Im Kino

Theater der Blicke, Theater der Gesten

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
11.08.2026. Eine Absolutistin, eine Pragmatikerin und eine Freubeuterin der Liebe stehen im Zentrum von "Drei Freundinnen". Emmanuel Mourets meisterlicher neuer Film zeigt, wie komplex Angelegenheiten des Gefühls sind, wenn man ihnen offenherzig und ohne moralistische Scheuklappen nachspürt.

Zwei Frauen im Cafe, Espresso-Tassen in der Hand. Joan (India Hair) liebt ihren Mann nicht mehr. Sie weiß nicht, wie das passiert ist. Einen anderen hat sie nicht - aber dennoch, vielleicht sogar gerade deshalb: ein schlechtes Gewissen. Vor allem, weil ihr Mann, Victor (Cincent Macaigne), sie weiterhin liebt, abgöttisch. Ist doch gar nicht schlimm, meint Joans Freundin Alice (Camille Cottin). Sie selbst erwidert die Liebe ihres Mannes Éric (Grégoire Ludig) ebenfalls nicht. Sie hat Éric überhaupt nie wirklich geliebt. Ist auch besser so. Liebe bedeutet Stress. Freundliche Zuneigung reicht vollkommen.

Ein paar Filmminuten später: Zwei Frauen und zwei Männer im Restaurant. Joan sitzt neben Vincent, Alice neben Éric. Was folgt ist ein Theater der Blicke, der wissenden und der unwissenden; und ein Theater der Gesten, der authentischen und der gespielten. Wir beobachten mit einem Paar das andere, mit den Männern die Frauen, mit den Frauen die Männer. Wir wissen mehr als Éric, wenn Alice ihren Kopf an seine Schulter schmiegt; wir wissen mehr als Vincent, wenn Joan auf seine Annäherungsversuche passiv-abweisend reagiert. Ob aber, zum Beispiel, die Frauen ihre Männer kennen oder nur zu kennen glauben, das wissen wir nicht.

Eine solche Szene flüssig und beziehungsreich zu inszenieren; mit einem Gespür dafür, was für alle Beteiligten auf dem Spiel steht und doch ohne jede Schwere; mit Witz, aber auch wieder nicht platt pointenförmig zugespitzt: Das ist eine Kunst, die im Kino der Gegenwart womöglich niemand besser beherrscht als Emmanuel Mouret. Ein auf unaufdringliche Weise eigensinniges Werk hat Mouret in über 20 Jahren geschaffen; im Zentrum seiner stets komödiantisch, manchmal und, im Fall des hier besprochenen mehr denn je, auch tragisch grundierten Filme steht einerseits stets, explizit, die Liebe; und andererseits, implizit, die Frage, wie man von ihr erzählen kann. Oder auch, anders herum: was die Liebe mit dem Erzählen macht.


Die Liebe gefriert bei Mouret nie in Kitschikonografie und Regeldramaturgie; vielmehr ist sie ein nicht stillstellbares Bewegungsmoment, ein oft paradox strukturiertes Potential, das nie vollständig realisiert werden, aber auch nie komplett verloren gehen kann. Auch die Viererkonstellation am Restauranttisch mit Joan, Vincent, Alice und Éric ist nur eine Momentaufnahme. In beiden Paareziehungen, die um den Tisch versammelt sind, ist etwas ins Rutschen geraten, wohin der Drift jeweils geht, ist keineswegs vorhersehbar. Nicht nur weil the heart wants what the heart wants, sondern auch, weil der Film nicht "Zwei Freundinnen" heißt, sondern "Drei Freundinnen".

Die dritte im Bunde heißt Rebecca (Forestier) und wenn Joan eine Absolutistin der Liebe ist und Alice eine Pragmatikerin der Liebe, dann ist Rebecca eine Freibeuterin der Liebe. Während sich Joan und Alice, siehe oben, im Cafe über ihre Partner unterhalten, trifft sich Rebecca mit einem verheirateten Mann. Wer in seinem Leben auch nur ein paar französische Filme gesehen hat, wird nicht allzu sehr darüber überrascht sein, dass es sich bei diesem Mann um einen der beiden Partner ihrer Freundinnen handelt.

Was wir allerdings noch nicht wissen, wenn sich Joan, Vincent, Alice und Éric, siehe ebenfalls oben, im Restaurant treffen. Dass das Wissen andauernd so komplex und ungleich verteilt ist in diesem Film, liegt an einer vertrackten Erzählperspektive. Die hat mit einem Voice-Over zu tun, der sich gleich zu Beginn zu Wort meldet und einige Figuren und Handlungsorte - letztere allesamt im schönen Lyon und Umgebung gelegen - vorstellt. Der Voice-Over ist allwissend, aber nicht unparteiisch; er geleitet uns durch mehrere Zeitsprünge, nimmt manches vorweg, andereres nicht; außerdem markiert er eine Abwesenheit, die später, in der vielleicht schönsten Wendung des Films, zu einer Anwesenheit wird, allerdings nicht zu einer äußeren Anwesenheit, sondern zu einer inneren Anwesenheit.

Liest sich kompliziert? Ist es auch, aber das sind Angelegenheiten des Gefühls nun einmal, wenn man ihnen aufmerksam und offenherzig und ohne moralistische Scheuklappen nachspürt. Und, zum Beispiel, mitbedenkt, dass Liebe in der postromantischen Gegenwart nur zu leicht unter den Druck verfügbarer Alternativen geraten kann. In diesem Fall folgt daraus, dass laufend neue Männer ins Spiel gebracht werden: Ein potentieller Victor-Ersatz. Und noch einer. Und noch einer. Ein Internet-Date, das sich zunächst als Niete erweist (aber hat der Algorithmus vielleicht trotzdem recht?). Ein Kunstmaler, wobei im Film zunächst nur dessen Bilder zu sehen sind.


An den Männern hängen Geschichten, die aufeinander bezogen sind, aber eher selten miteinander kurzgeschossen werden. Zur Beziehungs-Farce, die in der Figurenkonstellation, und ganz besonders in Rebecca, durchaus angelegt ist, teils zum Greifen nah scheint, wird der Film nie. Anstatt sich in Schlüpfrigkeit und Indiskretion zu entäußern, bleiben die Spannungen, Sehnsüchte, Enttäuschungen und Hoffnungen, die die Liebe mit sich bringt, tendenziell in Figurensubjektivität eingeschlossen.

In einer ganzen Reihe von Figurensubjektivitäten, zunächst, und dann doch wieder ganz besonders in einer einzigen. "Drei Freundinnen" ist ein Ensemblefilm, aber das heißt nicht, dass er seine Aufmerksamkeit demokratisch verteilt. Dramaturgisch, emotional, visuell ist Joan zwar nicht unbedingt Dreh- und Angelpunkt, das wäre zu mechanisch gedacht; aber doch Gravitationszentrum. Sanft aus dem Ensemble herausgehoben wird sie gleich zu Beginn vom Voice-Over (der, wie gesagt, parteiisch ist; ganz besonders, wenn es um Joan geht); und später, immer wieder, durch kurze Kamerafahrten, die sie aus einem sozialen Ganzen entfernen und zum isolierten Zentrum ihres eigenen filmischen Raums werden lassen.

Die Befangenheit, die Joans Blick von Anfang an umflort, wird und wird sie nicht los. Nur gelegentlich und immer zögerlicher blitzt um Mund und Augen ein freches Lächeln auf, ein Lächeln, das einen Hinweis darauf gibt, warum die Männer sich reihenweise in sie vergucken. Immer weiter zieht sie sich zurück, droht in verschatteten Innenräumen und den pastelligen Ton-in-Ton-Kombinationen, in die Mouret sie sanft, aber nachdrücklich einschreibt, kleben zu bleiben. Joan trägt nicht mehr nur ihr Haar dunkelblond mit kupferrotem Einschlag, sie wird zum dunkelblonden Mensch mit kupferrotem Einschlag, verschmilzt mit dem Dekor, tritt nicht mehr aus sich selbst heraus. Zur zentralen Figur des Films wird Joan, weil sie aus dem Spiel, das die Liebe bei Mouret stets mindestens auch ist, aussteigen will. Wenn ihr der Ausstieg nicht gelingt, dann ist das einerseits, natürlich, ein Triumph der Liebe; der freilich andererseits in diesem großartigen Film um seine eigene Unwahrscheinlichkeit weiß.

Lukas Foerster

Drei Freundinnen - Frankreich 2024 - OT: Trois amies - Regie: Emmanuel Mouret - Darsteller: Camille Cottin, Sara Forestier, India Hair, Vincent Macaigne, Grégoire Ludig u.a. - Laufzeit: 117 Minuten.