Kleptokratie und persönlicher Herrschaft. Eine Macht, die ihre Interessen danach definiert, was den Vereinigten Staaten schadet. Mehr ein Feind als ein schwieriger Partner."

Magazinrundschau vom 18.10.2016 - The Atlantic

Kriege werden schon lange nicht mehr nur in handfesten Scharmützeln ausgefochten - die sozialen Medien sind längst zum Schauplatz hochprofessionell produzierter Propaganda geworden. Emerson T. Brooking und P.W. Singer zeigen in einem Überblicksartikel, wie der IS, aber auch andere Gruppen das Netz sehr effektiv nutzen: "Im Laufe der Zeit haben sich Online-Propaganda und die erhöhte Sichtbarkeit des Terrorismus weit jenseits des physischen Zugriffs des IS tief in die Psyche der Leute eingegraben. Den Ergebnissen der Meinungsumfragen von Gallup zufolge, ist die Angst vor Terrorismus in Amerika in den vergangenen zwei Jahren auf einen Level angestiegen, der seit dem 11. September nicht mehr zu beobachten war. Selbst wenn es nur begrenzt und sporadisch zu Gewaltakten kommt, stellen die sozialen Medien sicher, das die Leute damit ständig konfrontiert werden. Dies wiederum befördert hässliche Vorurteile und gefährliche Überreaktionen unter Bürgern, Medien und Politikern. In der Folge entzweien sich die Leute immer mehr, Wut und Angst grassieren - ein Ökosystem, dessen Nutznießer der IS ist. Schon machen sich andere extremistische Gruppierungen Elemente der IS-Strategie zunutze, um Leute anzuwerben und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen - und der Erfolg scheint ihnen recht zu geben. Eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung von J.M. Berger, dem Experte für Extremismus an der George Washington University, hat den koordinierten Twitter-Gebrauch weißer Nationalistengruppen aus den USA beobachtet. Deren Reihen sind seit 2012 um 600 Prozent angewachsen."

Gewissermaßen dazu passend stellt Bianca Bosker Tristan Harris vor, der sich dafür stark macht, dass Smartphone-Apps nicht mehr so verführerisch süchtig machend gestaltet werden.

Magazinrundschau vom 27.09.2016 - The Atlantic

In den 90ern hatte er wenig übrig für die solidarischen Bekundungen der black community für O.J. Simpson, gesteht Ta-Nehisi Coates: Simpson hatte sich in seiner Karriere dem weißen Mainstream so sehr angedient und seine Blackness so konsequent geleugnet, dass Coates ihn seinerzeit nicht als seinesgleichen erachtete. Heute schätzt er die Lage anders, aber kaum weniger radikal ein: "Als O.J. Simpson vor der Justiz floh, zu ihr zurückkehrte, wegen Mordes angeklagt wurde und sich der Justiz dann aufs Neue entzog, war dies der schockierendste Ausdruck reiner Gleichberechtigung seit der Bürgerrechtsbewegung. Simpson hatte Nicole Brown Simpson und Ron Goldman ermordet. So mutmaßte ich damals, heute bin ich davon überzeugt. Aber er ist damit davongekommen - auf ähnliche Weise, wie Weiße Jahrhunderte lang nicht dafür belangt wurden, wenn sie schwarze Männer und Frauen töteten. Die Tugend der Gleichberechtigung mutet nicht immer wie Tugend per se an, da Gleichberechtigung nicht immer derselben Linie folgt wie die Moral. Gleichberechtigung bedeutet für Afro-Amerikaner genauso behandelt zu werden wie alle anderen auch - egal, ob wir uns gut oder böse verhalten. Simpsons große Leistung war es, für ein Verbrechen angeklagt zu werden und dann auf jene Weise behandelt zu werden, wie es sonst reichen Weißen vorbehalten ist."

Magazinrundschau vom 09.08.2016 - The Atlantic

Wenn es um die Verachtung der weißen Arbeiter geht, nehmen sich Linke und Rechte in den USA nichts, stellt Alec MacGillis (in Kooperation mit Propublica) fest: Die einen halten den Arbeiter für überflüssig, die anderen den weißen Mann. Von Nancy Isenbergs Buch "White Trash" lernt MacGillis, dass die Herabsetzung seit vierhundert Jahren Methode hat - mit einer Ausnahme: "In einem der spannendsten Kapitel ihrer Geschichte beschreibt Isenberg die Unterstützung, die verarmte weiße Landarbeiter zur Zeit des New Deal erhielten. Projekte wie die von Rexford Tugwell geleitete Resettlement Administration, die Pächter auf ertragreicheres Land umsiedelte und Kredite für die Verbesserung der Farmen vergab, brachten echten Fortschritt. Das tat auch die Tennessee Valley Authority, die nicht nur in großen Teilen des Südens die Entwicklung beschleunigte, sondern auch Ausbildungszentren und ganz Planstädte errichtete - Städte, in denen die Kinder der Hinterwäldler mit denend er Ingenieure zur Schule gingen. Der New Deal hatte Schwächen. Aber Männer wie Tugwell erkannten, dass an manchen Orten die Menschen furchtbar hinterherhinkten, und dass ihre Not eine große Bedrohung für die Gründungsideale der Nation war."

Im großen Titelreport lobt Steven Brill die Erfolge der amerikanischen Sicherheitspolitik.

Magazinrundschau vom 16.08.2016 - The Atlantic

Method Acting, also das bruchlose, mitunter psychisch fordernde und sehr körperliche Aufgehen in einer Rolle, ist auf den Hund gekommen, meint Angelica Jade Bastièn: Für Hollywoods Elite-Schauspieler sei die Schauspielmethode längst zum anekdotenträchtigen Marketingtool geworden. Unbehaglich findet Bastièn diesen Trend auch deshalb, weil darin ihrer Ansicht nach eine toxische Auffasung von Männlichkeit durchbricht ebenso wie die Vorstellung, dass nur erduldete Strapazen - wie mal eben dreißig Kilo ab- oder zunehmen - Kunst hervorbringen: "Gewiss, auch Frauen haben ihr Äußeres für ihre Rollen radikal geändert. Doch wenn die Leute Nicole Kidman rühmen, die in 'The Hours' eine Nasenprothese trug, oder Charlize Theron, die für 'Monster' zunahm und ihre Augenbrauen abrasierte, liegt der Fokus weniger auf ihrem Talent und ihrer Leistung, sondern mehr darauf, wie tapfer sie sind, wenn sie sich dafür entscheiden, nicht schön zu sein."

Weitere Artikel: Außerdem betrachtet Eve L.Ewing das Phänomen des zurückgezogenen Künstlers, der mit lediglich einem einzigen genialischen Werk zur Welt spricht. Sam Kean hat Spaß mit seiner DNA. Und Thanh T. Nguyen überlegt, was Raphaels Gemälde "Die Schule von Athen" in Hanoi bedeuten könnte.

Magazinrundschau vom 30.08.2016 - The Atlantic

15 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September fragt sich The Atlantic, wie es heute um die objektive Sicherheit in den USA bestellt ist. Ein Jahr lang hat Steven Brill daher minutiös recherchiert und ein wahres Faktenkonvolut hervorgebracht, das sich seinem Gegenstand zwar nicht immer kritisch nähert, aber wegen seiner Detailfreude und Informiertheit einen Lektüregewinn darstellt. Unter anderem erscheinen die großzügigen Investitionen in den Jahren nach dem 11. September dabei auch als orientierungslose Maßnahme zum umfangreichen Geldverbrennen: Zu beobachten sei ein regelrechtes "Jack-Bauer-Syndrom": "'Wenn man geschockt ist und Angst hat, wenn man weiß, dass da draußen eine Bedrohung lauert, dann macht man alles und legt jede Summe auf den Tisch, um damit zurecht zu kommen', erklärt ein Wirtschaftsprüfer, 'selbst wenn das, für was man zahlt, bislang nicht erprobt wurde und es auch keine Maßstäbe gibt, um es zu evaluieren.' Chip Fulghum, der bei der Homeland Security für die Finanzen zuständig ist und sich selbst als Teil einer Putzkolonne sieht, drückt es so aus: 'Unmittelbar nach den Anschlägen öffnete sich der Wasserhahn und ein dicker Geldstrahl schoss heraus. Vieles davon floss sonst wohin, für Zeug, das einfach nicht funktioniert hat.' Viele Programme wurden erst mit überschäumenden Ankündigungen losgetreten, verzögerten sich dann aber still und heimlich bei der Einrichtung, bevor die Erwartungen heruntergeschraubt wurden und sie dann vollkommen zum Erliegen kamen. Zwei Milliarden Dollar wurden ausgegeben, um die Überprüfung von Gepäck zu verbessern, doch die neue Ausrüstung brachte gegenüber der alten keinen erkennbaren Vorteil."

Magazinrundschau vom 06.09.2016 - The Atlantic

Sollte alles gut laufen und die chinesischen Behörden grünes Licht geben, könnte ab Ende 2017 mit ersten Versuchen von Kopftransplantationen zu rechnen sein, schreibt Sam Kean. Möglich macht dies unter anderem eine spezielle, an Mäusen bereits erste Erfolge zeitigende Chemikalie, die die Enden von durchtrennten Rückgrat-Nerven, die an sich nicht nachwachsen können, dazu anregt, miteinander zu verschmelzen. Vom Hals abwärts Quergeschnittsgelähmten eröffnet dies vorsichtig eine neue Perspektive auf ein Leben ohne Rollstuhl. Doch "im Erfolgsfall wird eine Kopftransplantion Jahrhunderte alte Debatten über das Verhältnis von Verstand, Gehirn und Körper neu entflammen lassen. Ist das Selbst in einem selbst allein im Gehirn zu verorten? Oder hängt die Persönlichkeit von diesem spezifischen Stück Fleisch ab, dass man den eigenen Körper nennt? Auch gesellschaftliche Fragen werden von einer solchen Operation berührt. Allein der Körper produziert Ei- und Samenzellen. Die Kinder, die ein Transplantationspatient nach einer Operation zeugen würde, wären genetisch nicht mit ihm verwandt, wohl aber mit der Famile des Körperspenders. Hätten die biologischen Verwandten Besuchsrechte oder sogar die Position, das Kind zu vertreten? ... Die wichtigste - und unbeantwortbare - Frage ist die, ob ein Patient sich nach diesem Eingriff noch als er selbst fühlen würde."

Magazinrundschau vom 28.06.2016 - The Atlantic

2005 veröffentlichte Mark Leonard ein Buch mit dem Titel "Warum Europa die Zukunft gehört" (dt. 2007). Jetzt sieht es eher so aus, als würde Europa in den Abgrund taumeln. Was hat sich in dieser kurzen Zeit so verändert? 2005, erklärt er im Interview, hatte die stolze zehn Länder hinzugewonnen, und andere, wie die Ukraine oder Georgien lehnten sich, von Europa inspiriert, gegen ihre autokratischen Herrscher auf. Und die EU als Organisationsform - Staaten arbeiten zusammen und geben einen Teil ihrer Souveränität fürs Ganze ab - wurde weltweit kopiert: Welthandelsorganisation, Kyoto-Protokoll, Internationaler Strafgerichtshof entstanden nach ihrem Vorbild. Auch in Afrika, Asien und Lateinamerika schlossen sich Staaten zu supranationalen Organisationen zusammen: "Alles zusammengenommen schien es so, als würde Europa die Welt nach seinem Bild neu gestalten und seine Werte exportieren. Es ist eins der beunruhigsten Dinge in der Welt 2016, dass die meisten Europäer das Gefühl haben, die Welt um sie herum versinke im Chaos und das es heute die Welt ist, die sie formt - zum Beispiel durch das Fehlschlagen des arabischen Frühlings, das dazu geführt hat, dass Europas Nachbarn nicht Demokratie und europäische Werte importieren, sondern Flüchtlinge und Chaos exportieren."

Wie konnten die Brexit-Gegner nur so versagen, fragt Yoni Appelbaum. Warum haben sie die andere Seite als bigott verunglimpft und die Mitgliedschaft in der EU als alternativlos hingestellt? Statt Angst, meint er - auch mit Blick auf Hillary Clinton -, hätten sie lieber Zuversicht verbreiten sollen: "Sie waren unfähig, die Vision einer besseren, helleren Zukunft zu entwerfen. Sie waren unfähig überzeugend aufzulisten, wieviel die Briten gewonnen hatten. Sie waren unfähig, die wirklichen Sorgen ihrer Wähler anzusprechen und anzuerkennen, dass die Interessen unterschiedlicher Wähler manchmal unterschiedlich sind. Sie sahen auf diejenigen, die die Fehler im globalen System aufzeigten - von Bernie Sanders zu Nigel Farage - und sahen nur Ideologen, die haarsträubende Versprechungen machten."

Donald Trump war mal Demokrat, dann Republikaner, dann wieder Demokrat usw. Bernie Sanders war immer ein Unabhängiger und hat sich erst vor wenigen Monaten den Demokraten angeschlossen. Seitdem wachsen die Unabhängigen unter seinen Anhängern, während es immer weniger Demokraten werden. Ted Cruz hat den republikanischen Führer des Senats verunglimpft und gegen das republikanische Establishment gehetzt. Sind denn alle verrückt geworden, fragt Jonathan Strauch im Aufmacher des neuen Hefts: "Auf ihre ganz unterschiedliche Weise demonstrieren Trump, Cruz und Sanders ein neues Prinzip: Die politischen Parteien haben keine klaren Begrenzungen mehr oder durchsetzbare Regeln. Die Folge ist, dass sich abtrünniges politisches Verhalten auszahlt."