Im Kino
Die Welt im Fluss
Die Filmkolumne. Von Tilman Schumacher
14.10.2026. Im Gespräch mit Fremden kann es passieren, dass das Innerste nach Außen tritt. Sebastian Brameshubers "London" ist ein gefühlvolles Kammerspiel, das das Auto seiner Hauptfigur kaum einmal verlässt.
Flüchtig ziehen unterschiedlichste Phänomene über die Leinwand hinweg, kommen und gehen, fallen aus dem statischen Bildrahmen heraus, während wir im Sessel für einige Zeit nahezu am selben Fleck verweilen: Ein Kinobesuch hat doch gewisse Ähnlichkeit mit dem Blick aus dem Fenster eines fahrenden Autos, das uns, ohne dass wir spürbar daran beteiligt wären, für geraume Zeit die Welt im Fluss präsentiert.
Die Filmgeschichte weiß um diese Verwandtschaft und kostet die Parallelen von Kino- und Autoinnenraum immer wieder aus. Es gibt viele schöne Beispiele für Filme, deren Stories maßgeblich im Auto spielen und damit um Stillstand und Bewegung, auch ums (kinokonzentrierte) Schauen kreisen. Ida Lupinos grimmig existenzialistischer Highway-Thriller "The Hitch-Hiker" (1953) etwa, oder "Two-Lane Blacktop" (1971), Monte Hellmans elegischer Roadmovie-Abgesang aufs amerikanische Glücksversprechen.
Der im Berlinale Panorama 2026 uraufgeführte "London", Sebastian Brameshubers erster Kinospielfilm nach drei abendfüllenden Dokumentarfilmen, ist in erster Linie ein psychologisches Drama, ein gefühlvolles Kammerspiel voller gerahmter (Aus-)Blicke, wie sie das Kino bietet. Ein Drama der alten Schule, wenn man so will: Klassisches, in aller Ruhe vorgetragenes Drehbuch- und Darstellerkino. Eine sich über die Zeit aus Vignetten zusammensetzende Charakterstudie eines älteren Mannes im Dialog mit sich und anderen, mit dem inszenatorischen Kniff, dass wir den Wagen der Hauptfigur Bobby (sensationell gespielt vom Gelegenheitsdarsteller und Musiker Bobby Sommer) während der zweistündigen Laufzeit von "London" kaum je verlassen.

Bobby ist mehrmals im Monat mit seinem Kombi auf der Autobahn zwischen Wien und Salzburg unterwegs - und selten allein. Dass er sich durch seine per App organisierten Mitfahrerinnen und Mitfahrer etwas dazuverdienen müsse, betont er einmal, aber letztlich scheint Bobby vor allem mit Menschen reden zu wollen. Mit Fremden auf Reisen spricht man anders als mit Bekannten, man sieht sich wohl nie wieder. Da kann es passieren, dass das Innerste nach außen tritt, als säße der beste Freund gegenüber.
Außerdem ermöglichen solche Gespräche Einblicke in Lebenswelten, mit denen man sonst keine Berührung hat. "London" trägt - drehbuchtechnisch vielleicht etwas bemüht - möglichst viele dieser Welten zusammen; gibt Schlaglichter auf Österreich im Jahre 2025. Fluchtbiografien, Arbeitsmigration, politische, sexuelle und geschlechtliche Identität(skrisen). Das alles streift Bobby mit seinen Mitfahrer:innen auf mal sonnendurchfluteten, mal winterlichen Fahrten, die auch für ihn eine Begegnung mit sich selbst und der Vergangenheit sind. Die zurückgelegte Strecke führt durchs Innere des Fahrers.
Die erste von vielen Episoden setzt ein mit dem Blick aus der Windschutzscheibe, der Wettervorhersage aus dem Radio, dem rhythmische Klacken des Blinkers. Bobby sammelt einen Wehrdienstleistenden in voller Montur vom McDonalds-Parkplatz ein. Seine Pommes Frites muss der nervös wirkende Mann noch im Wagen aufessen, zum Glück, so Bobby, hat er keinen miefigen Burger bestellt. Der Grundwehrdienst sei schon eine Zumutung, Alpträume lassen alles nochmal real werden. Als solche Sätze fallen, läuft das Gespräch schon eine Weile, der junge Mann hat bereits Vertrauen in seinen Begleiter gefasst. Der Film schneidet zwischen ruhenden Kamerablicken auf beide hin und her, stets den Blick des jeweils anderen einnehmend. Nie sehen wir - sieht man von wenigen Außenszenen ab - die Dialogpartner zusammen im Bild. "London" ist bei aller dialogischen Form nicht zuletzt ein Film über Vereinzelung.
Wie sich die Figuren etwas erzählen, wie sie blicken und denken, hat mindestens genauso viel Gewicht, wie das, was sie erzählen. "London" prägt ein dokumentarisches Gespür für Sprache. Brameshuber lässt den Laiendarsteller:innen den Spiel-Raum, den Drehbuchsätzen die eigene Ausdrucksweise beizugeben, sie mit Leben zu füllen.
Es macht Spaß zuzuschauen, wie allein durch Sprache Nichtanwesendes wuchtig präsent wird, wie etwa ein verdruckster Lehrlingsjunge die üppige Auslage der Wursttheke seines Lehrbetriebs reproduziert oder ein Amerikaner (der Filmemacher Ted Fendt) Bobby von den landschafts- und blickformenden Ambitionen des nationalsozialistischen Autobahnbaus berichtet: "Das was wir sehen, sehen wir, weil die Nazis wollten, dass wir es sehen." Ein Film voller schöner Sätze - und doch ohne jeglichen Willen zu Weisheit und Ratgebertum.
Tilman Schumacher
London - Österreich 2026 - Regie: Sebastian Brameshuber - Darsteller: Bobby Sommer, Paul Schuld, Asja Ahmetovic, Anca Cipariu, Ted Fendt u.a.
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