Im Kino

Primärfarben und Glitzerkitsch

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Thomas Groh
07.05.2008. Sein Name ist Racer, Speed Racer. Er fährt Rennen in quietschbunt animierten Digitalautos im nach ihm betitelten neuen Film der Wachowski-Brüder, der zum Kopfschmerzenkriegen sonderbar ist. Schnörkellos durchgezogener Zombie-Horror der Marke Geisterbahn kommt dagegen aus Spanien: Jaume Balagueros "[REC]".
Ein sonderbarer Film. Der Titel "Speed Racer" bezieht sich nicht nur auf die Berufsbeschreibung der Hauptfigur, sondern auch auf deren Namen: Vorname Speed, Nachname Racer. Die Eltern sind Pops und Mum Racer, Nebenfiguren hören auf Namen wie Snake Oiler oder Sparkle und der kleine Bruder heißt Spritle. Dessen bester Freund ist ein Affe, der im Haus der Racers wohnt, alberne Kleider trägt und bei jeder Gelegenheit Grimassen schneidet.


Die Racers entstammen einer japanischen Zeichentrickserie aus den Sechziger Jahren mit Namen "Mach GoGoGo" (hier ein Auszug bei Youtube). Verkörpert werden sie in der Hollywoodumsetzung von realen Menschen, um sie herum breitet sich eine komplett computeranimierte bonbonbunte Zuckergusswelt voller Primärfarben und Glitzerkitsch aus. Junior Speed möchte in die Fußstapfen seines Bruders treten, der einst in seinem Rennwagen verunglückte und - womöglich - ums Leben kam. Wirtschaftsgigant Royalton will das Naturtalent unter Vertrag nehmen und hält ihm erst mal einen Vortrag über Industriegeschichte. Nicht der Sport zählt, sondern das Geld, so lautet das wenig überraschende Fazit, an dem sich der junge Rennfahrer den restlichen Film abarbeiten wird. Denn als Speed sich für den wertkonservativen Familienbetrieb anstatt für den vertikal integrierten Multi entscheidet, ist der Mogul sauer.

Die Auseinandersetzung zwischen den beiden Wirtschaftsformen findet als Autorennen statt. Diesem Autorennen ist jede Ähnlichkeit mit einem realen Autorennen gründlich ausgetrieben. Statt dessen orientiert sich der Film vor allem an Computerspielen. Und zwar an Computerspielen der billigeren Art, wie man sie von Spielhallenautomaten kennt. Niedlich-futuristische Spielzeugautos gleiten ohne Rücksicht auf die Gesetze der Physik über fluoreszierende Rennstrecken und sind mit fiesen Gadgets wie Pfeilhaken oder Morgenstern ausgestattet, die ihren Kontrahenten das Leben schwer machen. Außerdem rollen sie sich bei einem Unfall zu einer Art Schaumstoffkugel zusammen und machen auch sonst tendenziell, was sie wollen.

"Speed Racer" befreit die digitale Technik vollständig vom Diktat des Photorealismus. Der ist hier nicht einmal mehr etwas, von dem es sich abzuheben lohnen würde, sondern nur noch eine unter vielen, absolut gleichwertigen Alternativen. Trickblenden und Splitscreentechniken montieren heterogene Bildtypen umstandlos neben-, über- und hintereinander. Das Regiegespann der Wachowski-Brüder besaß schon zu "Matrix"-Zeiten einen Hang zum Dekorativen. Hier lassen sie ihm freien Lauf. In der "Speed Racer"-Welt stehen Wählscheibentelefone im Stil der sechziger Jahre in Star-Wars-tauglichen Weltraummetropolen, während sich im Inneren eines bösartigen Monster Trucks ein Prunkzimmer im Renaissance-Stil breit macht. Auch der Stummfilm kommt zu seinem Recht und immer wieder brechen wilde digitale Bilderstürme über die Leinwand herein.


Schön anzusehen ist das durchaus. Aber auf die Dauer anstrengend. Erst recht, wenn man sich zwischendrin durch Dialoge kämpfen muss, die noch platter sind als die oft jeglicher Illusion von Räumlichkeit beraubten Bilder. Aber ob Speed Racer seiner Freundin Trixie im Rosenpark näherkommt - im Hintergrund verschwimmen die Blumen zu kleinen Herzchen - oder die Identität des geheimnisvollen Racer X ergründen möchte: Da ist keine wirkliche Handlung, sondern nur die Simulation einer solchen. Das alles ist nicht nur Klischee in Reinform, sondern stellt seine Klischeehaftigkeit auch offen aus und will gar nichts anderes sein als Klischee. Ironisch ist der Film trotzdem nicht, oder zumindest nur selten. Auf seltsam infantile Weise nimmt Speed Racer zwar nicht seine Figuren, aber doch sich selber ernst.

Wie gesagt: Ein sonderbarer Film. Vielleicht kann man Speed Racer trotz äußerst unterschiedlichen Zielgruppen am ehesten mit Zack Snyders letztjährigem Testosteron-Exzess "300" in Verbindung bringen. Dort diente zwar faschistoides Fantasykunsthandwerk als Vorlage und nicht wie hier eine grundsätzlich sympathische Popkulturmelange aus Mangas und trashigen Computerspielen. Doch nicht nur die hybride, strikt antirealistische Ästhetik beider Filme sowie der Verzicht auf ironische Brechungen ist vergleichbar, auch das Zuschauererleben ähnelt sich: Nach den - viel zu langen - 135 Minuten steht vor jedem Versuch der Reflektion über dieses Ding namens "Speed Racer" der eigene Kopfschmerz.

Lukas Foerster

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Wer die Kamera schultert, steht, ginge es nach der Filmgeschichte, dem eigenen Tod meist näher, als ihm lieb ist. In Ruggero Deodatos berüchtigtem Exploitationreißer "Cannibal Holocaust" brachten sensationsgeile Dokumentarfilmer mit gewalttätigen Provokationen einen Kannibalenstamm gegen sich auf, in "Blair Witch Project" gingen kamerabewehrte Studenten im dunklen Hain auf Hexenjagd und gelten seitdem als verschollen. Und immer waren es ihre medialen Hinterlassenschaften, unbearbeitete Filmfetzen mit allen Unschärfen und Auslassungen, die als "found footage" in Spielfilmlänge grausiges Zeugnis ablegen.

Solche "Egoshooter"-Filme, deren Kamera wesentlicher Bestandteil der erzählten Welt ist, haben - siehe "Cloverfield" - auch im Moment wieder Konjunktur. Der spanische Horrorfilm "[REC]" steht einerseits in dieser Reihe, verzichtet andererseits aber auf große Medien-Diskurs-Ambitionen. Er begnügt sich mit der klaustrophobischen Enge eines mit viel Polizeiaufwand unter Quarantäne gestellten Wohnhauses in Barcelona, in dem sich ein nur zufällig hier gelandetes Fernsehteam und einige Mieter mit zombieartigen Wesen konfrontiert sehen.


Der erzähltechnische Clou, dass kein Umschnitt aus der streng subjektiven Perspektive der Fernsehkamera herausführt, ist schon ökonomisch sinnvoll: "[REC]" wäre, konventionell erzählt, sturzlangweiliges "more of the same" angesichts der Zombie-Schwemme in den letzten Jahren. Wie in "Cloverfield" ist es vor allem das "Wie" der Geschichte, das trotz dramaturgisch schematisiertem Ablauf einen der effektivsten, und somit in der Logik des Genres: besten Horrorfilme der letzten Zeit hervorbringt.

Das typische Vorgehen des Horrorkinos, einen souverän erfassbaren Erzählraum zu zerfasern, wird in "[REC]" auf die Spitze getrieben, wenn Hektik, Unschärfe und grobe Motorik gegenständliche Referenz zugunsten rein abstrakter Lichtmuster aus dem Bildkader verabschieden. Der Sog der Handkamera, das unentwegte panische Geschrei und nur hie und da ein scharf gezogenes Bild reichen völlig hin, um mediologisch informierte Bild-Hinterfragungen schnell in den Hintergrund rücken zu lassen. Die Funktion der Kamera ist verdoppelt: Mittendrin statt nur dabei, eine Position, die, wie man bald spürt, die eigene Verwund- und Jagdbarkeit mit einschließt. Am Ende ist es das Schwarzbild selbst, aus dem das Grauen den Übergriff unternimmt.

In fürs Genre entscheidender Hinsicht ist "[REC]" dem Hollywood-Pendant "Cloverfield" denn auch überlegen: Wo dieser, auch infolge einer beispiellosen Marketingkampagne, in jeder Einstellung den Dialog mit dem Zuschauer unterhält, der den Film, freilich genussvoll, als digitales Palimpsest mit Horrorspitzen regelrecht liest und spekulativ abgleicht, zeichnet jenen die im Bereich des Genrefilms nicht zu unterschätzende Tugend der mangelnden Ambition aus: "[REC]" ist konsequent, dynamisch, schnörkellos und hinsichtlich seines Erzählkonzepts ausschließlich auf Effekt bedacht: Seine Zombies sind keine Allegorien, seine Handkamera kein medienkritischer Kommentar, die am Ende gelieferte Erklärung für das Zombie-Treiben wirkt wie aus einer Pulp Novel abgeschrieben.

Es bleibt der salzig-fettige Geschmack von Geisterbahn. Von einer verflucht gut geschmierten allerdings, a helluva ride.

Thomas Groh


Speed Racer.USA 2008 - Regie: Andy Wachowski, Larry Wachowski - Darsteller: Emile Hirsch, Christina Ricci, Matthew Fox, Susan Sarandon, John Goodman, Kick Gurry, Paulie Litt, Roger Allam, Benno Fürmann, Cosma Shiva Hagen - Länge: 135 min.

[REC]. Spanien 2007 - Regie: Jaume Balaguero, Paco Plaza - Darsteller: Manuela Velasco, Ferran Terraza, Pablo Rosso, David Vert, Vicente Gil, Martha Carbonell, Carlos Vicente, Maria Teresa Ortega, Jorge Serrano, Javier Botet - Länge: 78 min.