Im Kino

Vibe vor Diskurs

Die Filmkolumne. Von Karsten Munt
19.11.2025. Vier Wände und eine Beziehung, die darin scheitert. Oder auch: Wer isst den Kotkuchen? Osgood Perkins' "Keeper" ist ein Haunted-House-Horrorfilm, in dem es keinen safe space gibt und in dem Geister in Luftschächte flüstern.

Ein Kuchen steht im Raum. Seit Liz (Tatiana Maslany) das Haus betreten hat, thront er, noch in der Kartonbox und schon Unheil verkündend, auf dem Esstisch. Liz' Freund Malcolm (Rossif Sutherland) preist ihn als traditionelles Gastgeschenk der Haushälterin, einer ausgezeichneten Bäckerin. Selbst in Erscheinung treten wird sie nicht. Stattdessen bekommt das Paar, das ein erstes gemeinsames Wochenende im Waldhaus verbringen möchte, Besuch von Malcolms Cousin Darren (Birkett Turton) und seiner Trophy Wife Minka (Eden Weiss). Darren wohnt nebenan und schneit herein, um Liz aufs Unangenehmste zu inspizieren. Minka schweigt und sieht gut aus; besser als Liz, wie es Darren, so deutlich er kann, ohne es direkt auszusprechen, ausdrückt. Einen einzigen Satz aber raunt Minka schließlich doch, als sie den Kuchen auf dem Tisch erblickt: "Schmeckt wie Scheiße". 

Das Paar ist kurz darauf verschwunden. Der Kuchen bleibt. Die braunen Fingerabdrücke auf dem Karton fallen jetzt noch mehr ins Auge. Und auch Malcolms Insistenz, Liz solle den Kuchen endlich probieren, bekommt einen Unterton, den der Freund bisher zu verbergen wusste. Als Netter erschien er bisher, als großer Bär, der auf rätselhafte Weise in sich ruht. Kuscheln aber will er nicht. Auch jetzt, wo Liz die Entgleisungen des Cousins ignoriert und sich auf seinen Schoß schwingt, weist er sie ab. Sie solle erst den Kuchen probieren. Ob er nun aus Schokolade ist und nach Scheiße schmeckt oder umgekehrt: Minka hat ihn gegessen und Liz wird ihn auch essen.

Tschechows Kotkuchen mag ein narrativer Taschenspielertrick sein, aber Horror-Liebhaber Osgood Perkins hat sichtbar Freude daran, ihn mit allen Mitteln des Genres zu umkreisen. Die Metapher, die in ihm steckt, hat der Film ohnehin schon zu Beginn laut hinausposaunt: um toxische Beziehungen soll es gehen. Das Thema ist en vogue im zeitgenössischen Horrorkino: Mit "Men" (2022), "Companion" (2025) und "Together" (2025) haben sich gleich drei prominente Vertreter der elevated-Sparte des Genres dem Thema angenommen. Die Montage zu Beginn von "Keeper" tut es ihnen gleich: nicht eine, sondern gleich mehrere Frauen treten in den blutigen Kreislauf einer solchen Beziehung ein. Am Anfang steht das schüchterne Lächeln der ersten Begegnung, im nächste Bild bereits die routinierte Vertrautheit, bald die Abneigung und schließlich der Schrei des Entsetzens - von allen ausgestoßen, in der Montage zu einer einzigen, zur einer universellen Erfahrung kondensiert. 


Anders als die oben genannten Filme arbeitet Perkins als Regisseur eher um das thesenhafte Drehbuch herum als konkret auf die zentrale Metapher zu fokussieren. Zu sehr ist der Filmemacher am Genre selbst interessiert, zu viele Gelegenheiten bietet das Waldhütten-Setting zum Abschweifen in Richtung diverser Albträume. "Keeper" verharrt entsprechend lange im produktiven Stillstand, stellt Vibe vor Diskurs, wandert hinaus in die Wälder und ihre dämonische Vergangenheit oder spielt schlicht Haunted House. Der moderne Luxusbau ist wie dafür geschaffen: spitz und verwinkelt, frei von Rundungen, so sehr, dass er einen aufzuspießen droht. Gleichzeitig gibt es scheinbar keinen Winkel, keine Schutz, keinen safe space und von der Toilette abgesehen nicht einmal eine Tür. 

Nichts ist im gesamten Haus je wirklich verborgen, Liz kann sich nicht verstecken, ist, wenn nicht von drinnen, dann aus einem der unzähligen Fenster unter Beobachtung. Perkins und Kameramann Jeremy Cox toben sich aus im modernen Horror der Luxus-Architektur: Spiegel, Vorhang, Türspalt und Nische halten Liz im in den vier Wänden des Freunds gefangen, während Geister ihr Nachrichten auf feuchte Fenster pinseln, in die Luftschächte hinein flüstern oder Spuren im Wald auslegen. Der Film spielt das so detailverliebt wie gekonnt durch, findet immer die Schnittstelle zwischen Spuk und sozialem Unbehagen und weigert sich beharrlich, zu Potte zu kommen. 

Wo der Subtext selbst in Vergessenheit zu geraten droht, holt Tatiana Maslany ihn gerade so sichtbar aus dem Unterbewusstsein ihrer Hauptfigur, dass deren verinnerlichte Traumata wieder den Weg zurück zur destruktiven Beziehung zeigen. Perfekt austariert ist "Keeper" keineswegs. Osgood Perkins jagt Wohl oder Übel den Möglichkeiten hinterher, die vier Wände und eine in ihnen scheiternde Beziehung bieten. Was lange hinter den übernatürlichen und prosaischen Formen des Unbehagens gärt, sprengt, als es schließlich ins Leben steigt, noch einmal den Rahmen des dekorativen und diskursiven Horror-Kammerspiels, um den Film mit aller Kraft ins grotesk-komischen Spektakel zu drängen. Auch dieser Schrecken beginnt mit dem Kuchen. Dass Liz tatsächlich diejenige ist, die ihn verschlingt, obwohl sie eigentlich keine Schokolade mag, ist an diesem Punkt keine Metapher mehr, nur der nächste Vibe.

Karsten Munt

Keeper - USA 2025 - Regie: Osgood Perkins - Darsteller: Tatiana Maslany, Rossif Sutherland, Tess Degenstein, Eden Weiss u.a. - Laufzeit: 99 Minuten.