In der FAS freut sich Niklas Maak über die Pino-Pascali-Retrospektive in der Fondazione Prada in Mailand. Ganz unbekannt ist Pascali, ein wichtiger Vertreter der "Arte povera", nicht, aber er starb zu jung, um einen nachhaltigen Einfluss auf die Kunst zu haben, meint Maak. Was er sehr schade findet angesichts von Kunstfaser-Feudeln, aus denen Pascali "meterlange popbunte Acryl-Würmer [baute], die er auf Wiesen auslegte, als wären die Dinge der Konsummoderne zu den surrealen Bewohnern einer eigenartigen neuen Natur mutiert. ... Auf Fotos sieht man Pascali mit Tierhörnern und Strohgewändern posieren, als sei er ein heiterer römischer Antigott, der gerade den Kampf gegen die große germanische Filz-Fett-&-Farbschlamm-Schamanerie von Joseph Beuys' weniger begabten Jüngern aufnimmt. Hätte Pino Pascali länger gelebt, die ganze Tonlage der Gegenwartskunst hätte sich vielleicht ein wenig mehr zum Spielerischen und zum Mediterranen hin verschoben."
Weiteres: Bei monopolschreibt Sebastian Frenzel zum Tod des französisch-britischen Künstlers Marc Camille Chaimowicz. In der FAZ fragt sich Andreas Kilb, ob es wirklich so klug ist, die größten Publikumsrenner der Museumsinsel, das Ishtar-Tor und das Markttor von Milet, für 15-20 Jahre wegzusperren. Besprochen werden Elton Johns Fotosammlung im V&A (FAZ) und die Gucci-Modenschau in der Tate Modern (monopol).
Francis Picabia: "La résistance". ca. 1943. Bild: Galerie Michael Werner Johanna Adorjan kann sich in der SZ nur wundern: Nahezu unbemerkt findet in der Berliner Galerie Michael Werner gerade eine der vielfältigsten Francis-Picabia-Ausstellungen statt, die Deutschland je gesehen hat. "Picabias Frauen" heißt die Ausstellung und widmet sich, wir ahnen es, den Frauenporträts des Malers, der als Impressionist begann und vor allem für seine dadaistischen und kubistischen Werke berühmt wurde: "Es sind ausnahmslos starke Persönlichkeiten, die einem hier auf der Leinwand begegnen. Da ist 'La gitane', die kein bisschen freundlich dreinblickt, während sie ihr beeindruckendes Fransenkleid anhebt. Da ist eine Venus, die ihren Adonis so fest umklammert, dass die beiden beinahe aus dem Bild torkeln. Da ist ein Alien-gleichesWesen mit weißem Turban ('Dimanche'). Und ein schielendes Grinse-Gesicht, neben dem ein einzelnes Ohr auf geblümtem Untergrund liegt, 'Masque'. Hier ist niemand seinem Schöpfer unterlegen. Es sind Heldinnen, Verführerinnen, Monster. Es soll Picabias erste Ehefrau gewesen sein, die Komponistin Gabriële Buffet-Picabia, die ihn dazu brachte, abstrakt zu malen."
Tumtum von Gil Yefman im Glashof des Jüdischen Museums Berlin. Foto: Jens Ziehe Mehr als hundert Exponate von der Bronzezeit bis in die Gegenwart zeigt die Schau "Sex. Jüdische Positionen" im Jüdischen Museum Berlin, staunt Andreas Kilb (FAZ), der viel über das "Spannungsverhältnis zwischen Bejahung und Zurichtung des Sexus" imJudentum lernt: "Die Pflicht des Ehemanns, seine Frau zu befriedigen, ist im Talmud festschrieben. Umgekehrt folgt aus der religiösen Einbettung des Trieblebens ein Katalog von Verboten. Sex außerhalb der Ehe ist ebenso tabu wie Homo- und Bisexualität. ... Orthodox erzogene Jugendliche wachsen in einer derart körperfeindlichen Umgebung auf, dass die Hochzeitsnacht für viele zur traumatischen Erfahrung wird. (…) Unter den Kunstwerken im engeren Sinn ragt eine Arbeit von Gabriella Boros heraus, die die Begriffe, mit denen die Autoren des Talmuds die Vagina umschreiben - 'der Ort', 'das Grab', 'die Zähne', 'die andere Welt', 'ihr Starren', 'ihr Atem' -, in eine Serie von kleinformatigen, archaisch-wuchtigen Frauenfiguren übersetzt hat. Die Kälte, die von Boros' Statuetten ausstrahlt, verwandelt sich bei Jacques Lipchitz in erotische Wärme: Sein 'Hohelied' von 1946 lässt zwei hölzerne Gestalten zu einer Doppelskulptur verschmelzen, die den ekstatischen Ton und Gestus der biblischen Liebeshymnen in dreidimensionale Formen übersetzt."
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Passions of the North" im Kunstsilo im norwegischen Kristiansand (Tsp), die Orhan-Pamuk-Ausstellung "Der Trost der Dinge" im Münchner Lenbachhaus (Tsp) und die Ausstellung "Stadtbad RELOADED" in Berlin Lichtenberg (BlZ).
Gregory Crewdsons unbetitelte Familienfotografie. Bild: Freud Museum / Crewdson Werke von Jeff Wall, Louise Bourgeois oder Cindy Sherman hat das Wiener Sigmund-Freud-Museum zusammengetragen, um in einer kleinen, feinen Ausstellung zu zeigen, wie Freuds Theorie des Unheimlichen Niederschlag in der zeitgenössischen Kunst fand, staunt Stefan Weiss im Standard, etwa mit Blick auf eine Fotografie von Gregory Crewdson: "Es ist eine Familienaufstellung der unheimlichen Art: Vater und Sohn sitzen einander am Esstisch feindselig angespannt gegenüber, die jüngere Tochter blickt verstört ins Leere, die Mutter betritt nackt und derangiert durch einen Scherbenhaufen latschend das biedermeierlich austapezierte Zimmer. Im Hintergrund stapelt sich bedrückend der Abwasch. Unausgesprochene Konflikte, Spannung, Aggression und Frustration, all das liegt förmlich in der Luft. Jedes Detail in Gregory Crewdsons unbetitelter Fotografie einer schrecklich typischen Kleinfamilie öffnet Türen zur psychoanalytischen Interpretation."
Weitere Artikel: Der amerikanische Maler Kehinde Wiley, der 2018 das Porträt von Barack Obama malte, wird des sexuellen Übergriffs beschuldigt. In der Zeit fragt Hanno Rauterberg, ob sich Obama "nach einem anderen Künstler umschauen muss, nach einem, der für ihn nachträglich ein neues offizielles Präsidentenporträt malt, dann hoffentlich einwandfrei in jeglicher Hinsicht?" Im Tagesspiegel freut sich Bernhard Schulz, dass die Berliner Akademie der Künste die Schwejk-Zeichnungen von George Grosz erworben hat und bald austellen wird. Laut Guardian-Recherchen sollen mindestens tausend Werke aus Damien Hirsts "Currency"-Serie entgegen Hirsts Angaben später als 2016 entstanden sein: "Fünf mit der Entstehung der Werke vertraute Quellen, darunter einige der Maler, die die Punkte zu Papier brachten, teilten dem Guardian jedoch mit, dass viele von ihnen in den Jahren 2018 und 2019 in Massenproduktion hergestellt worden seien."
Besprochen werden die Ausstellung "Mehr als Gold - Glanz und Weltbild im indigenen Kolumbien" im Zürcher Museum Rietberg (Tsp) und die Ausstellung "Wand und Figur - Fritz Klemm, Barbara Klemm, Franz Bernhard" im Franz Bernhard Haus in Karlsruhe (FAZ).
Weitere Artikel: Trotz Chipperfield-Erweiterungsbau und Zugängen der Sammlungen Bührle, Merzbacher und Looser seit Herbst 2021 fährt das Kunsthaus Zürich Verluste ein, meldet Philipp Meier in der NZZ: Die Verschuldung beläuft sich auf 4,5 Millionen Franken, Hauptursachen sind Zunahme der Kosten und Besucherschwund.
Julie Wolfthorn: "Rothaarige Frau". Foto: Privatsammlung Eine große Wiederentdeckung machtMonopol-Kritikerin Ferial Nadja Karrasch im Verein der Berliner Künstlerinnen 1876, der derzeit der 1944 im Ghetto Theresienstadt umgekommenen Berliner Künstlerin Julie Wolfthorn zum 160. Geburtstag eine Ausstellung in Schöneberg widmet. Solche Porträts hat Karrasch lange nicht gesehen: Bei jedem ersten Blick auf ein Porträt gibt es einen "Moment der Überraschung, der einen überkommt, wenn man einer Person unerwartet begegnet. Er ist dem Erschrecken ähnlich. Die Dargestellten sind so präzise, so charakteristisch wiedergegeben, dass man meinen möchte, diese Menschen des letzten und vorletzten Jahrhunderts zu kennen, ihre Gesichtszüge schon hundertmal gesehen zu haben, ihre Bewegungen vorhersagen zu können. Ja, so lebendig sind Wolfthorns Porträts, ganz gleich, ob sie in Öl auf Leinwand, als Aquarell oder als Lithografie gearbeitet sind."
Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Accepting the job. Contant Dullaart" im Berliner Office Impart (Tsp).
In der Berliner Zeitungunterhält sich Timo Feldhaus mit Wolfgang Tillmans über dessen neues Album, seine 50.000 Euro Spende an die SPD und Antisemitismus im Kunstbetrieb: "Es ist höchst bedenklich, dass Leute Angst haben, sich zu äußern und Angst haben, sich nicht zu äußern, und Menschen, die eine 'falsche' Meinung geäußert haben, mit der scheinbar 'richtigen' gejagt werden. Das geht in die Richtung von Gewalt zur Durchsetzung einer Meinung. Die nächste Stufe ist dann Terrorismus im Sinne von 'das Schweinesystem abschaffen oder eben abknallen und NSU-mäßig jetzt mal selber Tatsachen schaffen'. Frieden ist nur möglich, wenn man dem anderen wieder begegnen kann. Überdies denke ich, dass man mit dem Wort antisemitisch vorsichtiger vorgehen muss, als es viele heutzutage tun. Der Begriff scheint zunehmend für politische Zwecke vereinnahmt zu werden, als bestimmte Phänomene akkurat zu beschreiben."
Weiteres: Das erste offizielle Porträt von King Charles hat bei seiner Enthüllung für Irritationen gesorgt - Nicola Kuhn berichtet im Tagesspiegel. Christoph Schütte teilt in der FAZ Eindrücke von der Fotografie-Triennale "Ray Plus" im Rhein-Main-Gebiet. Besprochen werden die Ausstellung "Otto Ritschl - Bilder der späten Jahre 1960-1976" im Kunsthaus Wiesbaden (FAZ), die Ausstellung "This is not a fashion photograph" mit Fotografien von Ingar Krauss in der Berliner Galerie Jaeger Art (tsp) und die Ausstellung "Lothar-Günther Buchheim und der Kunstmarkt" im Buchheim Museum in Bernried (FAZ).
Der Kunstwissenschaftler und Documenta-Experte Harald Kimpel sieht schwarz für die documenta 16 - zumindest, was den geplanten zeitlichen Ablauf angeht, wie er im Interview mit Lisa Berins für die FRdeutlich macht: "Früher oder später, eher früher, wird der Zeitpunkt kommen, an dem sich die Erkenntnis durchsetzt: Die Documenta 16 muss verschoben werden. Schon zwei Mal in sieben Jahrzehnten vorgekommen, wäre das auch diesmal institutionell problemlos zu verkraften. Es würde keinen Imageschaden hervorrufen, sondern zweifellos international als Einsicht in die Notwendigkeit honoriert werden. Und jedenfalls besser sein, als trotzig in die nächste Kasseler Krise zu steuern…" Aber auch mit den beschlossenen Neuerungen (unsere Resümees) ist er nicht zufrieden: "Ich würde für eine Rückbesinnung plädieren. Für die Rückkehr zu künstlerischen statt politischen Positionen. Die könnten und müssten selbstverständlich auch politische Themen behandeln, aber die Ausstellung selbst sollte mit ästhetischen Mitteln operieren. (…) Das Dilemma aber ist: Es scheint kein Zurück in eine unbelastete Vergangenheit zu geben, ebenso wenig ein Vorwärts in eine unbelastete Zukunft. Und nebenbei bemerkt: Menschen dazu zu bringen, einen Verhaltenskodex zu unterschreiben, in dem sie sich zur Menschenwürde bekennen, ist an sich schon ein Angriff auf die Menschenwürde."
Georg Baselitz: "Die Maschine malt zweimal A. A. (The Machine Paints A. A. Twice)" 2023. Ausstellungsansicht White Cube London. Wie eine Demonstration von ungebrochener Kraft und Virtuosität erscheinen Cornelius Tittel in der Welt die Ausstellungen "A Confession of My Sins" in der Londoner White Cube Gallery und "adler barfuß" in der Salzburger Galerie Thaddaeus Ropac, die neue Werke des inzwischen im Rollstuhl sitzenden Georg Baselitz zeigen. In London etwa kehrt Baselitz zu seinen Anfängen zurück, denkt aber auch über die eigene Vergänglichkeit nach, wenn er ein Selbstporträt als "bereits Entschwebter" zwischen ältere Werke hängt: "Was einem … die Sprache verschlägt, ist nicht allein die Härte und Gnadenlosigkeit, mit der Baselitz hier sein eigenes Werk und dessen anstehendes Ende in den Blick nimmt. Es ist die Chuzpe, mit der er selbst die Indizien des körperlichen Verfalls noch in formale Innovation ummünzt: Auf dem Selbstporträt sind es wie Schnitzerei anmutende Spuren seiner Gehhilfe, die der Leinwand zusätzliche Tiefe verleihen, während auf dem Zwillingsbild Spuren seines Rollators wie Walzer-Notationen um das Motiv herum wirbeln."
Ulla Wiggen: "Horisonten". 1969. Collection of the Norrköpings Konstmuseum / Per Myrehed Könnte der 1942 geborenen schwedischen Künstlerin Ulla Wiggen eine Zweitkarriere beschieden sein, wie sie etwa Hilma af Klint nach ihrer Wiederentdeckung vergönnt ist? Karlheinz Lüdeking kann es in der FAZ nach der Ausstellung "Outside / Inside" im Fridericianum Kassel jedenfalls nur hoffen, erkennt er in den präzisen Porträts der Schwedin doch erst, "was sich im Offensichtlichen verbirgt": Wiggen "malt seit vielen Jahren große runde Bilder, bei denen sie mit enormem Aufwand die Iris im Auge ihr bekannter Personen wiedergibt. Biometrisch gesehen ist die Iris angeblich einmalig wie ein Fingerabdruck. Wenn man sie malt, müsste demnach ein unverwechselbares Porträt einer bestimmten Person entstehen, und tatsächlich wird deren Name seit 2019 auch im Titel genannt. Doch weder das Bild noch seine Beschriftung sagen, was das für eine Person ist. Die Iris ist eine Maske, eine ornamentale Umrahmung, doch in der Mitte des stark vergrößerten und isolierten Zyklopenauges lauert immer das schwarze Loch der Pupille, das uns mit einem anonymen Blick anstarrt."
Weitere Artikel: Im taz-Interview spricht der kalifornische Künstler Henry Taylor, der nach einer Retrospektive in New York nun erstmals in Deutschland zusammen mit der Malerin Jill Mulleady im Schinkel Pavillon ausstellt, über sein Werk. Die "Mona Lisa" soll Renaissance-Forschern zu Folge vor der Landschaft von Lecco am Comer See sitzen, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Olga Kronsteiner erläutert im Standard am Beispiel von zwei Schiele-Aquarellen, die heute Christie's in New York versteigert werden, wie lukrativ Restitutionsklagen sein können.
Besprochen werden eine Ausstellung im Berliner Kunstverein Ost, der der DDR-Künstlergruppe "Auto-Perforations-Artisten" eine Retrospektive widmet (FR) sowie die Ausstellung "Wälder. Von der Romantik in die Zukunft", die auf drei Museen verteilt ist: das Senckenberg Museum, das Deutschen Romantik-Museum in Frankfurt am Main und das Sinclair-Haus in Bad Homburg (taz).
Kerstin Holm gibt in der FAZ einen Überblick über den Stand der Dinge in der russischen Kunstszene. Viele wichtige Künstler sind ins Exil gegangen, offen regimekritische Kunst wird von Putins Zensur verhindert. Dennoch macht Holm einige interessante Ausstellungen ausfindig. Einige Schauen ziehen sich angesichts der Repression in eigenartige Privatwelten zurück. Ganz anders jedoch die Ausstellung "Jüdische Avantgarde" im Jüdischen Museum Moskau: "Mit rund hundert Werken aus staatlichen Museen und Privatsammlungen rekonstruiert sie die Aktivitäten der 'Kultur-Liga', die, 1918 in Kiew gegründet, zunächst in der Ukraine, bald aber auch in Russland, Belarus, Polen und Litauen jiddische Literatur und modernistische jüdische Kunst förderte, 1920 aber von den Bolschewiken vereinnahmt und 1924 ganz aufgelöst wurde. Den hier versammelten Stars der russischen Avantgarde - David Sterenberg mit seinen ikonisch reduzierten Stillleben, Alexander Tyschlers Strahlenmenschen, Josif Tschaikows konstruktivistische Arbeiterfiguren - ist eines gemeinsam: sie stammen alle aus der heutigen Ukraine."
Außerdem: Peter Richter schreibt in der SZ über die von dem Künstler Christian Jankowski organisierte Auflösung der Wohnung des verstorbenen Sammlers Harald Falckenberg. Eugen El unterhält sich für monopol mit der weißrussischen Kuratorin Lena Prents, die in Berlin im Exil lebt, über die Unterdrückung der Kulturszene in ihrem Heimatland.
Besprochen werden die Ausstellung "Mirror of Thoughts" des Künstlerduos Mark Muntean und Adi Rosenblum im Frankfurter Städel (FR), die Berliner Ausstellungen "Pedro Cabrita Reis: Wunderkammer" in der Buchmann Galerie und "Pegah Keshmirshekan: Imaginary Homeland" in Under the Mango Tree als Doppelbesprechung (taz Berlin), die Schau "Max Pechstein - Die Sonne in Schwarzweiß" im Hessischen Landesmuseum für Kunst und Natur, Wiesbaden (Tagesspiegel), die Ausstellung "Poesie der Zeit. Michael Ruetz - Timescapes 1966-2023" in der Berliner Akademie der Künste (Tagesspiegel), die "Bauhaus im Nationalsozialismus"-Ausstellungen der Klassik Stiftung Weimar(monopol).
Jan van Eyck, La Vierge du chancelier Rolin, vers 1430, huile sur bois (chêne), Paris, musée du Louvre, inv. 1271
Ganz nah muss FAZ-Kritiker Marc Zitzmann an Jan van Eycks "Rolin-Madonna" herantreten, um das Heer an kleinen Figuren zu entdecken, die sich im Hintergrund tummeln. Geschätzt sind es über zweitausend, so der verblüffte Kritiker, der das frisch restaurierte Werk in der Sonderausstellung "Revoir van Eyck" im Louvre in Paris bewundert: "Viele bestehen bloß aus zwei, drei Pinselstrichen, Pardon: Tüpfchen. Steht man in der Kabinettausstellung, die der Louvre dem berühmten Bild ... widmet, kneift man die Augen zusammen, klebt die Nase schier an die Holztafel, auf die das Werk gemalt ist - und vermag trotzdem bei Weitem nicht alles zu erkennen. Dass die Figürchen leben, gestikulieren oder diverse Posen einnehmen, dass ihre Schimmel oder Isabellen dunkle Griffelbeine haben und dass das Ruder eines Fährmanns im Flusswasser Strudel zeitigt, sieht man erst in einem Film, der auf einem Großbildschirm in extremer Nahaufnahme durch die gemalte Liliputlandschaft führt. Welch eine Virtuosität!"
In der tazerinnert Claus Leggewie im Blick auf die Venedig-Biennale, die sich auf Kunstschaffende aus dem "Globalen Süden" konzentrieren will, daran, dass die Kategorie der "'südlichen' Schwellen- und Entwicklungsländer durch die reale Globalisierung längst überholt" ist: "Warum aber halten gerade Kunstschaffende so leidenschaftlich an dem verrotteten Ideologem fest? Die Gründe sind vielfältig. Zum einen fühlen sich Kunstschaffende immer schon und zumal bei Großereignissen wie Biennalen zu politischen Stellung- und Parteinahmen berufen. Sich provokant in aktuelle Streitfälle einzumischen, ist ein legitimes Merkmal engagierter oder politischer Kunst, doch geht diese Einmischung oft leider einher mit einer stupenden Ahnungslosigkeit über geschichtliche Zusammenhänge, gesellschaftliche Komplexität und kulturelle Ambiguität und motiviert eine vorlaute Parteinahme, die in krassen Fällen den reaktionären Spruch ins Gedächtnis rufen könnte, Künstler sollten bilden und nicht reden."
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