Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.06.2024 - Kunst

Ausstellungsansicht. Dan Lie in Zusammenarbeit mit jenen, die nicht Menschen sind: The Reek, 2024. Hamburger Bahnhof. Courtesy Dan Lie

Mit James Richards, Hanne Lippard, Dan Lie und Pan Daijing teilen sich alle vier Nominierten den diesjährigen Preis der Nationalgalerie, die gemeinsame Ausstellung findet ab morgen im Hamburger Bahnhof statt. Im Tagesspiegel erkennt Birgit Rieger im Fokus auf den "Körper als Schnittstelle zur Welt" den roten Faden im Werk der KünstlerInnen: "Alle arbeiten multimedial, sprechen viele Sinne an, oft spielt Sound eine Rolle. So nutzt die schon lange in Berlin lebende Britin Hanne Lippard ihre Stimme, die Performance- und Klangkünstlerin Pan Daijing kreiert eine besondere Beziehung zum Raum. Videokünstler James Richards setzt in seinen Video- und Bildercollagen auf die Zusammenarbeit mit anderen. Bei Dan Lie geht es um die Kooperation mit nicht-menschlichen Organismen, mit Pflanzen, Pilzen, Bakterien, die schon viel länger den Planeten bevölkern als der Mensch."

In der Berliner Zeitung bewundert Ingeborg Ruthe vor allem Dan Lies Rauminstallation: "Diese 'Liebesgeschichte' ist ein ziemlich radikales Statement zum Rätsel des Lebens: Ein betäubender Geruch von Leben und Tod, von Vergangenheit und Zukunft, dieser süßlich faulende Gestank verwelkender Blumen, von Erde und Feuchtigkeit lässt an Friedhof denken. Oder an Urwald, wo sich immer alles erneuert, ohne den Eingriff der Menschen. Man sieht ein riesiges Vanitas-Bild, eine lebende und sterbende Installation aus tentakelartigen 'Ästen' von Bäumen, darauf keimenden Pflänzchen, Pilzen, Bakterien, kriechenden Insekten und in großen Girlanden, Gebinden oder auf unter Jutefetzen verborgenen Amphoren verwelkende Blumen. Das alles verwest, vertrocknet, verfällt im Laufe der Schau. Der ewige Kreislauf von Leben und Tod, von Werden und Vergehen und neuem Werden. Der Hoffnung."

Zum heutigen 80. Jahrestag des D-Day eröffnet im Berliner Kunsthaus Dahlem die Ausstellung "Bunker - Realer Raum der Geschichte", für die der Fotograf Andreas Mühe erstmals nicht Fotografien, sondern eine Installation ins Zentrum stellt. Birgit Rieger (Tsp) war bereits bei den Vorbereitungen zur Ausstellung dabei: "Für die Ausstellung hat er 6000 Bunker-Miniaturmodelle aus weichem Stoff anfertigen lassen, elf unterschiedlichen Formen - Bananenbunker, Kommandeursbunker, Offiziersbunker - drei verschiedene Grautöne, alle wurden sie von der Kösener Spielzeug-Manufaktur bei Naumburg von Hand genäht. Diese riesige Menge an 'Kuschel-Bunkern' soll in ein Becken im Kunsthaus Dahlem geschüttet werden. Wie im Bällebad im Einkaufsmarkt werden Besucher dann darin herumwaten können. (…) Mühe sagt, er blende bei seiner Kunst, die sich über Jahre hinweg entwickelt, die aktuelle Politik aus. Bei weich gewordenen Bunkern denkt man natürlich trotzdem an die aktuellen Kriege, in der Ukraine, in Gaza, an die zwiespältige Frage nach der Wehrhaftigkeit Deutschlands und Europas, an neu gebaute Bunker, an Kinder, die nicht darauf hoffen können, dass ein Bunker sie noch vor Kriegen schützt."

Weitere Artikel: Im NZZ-Gespräch vor einer Woche hatten Kuratorin Ann Demeester und Philipp Hildebrand, Präsident der Zürcher Kunstgesellschaft, die Schuld für das inzwischen auf 4,5 Millionen Franken angewachsene Defizit des Zürcher Kunsthauses vor allen bei den Vorgängern gesehen. (Unser Resümee) Einer der Vorgänger, Walter Kielholz, früherer Präsident der Zürcher Kunstgesellschaft, will sich dazu nicht öffentlich äußern, weiß Thomas Ribi in der NZZ: "Nur so viel sagt er: 'Niemand wurde getäuscht.' Man habe die Kosten sorgfältig berechnet. So gut man es konnte, aufgrund der Zahlen und der Annahmen, die man vor der Abstimmung 2012 gehabt habe. Aber die Welt, sagt Kielholz, habe sich verändert." Im Tagesspiegel schreibt Birgit Rieger den Nachruf auf den im Alter von 88 Jahren gestorbenen französischen Fluxus-Künstler Ben Vautier.

Besprochen wird die Ausstellung "Changing States. Ireland in the 21st Century. Zeitgenössische Fotografie aus Irland" im Berliner Haus am Kleistpark (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.06.2024 - Kunst

In der FAZ kommt Alexandra Wach auf die Schau "Survival in the 21st Century" in den Deichtorhallen Hamburg zurück, die angelegt als "Introspektion einer Zivilisation am Abgrund", auch eine Arbeit des amerikanischen "New Red Order"-Kollektivs enthält: Das Kollektiv zieht in einem Manifest eine direkte Linie vom Völkermord an den nordamerikanischen Ureinwohnern zum Vorgehen Israels in Palästina, wobei andere Akteure wie die Hamas und der Iran selbstverständlich ausgeblendet werden. (Unser Resümee). Auch Wach ärgert sich über die windelweiche Halbdistanzierung des Museums von dem Exponat, das sich auf einer Wandtafel auf die Kunstfreiheit beruft: "Argumentativ längst ein Totschlagargument, mit dem jeder aktionistischen Entgleisung die Tür in staatliche Räume geöffnet werden kann. Nach dieser Logik der angeblich hoch gehaltenen Vielstimmigkeit müssten gerade in einer Ausstellung, die zum Eingreifen und Zuhören der anderen Seite aufruft, Kunstwerke jeder politischen Couleur zur Diskussion gestellt werden, von der Leugnung des Klimawandels bis zur Kreml-Propaganda. Das gilt auch für künstlerische Reaktionen auf das Massaker vom 7. Oktober, nach denen man offenbar gar nicht erst gesucht hat."

Michelangelo Buonarroti (1475-1564), the punishment of Tityus. Black chalk on paper, 1532. Royal Collection Trust / © His Majesty King Charles III 2024

Viel Freude hat Alexander Menden in der SZ an der Ausstellung "Michelangelo - the last decade" im Londoner British Museum. Großartige Vorstudien zu Michelangelos berühmtester Arbeit, dem Jüngsten Gericht in der Sixtinischen Kapelle, gibt es hier zu bewundern. Außerdem wird die Beziehung des Künstlers zu seinem Zeichenschüler Tommaso de' Cavalieri beleuchtet. "Es ist ziemlich klar, dass der Künstler sich in den jungen Cavalieri verliebt hatte. Michelangelo schickte schwärmerische Briefe und Sonette mit den Zeichnungen, die sein Schützling kopierte und kommentierte. Die Darstellung des Riesen Tityos, dem zur Strafe für einen Vergewaltigungsversuch ein Adler die Leber herausreißt, ist eine weitere grandiose Körper- und Bewegungsstudie. Zugleich ist der animalisch auf dem daliegenden Körper hockende Adler unverkennbar erotisch aufgeladen. Der heidnische Mythos gibt dem Künstler Gelegenheit zu einer solch transgressiv erscheinenden Bildsprache."

Außerdem:Saskia Trebing berichtet in monopol über Neuerungen beim Preis der Nationalgalerie, der dieses Jahr gleich an vier künstlerische Positionen vergeben wird. Ebenfalls für monopol unterhält sich Philipp Hindahl mit der Künstlerin Haley Mellin.

Besprochen werden die Schau "Sex. Jüdische Positionen." im Jüdischen Museum Berlin (Berliner Zeitung), "Glanz und Elend. Neue Sachlichkeit in Deutschland" im Wiener Leopold Museum (NZZ), Pınar Öğrencis Schau "Glück auf in Deutschland" in der Galerie Tanja Wagner (taz Berlin), die Ausstellung "Andreas Mühe. Bunker - Realer Raum der Geschichte" im Berliner Kunsthaus Dahlem (Tagesspiegel) sowie Bridget Rileys Ausstellung "Circles and Discs" im Kurt Tucholsky Literaturmuseum Rheinsberg (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.06.2024 - Kunst

In einem Interview mit der FAZ drückte Diandra Donecker, Geschäftsführerin und Partner des Auktionshauses Grisebach, ihr Bedauern darüber aus, dass das Karlsruher Skizzenbuch Caspar David Friedrichs unter Kulturgutschutz gestellt und damit dem internationalen Leihverkehr entzogen wird. Darauf antwortet nun Charlotte Klonk, Professorin am Institut für Kunst- und Bildgeschichte ebenfalls in der FAZ. Dass Donecker nun auf eine Klage des Privateigentümers hofft, findet sie befremdlich - vor allem, weil das Kulturgutschutzgesetz seit 2016 "privateigentümerfreundlicher ist denn je", wie sie schreibt: "Am Zweck der Eigentumsbeschränkung hat sich im Gesetz von 2016 nichts verändert. Im Gegenteil, der neue Tatbestand, der den Nachweis einer besonderen identitätsstiftenden Bedeutung für das kulturelle Erbe der Nation verlangt, hat den Kreis der eintragungsfähigen Objekte zu Ungunsten der Interessen der Museen enorm eingeengt. Das ihnen vor 2016 von einigen Bundesländern förmlich zuerkannte Recht auf Antragstellung insbesondere für Dauerleihgaben wurde ausdrücklich wieder entzogen."

Weiteres: Ingo Arend besucht für die taz die sechste Ausgabe einer "klitzekleinen" Kunstbiennale in südostanatolischen Stadt Mardin. Leider, so stellt er fest, hat diese Biennale ihren gesellschaftskritischen Impetus hinter sich gelassen: "Die Biennale in Mardin ist seit ihrem Beginn vor 14 Jahren ein markantes Beispiel zivilgesellschaftlicher Selbstbehauptung an der türkischen Peripherie gegen einen Staat, der das kritische Potenzial der Kunst mit äußerstem Misstrauen beäugt. Ihre jetzige Entwicklung steht exemplarisch für viele, aus kritischen Anfängen geborene Biennalen. Irgendwann überdecken Tourismus und der Mythos des Ortes alles. Unter dem Slogan 'die Magie Mardins' mutiert die Biennale zu einem exotischen Spektakel in einem Gebiet des permanenten Ausnahmezustands."

Besprochen wird die Ausstellung "Caspar David Friedrich. Lebenslinien" im Pommerschen Landesmuseum in Greifswald (FAZ) und die "Ray Echoes Identity" im Fotografie Forum Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.06.2024 - Kunst

Hilma af Klint, No. 131, 9 December 1916, The Hilma af Klint Foundation and Wassily Kandinsky, No. 24, 1916, Franz Marc Museum, Stiftung Etta und Otto Stangl

"Frische, überraschende Sichtweisen auf den Expressionismus" werden FAZ-Kritikerin Britta Sachs in einer Schau im Franz-Marc-Museum in Kochel am See geboten. Zu ihrem Abschied lud die Direktorin Cathrin Klingsöhr-Leroy drei Kuratorinnen ein, so Sachs, die einen eigenen Fokus auf Marcs Werk und das seiner Zeitgenossen entwickeln: "In einem kleinen Kabinett geht es um die Seele; hier bekommt Marcs Bruder im Geiste, Wassily Kandinsky, seinen Auftritt. Wie er hegte auch Hilma af Klint die Überzeugung, dass ungegenständliche Malerei die Möglichkeit birgt, die Seele in Bewegung zu setzen. Eine Aquarellserie der esoterischen Schwedin, auf der, fast biologistisch erscheinend, eine Winzform wie befruchtend in eine größere eindringt, stellt die Kunsthistorikerin und af-Klint-Biographin Julia Voss neben 'Improvisationen' Kandinskys, wo rundliche Farbformen mit Linien in unbestimmtem Raum schweben. Verstärkung bekommen die beiden durch ihre Zeitgenossin Wilhelmine Assmann. Das ehemalige Dienstmädchen, das seinen kleinen Sohn verloren hatte, zeichnete in Trance wuchernde Gebilde, überzeugt, dass das Kind ihr dabei die Hand führte."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Herkunft, Familienleben" im Museum für Photographie Braunschweig (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.06.2024 - Kunst

Ganz sicher ist sich Eva Biringer in der Welt nicht, was sie von der bizarren Sammlung des Privatsammlers David Walsh im tasmanischen Hobart halten soll. Das Mona Museum selbst ist fast doppelt so groß wie das New Yorker Guggenheim Museum, das Haus ist nicht nur Wohnstätte des exzentrischen Sammlers, sondern hält auch schon ein Krematorium bereit, wie Biringer bei ihrem Rundgang feststellt: "Vorbei an einem Datenwasserfall des Nürnberger Medienkünstlers Julian Popp, einer Porzellan-Vulven-Wand von Greg Taylor mit dem drastischen Titel 'Conversation with Cunts', hin zu Erwin Wurms tomatenrotem 'Fat Car', Anselm Kiefers 'Sternenfall' und zwei in einem Suppenteller schwimmenden, von einem Messer bedrohten Goldfische der Arte-Povera-Ikone Jannis Kounellis. Für einige der Werke muss man Zeit-Slots buchen, für Alfredo Jaars 'Göttliche Komödie' beispielsweise oder eine schummrige Grabkammer mit antiken Exponaten und einem mehrere Meter tiefen Wasserbecken. Es sollen schon Leute hineingefallen sein. Besuchermagnet ist Wim Delvoyes 'Cloaca Professional', ein wissenschaftlich anmutender, die menschliche Verdauung nachahmender Apparat, der normalerweise einmal am Tag ein Häufchen Kot produziert."

Matt Mullican: New Edinburgh Encyclopedia. Ausstellungsansicht. Foto: Stefan Haehnel. Galerie Thomas Schulte

Überwältigt kommt Dorothea Zwirner (Tagesspiegel) aus der Berliner Galerie Thomas Schulte, die dem für seine Piktogramme bekannten amerikanischen Künstler Matt Mullican derzeit eine Ausstellung widmet. Wie durch ein "offenes Buch" wandert Zwirner zwischen Mullicans Frottagen der "New Edinburgh Encyclopedia" umher: "Historische Illustrationen, Schemata, Diagramme, Konstruktionszeichnungen und Schautafeln von Anatomie bis Zoologie: Auf 449 Blättern entfaltet sich in den Fensterräumen eine von oben nach unten alphabetisch geordnete Wissenswelt, die einer britischen Enzyklopädie von 1825 durch die älteste Reproduktionstechnik des Abriebs entnommen sind. (…) Die ewige Sehnsucht des Menschen, das gesamte Weltwissen systematisch zu erfassen und darzustellen, wird hier greifbar. Aber auch, wie zeit- und kontextabhängig unser Wissen ist: In dem historischen Nachschlagewerk liegt ein klarer Schwerpunkt auf Technik, Natur- und Ingenieurswissenschaften. Ganze fünf Seiten sind der bildenden Kunst gewidmet."

Weitere Artikel: In der Welt porträtiert Boris Pofalla die österreichische Bildhauerin Angelika Lodere. Im Standard stellt Margarete Appenzeller fest: Begleittexte und Audioguides, insbesondere in historischen Museen, sind sexistisch. Im Tagesspiegel-Gespräch erzählt NordArt-Kuratorin Inga Aru, wie sie etwa 100.000 Besucher ins kleine Büdelsdorf bekommt. Auf den Bücher und Themen-Seiten der FAZ denkt Gerald Felber über die mediale Spiegelung von Bildern nach.

Besprochen werden das Tom of Finland Art & Culture Festival in der Halle am Berghain (BlZ) und eine Ausstellungen der brasilianischen Künstlerin Renata Lucas in der Berliner Galerie Neugerriemschneider (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.05.2024 - Kunst

In der Ausstellung "Survival in the 21st Century" in den Hamburger Deichtorhallen sollte es um die Frage gehen, wie Kunst mit aktuellen Krisen wie Klimakollaps, Flucht, Krieg oder kolonialhistorischer Verantwortung umgeht, nun steht eine andere Debatte im Vordergrund, ärgert sich Maxi Broecking im Tagesspiegel: Das US-amerikanische Indigenen-Kollektiv New Red Order garniert sein Werk, das sich mit den Folgen gewaltsamer Vertreibung der nordamerikanischen Urbevölkerung durch weiße Kolonialisten auseinandersetzt, mit einem propalästinensischen Manifest, in dem nicht nur Kulturinstitutionen aufgerufen werden, sich gegen Israel zu stellen, sondern auch eine Linie "vom Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern über den Völkermord an den Herero und Nama durch deutsche Kolonialtruppen, zum Holocaust, dann zur Vertreibung der arabischen Palästinenser 1948, der 'Nakba', und dem 'Völkermord' in Palästina heute" gezogen wird. Für Bröcking ist die Kunstfreiheit überschritten, der Direktor des Hauses, Dirk Luckow, setzt indes auf Dialog: "In einer daneben hängenden Wandtafel distanzieren sich die Deichtorhallen von Inhalt und Aussagen des Manifests, verweisen aber gleichzeitig auf die Kunstfreiheit."

Bereits vor eine Woche kommentierte Daniel Kaiser im NDR: "Die Deichtorhallen machen es sich ein bisschen leicht. Denn es ist nichts anderes als eine antisemitische Verschwörungserzählung, die da in der Ausstellung hängt. Der Massenmord an den Indigenen in den USA, die Shoa in Nazideutschland und die israelische Politik von heute seien strukturell alles dasselbe. Israel trage allein die Verantwortung für den Nahostkonflikt." Auch Deichtorhallen-Chef Dirk Luckow äußert sich im NDR zu dem Papier (das man im Netz offenbar nirgends lesen kann). Man habe sich ja distanziert. Aber das Papier findet er halt doch irgendwie sehr wichtig: "Auf diesem Papier geht es vor allen Dingen um den Grunddiskurs des weißen Suprematismus - um das mal aus Künstlerperspektive anzusprechen -, dass der ganze Kolonialismus als Quelle die weiße Kolonialgeschichte im Hintergrund hat. Und diese Kolonialgeschichte sehen sie eins zu eins in einer Linie mit dem Holocaust - und das ist natürlich aus der deutschen Erinnerungskulturperspektive untragbar. Aus deutscher Perspektive ist das ein nicht vergleichbares, einzigartiges Verbrechen."
Martha Hoepffner: Selbstporträt im Spiegel.

Als "dringend notwendige Ergänzungen des Bekannten" nimmt Freddy Langer für die FAZ die Werke in der Schau "Stadt der Fotografinnen - Frankfurt 1844 bis 2024" im Frankfurter Historischen Museum wahr. Weniger um einen dezidiert weiblichen Blick gehe es als vielmehr um "eine Art alternative Fotogeschichtsschreibung, von den frühen Atelieraufnahmen der Kaiserzeit bis zu zeitgenössischen Installationen. Kaum ein Genre fehlt und kaum ein maßgeblicher Stil, der die Fotografie im Laufe der vergangenen 180 Jahre bestimmt hat. Dabei staunt man über die gleichbleibend hohe Qualität aller Aufnahmen, einerlei, ob klassisches Porträt oder experimentelle Arbeit, und gewinnt nirgendwo den Eindruck, dem Kuratorinnenteam um Dorothee Linnemann sei es vor allem um einen möglichst umfangreichen Bestandskatalog gegangen, den es mit enzyklopädischem Eifer füllte. Vielmehr wünschte man jeder der ausgewählten Positionen eine eigene Ausstellung. Immerhin lässt sich mit den mehr als dreißig in einer Handbibliothek zusammengetragenen Katalogen der Eindruck vertiefen." Die Arbeiten von vierzig verschiedenen Fotografinnen von Annegret Soltau bis Mara Eggert sind noch bis zum 22. September zu sehen.

Das Auktionshaus Christie's wird von Hackern unter Druck gesetzt, was der Öffentlichkeit aber bisher verschwiegen wurde. Erst nach den erfolgreich beendeten Mai-Auktionen hat das Klientel durch die Hacker davon erfahren, ärgert sich Philipp Bovermann in der SZ. Die Angreifer wollen persönliche Daten der meist mächtigen Kunden online stellen, Bovermann meint, das Auktionshaus habe sich dabei nicht korrekt verhalten: "Dass Unternehmen versuchen, Cyberattacken zu verheimlichen, ist nicht ungewöhnlich. Der potenzielle Schaden für die Reputation überwiegt oft den finanziellen, deshalb gehen Experten von einer hohen Dunkelziffer in einem rasant wachsenden Feld der Onlinekriminalität aus. Die Datenschutzgrundverordnung der EU schreibt allerdings vor, dass Unternehmen innerhalb von 72 Stunden nach Bekanntwerden eines Hackerangriffs die zuständigen Datenschutzbehörden informieren müssen, wenn die Gefahr besteht, dass Kundendaten abgeflossen sind. Ansonsten drohen Geldstrafen von bis zu 20 Millionen Euro oder vier Prozent des Jahresumsatzes. Hat Christie's das getan, oder das Risiko einer Strafe eingepreist? Das Auktionshaus teilt auf Anfrage mit, es informiere 'gegenwärtig' Behörden und 'in Kürze' betroffene Kunden."

Weiteres: Der Deal zum Verkauf von Caspar David Friedrichs "Karlsruher Skizzenbuch" ist geplatzt, berichtet die Berliner Zeitung, das "sehr umstrittene Kulturgutschutzgesetz" kam zum Einsatz, das Skizzenbuch muss "unter allen Umständen im Land verbleiben", heißt es. Die Zeit interviewt die russische Exil-Künstlerin Anna Jermolaewa.

Besprochen werden: "Faszination Rom. Maarten van Heermskerck zeichnet die Stadt" im Berliner Kulturforum (Tagesspiegel) und "(Un)Seen Stories. Suchen, Sehen, Sichtbarmachen" im Berliner Kupferstichkabinett (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.05.2024 - Kunst

Roger Hiorns Today, Installationsansicht, 2024, Courtesy the Artist, Foto: Volker Crone

"Schön" möchte Bettina Maria Brosowsky (taz) die Ausstellungen, die die Kestnergesellschaft in Hannover derzeit zeigt, nicht nennen: Unter dem Titel "Dolorem Ipsum" zeigt die in New York lebende georgische Künstlerin Anna K. E. zu verstörenden metallischen Klängen mit Marzipan überzogene lebensgroße Hundeplastiken, während der Brite Roger Hiorns in Fotos und Performances nackte junge Männer auf einem großen Flugzeugtriebwerk arrangiert: "Die Akteure sollen in ruhigen Posen antike Skulpturen oder den 'Denker' Auguste Rodins in Erinnerung rufen. Sie werden in der aktuellen politischen Großwetterlage aber wohl eher mit den 'Fleischangriffen' der russischen Armee in der Ukraine in Verbindung gebracht. Die Symbiose aus Kriegsgerät und ihm unterworfenen fügsamen und gelehrigen Jünglingskörpern hat vielfältige philosophische Ausdeutungen erfahren: 'Politische Anatomie' nannte sie der Franzose Michel Foucault. Hiorns spielt aber auch auf die erotische Aufladung an, die etwa der Faschismus in seinen Erlösungsfantasien pervertierte: der Opfertod im Kriegsgefecht als ultimativer Orgasmus. Dazu ergießen sich schaumige Ejakulationen aus kleinen Plastiktanks in den Ausstellungssaal. In einem weiteren Raum im Erdgeschoss hat Hiorns apokalyptische Malereien aufgefahren: jede Menge Penetrationen in und durch ausgemergelte Körper, grau, fast schon Skeletten gleich."

Donald Rodney, The House that Jack Built (1987). Installation view at Spike Island, Bristol. Work courtesy Sheffield Museums and The Donald Rodney Estate. Foto: Lisa Whiting.

Erschüttert kommt Guardian-Kritikerin Hettie Judah aus einer Ausstellung, die das Spike Island in Bristol dem 1998 im Alter von nur 36 Jahren an Sichelzellenanämie verstorbenen Künstler Donald Rodney ausrichtet. Rodney spießte in seinen Arbeiten den Rassismus der britischen Gesellschaft auf und nutzte für seine Werke nicht nur Röntgenbilder, sondern auch die eigene Haut: "Rodney ist vor allem für 'My Mother, My Father, My Sister, My Brother' in Erinnerung geblieben, eine winzige Skulptur eines Hauses aus dem Jahr 1997, die aus getrockneten Hautstücken besteht, die mit Schneidernadeln zusammengehalten werden. Die Details seiner Herstellung sind verblüffend: Er entfernte die Hautschicht aus einem kollabierten Abszess nach einer Hüftgelenkersatzoperation und trocknete sie dann zwischen den Seiten eines Buches. Hier nimmt das Haus selbst ein Miniaturregal in einem großen Rahmen ein und spiegelt die Abmessungen des Partnerfotos 'In the House of My Father' aus demselben Jahr wider, das Rodney zeigt, wie er das Haus in seiner Hand hält. Es ist ein Bild der Verletzlichkeit und der Grenzen des Schutzes - die Haut als Zuhause, die Familie als Zuhause."

Weitere Artikel: Im großen NZZ-Interview entschuldigen sich die Kuratorin Ann Demeester und Philipp Hildebrand, Präsident der Zürcher Kunstgesellschaft, vage für das inzwischen auf 4,5 Millionen Franken gewachsene Defizit des Zürcher Kunsthauses, sehen die Verantwortung aber vor allem bei ihren Vorgängern. Der Eintritt von aktuell 24 Franken (!) soll erhöht werden, aber die Preise sollen trotzdem "inklusiv" bleiben, verspricht Demeester: "Wenn wir die Preise erhöhen, würden wir das ohnehin gestaffelt tun. Als Direktorin ist es mir ein Anliegen, dass sich weiter jeder einen Eintritt ins Kunsthaus leisten kann. Ich sehe mich in dieser Diskussion als Schutzengel des Publikums. Aber der Entscheid wird im Vorstand gefällt. Ausschließen dürfen wir nichts." Für den Tagesspiegel besucht Hilka Dirks die Künstlerin Jorinde Voigt in ihrem Atelier. 

Besprochen werden die Ausstellungen "In der Einheit liegt die Kraft", bei der georgische Künstler im Berliner Atelierraum "Halfsister" mit Performances, Kunst und Lyrik ihre Solidarität mit den Protesten in Georgien ausdrückten (taz) und die "Die Ersten" mit Werken von Peter Wächtler in der Berliner Galerie Lars Friedrich (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.05.2024 - Kunst

Constantin Brâncuși - The Endless Column. © Dalf, Lizenz: CC BY-SA 2.5

Peter Kropmanns (FAZ) erfreut sich im Pariser Centre Pompidou, das bald für fünf Jahre seine Pforten schließt, an einer dem Bildhauer und Fotografen Constantin Brâncuși gewidmeten Schau. Brâncușis Arbeiten zeichnen sich insbesondere durch einen entscheidenen Drang zur Abstraktion aus: "Bei seinen porträthaften Darstellungen ist das Unverkennbare eines Modells nur noch am Profil festzumachen. Resultate sind Echos auf Persönlichkeiten, ähnlich vor dem geistigen Auge gebliebener, allmählich verblassender Bilder vertrauter oder momentweise intensiv erlebter Menschen, die erst vorhin oder schon vor einiger Zeit zur Tür hinaus sind. Analog gilt dies für seine Tierdarstellungen. 'Le coq' besteht im Wesentlichen aus einem Stiel, zu dem Beine und Krallen des Hahns zusammengefasst sind, und einem an der Bauchseite gezackten Rumpf, die aufgerichtet zum Himmel streben."

Außerdem: Der Maler Frank Nitsche wehrt sich gegen den Rauswurf aus einer Ateliergemeinschaft, wie Birgit Rieger im Tagesspiegel nachzeichnet. Besprochen wird eine Retrospektive des Fotokünstlers Gregory Crewdson in der Wiener Albertina (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.05.2024 - Kunst

Installationsansicht "Gift" in der Berliner Contemporary Fine Arts.

Für den Tagesspiegel schaut sich Jens Müller die Ausstellung "Gift" in der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts an, die Bilder der amerikanischen Konzeptkünstlerin Eliza Douglas zeigt - oder? Eben nicht, ruft Müller, Douglas bedient sich hier nämlich eines Tricks, mit dem damals schon Martin Kippenberger "um die Aufmerksamkeit der Kunstwelt buhlte". Douglas hat ihre Werke nämlich gar nicht selbst gemalt, verrät Müller, sondern von Auftragsmalerin in China anfertigen und ihre Motive von KI generieren lassen - eine Reflexion auf die Urheberschaft der Werke, das ist Müller klar. Und sonst? Vielleicht eine kritische Reflexion auf die Kommerzialisierung von Kunst? Müller weiß es nicht so ganz: "Das Neue, das Besondere, das Einzigartige an den ansonsten auf offenkundige Beliebigkeit mit nicht nur leichter Tendenz in Richtung Kitsch hin angelegten Bildern ist, dass sie alle mit einem ziemlich breiten und langen Geschenkband umwickelt sind, die Schleife meistens genau in der Bildmitte. Im Falle der Kuh, 'Never Enough', wurde es von der Luxusmarke Balenciaga zugeliefert, für die die Künstlerin gelegentlich als Model unterwegs ist. Wie gesagt, die Schau heißt 'Gift', Geschenk also, und mit dem Warencharakter und der Kommerzialisierung der Kunst ist es wirklich ein Kreuz, nicht wahr? Die Bilder von Eliza Douglas kosten bei CFA zwischen 24.000 und 36.000 Euro."

Außerdem: Besprochen wird die Ausstellung "Antoni Tàpies: Die Praxis der Kunst" im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía in Madrid (Welt) und die Ausstellung "Schönheit und Verzückung - Jan Baegart und die Malerei des Mittelalters" im Museum Kurhaus Kleve (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.05.2024 - Kunst

Yael Bartana, Mir Zaynen Do! (We Are Here!), 2024 (Filmstill)

Nach dem Besuch von Yael Bartanas Ausstellung "Utopia Now" im Weserburg Museum Bremen muss taz-Kritiker Benno Schirrmeister erstmal durchatmen, denn die Videoinstallationen der Künstlerin sind nichts für schwache Nerven. Besonders eindrücklich ist für ihn die Musikvideoinstallation "Mir Zaynen Do!", für die Bartana einen von jüdischen Immigranten aus Europa in São Paolo gegründeten Chor mit einem dort ansässigen Straßenmusikensemble zusammengebracht hat. Dessen Mitglieder sind Nachfahren der Maroons, erklärt Schirrmeister, die der Versklavung durch die Kolonialmächte durch aktiven Widerstand entkamen: "Vorsichtig wird, Schritt für Schritt, die Begegnung von Überlebenden der Schoah und der Kolonialverbrechen im Bild der mehr und mehr sich füllenden Bühne des Teatro de Arte Israelita Brasileiro in Szene gesetzt. Tastend, neugierig und ohne Preisgabe des je Eigenen, ein optisches und akustisches Crescendo über elfeinhalb Minuten, entsteht Gemeinschaft. Den Anfang dieser Erzählung im dunklen Raum markiert aber der einsame Auftritt der Chorleiterin Hugueta Sendacz. Die 97-Jährige, in Polen geboren, steht da, drahtig, ganz allein am Dirigierpult, und gibt nachsichtig lächelnd mit außerordentlich bestimmten Gesten Einsätze. Erst später wird klar werden: Sie dirigiert keinen Geisterchor. Die Melodien erklingen."

Außerdem: SZ und Tagesspiegel melden, dass der Komponist Manos Tsangaris zum neuen Präsidenten der Akademie der Künste gewählt wurde. Im FAZ-Gespräch mit Ursula Scheer erklärt die Chefin des Aktionshauses Grisebach Diandra Donecker, was es bedeutet, dass das "Karlsruher Skizzenbuch" von Caspar David Friedrich unter "Kulturgutschutz" gestellt wurde. Besprochen werden die Ausstellung "Ewa Partum. My touch is a touch of a woman" im Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg (FAZ), die Ausstellung "Orhan Pamuk - Der Trost der Dinge" im Lenbachhaus in München (tsp), die Ausstellung "Dance with Daemons" in der Fondation Beyeler bei Basel (NZZ) und die Ausstellung "Läuft" zum Thema Menstruation im Museum Europäischer Kulturen in Berlin (taz).