Sarah Haffner: Christopher Isherwood in Berlin, 2007. Bild: Galerie Poll. Nur einen einzigen Tag (heute) werden die Gemälde Sarah Haffners in der Berlinischen Galerie ausgestellt, bedauert Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Sie werden "werden vorerst wissenschaftlich bearbeitet und für spätere Ausstellungen vorbereitet", heißt es dazu. Schade, denn die überwiegend blauen Kunstwerke Haffners, die in Cambridge geboren wurde und als Jugendliche nach Deutschland kam, um dann an der HdK zu studieren, findet die Kritikerin faszinierend: "Die radikale Verknappung der Formen war schon früh ihr Markenzeichen. Was man sieht, ist nur scheinbar real. Stimmungen, Erscheinungen, Gedanken gerinnen zu dichten, strengen Formen für Gestalten und den Stadtraum Berlins, wo helle Farben zu dunklen, warme zu kalten komponiert sind. Auf suggestive Effekte verzichtete sie. Nicht aber auf Plastizität. Bis ins Alterswerk hinein malte sie scharfkonturige, fensterlose Häusergebirge. Brandmauern, Brücken, Treppen und Wände, die einen zurückstoßen, aber faszinierend charaktervoll sind: das steinerne Berlin."
Wie gehts weiter mit der Documenta? Im SZ-Interview versichert Sven Schoeller, neuer grüner Bürgermeister und Kulturdezernenten von Kassel, einen Antisemitismusskandal wie beim letzten Mal dürfe es nicht wieder geben. Daher habe man eine "Beratungsgesellschaft" mit einer "Organisationsanalyse" beauftragt. Die Rolle des Bundes, der derzeit viel Geld an die Documenta gibt, aber nicht mitreden darf, möchte er aber nicht ändern: "Die Documenta fifteen hat meiner Meinung nach nicht wegen der Gesellschafterstruktur ihres Trägers polarisiert - dies scheint vor allem an mangelnder Kommunikation zwischen der gGmbH, deren Organen und den Kuratoren gelegen zu haben", meint er. Alles weitere dann nach den Befunden der "Beratungsgesellschaft".
Weitere Artikel: Kerstin Holm widmet sich in der FAZ den verschiedenen Ausstellungen afrikanischer Kunst in Russland und der völlig ausbleibenden Reflektion des russischen Imperialismus und Kolonialismus in diesen Zusammenhängen. Das Museum of Popular Culture Seattle stellt zwar immer noch Artefakte aus dem Harry-Potter-Universum aus, hat aber alle Hinweise auf J.K. Rowling getilgt, weil der "ursprüngliche Autor schrecklich ist", wie es in einem Blog des Museums heißt, meldet die Berliner Zeitung. Anlass scheinen Rowlings Ansichten zu Transpersonen zu sein: Ihrer Meinung nach ist eine Frau eine Frau und eine Transfrau eine Transfrau.
Besprochen werden die Ausstellung "Lee Miller. Fotografin zwischen Krieg und Glamour" im Hamburger Bucerius-Forum (NZZ) und die Werkschau Ron Muecks in der Fondation Cartier in Paris (Welt).
Matthias Sander hat für die NZZ eine Ausstellung des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien im chinesischen Shenzhenbesucht. Dort gibt es einen Raum, der nur ausgewählten Personen zugänglich ist. Die Kunst dort soll besonders kritisch sein, erfährt Sander, der ziemlich enttäuscht ist, als er in der verbotenen Kammer steht: "Eine große Leinwand zeigte ein Video von Manhattan am 11. September 2001, über der Skyline waberten dunkelgraue Rauchschwaden. Eine Installation bestand aus übereinandergestapelten Käfigen, in denen jeweils eine Schale Plastik-Hundefutter und ein großer Fernsehbildschirm standen. Ein drittes Werk schien so harmlos, dass wir Neugierigen rasch daran vorbeiliefen und es gleich vergaßen. ... Wir fragten den Museumsführer, warum diese Werke separat ausgestellt wurden. Er sagte, das Museum wolle den Besuchern keine 'furchteinflößenden' Werke zumuten, zumal auch Kinder kämen. Die Besucher sollten eine gute Zeit haben, die Kunst solle 'meihao' sein - das lässt sich übersetzen mit 'schön', 'gut' oder 'glücklich'. Der Nebenraum werde deshalb nur Experten gezeigt." Nicht "meihao" ist übrigens auch alles Nackte, erfahren wir.
Weiteres: In München wurde wegen der "wirtschaftlichen Lage" die geplante Kunst am Bau des erweiterten Flughafenterminals 1 gestrichen, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Im Tagesspiegel ist Bernhard Schulz ganz zufrieden mit dem Urteil zum Bild "Paris-Bar" (unser Resümee), das der Plakatmaler Götz Valien im Auftrag von Martin Kippenberger malte: "Kopf und Hand, im Münchner Gerichtsurteil finden sie endlich wieder zusammen." Gunda Bartels besucht für den Tagesspiegel den Konzeptkünstler Nasan Tur, der gerade in der Berlinischen Galerie ausstellt, in seinem Atelier in Hohenschönhausen. Besprochen werden außerdem die Gruppenausstellung "Words don't go there" im Kunstverein Braunschweig (taz), die Bisky-Ausstellung "Im Freien" im Kunstverein Freunde Aktueller Kunst in Zwickau (BlZ) und die Ausstellung der Fotografien Lee Millers im Bucerius-Forum in Hamburg (NZZ).
Studio von Rosa Bonheur. Foto: Chateau de Rosa Bonheur Wie konnte man diese Malerin vergessen? FAZ-Kritiker Marc Zitzmann flaniert durch das Atelier der Künstlerin Rosa Bonheur, das wirkt, als hätte die "renommiertesten Tiermalerin" des 19. Jahrhunderts gerade noch eine Zigarette auf ihrem Fauteuil geraucht: "In einem Eck mutet das kleine Fotolabor - eines der drei ältesten weltweit erhaltenen - gebrauchsbereit an; auf einer Palette liegen noch halb ausgedrückte Farbtuben; ein Blick in den puppenhaften Nebensalon offenbart gar liegen gelassene Zigarettenstummel! Das Interessanteste am Atelier sind indes die Werke - und die Tiere. Pferde und Hunde, Rinder und Ziegen, aber auch Bisons und Löwen...Dass sie statt Menschen lieber Tiere malte und diese gern mit einem seelenvollen Blick versah, bildete im anthropozentrischen neunzehnten Jahrhundert eine sanfte Provokation. Doch blieb diese ob der virtuos-lebensechten Faktur der oft monumentalen Gemälde weitgehend unbemerkt."
Weitere Artikel: Kathleen Hildebrandt stellt in der SZ die Künstlerin Hanna Hape vor, die berühmte weibliche Aktfotos von Helmut Newton mit Männern und queeren Personen als Modellen nachstellt: "Was ist absurder - dass da ein Mann mit geöffnetem Hemd und ohne Hose auf einem Bett kniet, mit einem Sattel auf dem Rücken, und verklärt in die Kamera blickt? Oder die Tatsache, dass das Bild einer Frau in derselben Pose eine Ikone der modernen Fotografie ist?" Die Berlinische Galerie plant das Wohn- und Arbeitsanwesen aus dem Nachlass des Künstlerpaares Martin und Brigitte Matschinsky-Denninghoff zu verkaufen, meldet Michaela Nolte im Tagesspiegel. Ehemalige Künstlerkollegen sind entsetzt und sehen deren "Erbe mit Füßen getreten", so Nolte.
Ausstellungsansicht "For Real" im Kunsthaus Zürich. Foto:Kunsthaust Zürich. Wo die Realität aufhört und die Fiktion beginnt, kannWelt-Kritiker Andreas Rosenfelder in der Ausstellung "For Real" in der Kunsthalle Zürich nicht mehr sagen. Wie nach einer "kleinen Gehirnwäsche" fühlt er sich, nachdem er die Videoinstallationen von Christopher Kulendran Thomas gesehen hat. Das ist aber Absicht, denn was der Londoner Künstler ergründen möchte, sind die "kollektiven Halluzinationen" der heutigen Gesellschaft, so der Kritiker: 'In seinen Videoarbeiten erkundet Kulendran Thomas diesen psychedelischen Albtraum mit den hyperrealistischen Mitteln der digitalen Bilderzeugung. So hat er einen Avatar von Kim Kardashian erzeugt, der mittels Text-zu-Sprache-Algorithmus in echter Kardashian-Stimme medienphilosophische Theoreme ausführt und etwa erläutert, wie Social Media durch die Ausschüttung von Dopamin unser neuronales Netzwerk, ja den Menschen als Spezies dauerhaft verändert. Und das ist kein Gag auf Kosten der Reality-TV-Heldin, die Kulendran Thomas ernsthaft bewundert: 'Ihr Vater war Anwalt und hat O.J. Simpson vor Gericht vertreten', sagt er. Schon als Kind habe Kim Kardashian so durch die Beobachtung des Prozesses gesehen, wie Wahrheit 'geformt und verdreht' werden könne: 'Die Institutionen der Demokratie', das wisse sie seither, 'können durch Storytelling manipuliert werden.'
In der SZ skizziert Peter Richter die Folgen des Urteils des Münchner Landgerichts, das dem Maler Götz Valien Co-Autoren-Rechte an Werken von Martin Kippenberger zugesprochen hat (Unsere Resümees). "Im Kern ging es dabei um die Frage, ob ein Künstler, der bei einem anderen mit genauen Anweisungen die Anfertigung eines Gemäldes in Auftrag gibt, als Schöpfer des Kunstwerks zu betrachten ist, weil von ihm schließlich Idee und Konzept stammen - oder der, der es umsetzt und ausführt." Aber Ideen kann man nicht schützen, "predigt dagegen wieder und wieder der Anwalt Peter Raue, der in dieser Sache Valien vertritt: Das werde leider offensichtlich von Juristen besser verstanden als im Kunstbetrieb. Tatsächlich ist damit nämlich gewissermaßen das Konzept der Konzeptkunst berührt. In der Fachöffentlichkeit hatten sich jedenfalls viele eher für die Position der Kippenberger-Seite ausgesprochen."
Besprochen werden die Ausstellungen "Abe Frajndlich. Chameleon" im Fotografie Forum Frankfurt (FAZ) und "Les derniers Soulages 2010-2022" im Musée Soulages in Rodez (FAZ).
Kohei Nawa, PixCell-Reedbuck (Aurora), 2020. Courtesy the artist and Scai the Bathhouse / Tokyo Gendai art fair
In der NZZunterhält sich Philipp Meier auf der Kunstmesse in Tokio mit dem japanischen Künstler Kohei Nawa über die Lehren des Shintoismus und die neuen Götter der Postmoderne, KI und Big Data: "Wir glauben uns heute von Göttern befreit zu haben, aber wir folgen diesen neuen Autoritäten oft blind wie die Menschen im Mittelalter ihren Königen...Die japanischen Inseln sind das Zuhause von rund acht Millionen Göttern. Alles kann ein Gott sein: Wasser, Steine, ein Berg, ein Baum. Daher kann sich niemand eine klare Vorstellung von einem Gott machen. Aus diesem Grund ist das Innere eines Shinto-Schreins leer. Das passt zu unserer diversen Zeit. Wir können uns Religionen und Überzeugungen aussuchen und unter ganz verschiedenen Ideen und Vorstellungen auswählen. Da können überall Götter sein. Das ist die große Herausforderung unserer Zeit."
Besprochen werden die Ausstellungen "Lee Miller. Fotografin zwischen Krieg und Glamour" im Bucerius Kunstforum in Hamburg (taz), "Judit Reigl. Kraftfelder." in der Neuen Nationalgalerie in Berlin (FR) und "Himmlischer Barock - Jürgen Ovens" im Schleswiger Dom (FAZ).
Exhibition view of "Everybody Talks About the Weather", Fondazione Prada, Venice, Ph. Marco Cappelletti So hat FAS-Kritikerin Karen Krüger Monets berühmtes Werk "Impressionen, Sonnenaufgang" noch nie gesehen. Die Ausstellung "Everybody Talks About the Weather" in der Fondazione Prada in Venedig zeigt quer durch die Kunstgeschichte, wie Künstler das Wetter malten. Das hat allerdings einen sehr aktuellen Hintergrund, so die Kritikerin. So erscheint beispielsweise das berühmte dunstig-blaue Morgenlicht im Monet-Gemälde hier gar nicht mehr so idyllisch: Die angebrachten Info-Tafeln interpretieren den Dunst als erste Anzeichen von industrieller Verschmutzung und Beginn des Klimawandels. Auch mit zeitgenössischen Werken soll mehr Aufmerksamkeit für das Thema geschaffen werden: "Von unschuldiger Schönheit scheint...der Wandteppich "Kinked Rain/ Gold" (2022) von Pae White zu sein, der aus Wolken Regen in Form goldener Fäden niedergehen lässt. Er ist ein wiederkehrendes Elementen in Whites Arbeiten, genauso wie Rauch. Als Kalifornierin kennt sie die Zerstörungskraft von Hitzewellen und Feuer - und die lebensrettende Bedeutung von Wolkenbrüchen, die, das ist in diesen Tagen oft zu hören, mit zunehmender Erwärmung an Intensität gewinnen werden. Ein Wolke am Himmel kann einfach nur das Objekt einer ästhetischen Betrachtung sein, an dem man sich erfreut - oder eben als ein Hinweis auf die menschengemachte Klimakatastrophe gelesen werden."
Weitere Artikel: Dakar ist das neue "Mekka für Street-Art und Graffiti", entdeckt Jonathan Fischer für die SZ. Neben ihrem künstlerischen Wert, haben die Werke auch eine wichtige soziale und politische Funktion, so Fischer. Zu ihrem dreihundertjährigen Jubiläum hat die Ernst von Siemens Kunststiftung der Schatzkammer des Grünen Gewölbes in Dresden ein prächtiges Präsent überreicht, weiß Stefan Trinks in der FAZ: "ein Prunkschach aus Elfenbein, Ebenholz, Schildpatt und Silber aus der Zeit des Museumsgründers, August des Starken".
Besprochen wird die Ausstellung "Künstler, Kollegen, Sammler - Carl Blechen und die Fricks" im Schloss Branitz (FAZ).
Weiteres: Ingeborg Ruthe betrachtet für die Berliner ZeitungDavid Hockneys Porträt des Popstars Harry Styles im Biene-Maja-Strickjäckchen und mit Perlenkette. Nina Nevermann stellt in der taz das geplante neue Museum für digitale Kunst in Hamburg vor. Hannes Hintermeier gratuliert in der FAZ dem Münchner Kunstverein zum zweihundertsten Geburtstag. Besprochen wird die Gruppenausstellung "Das große Fressen", die sich auf verschiedene öffentliche Gebäude in Bregenz verteilt (Standard).
Konrad Klapheck, She-Dragon, 1964. Bild: WikiArt.org
Der deutsche Pop-Art-Pionier Konrad Klapheck ist gestorben. In der FAZ erinnert Rose-Maria Gropp an einen Künstler, der die Unsterblichkeit der Maschinen suchte und statt desse ihre Vergänglichkeit fand: "Seine - erste - gemalte Schreibmaschine von 1955, mit einem schon verdächtig straff eingespannten, weißen Blatt Papier, hieß noch schlicht 'Schreibmaschine'; da träumte Andy Warhol in New York noch von seinem frühen 'Type writer'. Die Schreibmaschine, unter anderen Geräten, wird in Klaphecks Werk diverse Metamorphosen durchmachen, unter sehr verschiedenen Namen, das zudem. Ein senkrecht gestelltes Bügeleisen heißt 1964 'Der Hausdrachen' ... Die delikate Sinnsuche in seinen Bildern gibt Klapheck sein Alleinstellungsmerkmal. Er ist der Maschinist einer scheinbar unschuldigen Dingwelt, die in ihren Formen so vertraut wie in ihrer Zurichtung unheimlich wirkt." So empfand das wohl immer auch taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller: "Die Dingwelt, die er seit den sechziger Jahren oft monumental ins Bild setzte, mochte zwar dem banalen Alltag entstammen, auffallend oft auch den Arbeitsplätzen der Frauen, als Hausfrau oder Sekretärin. Aber in ihr hallte die militärische Aufrüstung und Ordnungswut des zurückliegenden Nationalsozialismus ebenso nach, wie sie den Wirtschaftswunderzeiten, der Aufrüstung der Haushalte mit Elektrogeräten einen Echoraum baute. Etwas vom Geist der Militarisierung schien sich da eingenistet zu haben, wo genäht und getippt wurde, und das hatte oft auch etwas Unheimliches."
Weiteres: In der FAZ gratuliert Stefan Trinks der südafrikanischen Künstlerin Marlene Dumas zum Siebzigsten. Besprochen werden eine Überblicksschau des Fotografen Arno Fischer im Berliner Haus am Kleistpark (taz), Zeichnungen von Kathrina Karrenberg im Lichtenberger Ausstellungsraum After the Butcher (taz) und die Ausstellung "Gezwitscher. Kunst aus der Vogelperspektive" in der Kunsthalle Wilhelmshaven (taz).
Kulturpfarrer Thomas Zeitler spricht im Interview mit Andreas Thamm in der taz über die Ausstellung "Jesus liebt" mit Bildern von Rosa von Praunheim in der Kirche St. Egidien in Nürnberg, die nach Protesten wieder geschlossen wurde.
Besprochen werden die Ausstellung "Monet im vollen Licht" im Grimaldi Forum Monaco (FAZ), die Ausstellung "Renegades. San Francisco: Queer Life in the 1990s" mit Fotografien von Chloe Sherman im F hoch 3 - Freiraum für Fotografie in Berlin (tsp), eine Ausstellung mit Werken von Anna Jermolaewa im Kunsthaus Bregenz (Standard).
Besprochen werden die Ausstellung "Elementare Gefäße. Eine andere Erzählung der Moderne" im Mies van der Rohe Haus in Berlin (taz) und die Ausstellung "Spanische Dialoge" im Berliner Bode Museum (FR).
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