Im Kino
An der Seite der Jugend
Die Filmkolumne. Von Carolin Weidner
14.08.2024. Fede Alvarez schickt in "Alien: Romulus" eine Gen-Z-Raumschiffcrew in Richtung eines Düsterplaneten. Mit im Gepäck: jede Menge Beziehungskisten - sowie die aus den Vorgängerfilmen bekannten, diesmal ein wenig ermüdenden Scharmützel mit kratzbürstigen, Säure spritzenden Außerirdischen.
Es ist ziemlich dunkel auf jenem Planeten, den Rain, Tyler, Kay, Bjorn und Navarro möglichst rasch zu verlassen gedenken. Und das liegt nicht nur an den null Sonnenstunden pro Jahr. Der letzte feste Boden, den die baldige Crew (mitsamt Rains Freund Andy, einem synthetischen Menschen) unter den Füßen hat, ist ein dystopischer Ort. Seine Bewohnerschaft bewegt sich wie eine Strafkolonie über funzelige Straßen, hier und da lockt ein wenig Amüsement in Form von Bars und Straßenprostitution. Ein autoritäres Unternehmen bindet seine Arbeitskräfte in Minen auf unbestimmte Zeit. Umso erstaunlicher, dass Regisseur Fede Alvarez inmitten dieser ausgestellten Lebensfeindlichkeit eine Truppe junger Menschen aufgespürt hat, die einem so auch in "Gasoline Rainbow" (2023) von Bill Ross IV und Turner Ross hätte begegnen können: hip und selbstzerstörerisch, divers und mutig, kameradschaftlich und manchmal auch ein wenig beschränkt. "Alien: Romulus" steht an der Seite der Jugend.
Ihr widmet Alvarez gleich zu Beginn gar nicht mal so wenig Aufmerksamkeit. Schwelgte Ridley Scotts "Alien" (1979), als dessen narrativer Nachfolger sich "Romulus" versteht, noch sehr lange in galaktischen Welten, nahm die Besatzung des Raumfrachters "Nostromo" in den Blick und zeigte sie fast schon meditativ beim Verrichten ihrer Arbeit, geht es 2024 um Beziehungskisten. Man meint ein Knistern zwischen Rain (Cailee Spaeny) und Tyler (Archie Renaux) auszumachen, Rains und Andys (David Jonsson Fray) Beziehungsstatus scheint ambivalent, getötete Eltern (Bjorn) sind im Spiel undinsgesamt wirken alle etwas verlassen. Ach ja, das Sonnenlicht hat ebenfalls noch keiner von ihnen gesehen. Möchte man im Generationenbild bleiben, das Alvarez entwirft, kann man explizieren: Rain, Tyler, Kay, Bjorn, Navarro und gewissermaßen auch Andy wurden von ihren Vorgängern nichts Gutes hinterlassen.
So beginnt die überraschend glimpfliche Flucht ohne Traurigkeit, dafür mit Joints und Swag. Man wünscht allen eine famose Zeit und möchte sie am liebsten beglückwünschen. Das wäre dann wirklich die "Gasoline Rainbow"-Variante von "Alien" gewesen. Dummerweise hängt, verlassen und ramponiert, noch immer die "Nostromo" im All herum. Mitsamt eingeschleppter Aliens. Das Vermächtnis hört bei den fiesen, Säure spritzenden Viechern mit Piranhazähnchen nicht auf. Ian Holm, der 1979 als Science Officer Ash in Erscheinung trat, wird in "Romulus" erneut angestöpselt und erwacht zu einer Art zweitem Leben: als animierte Version Holms trachtet er danach, die schon damals vergiftete Mission der "Nostromo"-Besatzung endlich abzuschließen. Ash ist der einzige Erwachsene dieses Films, wie Andy ein Humanoid, und keine große Hilfe. "We simply cannot wait for evolution anymore", ist einer seiner letzten, größenwahnsinnigen Sätze, die als Vorzeichen des nächsten Debakels dienen dürfen.

Rain und Co. hingegen ist an anderen Dingen gelegen: Kay (Isabela Merced) etwa ist schwanger und soll sicher gebären. Insgesamt spielt der Zusammenhalt der Gruppe eine wichtige Rolle; Menschlichkeit, könnte man sagen. Ein Attribut, das Andy vereinzelt abgesprochen wird, utilitaristische und rationale Entscheidungen anderer Artificial Persons (von Bjorn als "Fake People" beschimpft) haben in der Vergangenheit bereits zum Tod von Menschen geführt. "Romulus" ist auch eine Auseinandersetzung künstlicher Intelligenz mit sich selbst. Andy als vielleicht interessanteste Figur des Films erlebt sich in gleich mehreren Versionen - erst als treuer Beschützer Rains, dann als kühler Ausführender unter dem Einfluss von Ash, und letztlich als über sich hinaus wachsende, weil liebende (!) Person.
Das ist anrührend und in der Schlüsselszene auch schön anzusehen. Bis dahin ist es allerdings ein weiter, von Effekten, Gefahren und Scharmützeln gesäumter Weg. "Alien: Romulus" fühlt sich bisweilen wie eine Achterbahnfahrt an, deren Manöver und Loopings man irgendwann kennt, die aber trotzdem niemals enden will. Alvarez "liefert ab", wie man so sagt. Ständig tickt ein Countdown, ist ein Akku verdammt nochmal leer, dringen Aliens durch Türen und metzeln, ätzen, nerven. Das ist durchaus ermüdend. Auch für einen Epigonen, der bis zu einem gewissen Grad aus dem Material seiner Vorgänger schöpfen muss. Was bleibt, ist der Horrortrip einer Gen-Z-Crew - auf die immerhin, für einen winzigen Moment, das Sonnenlicht fällt.
Carolin Weidner
Alien: Romulus - USA 2024 - Regie: Fede Alvarez - Darsteller: Cailee Spaeny, David Jonsson, Archie Renaux, Isabela Merced, Spike Fearn, Aileen Wu, Rosie Ede - Laufzeit: 119 Minuten.
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