Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.09.2003. In der taz unterhalten sich Alexander Smoltczyk und Dirk Baecker über ein pädagogisches Experiment an 82 Millionen Menschen: das Dosenpfand. Die NZZ sieht Anzeichen für ein Erwachen der italienischen Intellektuellen. Die FR erzählt von einer Reise nach Indien. Die SZ erkennt, in welch einem "maßlos reichen und kulturell blühenden Land" wir eigentlich leben. Und die FAZ hat Geschmack an billiger Pornografie gefunden.

TAZ, 19.09.2003

Ein ausgesprochen hübsches Interview hat Spiegel-Autor Alexander Smoltczyk mit dem Soziologen Dirk Baecker über das Dosenpfand geführt, über Tonnenwarte und den puritanischen Kern des Ganzen: "Ist das Dosenpfand eine Art Experiment mit 82 Millionen Probanden?" - "Der Bürger wehrt sich gegen pädagogische Zumutungen, weil er glaubt, nicht mehr erzogen werden zu müssen. Doch in einem zweiten Schritt ist er zu dem Experiment bereit, weil er sich sagt, dass vielleicht nicht er selbst, aber doch mit Sicherheit sein Nachbar erzogen werden muss. Der Bürger persönlich wehrt sich gegen die politische Macht. Gleichzeitig ist er jedoch froh, dass es sie gibt, damit die anderen unter Kontrolle sind. Wenn die Kosten dieser Erziehung dann auch noch einem Dritten aufgehalst werden können, in diesem Fall der Industrie, dann liegt es nahe, nicht zu rebellieren." - "Wäre solch eine Operation Dosenpfand in einem anderen Land außerhalb Nordkoreas und Chinas vorstellbar?" - "Ja, in Italien. Das Land steckt voll absurder bürokratischer Regelungen, die interessanterweise nur deswegen keine Verwirrung anrichten, weil sie sowieso keiner ernst nimmt."

Ira Mazzoni feiert einen Coup: Die Münchner Straßenzeitung "Biss" hat mithilfe einiger Prominenz die Ausstellung "Architektur der Obdachlosigkeit" im "teuersten Ausstellungsraum Münchens", der Pinakothek der Moderne, auf die Beine gestellt. In der Kolumne "zwischen den rillen" begrüßt Harald Fricke die Rückkehr des "Pop der Marke 1972" in Gestalt von David Bowie und Josh Rouse. Stefan Kuzmany braucht 100 Zeilen, um an Joschka Fischers Scheidung nichts zu finden. Besprochen wird das neue Album "World Wide Underground" der Neo-Soul-Königin Erykah Badu.

Und schließlich Tom.

SZ, 19.09.2003

Sage und schreibe 2493 Neuinszenierungen in Oper, Operette, Musical, Sprechtheater und Tanz fanden in der Saison 2001/2002 auf deutschen Bühnen statt. "Diese weltweit alles in den Schatten stellende Zahl muss man sich erst einmal staunend vergegenwärtigen, um zu begreifen, in welch einem maßlos reichen und kulturell blühenden Land wir noch immer leben", hält Reinhard J. Brembeck vom Glanz der deutschen Theater landschaft fest, um flugs zum Elend zu kommen: "Jede verkaufte Theaterkarte ist im Schnitt mit 96 Euro bezuschusst."

Weiteres: Dirk Peitz lobt die Beginner dafür, dass sie sich vom "Abziehbild" amerikanischer HipHopper ferngehalten haben, eine Biografie wie etwa 50 Cent kann eh niemand aus Hamburg (von Sindelfingen ganz zu schweigen) vorweisen. Mit Entsetzen nimmt Ira Mazzoni zur Kenntnis, dass die Zeche Zollverein in Essen zum "ersten modernen Weltkulturerbestandort", sprich Wirtschaftsstandort, ausgebaut werden soll. Jens Bisky kündigt erfreut an, dass im Palast der Republik nun doch wieder Musik spielt. Fritz Göttler sieht gar nicht so schlechte Oscar-Chancen für "Good Bye, Lenin!". "jhl" erläutert Daniel Libeskinds letzte Änderungen an seinem Ground-Zero-Entwurf. Helmut Schödel meldet, dass Peter Handkes "Untertagblues" bei Peymann am Berliner Ensemble uraufgeführt wird. Alexander Menden berichtet von einem Symposium zur Lage des Musikmarktes.

Besprochen werden Wolfram Wagners Selbstmörder-Oper "Endlich Schluss" ("Wien kann so depressiv machen im November. Auch wenn es erst September ist" seufzt denn auch Rezensent Gerhard Persche), eine Ausstellung des Konzeptkünstlers Robert Barry in der Kunsthalle Nürnberg, Hanno Hackforts "großer kleiner" Film "Junimond", die Sixties-Komödie "Flight Girls" mit Gwyneth Paltrow und Candice Bergen. Und Bücher, darunter Peter Renners Roman "Griff in die Luft" Peter Stamms Erzählungen "In fremden Gärten", Peter Blickles Geschichte der Freiheit in Deutschland und Susanne Fohlers Studie "Techniktheorien" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 19.09.2003

Endlich hat mal wieder ein italienischer Intellektueller den Mund aufgemacht, freut sich Franz Haas. Das Land gewöhne sich nämlich langsam an Berlusconis verbale Ausfälle, die kürzlich in der Aussage gipfelten, Mussolini habe eigentlich gar niemanden umgebracht, er "habe seine Gegner bloss 'in die Ferien geschickt' ". Was anscheinend niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlockt. Doch "in dieses Schweigen der Geistesfürsten platzte der Dichter Sanguineti: Die italienische Verfassung berufe sich ausdrücklich auf antifaschistische Werte, und eine der Aufgaben des Intellektuellen sei es, über das Gewissen zu wachen. Er nannte den verbalen Brandstifter Berlusconi nicht beim Namen, aber den Damen und Herren in den Abendroben war alles klar. Und er bekam viel Beifall. Der Autor Luigi Malerba stimmte ihm zu, ebenso der Philosoph Umberto Galimberti: Sanguineti habe gut getan, das Mikrofon zu nutzen, in einem Land, wo neben witzelnden Politikern nur noch Fussballspieler und Tänzerinnen zu Wort kämen."

Weitere Artikel: Sabine Haupt sorgt sich, ob die Kürzungsdrohungen der Stadt Genf an die Adresse des Balletts des Grand Theâtre ernst zu nehmen sind. Ein in Schwaben lebender Kurde hat mündlich überlieferte kurdische Sagen und Mythen aus seiner Erinnerung ins Deutsche aufgeschrieben. Martin Zähriger macht sich anlässlich der Besprechung Gedanken, wie es um das durch das Sprachverbot geknebelte kulturelle Erbe der Kurden bestellt ist.

Besprochen wird Jarg Patakis Inszenierung des "Fliegenden Holländers" in Luzern.
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Stichwörter: Genf, Kurden, Luigi Malerba

FR, 19.09.2003

Leider, leider funktionieren die Links heute nicht richtig in der FR, so dass das heutige Highlight der Ausgabe nur bruchstückhaft zu lesen ist: Die Überlegungen des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Geoffrey Hartmanns zu Maurice Blanchots "ästhetischer Theorie der Selbstverleugnung".

Eindrücke von einer Reise nach Bombay schildert Silke Hohmann, etwa von ihrer Begegnung mit der Künstlerin Shilpa Gupta: "Kunst, sagt Shilpa, hat in Indien meist die Aufgabe, zu den Vorhängen der oberen Mittelklasse-Wohnzimmer zu passen. Darum ist es wichtig, die Leute da zu erreichen, wo sie es nicht erwarten. Beim Lunch im Intellektuellen-Treff "Samovar" zum Beispiel, wo sie neulich Tischservices mit dem Stadtplan von Karatschi ausgelegt hat, in dem alle indischen Restaurants eingezeichnet waren. Den Kaschmir-Konflikt zum Curry wollte aber nicht mal die Kulturelite von Bombay aufgetischt bekommen, und empörte sich sehr. Empörung allerdings wäre noch das Geringste, wenn Shilpa einmal die Arbeit mit den blutigen Unterhosen in ihrer Heimat zeigen würde. Für die hat sie Blutflecken ausgeschnitten und ließ sie in feinster Handarbeit auf saubere Unterwäsche aufsticken."

Alexander Kluy berichtet von einer Tagung in Erkner über das Schrumpfen der Städte. In Times mager befasst sich Michael Rudolf mit der thermischen Veredlung des Milchbrätlings. Und hier stimmt die FR auf die im Feuilleton anstehenden Veränderungen ein.

Besprochen werden James Mangolds Psychothriller "Identität" und Bücher: Fritz J. Raddatz' Erinnernungen "Unruhestifter", Ernst Klees Personenlexikon zum Dritten Reich" sowie Robert Dalleks Kennedy-Biografie "Ein unvollendetes Leben" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 19.09.2003

Paul Ingenday hat sich den schlüpfrigen spanischen Theaterherbst zu Gemüte geführt und dabei einmal mehr festgestellt, dass tabulose Offenkundigkeit noch lange keine Kunst ist, sondern eher "penibel und vage". Verzaubert hat ihn allerdings "Pornografia barata" (billige Pornografie), ein Stück der Truppe Animalario, die mit wunderbar einfachen Mitteln zum Ziel kommt und sogar eine Szene ganz im Dunkeln spielen lässt: "Es war wunderbar, dicht neben dem Bett zu hocken und der Katastrophe zwischen den Laken zu lauschen. Mehr noch als Haut bestand sie aus Worten."

Weitere Artikel: Anlässlich des Kanzlerbesuchs in der Schweiz rekapituliert Jürg Altwegg die Geschichte einer "unbewältigten Nachbarschaft". Der israelische Schriftsteller David Grossmann vermutet, dass Ariel Sharon vorhat, als der Mann in die Geschichte einzugehen, der den palästinensischen Staat nicht gegründet hat. Erstmals veröffentlicht wird Bertolt Brechts Vorwort zum "Dickicht der Städte", in dem er das Theaterpublikum der kunsttötenden Anspruchslosigkeit bezichtigt: "Unter nichts leiden die Theater so sehr als darunter, dass man nichts von ihnen verlangt." Matthias Grünzig ist begeistert von der sanierten Magdeburger Siedlung Cracau, die aus der Zeit des Neuen Bauens stammt und nun saniert wurde. Bettina Erche berichtet über den Streit um die Braunschweiger Stadtschlossreplik. Monika Osberghaus gratuliert dem engagierten Jugendbuchautor Klaus Kordon zum Sechzigsten. Hannes Hintermeier hat die Internationale Automobilausstellung durchstreift und Einblicke in die Zukunft des "homo alufelgiensis" gewonnen. Lorenz Jäger berichtet über neue Ärgernisse innerhalb der Eagleburger-Kommission, die für die Entschädigung der NS-Opfer verantwortlich ist: Offenbar übersteigen die Verwaltungskosten der Kommission die zur Entschädigung vorhandene Summe. Und "rmg" begrüßt, dass Hans Holbeins "Graue Passion" nun in den baden-württembergischen Landesbesitz übergeht.

Auf der Medienseite freut sich Hendrik Feindt über Henri-George Clouzots Film "Der Lohn der Angst", den das ZDF erstmals in seiner Urform ausstrahlt. Jürg Altwegg berichtet, wie es Frankreichs obersten Medienaufseher Dominique Baudis gelang, seinen Rufmord zu besiegen. Und Jörg Thomann hat die Debatte aufgespürt, die Deutschland in Kürze bewegen wird: Günter Netzer kann es nicht lassen und behauptet, Michael Ballack mangele es an Führungsqualitäten, weil er nun mal ein Ossi sei.

Besprochen werden Ridley Scotts neuer Film "Tricks" mit Nicholas Cage, James Mangolds Thriller "Identität", eine Ausstellung des Holzbildhauers Rudolf Wachter in der Münchner Hypo-Kunsthalle, das Konzert der Britpop-Band Spearmint in Frankfurt und Bücher - Svetlana Vasilenkos "großer kleiner" Roman "Die Närrin und Ulf Stolterfohts Gedichtband "fachsprachen X - XVII".