Im Kino

Brutaler Schnitt

Die Filmkolumne. Von Ekkehard Knörer
08.10.2008. Die Brüder Dardenne verlassen für ihren neuen Film "Lornas Schweigen" das Städtchen Seraing und erzählen eine Kriminalgeschichte aus der Ökonomie der Gegenwart. Ganz von vorgestern dagegen ist die Komödie "House Bunny", die ein weibliches Nerdkabinett in die Häschenschule schickt.

Lorna kommt aus Albanien nach Belgien, heiratet, um den belgischen Pass zu bekommen, den drogensüchtigen Claudy, nur um dann, wenn sie den Pass hat...

Nein, so kann man eine Kritik zu "Lornas Schweigen" nicht beginnen. Denn erst einmal wissen wir all das nicht. Lorna (Arta Dobroshi) ist zu Beginn schon in Belgien, alles was wir bemerken, ist der Akzent im Französisch, das sie spricht. Wir sehen Lorna und Claudy (Jeremie Renier) in einer Wohnung und wir werden aus beider Verhalten nicht schlau. Sie schließt die Tür hinter sich, sie ist von der lauten Musik bei ihm genervt, sie beschwert sich. Er scheint unterwürfig. Was ist da los? Ein Ehekrach vielleicht? Am nächsten Morgen: Er möchte, er insistiert, er bettelt, dass sie ihn einsperrt. Warum?

"Lornas Schweigen" beginnt mit dem Blick in einen intimen Raum, in dem etwas nicht stimmt. Nach und nach erst, mal gleitend, mal sehr ruckartig bewegt sich der Film heraus aus diesem Raum und ermöglicht den Blick von außen. Dann wird klar: Hier ist keine Intimität, vielmehr, hier dürfte keine sein. Der intime Binnenraum ist seiner Konstruktion nach rein ökonomisch-funktional, keine Liebe, kein Mitgefühl, nur Wahrung eines Scheins, der Profit bringt: Lorna braucht den belgischen Pass. Claudy braucht das Geld. Beide bedienen sich des anderen, um zu bekommen, was sie brauchen. Claudy ist für Lorna das Pfand, nicht nur zum Leben in Belgien. Ihre Immigration ist arrangiert von Typen im Hintergrund, die sie, als Belgierin dann, für viel Geld wiederverheiraten wollen an einen Russen. Eine ausgeklügelte Ökonomie, die aus der Kalkulation mit Standortvorteilen und dem Wohlstandsgefälle Profite zieht. Menschen sind reduziert auf ihren Nutzen: die zunächst völlig wertlose Albanierin, die, in eine Belgierin transformiert, eine ungeheure Wertsteigerung erfährt; der drogensüchtige Claudy, dem seine Staatsbürgerschaft Zugang zu dieser Ökonomie verschafft.

"Lornas Schweigen" ist ein humaner Film, weil er glaubt, dass Mitgefühl nicht ausbleibt; dass, weniger sentimental formuliert, Rechnungen, die mit Mitgefühl nicht rechnen, nicht aufgehen. "Lornas Schweigen" ist ein humaner, aber kein naiver Film, weil er zeigt, dass die, die die großen Rechnungen schreiben, mit allen Mitteln passend machen, was nicht passt, dass das, was das Aufgehen der Rechnung stört, aus den Rechnungen einfach rausgekürzt wird. "Lornas Schweigen" ist kein naiver, aber auch kein zynischer Film, weil er die Amoral vorführt als das, was sie ist, und auf dem Humanum des Mitgefühls insistiert. Weil er der Figur, die ihrem Mitgefühl folgt, bis in den Irrsinn, der wiederherstellen will, was nie war, treu bleibt und ihr einen, und sei es noch so schmalen, fragwürdigen Ausweg lässt.


Das muss so vage formuliert werden, denn der Film arbeitet mit den und gegen die Erwartungen des Zuschauers. Er wechselt die Perspektiven, leitet in die Irre, stößt vor den Kopf und einmal macht er einen verstörenden, brutalen Schnitt, ein ganz scharfer Strich unter die Bilanz bis dahin. Die Dardennes, die mit "Lornas Schweigen" erstmals die Kleinstadt Seraing, den Schauplatz ihrer bisherigen Filme zugunsten Lüttichs verlassen haben, die erstmals sich ganz im Ernst dem Genre-Kino nähern, ziehen durch ihren Erzählraum unberechenbare Kraftlinien; es gibt einen krimiähnlichen Plot, der aber nie dem Genre gehorcht, sondern die Sonde ist, die in die Realitäten gelegt wird. Dieser Plot ist notwendig, weil sich nur so die komplexe Situation entfalten lässt, und er ist in seinen filigran gearbeiteten Bewegungen sensibel genug, um an vielen Stellen unerwartete Wendungen zu nehmen. Das Ende ist dann nur konsequent. Weil der Film dem ökonomischen Kalkül den Kampf ansagt - ohne seine Gewalt und seine Macht leugnen zu wollen und zu können - lässt er zuletzt die eigene dramaturgische Ökonomie verrückt spielen und alles so tröstlich und trostlos ausgehen wie ein mitten in der Erzählung abgebrochenes Märchen.

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Zwei Häuser waren - gleich an Würdigkeit - , hier in Verona, wo die Handlung steckt, durch alten Groll zu neuem Kampf bereit, wo Bürgerblut die Bürgerhand befleckt. Aus dieser Feinde unheilvollem Schoß, das Leben zweier Liebender entsprang ...

Stopp. So kann man eine Kritik zu "House Bunny" nicht beginnen. Würdigkeit: Quatsch. Verona: Quatsch Quatsch. (Wir sind natürlich in LA.) Bürgerblut: Quatsch Quatsch Quatsch. Mit einem Wort: This ain't no Shakespeare.


Willkommen stattdessen erst mal im Haus, das dem unheilvollen Schoß Hugh Hefners entsprang. Herein spazieren wir nämlich ins "Playboy Mansion" zu Filmbeginn. Ein Anwesen ist's, in dem der Hedonismus und die Verachtung der inneren Werte gedeihen. In dem prächtige Kerle berauschende Drinks zubereiten. In dem leicht bekleidete Frauen am Swimming-Pool sitzen und sich nichts sehnlicher wünschen, als von der Kamera entjungfert, soll heißen zum Centerfold und Playmate des Monats zu werden. Das Leben als Foto-Shooting mit Mix-Getränk, frei nach der Dokusoap "The Girls of the Playboy Mansion" und Hugh Hefner, der Playboy-Gründer und Beglücker der blondesten Frauen, steckt, bauch- und sonstwo gepinselt, natürlich aasig lächelnd auch drin, in Handlung und Film.

Dafür fliegt Shelley (Anna Faris) gleich raus. Nicht aus dem Film, der ihr aus dem Playboy Mansion ins richtige Leben folgt, sondern aus dem Bunny-Paradies. Dabei hat sie ganz sicher von keinem Baum der Erkenntnis genascht. Hat keiner Schlange gelauscht, keinen Apfel gepflückt und womöglich auch keinen Adam geküsst. "Ich bin erst 27", sagt sie, die niemals Playmate des Monats war. "Das sind", kommt die ernüchternde Antwort, "59 Jahre im Bunny-Maß". Klingt hart, ist aber, wie wir später erfahren, so gar nicht wahr. Überhaupt alles nur eine blöde Intrige üblen Natterngezüchts, nichts als alter Groll und neue Eifersucht. Näher, Hugh Hefner, wollen die Playmates zu dir und gehen dafür, wenn es sein muss, in aller Unschuld auch über Leichen.

Shelley, das Häschen, ahnt davon nichts. Schließlich ist sie dumm und tut nicht nur so. Im Hirn ist nicht viel, aber das Herz sitzt am rechten Fleck. Oh, du wohlgerundete Verkörperung amerikanischer Werte! Oh, du zukünftige Hockey-Mom! Oh, du blonde blauäugige blöde Kuh! Dabei ist Shelley gewiss kein Barracuda, eher ein freundlicher Putzerfisch. Wird auch keine Gouverneurin mit Russlandblick aus ihr, dafür eine Art resolute Gouvernante. Es verschlägt sie nämlich ausgerechnet ins akademische Milieu, da lässt der sehr viel bessere "Natürlich blond", von denselben Autorinnen verfasst, recht schön grüßen. Shelley, auf die Straße gesetzt, klappert des komischen Kontrasts wegen die Sorority-Häuser ab und landet beim schwer in seiner Existenz gefährdeten Haus Zeta Alpha Zeta, in dem ein Nerdkabinett aus Feministinnen, Lesben und sonstwie Gestörten steckt.


Shelley, ganz der gesunde Menschenverstand im gesunden Bunnykörper, treibt alsbald den Spaßbremsen das Spaßbremsen aus. Als Auto-Putzerfisch im Vorgartengrün. Als Streberinnenschreck von der Main Street. Sie zeigt den verklemmten Mädels, was in ihnen steckt, nämlich die reine postfeministische Freude am Leben. Macht euch locker, ihr Lieben. Erst übertreiben sie's in der Überwindung des inneren und äußeren Schweinehunds, dann findet sich das richtige Maß und der sozial engagierte Junge von nebenan, den man ganz First-Dude-mäßig heiraten kann, der findet sich auch. Diesen Kalibrierungsprozess schildert der Film, der sich mit treuherzigem Aufschlag der Augen zu den äußeren auch die inneren Werte wünscht und insgesamt doch nur spielen will. Für die Botschaft, die er vermutlich nicht mal zu haben glaubt, ist "reaktionär" gar kein Ausdruck. Aasig lächelnd gibt Hugh Hefner zum Ganzen, das versteht sich von selbst, seinen Segen.

Le Silence de Lorna - Lornas Schweigen. Belgien / Frankreich / Deutschland 2008 - Originaltitel: Le Silence de Lorna - Regie: Luc Dardenne, Jean-Pierre Dardenne - Darsteller: Arta Dobroshi, Jeremie Renier, Fabrizio Rongione, Alban Ukaj

House Bunny. USA 2008 - Originaltitel: The House Bunny - Regie: Fred Wolf - Darsteller: Anna Faris, Emma Stone, Kat Dennings, Katherine McPhee, Colin Hanks, Beverly D'Angelo, Lauren Hill, Rumer Willis, Kiely Williams, Dana Goodman