Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.01.2023 - Kunst

In der FAZ nimmt Patrick Bahners das Gutachten des Verfassungsrechtlers Christoph Möllers unter die Lupe (unsere Resümees), das zwar der Documenta-Leitung Fehler der politischen Aufsicht vorwarf, aber eigentlich auch antisemitische und rassistische Werke von der Kunstfreiheit gedeckt sieht - dies sei der "freiheitliche Skandal der grundgesetzlichen Ordnung". Bahners: "Nachdem Möllers geduldig demonstriert hat, dass sich auch größte moralische Geschmacksfragen juristisch klein arbeiten lassen, frappiert die pathetische Wortwahl. Der freiheitliche Skandal der grundgesetzlichen Ordnung: Das erinnert an die von Möllers unlängst mit dem milden Spott des Nachgeborenen bedachte Formel Ernst-Wolfgang Böckenfördes vom großen Wagnis, das der freiheitliche Staat um der Freiheit willen eingegangen sei. Möllers entnimmt seine Reizvokabel der Sphäre, die er im Gutachten traktiert hat: 'Skandal' ist ein Schlüsselwort der modernen Kunstpolitik. Schon vor der Documenta fifteen konnte man den Eindruck haben, dass die Kunst nur noch wenig hervorbringt, das aus künstlerischen Gründen für einen Skandal gut ist. Vielleicht tröstet es, dass im Zuge der Politisierung der Kunst die Skandalträchtigkeit auf die Spielregeln des Kunstbetriebs übergegangen ist und unter dem kühlen Blick des Rechtsmechanikers die Kunstfreiheit der letzte Skandal bleibt."

Besprochen werden die Ausstellung "Femme fatale" in der Hamburger Kunsthalle, die die Männerfantasie feministisch umdeuten möchte (FAZ) und Wim Wenders' Film- und Fotoarbeiten zu Edward Hopper in der Galerie Bastian in Berlin (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.01.2023 - Kunst

Bild: Leiko Ikemura: "Usagi Kannon" Foto: Enric Duch. 

Zart, zerbrechlich, aber auch unheimlich erscheinen Katrin Bettina Müller in der taz die Skulpturen der japanisch-schweizerischen Malerin und Bildhauerin Leiko Ikemura, die derzeit in der Ausstellung "Witty Witches" im Berliner Kolbe-Museum zu sehen sind: "Das wird besonders in einer Serie liegender Mädchenfiguren deutlich, aus den neunziger Jahren, von denen einige in einem Raum auf runden Scheiben liegen. Die Liegende ist in der Kunstgeschichte oft mit dem männlichen Blick auf die Frau verbunden; darauf zu antworten, ist auch ein feministisches Projekt. Es ist verblüffend, dass die Skulpturen als Mädchen erkennbar sind, an der Schwelle zum Erwachsenwerden, in einer Phase der Transformation, der Findung der Identität und Sexualität. Verblüffend, weil sie zugleich unheimlich sind, etwa in der Geste, die Hände der aufgestützten Arme in die Augen zu bohren. Oder kopflos dazuliegen, den Kopf neben den gehobenen Rocksaum geschoben. Das Leben dieser Mädchenwesen ist voller Gefahren und Risiko, Provokation ist ihnen nicht fern, womöglich auch Angst und Lust und beides zusammen."

Die russischen Besatzer verwüsteten und räumten in Cherson vor ihrem Abzug das Regionalmuseum, das Regionalarchiv und das Kunstmuseum, die Indizien sprechen für einen "mächtigen Auftraggeber", schreibt Herwig G. Höller im Standard: "Auffällig ist aber auch, dass aus anderen vorübergehend von Russland besetzten Regionen der Ukraine derartige Leerräumungen bisher nicht bekannt wurden. Ein ideologisches Motiv liegt daher nahe: Cherson spielte als Zentrum des damaligen 'Neurussland' eine zentrale Rolle in der russischen Imperialgeschichte, an deren Wiederbelebung Putin interessiert ist. 'Die Russen wollen zeigen, dass vor Ort alles im späten 18. Jahrhundert mit Kaiserin Katharina angefangen hätte', erklärte Regionalmuseumsdirektorin Hontscharowa. Denn gerade ihre geraubte Dauerausstellung habe gezeigt, dass viele Völker in der Region gelebt haben und von einem bloß russischen Territorium keine Rede sein könne."

Am Rand von Petersburg werden im "Wagner-Zentrum", einem Bürokomplex von Jewgenij Prigoschin, Gründer und Finanzier der Gruppe Wagner, aktuell Bilder des russischen Malers Alexej Tschischow, die unter anderem amerikanische Soldaten in Mohnfeldern zeigen, ausgestellt, berichtet der ukrainische Kunsthistoriker Konstantin Akinscha in der FAZ, verwirrt über die "Absurdität des Unterfangens": "Warum sich die Wagner-Gruppe entschieden hat, kitschige Hochglanzbilder mit postmodernem Touch anstelle realistischer patriotischer Pastiches auszustellen, bleibt unklar. Es sieht so aus, als wolle Prigoschin nicht nur auf dem Schlachtfeld im Donbass ein Monopol haben und mit den offiziellen russischen Streitkräften konkurrieren. Auch das Feld der Kultur verlockt ihn. Die Schau im Wagner-Zentrum zeigt auch, dass die neue russische Hurra-Kultur nicht nur eingefleischte Konservative anzieht, die sich teils der Kulturfront anschlossen, sondern auch junge 'Dekadente', die mit der Kritischen Theorie spielen."

Außerdem: In der NZZ resümiert Marion Löhndorf die Debatte um die Rückgabe des Parthenon-Frieses (Unser Resümee). Ebenfalls in der NZZ berichtet Philipp Meier von der Art Singapur. In der Welt gratuliert Ulf Poschardt Georg Baselitz zum 85. Geburtstag.

Besprochen werden die Georges-Adéagbo-Ausstellung "À l'école de Ernest Barlach, le sculpteur" im Ernst Barlach Haus in Hamburg (Tagesspiegel) und die Nan-Goldin-Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.01.2023 - Kunst

Claudia Roth hatte nach der Documenta ein Gutachten bei dem Berliner Verfassungsrechtler Christoph Möllers, der auch die "Initiative Weltoffenheit" juristisch beriet, in Auftrag gegeben, um juristisch zu klären, wie der Staat und seine Kultureinrichtungen mit antisemitischen und rassistischen Werken umgehen sollen. In der SZ liest Jörg Häntzschel das fünfzigseitige Dokument nicht ohne Erstaunen, denn eine von Möllers' Thesen lautet: "Auch antisemitische und rassistische Werke und Äußerungen sind von der Meinungs- und Kunstfreiheit geschützt, auch in staatlich finanzierten Institutionen." Auch der "BDS-Beschluss hat für ihn 'keine rechtliche Bindungswirkung', und würde er sie beanspruchen, sagt er, verstieße er gegen die Meinungsfreiheit. Die Frage sei vielmehr: Wer kann in der Kulturbranche Meinungs- und Kunstfreiheit für sich beanspruchen - und mit welchen Konsequenzen? Meinung- und Kunstfreiheit sind laut seinem Gutachten nicht zu haben ohne den 'freiheitlichen Skandal der grundgesetzlichen Ordnung'. In anderen Worten: Wer in einem freien Land leben will, muss auch Dinge ertragen, die ihm nicht gefallen." Generell gilt laut Möllers: "Der Staat kann grundsätzlich keine Vorgaben zu Programmen oder zur Auswahl von Künstlerinnen in eingerichteten Institutionen wie Theatern oder Museen machen."

"Dass man sich antisemitisch oder rassistisch äußern darf, wirkt vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte wie ein Skandal, aber es ist der Skandal einer liberalen Ordnung, die nicht alles rechtlich sanktioniert, was sie politisch verurteilt", bekräftigt Möllers im SZ-Gespräch mit Häntzschel. Die Debatte müsse die Kunst dann aber auch aushalten: "Der Bundespräsident hat klargemacht, dass es eine bestimmte Art von politischen Äußerungen im Kontext der Kunst gibt, die man nicht schweigend tolerieren kann. Das war nach meinem Verständnis eine politische Kritik, kein staatliches Kunstrichtertum. Viele Künstler beanspruchen heute politische Relevanz - und wundern sich dann über politische Reaktionen. Ich verstehe nicht ganz, warum." Gleichwohl räumt er ein: "Wir werden, glaube ich, eine größere Diskussion darüber führen, ob im Kampf gegen Diskriminierungen der Meinungs- und Kunstfreiheit engere Grenzen gesetzt werden sollten. Das ist keine ungefährliche Diskussion für diese Freiheiten, aber sie wird kommen."

Die Verantwortlichen der letzten Documenta sehen jedenfalls keinen Anlass für eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Arbeit, fürchtet Peter Richter auf SZ online. "Schon ist auch zu hören, dass da ein ärgerlicher Nebenaspekt lediglich in den Medien aufgebauscht werde. Man kann vermutlich bereits jetzt Wetten darauf abschließen, dass bald irgendwer den Juden die Schuld geben wird am Untergang der schönen Documenta." Aber vielleicht hat ja auch Hito Steyerl recht und eine "Weltkunstausstellung" ist eh eine imperialistische Idee von gestern, überlegt Richter. "Die Biennale von Venedig ist am Ende wiederum die gültigere 'Weltkunstschau' in dem Sinn, dass hier neben den thetischen Setzungen des Kurators der Hauptausstellung in den davon unabhängigen Länderpavillons ein wirklich diverses Bild davon vermittelt wird, was rund um den Globus gerade jeweils so als relevant angesehen wird."

Besprochen werden eine Ausstellung von Matthias Groebel im Düsseldorfer Kunstverein (taz), die Ausstellung "Sunset. Ein Hoch auf die sinkende Sonne" in der Kunsthalle Bremen (Tsp) und eine Ausstellung mit Werken von Karel Appel in der Berliner Galerie Hetzler (BlZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.01.2023 - Kunst

Henri Matisse, "L'Atelier rouge, 1911. Bild: Succession H. Matisse, Moma

Eine fantastische Matisse-Schau in Kopenhagen empfiehlt in der FAZ Peter Kropmanns. Im Zentrum steht ein großes Bild, das Matisse 1911 malte: "L'Atelier rouge". Die Schau war im Moma zu sehen, bevor sie ins Statens Museum wanderte: "Diese zweite Station kommt nicht von ungefähr: Zum einen ist hier eine der weltweit größten Matisse-Kollektionen überhaupt beheimatet, wovon die ständige Sammlung des Hauses zeugt, zum anderen gehören einige mit dem 'Roten Atelier' verbundene Werke dazu, jene 'Bilder im Bild', die auf der großformatigen Leinwand zu erkennen sind. Mit den Wiedergaben älterer und neuerer eigener Werke auf 'L'Atelier rouge' illustrierte Matisse Facetten seines Wirkens und Werdens. Dafür hat er ein regelrechtes Rendezvous von Arbeitsproben gleichsam zu einer Galerie gefügt."

Weiteres: Jörg Restorff besucht für die NZZ das nach zwölf Jahren Renovierungsarbeiten neu eröffnete Koninklijk Museum voor Schone Kunsten in Antwerpen. Die Mona Lisa ist für Kunstliebhaber verloren, meint ein trauriger Marc Zitzmann in der FAZ. Ihretwegen stürmen Millionen Besucher in den inzwischen völlig überforderten Louvre. Museumsdirektorin Laurence des Cars überlegt deshalb, die Besucherzahlen zu regulieren. Didier Rykner von der Tribune de l'Art hat eine andere Idee, wie er Zitzmann mitteilt: "das Bild aus der Dauerausstellung herauszunehmen. 'Ich sehe schweren Herzens keine andere Lösung als die, einen separaten Parcours für die 'Mona Lisa' zu schaffen'", im Keller, mit eigenem Eingang.

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "unMÖGLICH? Die Magie der Wünsche" in der Grimmwelt Kassel (taz) und eine Ausstellung mit Aktzeichnungen des Comickünstlers Erich Ohser in der Galerie e.o.plauen (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.01.2023 - Kunst

Der Parthenon-Fries. Foto: British Museum

In der New York Times hat Alex Marshall ziemlich viel über die Verhandlungen zwischen Griechenland und Grobritannien über die Rückgabe des Parthenon-Frieses in Erfahrung gebracht, die nur noch halbherzig "als Gerüchte" dementiert werden. Marshalls Quellen zufolge verhandelt Premierminister Kyriakos Mitsotakis seit November 2021 mit George Osborne, dem früheren Finanzminister und Vorstand des British Museum: "Mitsotakis wollte eine Vereinbarung, dass die Tafeln für mindestens zwanzig Jahre in Griechenland bleiben. Dort würden sie mit anderen Teilen des Frieses, die bereits im Akropolis-Museum in Athen ausgestellt sind, wieder zusammengeführt werden. Angeblich hoffte Mitsotakis, dass nach zwanzig Jahren das Abkommen verlängert würde und der Fries in Athen bleiben könnte. Die griechische Seite hoffe, zu einem späteren Zeitpunkt über die Rückgabe der übrigen Skulpturen zu verhandeln, fügte die Person mit Kenntnis der Lage hinzu. Im Gegenzug würden die griechischen Museen dem Britischen Museum eine wechselnde Auswahl an unschätzbaren Artefakten zur Verfügung stellen, von denen einige Griechenland nie verlassen haben, fügte die Person hinzu. Das Britische Museum möchte dieser Quelle zufolge einen anderen Deal. Bisher hat Osborne vorgeschlagen, einen kleineren Teil des Frieses sowie Schnitzereien von Göttern und Zentauren als kurzfristige Leihgabe zurückzugeben, sagte die Person. Das Museum könnte bis zu einem Drittel der Parthenon-Artefakte in seiner Sammlung anbieten, fügte die Person hinzu."

Die Documenta hat auch an der Etablierung von Emil Noldes Legende als unbelastetem Maler mitgewirkt. Jetzt fragt das documenta archiv mit der Ausstellung "nolde/kritik/documenta" des Konzeptkünstlers Mischa Kuball, wie man Nolde mit dem Wissen um seine kaschierte NS-Begeisterung noch ausstellen kann. In der FR sieht Lisa Berins "forensische Neugier" am Werk: "Es ist eine Art Nolde-Labor geworden, eine Rauminstallation, die sich im Erdgeschoss des Fridericianums über drei Räume streckt: Kuball, der schon 2020/21 in der Draiflessen Collection in Mettingen zu dem Thema ausgestellt hat, experimentiert radikal. Er entzieht den farbstarken Nolde-Bildern ihre Wirkkraft, nimmt ihnen ihre Lebendigkeit, indem er sie als schwarz-weiße Kopien aufhängt. Er stellt Farbfilter aus dichroitischem Glas zwischen die Gemälde und die Betrachtenden, er durchleuchtet Noldes ethnografische Sammlung mit CT-Strahlen, auf der Suche nach einer tieferen Bedeutung."

Weiteres: Im Tagesspiegel berichtet Pascal Bartosz vom Prozess um den Dresdener Juwelendiebstahl, in dem die Angeklagten - Mitglieder der berühmten Berliner Remmo-Familie - geständig sind: "Wie kam der Neuköllner Clan auf Dresden? Nach einer Klassenfahrt ins Grüne Gewölbe sei einer der Männer so begeistert von den ausgestellten Diamanten gewesen, dass er die anderen 'angesteckt' habe." In der FAZ huldigt Eberhard Rathgeb den Wächtern der Vatikanischen Museen.

Besprochen werden die Ausstellung "Farbe in Schwarz-Weiß" über die frühe Reproduktionsfotografie in Wiens Kunsthistorischem Museum (taz), die Schau "Die Letzten ihrer Art" über verschwindende Berufe in der Bundeskunsthalle (FAZ), eine Schau des amerikanischen Sammlers Archer Huntington in der Royal Academy in Londin (Guardian).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.01.2023 - Kunst

Nan Goldin: Thora on my white bed, Brooklyn, NY, 2020. Bild: Akademie der Künste


Nan Goldin erhält im März den Berliner Kollwitzpreis, die dazugehörige Ausstellung in der Akademie der Künste eröffnet am Freitag, im März kommt Laura Poitras Dokumentarfilm "All the Beauty and the Bloodshed" über Nan Goldins Kampf gegen den Pharma-Konzern Purdue und die Sackler-Familie in die Kinos (unser Resümee). Im Tagesspiegel porträtiert Nicola Kuhn die Künstlerin zwischen Höhenflug und Absturz: "Bekannt wurde die Fotografin in den 1970ern mit Aufnahmen der queeren Szene. Ihr Diakarussell 'Die Ballade von der sexuellen Abhängigkeit' machte sie zur Vorläuferin einer Schnappschussästhetik, die zwei Jahrzehnte später Wolfgang Tillmans kultivierte. Goldin schuf ergreifende Dokumente eines aufreibenden Lebens: glamourös und tragisch zugleich. Mit der Kamera war sie Teil der Szene, porträtierte die Dragqueens beim Herrichten im Bad, auf dem Weg in die Clubs, erschöpft nach der Heimkehr. Die Momentaufnahmen von Exzess und Drogenkonsum bezeugen bei aller Drastik schmerzliche Zärtlichkeit. Trauer liegt darüber, denn Goldin verlor viele Freund:innen an Aids. 'Die Piaf mit der Kamera' hat man sie genannt."

Weiteres: Für Monopol erhascht Elke Buhr bei den Engadin Art Talks einige enigmatische Sätze von Ai Weiwei: "Es gibt keine Hoffnung, weil der Begriff 'Hoffnung' mit Enttäuschung verbunden ist. Ohne Hoffnung gibt es keine Enttäuschung." Noch ganz im Banne der spektakulären Donatello-Schau erzählt Bernhard Schulz im Tagesspiegel die Geschichte der Berliner Skulpturensammlung.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.01.2023 - Kunst

In der taz trauert Martin Treml um den verstorbenen Kunsthistoriker und Medientheoretiker Hans Belting: "Allem Modernen und Technischem immer aufgeschlossen, war Belting gleichzeitig tief dem verpflichtet, was er das 'Bild vor dem Zeitalter der Kunst' genannt hat, so der Untertitel seines Hauptwerks 'Bild und Kult' von 1990. Dieses Bild zeige nicht die möglichst virtuose Darstellung des Wirklichen und sei kein Fenster in der Wand, sondern ein solches in der Welt als die perfekte Darstellung des Überwirklichen, weil Göttlichen. Inbegriff dieses Bilds ist bis heute die Ikone des östlichen Christentums. Dass sie ironischerweise in der Avantgarde der westlichen Kunst um 1900 wieder auftauchte, griff Belting ebenso auf, wie er immer darauf verwies, dass gerade in den neuen Medien viel Älteres, ja Archaisches steckt."

Weiteres: Martin Conrads schildert in der taz die Schwierigkeiten der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, eine Ausstellung über die Rezeption von Picassos "Guernica" zu gestalten, da sie weder das Bild noch Reproduktionen davon zeigen darf: das sind die Erbengemeinschaft und die VG Bild-Kunst vor. Für die FAZ besichtigt Peter Kropmanns Cézannes Landsitz bei Aix-en-Provence, den Jas de Bouffan, der für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.01.2023 - Kunst

Henrike Naumann: Re-Education, installation view, SculptureCenter, New York, 2022. Courtesy the artist. Photo: Charles Benton 


Sophie Jung unterhält sich für die taz mit der Künstlerin Henrike Naumann über deren Installation "Re-Education" im New Yorker Sculpture Center, über den Sturm aufs Kapitol und auf Brasilia und über die Bedeutung der dabei zerstörten Möbel: "Möbel sind für mich Träger von Politik im Privaten", sagt Naumann. "Über alle möglichen Stellen habe ich in New York Möbel von Privatpersonen gesammelt und dabei nach dieser bestimmten Ästhetik des federal style gesucht. Ich wollte nicht die historischen Artefakte aus dem Kapitol aufbauen, sondern sagen: 'Hey, der Staat, das seid ihr!' Ich habe versucht, eine Metapher für die amerikanische Demokratie zu finden - stabil, traditionell, aber sie kann auch zum Einsturz gebracht werden, wenn man die Normen und Prozesse untergräbt, mit denen sie verbunden ist."

In der NZZ schildern Jana Talke und Alexander Estis den umfassenden Kunstraub durch das russische Militär in der Ukraine, während gleichzeitig ukrainische Künstler sich mit der Besatzung und dem Krieg auseinandersetzen. So auch der Street-Art-Künstler Hamlet Sinkiwski: "In kugelsicherer Weste versah er die Mauern zerstörter Gebäude, die mit Brettern verrammelten Fenster der Häuser mit seinen schwarz-weißen Murals - inmitten der russischen Belagerung im Frühling 2022."

Weiteres: Nicole Büsing und Heiko Klaas stellen im Tagesspiegel den neuen documenta-Chef Andreas Hoffmann vor. In der FR schreibt Michael Hesse zum Tod des Kunsthistorikers Hans Belting. In Bilder und Zeiten (nur im FAZ-epaper) denkt der Literaturwissenschaftler Mathias Mayer über das eigene Gesicht in der Kunst nach - bei Rembrandt und Celan. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Silberglanz und Farbenrausch. Hinterglasbilder aus China und Oberbayern" im Museum Werdenfels in Garmisch-Partenkirchen (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.01.2023 - Kunst

Die ukrainische Künstlerin Olga Barashykova spricht im Interview mit der taz über die Sammelausstellung "Sense of War" in der Hamburger Galerie Frappant. Jens Müller besucht für den Tagesspiegel die große Hans-Hartung-Ausstellung in der Berliner Galerie Max Hetzler. In der FAZ schreibt Stefan Trinks zum Tod des Kunsthistorikers Hans Belting. Außerdem meldet die FAZ, dass Andreas Hoffmann, bisheriger Geschäftsführer des Bucerius Kunst Forums in Hamburg, Geschäftsführer der Documenta in Kassel wird.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.01.2023 - Kunst

Olga Costa, "La vendedora de frutas", 1952. Museo de Arte Moderno, Mexiko


Susanne Altmann stellt im Tagesspiegel mit Begeisterung die modernistische Malerin Olga Costa vor, deren Werk derzeit in einer Ausstellung im MdbK Leipzig zu bewundern ist. Costa, geboren 1913 als Olga Kostakowsky in Leipzig, 1925 mit ihrer Familie ausgewandert nach Mexiko, konnte sich auch deshalb als mexikanische Malerin erfinden, weil die Mexikaner kein Problem hatten, die Frau aus Deutschland als eine der ihren zu akzeptieren und sie wiederum das künstlerische Manifest "der propagandasatten Wandmalerei" von David Alfaro Siqueiros, Diego Rivera und Jose Clemente Orozco verinnerlichte: Rückbesinnung auf Traditionen, statt Fortschritt. "Für Olga Costa waren diese Direktiven stilprägend. Sowohl ihre statuarischen Frauengestalten wie auch üppige, ornamentale Arrangements aus Früchten berufen sich auf Elemente und Farben der lokalen Folklore. In der Obsthändlerin, 'La vendedora de frutas' (1951) verschmelzen beide Themen zu einem sinnlichen Fest. Denn es galt, nicht nur die kulturelle Selbstbestimmung Mexikos ins Bild zu setzen, sondern auch den bisher errungenen Wohlstand. In dieser sonnigen, agrarischen Region wurden Feldfrüchte wie Zuckerrohr, wurden Melone und Mispel zu Nationalsymbolen. Als patriotische Ikone kam das zwei mal zweieinhalb Meter große Auftragswerk rascher zu Weltruhm als seine Urheberin." In monopol schildert Sarah Alberti den Werdegang der Künstlerin.

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Lucia Moholy - Das Bild der Moderne" im Berliner Bröhan Museum (taz), die Ausstellung "ole scheeren : spaces of life" im ZKM Karlsruhe (Tsp) und die Ausstellung "Die Maler des Heiligen Herzens" mit Werken von Séraphine Louis, Louis Vivin, André Bauchant und Camille Bombois im Bremer Paula-Modersohn-Becker-Museum (taz).