Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.02.2023 - Kunst

Alice Neel: John Perreault, 1972. © The Estate of Alice Neel

Es gibt auch KünstlerInnen, die ihre Kritiker klasse fanden: Zungeschnalzend betrachtet Adrian Searle im Guardian die Porträts der amerikanischen Künstlerin Alice Neel, der die Londoner Barbican Gallery die Ausstellung "Hot off the Griddle" widmet. Neel porträtierte - neben dem Kunstkritiker John Perrault - Kriegsverweigerer, Black Panther, schwule Paare, Latinos in Spanish Harlem: "Als in den 1950er Jahren ein paar FBI-Agenten an die Tür der Künstlerin klopften, fragte Neel, ob sie für sie sitzen würden. Sie lehnten ab. Wer, selbst ein verklemmter FBI-Agent, würde sich nicht gerne von Neel malen lassen? Ihre gemalten Begegnungen destillierten den Eifer ihrer Sujets, ihr Selbstbewusstsein und ihre Freude daran, von dieser furchtlosen, unerschütterlichen Frau gemalt zu werden. Niemals ganz expressionistisch, fast karikaturistisch, manchmal herrlich schräg und häufig sexy, beweist Neel in ihren Porträts Aufmerksamkeit für die Körpersprache, für körperliche Manierismen und Verletzlichkeiten."

Der Kunsthistoriker Konstantin Akinscha berichtet in der FAZ von den Umwälzungen im russischen Kunstbetrieb, wo bereits die Direktorin der Moskauer Tretjakow-Galerie und der Direktor des Staatlichen Russischen Museums in Petersburg abgesetzt wurden. Auch die Direktorin des Puschkin-Museum muss jetzt um ihren Posten bangen: "Es scheint, dass die Forderungen von Reaktionären des Kulturlebens wie Nikolai Burljajew, dem Vorsitzenden der 'Kulturfront Russlands', die eine strenge Säuberung der Museumsleiter forderte, nicht auf taube Ohren gestoßen sind. Putins Regierung beschloss, Russlands Museen unter strenge ideologische Kontrolle zu stellen und starke Persönlichkeiten durch gesichtslose Bürokraten zu ersetzen." 

Besprochen wird die Ausstellung zu Ruth Wolf-Rehfeldts Schreibmaschinen-Kunst im Potsdamer Minsk Kunsthaus (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.02.2023 - Kunst

Nhu Xuan Hua: Schwäne auf dem Genfer See. Aus der Serie Tropism, Consequences of a displaced Memory, 2016-2021. Bild: Fotografie Forum Frankfurt

Gern begibt sich taz-Kritikerin Katharina J. Cichosch in den symbolisch aufgeladenen Kosmos der französisch-vietnamesischen Künstlerin Nhu Xuan Hua, der das Frankfurter Fotografie Forum eine Schau ihrer Mode- und Kunstfotografie widmet: "Damit steht Nhu Xuan Hua stellvertretend für eine Generation, der die gestrengen Grenzen künstlerischen Ernsts herzlich egal sind. Ihre Bilder zieren Kampagnen für Luxushäuser ebenso wie für Editorials: Auf ein Geschwisterpaar lässt sie Krawatten wie Konfetti über bronzefarbenen Grund regnen, eine andere Protagonistin wässert die Geranien oder cremt sich das Gesicht, die Bluse mit dem ikonischen Gucci-Doppel-G verrät den Auftraggeber. Zu den messerscharf Abgelichteten gesellen sich gespenstisch verschwommene Figuren: Es sind die gesichts- und nahezu körperlosen Figuren aus Huas 'Tropism'-Serie, die auf gefundenen Bildern aus dem Familienfundus basieren... Von den Personen, die Hua digital bearbeitet, bleiben nurmehr Silhouetten, die ihre Umgebung durchschimmern lassen. Als ob sie zwischen den Dimensionen von Zeit und Raum hin- und herswitchen, ohne sich je ganz zu materialisieren. Tragisches Manko oder vielmehr Superpower?"

Besprochen werden Fotografien des Abenteurers Gregor Sailer von der Polaren Seidenstraße in der Alfred-Erhardt-Stiftung in Berlin (FR)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.02.2023 - Kunst

Besprochen werden die Schau "Myth and Reality" zu den Ausgrabungen von Knossos im Ashmolean Museum in Oxford (FAZ) und die von Florian Illies kuratierte Schau mit Ölstudien "Mehr Licht" im Düsseldorfer Kunstpalast (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.02.2023 - Kunst

Sehr nahe geht Elke Linda Buchholz im Tagesspiegel eine im Zentrum für Aktuelle Kunst in der Zitadelle Spandau gezeigte Ausstellung, die sich dem Thema Haut widmet: "Das gemütliche Interieur mit Schummerlicht wird zum Entrée einer Zeitreise: Lampen, die aus Häuten von Kriegsgefangenen in NS-Deutschland gefertigt waren, gelangten als freundliches Gastgeschenk nach Kamerun in den ehemaligen Königspalast des Douala-Herrschers Rudolf Manga Bell. Er selbst war hingerichtet worden. Narben in extremer Großaufnahme lichtete die herausragende DDR-Fotografin Tina Bara in den Jahren nach der politischen Wende ab. Die fragmentierten Körperbilder aus dem nahen Freundeskreis sprechen von Verletzungs- und Heilungsprozessen: auch eine politisch-gesellschaftliche Metapher. Sich selbst brannte die Künstlerin Yishay Garbasz die KZ-Nummer ihrer eigenen Mutter auf den Arm. Ein Video zeigt den Akt der Selbststigmatisierung."

Außerdem: In der taz resümiert Julia Hubernagel eine Debatte zur documenta fifteen im Kulturausschuss des Bundestags, bei der es darum ging, wie ein Klima der Verantwortungslosigkeit und Fehlkommunikation entstehen konnte: "Konkret regen die Expert:innen in ihrem Bericht an, die documenta-Geschäftsführung mit einer Doppelspitze zu besetzen, die aus einer kaufmännischen Direktor:in und einer künstlerischen Intendant:in besteht." Im Standard berichtet Olga Kronsteiner von der Entscheidung in der Causa um die 2001 erfolgte irrtümliche Restitution von Gustav Klimts Apfelbaum II (1916) an die Erben von Nora Stiasny: "Die Stiasny-Erben entschädigen die Republik mit einer Zahlung von 11,3 Millionen Dollar. Die umgerechnet etwa 10,6 Millionen Euro fließen in das Budget des BMKÖS und werden dort als Rücklage gebunden."

Besprochen werden die große Jan-Vermeer-Ausstellung im Amsterdamer Rijksmuseum (NZZ, FR, FAS, Welt) die Ausstellung "Piktoralismus. Die Kunstfotografie um 1900" in der Wiener Albertina Modern (Standard) und die Ausstellungen "Falten" und "Birke Gorm. Dead Stock" im Wiener MAK (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.02.2023 - Kunst

Wook-kyung Choi, Untitled (detail), 1960s. © Wook-kyung Choi Estate and courtesy to Arte Collectum


Adrian Searle geht fast unter in den Farben, der Wut, den Emotionen der abstrakten Expressionistinnen, die die Londoner Whitechapel Gallery in ihrer Ausstellung "Action, Gesture, Paint: Women Artists and Global Abstraction 1940-70" würdigt. Im Mittelpunkt der Ausstellung, schreibt er im Guardian, "steht die Idee der Malerei als Arena, als existenzieller Akt ebenso wie als Objekt. Damit verbunden ist der Glaube an Authentizität und Selbstdarstellung, an die Malerei als Darstellung des Selbst und des Unbewussten". Das geht nicht immer auf, aber neben bekannten Namen wie wie Joan Mitchell, Lee Krasner, Elaine de Kooning und Grace Hartigan gibt es viele Entdeckungen zu machen: "Selbst hier werden einige Geschichten nur bruchstückhaft erzählt oder nur teilweise beleuchtet. Die deutsche Künstlerin Sarah Schumann, die ihre Kindheit in Nazi-Deutschland verbrachte, malte leuchtende Eitempera-Felder, die voller zarter, dicht getönter Berührungen und Variationen sind. Und dann ist da noch Alma Thomas, eine 1891 geborene afroamerikanische Kunstlehrerin, deren 'Etude in Brown' (Saint Cecilia at the Organ) von 1961 ein geheimnisvoller, fast architektonischer, von Licht durchfluteter Raum ist. Es handelt sich um ein großes Gemälde im Kleinformat, das sie an ihrem Küchentisch gemalt hat. Elna Fonnesbech-Sandberg, 1892 in Dänemark geboren, begann erst in ihren 50er Jahren auf Anraten ihres Psychoanalytikers zu malen. Ihre Bilder sind von einem fast beängstigenden Aufruhr erfüllt. Janet Sobel benutzte Glaspipetten, um schäumende Knäuel und Stränge von Emaille auf ihre Leinwände zu tropfen. Diese wurden 1945 von Jackson Pollock gesehen und inspirierten ihn zum Teil zu seiner eigenen Tropfmalerei."

Selfira Tregulowa, Direktorin der Tretjakow-Galerie, des größten Kunstmuseums in Moskau, ist abgesetzt worden - unter anderem, weil ein gewisser Sergei Schadrin eine kopflose Madonna in einer Ausstellung kritisiert hatte, berichtet Stefan Scholl in der FR. Dabei war Tregulowa nicht mal eine Oppositionelle, aber moderne Kunst nahm sie zum Missfallen des Kremls ernst. Ihren Job übernimmt jetzt Jelena Pronitschewa, so Scholl, "Tochter eines FSB-Generals und gelernte Politologin. Zuletzt leitete sie das Polytechnische Museum Moskaus. Und sie gehört zur Arbeitsgruppe 'Kultur' der 'Regulatorischen Guillotine', einer Behörde, die Kontroll- und Erlaubnisfunktionen im Wirtschaftsleben vervollkommnen soll.

Weiteres: In der Berliner Zeitung stellt Hanno Hauenstein das Konzept "Open for Maintenance/Wegen Umbau geöffnet" vor, mit dem die Kuratoren des Deutschen Pavillons in Venedig, das Berliner Architekturmagazin ARCH+ sowie das Architekturbüro Summacumfemmer Juliane Greb, die "Potenziale für eine nachhaltigere und sozial-inklusive Stadtgestaltung aufzeigen" wollen. In der SZ berichtet Alexander Menden über die geplanten Feierlichkeiten zum 150-jährigen Bestehen der Villa Hügel in Essen. Besprochen werden die Ausstellung von Leiko Ikemura im Georg-Kolbe-Museum in Berlin (monopo), Cameron Rowlands Ausstellung "Amt 45 i" im Tower des MMK Frankfurt (FR) und die Vermeer-Ausstellung im Amsterdamer Rijksmuseum (Welt, FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.02.2023 - Kunst

Jan Vermeer, Die Spitzenklöpplerin, 1666-1668. Musée du Louvre


In seiner großen Vermeer-Ausstellung hat das Amsterdamer Rijksmuseum stolze 28 Werke von insgesamt 37 des Künstlers vereint. Eine "Once-in-a-Lifetime-Show" ist das, schwärmt Katharina Rustler im Standard. Hanno Rauterberg sucht in der Zeit vergeblich nach einem angemessenen Superlativ für diese Schau. Dabei sind die Bilder völlig nichtssagend, es passiert überhaupt nichts, erklärt er. "Vermeer, der Erfinder des Privaten, so wirkt es. Immer weiter zieht er sich in das Streichellicht seiner Innenwelten zurück, nie fällt bei ihm der Blick durch die Fenster ins Freie. Und doch, privatistisch eng wird es nicht. Vermeer weiß seine Kunst zu entgrenzen, trotz des Rückzugs. Denn er öffnet die unsichtbare Wand: die zu uns, dem Publikum. Mal stellt er einen Holzstuhl in seine Bilder, wie eine Aufforderung, doch bitte Platz zu nehmen. Mal legt er ein Cello quer ins Bild, als sollte hier jede und jeder mitspielen. Heute würde man es partizipative Kunst nennen. Sie ist sich selbst genug und wird doch zur Einladung an alle: das Bild zu betreten und sich etwas auszumalen. Hier zeigt sich, was es mit dem Nichtssagenden eigentlich auf sich hat. Nichts zu sagen heißt, dem Unausgesprochenen einen Raum zu geben."

"Es ist faszinierend zu sehen, wie Vermeer die Zentralperspektive ausreizt", schreibt eine hingerissene Kia Vahland in der SZ, "wie er manche Figuren klar konturiert, andere beinahe mit ihrer Umgebung verschwimmen lässt und wie er mit Lichteffekten Stimmungen kreiert, etwa in seiner so entspannten Stadtansicht von Delft. Die Muße, die viele Vermeer-Gemälde ausstrahlen, hat auch damit zu tun: Mit seiner hellen, klug durchkomponierten Farbmalerei, welche die mitunter theatralische Dramatik des Flamen Peter Paul Rubens oder des Italieners Caravaggio für überflüssig erklärt. Die Spannungen, die diese Kollegen ihre Figuren lauthals ausagieren ließen, verlagern sich bei Vermeer gänzlich ins menschliche Innenleben. Und sind nicht minder aufregend."

Weiteres: In der taz erinnert Dominik Baur an Karl Valentin, der vor 75 Jahren starb. Caroline Fetscher resümiert im Tagesspiegel den Abschlussbericht zur Documenta 15. Die Jüdische Allgemeine hat ein kleines Dossier zur Documenta zusammengestellt, darunter auch ein Interview mit Kulturstaatsministerin Claudia Roth, die jetzt genug Rückschau hatte. Viel wichtiger sei es doch, "die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Eine muss jedenfalls sein, dass es keine koordinierte Verantwortungslosigkeit geben kann, wie das bei dieser documenta der Fall war. Denn das habe ich im ganzen Verlauf erlebt: Niemand war verantwortlich. Ich fand die Grundidee zunächst spannend, aber man kann keine documenta machen mit einem kuratorischen Konzept, das auf Kuratieren verzichtet, sich der Verantwortung des Kurators nicht stellt."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.02.2023 - Kunst

Die Expertenkommission zur Documenta fifteen hat ihren Abschlussbericht vorgelegt (hier als pdf), der im Großen und Ganzen die bisherigen Einschätzungen bestätigt. Taring Padis "People's Justice", Mohammed Al Hawajris "Guernica gaza", die "Tokyo Reels" und die erst später entdeckten "Archives des luttes des femmes en Algérie" arbeiten mit groben antisemitischen Figuren. Wie Stefan Trinks in der FAZ bemerkt, könnten die Ergebnisse nicht klarer ausfallen: "Die Auseinandersetzung mit Antisemitismusvorwürfen und Antisemitismus auf der documenta fifteen war über weite Strecken von Ignoranz, Verharmlosung und Abwehr geprägt, so der Bericht." In der SZ findet Jörg Häntzschel den 133 Seiten starken Bericht ausgesprochen instruktiv, aber auch fair, denn er würdigt Vielfalt, Komplexität und auch den Anspruch der Ausstellung: Doch halten die Autoren das Kollektiv-Prinzip für bedenklich: Das 'Wir' braucht ein 'Ihr', weil es ja sonst alles umfassen würde: Dazu gehören etwa der Staat, der Kapitalismus, der Globale Norden, die Institutionen, und eben immer wieder auch Israel und die Juden. Die seit den ersten Gerüchten von BDS-Nähe und Israelhass trotzige Abwehr durch Ruangrupa sehen die Experten in dieser Vorstellung begründet. Und je lauter die Kritik wurde, desto mehr radikalisierten sich die Kuratoren und schotteten sich ab. Pressten sie sich anlässlich des Taring-Padi-Bilds noch ein Mea Culpa ab, schossen sie später mit Rassismusvorwürfen zurück. Leugneten sie anfangs jede Nähe zum BDS, ließen sie kurz vor Ende der Laufzeit Plakate zu, die man kaum anders denn ins Höhnische gewendete BDS-Bekenntnisse verstehen konnte. ('BDS: Being in Documenta is a Struggle')."

Durchaus schonungslos findet in der FR Lisa Berins die Kritik des Gremiums an der Geschäftsführung, sowohl unter Sabine Schormann wie dann auch unter Andreas Fahrenholz, die sich organisatorisch und inhaltlich aus der Verantwortung gezogen haben: "Generell habe es zu wenige inhaltliche Überlegungen gegeben, zum Beispiel habe kein Konsens darüber geherrscht, welche Definition von Antisemitismus als Grundlage der Diskussion herangezogen werde. 'Wir wollen der Documenta nicht vorschreiben, welche Definition sie benutzen soll', erklärt Deitelhof, 'aber dass sie irgendetwas als Grundlage ihres Handelns heranzieht, das wäre zu erwarten gewesen.' Die Auffassung, dass Antisemitismus erst dann zu ächten sei, wenn er sich als strafrechtlich relevantes Bild äußert, sei nicht akzeptabel." Im Spiegel sieht Ulrike Knöfel mit dem kaum camouflierten Antisemitismus den moralischen Überlegenheitsanspruch der Kunst zertrümmert: "Auf der Documenta fand noch eine andere Camouflage statt, da wurde der radical chic mancher Werke zelebriert, aber einfach nicht thematisiert, dass außer der Ästhetik auch die Botschaft der Arbeiten radikal ist." Weniger zufrieden ist Ingo Arend in Monopol. Zwar habe das Gremium von früheren "reißerischen Generalverdikten" Abstand genommen, aber die Unatastbarkeit der Kunst werde eigentlich nur kraftvoll behauptet: "Die Weigerung von Sabine Schormann und Alexander Farenholtz, bestimmte Exponate in eigener Verantwortung und gegen die künstlerische Leitung zu kontextualisieren, war in dieser Interpretation der Kommission eine 'Pflichtverletzung'. In dieser Rollenbestimmung lauert freilich die Gefahr eines Staatskommissars oder einer -kommissarin durch die Hintertür."

Alltäglich, sublim: Vermeers "Dienstmagd mit dem Milchkug", 1658-60. Bild: Rijksmuseum 

Gar nicht genug Vermeer kann Adrian Searle im Guardian bekommen und jubelt über die Blockbuster-Schau im Amsterdamer Rijksmuseum, die alles versammelt, was auf Reisen geschickt werden darf: Das Mädchen mit dem Perlenohrring, das lesende Mädchen, das Milchmädchen. Sie alle steigern das Alltägliche ins Wunderbare, schwärmt Searle: "Sie beschwört das ins Wunderbare gesteigerte Alltägliche. Es fühlt sich wie ein Privileg an, diesen Frauen in ihrem Alleinsein, vertieft in ihre Tätigkeit, zu begegnen, ohne selbst gesehen zu werden. Die Ausstellung ist voll von solchen Momenten, sie führt uns durch Vermeers Karriere, so wie der Künstler selbst uns durch seine gemalten Szenen führt und leitet. Das Auge springt und huscht umher, aber Vermeer leitet uns auf Schritt und Tritt, indem er Dinge ein- und ausblendet, manche Dinge beschönigt und andere in den Vordergrund rückt. Alle Details in seiner Kunst können genau beobachtet werden - die über Delft ziehenden Wolken, die Verzierung eines spanischen Stuhls, der Grat auf einem anatolischen Teppich und das Glitzern eines Ohrrings - aber sie sind mehr als eine Bestandsaufnahme des Sichtbaren. Obwohl Vermeer ein genauer Beobachter von Oberflächen war, war er kein Realist. Seine Gemälde sind sorgfältige, komplexe Konstruktionen. Ihre akribische Kunstfertigkeit ist eine Fiktion und eine Anspielung, die von Weltoffenheit, Neugier und dem katholischen Glauben, zu dem er nach seiner Heirat konvertierte, geprägt ist."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.02.2023 - Kunst

Durchaus einige Bauchschmerzen verursacht bei taz-Kritiker Ingo Arend, dass die Hamburger Deichtorhallen für ihre Ausstellung "In the Heart of Another Country" mit der Kunststiftung des Emirats Schardscha kooperiert, auch wenn der Ministaat nicht so übles Artwashing betreibe wie etwa Katar: "Die Kooperation offenbart ein kunststrategisches Dilemma. Bei fast jedem Versuch, 'unsere hauptsächliche Blickrichtung von Europa nach Nordamerika und zurück zu erweitern', wie es Dirk Luckow, dem Chef der Deichtorhallen vorschwebte, geraten Ausstellungsmacher:innen an widersprüchliche Partner... Der Mythos, der Schardschas Sammlung einer kritischen Kunst vorauseilt, führt dazu, dass selbst ein freiheitsliebender Künstler wie Halil Altındere aus Istanbul, der seit Jahren gegen die Autokratie des dortigen Präsidenten ficht, gern darin vertreten ist. Oder Abu Lawrence Hamdam, der für seine Kunst sehr genau auf die Menschenrechte blicken will, jedoch in Schardscha offenbar nicht."

Der Tagesspiegel meldet, dass Abschlussbericht zur documenta fifteen vorliegt und die bisherigen Erkenntnisse bestätigt (hier als pdf): Taring Padis Plakat "People s Justice" und  eine Zeichnung Naji al-Alis in den "Archives des luttes des femmes en Algérie enthielten eindeutig antisemtische Code, die Werke "Tokyo Reels" und "Guernica Gaza" könnten zumindest so interpretiert werden: "Die Reaktionen der künstlerischen Leitung und der Geschäftsführung seien dem Ernst der Lage nicht angemessen gewesen, kritisiert das Wissenschaftlerteam weiter. "
  
Besprochen werden eine Art-déco-Ausstellung in der Cité de l'architecture et du patrimoine in Paris und das Video "Everything But The World" vom Post-Internet-Art-Kollektiv DIS wird im Schinkel-Pavillon (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.02.2023 - Kunst

Nie wieder Huhn sein: Margaret Raspés "Oh Tod, wie nahrhaft bist du", 1972-73. Bild: Haus am Waldsee

taz
-Kritikerin Sabine Weie entdeckt mit der Ausstellung "Automatik" im Haus am Waldsee in Margaret Raspé eine Schlüsselfigur der feministischen Kunstszene Berlins. Die meisten Videos, die Raspé mit einer Helmkamera aufnahm, zeigen sie selbst bei der Hausarbeit: beim Abwaschen, Kuchenbacken, Schnitzelschlagen. Am meisten beeindruckt Weie jedoch die Arbeit, in der Raspé einem Huhn den Kopf abschneidet: "'Oh Tod, wie nahrhaft bist du' markiert einen Wendepunkt im Leben Raspés. 'Als ich das Huhn tötete, habe ich auch eine Vorstellung von mir selbst getötet: Du blödes Huhn. Nie mehr werde ich ein Huhn sein! Ich habe ihm den Kopf abgeschnitten, weil Frauen ja nicht selber denken sollten', sagte Raspé einmal in einem Interview. Als Frau in einem männlich dominierten Milieu blieb ihre künstlerische Tätigkeit so brotlos wie die Reproduktionsarbeit, die sie als Hausfrau und Mutter leistete."

Martin Kippenberger: Heavy Burschi. Ausstellungsansicht Galerie Capitain Petzel

Eigentlich hätte Ingeborg Ruthe in der FR Martin Kippenberger gewünscht, dass sein siebzigster Geburtstag im SO36 gefeiert worden wäre, aber mit Ausstellungen in den Galerien Max Hetzler und Capitain Petzel kann sie auch leben: "Immer wieder ist das bis heute die Frage: Was war er eigentlich: Maler? Autor? Musiker? Trinker? Sarkastischer Selbstinszenierer? Bürgerschreck? Medienhansdampf? Er war von allem etwas. Mit krassem Humor, der empfindsame Gemüter aufbrachte. Mal gab er den Radaumacher, mal den Lebemann, mal den verstörenden, unverzeihlich verletzenden Chauvinisten, leider gerade in Bezug auf Frauen und auf 'Schwuchteln', mal den alles vernetzenden Spiderman. Er konnte alles und verwurstete Sämtliches, was in der Kunst der Expressionisten, der Pop- und Street-Art, bei Dada und Fluxus schon mal da war. Und er erfand alles für sich neu und vor allem jenseits des tradierten Kunstbegriffs vom Lukullischen. Der Alles-Macher, der Beuys trotzig ins Gegenteil verkehrte mit dem Satz 'Jeder Künstler ist auch ein Mensch', stammte aus Dortmund, studierte in Hamburg, mischte West-Berlin auf - und starb elend in Wien."

Weiteres: In der NZZ reist Nadine A. Brügger mit einem Team von Denkmalpflegern durch das Wallis.

Besprochen werden eine Schau des amerikanischen Malers Wayne Thiebaud, der auf Tradition statt Pop setzte, in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel (FAZ) und eine Ausstellung der Berliner Fotografin Miriam Tölke in der Galerie Johanna Breede (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.02.2023 - Kunst

Bild: Heinrich Friedrich Steiauf: Mahner Rufer Trommler.1948-50. Foto: Hubert Auer © Hein Steiauf.

In der FAS erzählt die ukrainisch-deutsche Schriftstellerin Katja Petrowskaja von einer Entdeckung: In Salzburg stolperte sie plötzlich über das Museum Kunst der Verlorenen Generation, das Bilder von wenig bekannten Künstlern zeigt, die während des Nationalsozialismus verboten waren, darunter SchülerInnen von Dix, Klee, Beckmann oder Kokoschka. "Ein ergreifender Ort des Museums ist eine Wand mit Bildern von Hein Friedrich Steiauf, einem dieser Beckmann-Schüler, der nach der Auflösung seiner Klasse in Armut und Verzweiflung stürzte und die gesellschaftliche Leugnung der Ausgestoßenen erlitt. Im Museum ist er durch zwei Bilder mit Orchideen aus dem Jahr 1942 vertreten, die er aus seinem zerstörten Haus in Hanau rettete, und dem Bild 'Die Klage' (1945-46), in Anspielung auf Iphigenie, eine Frau, die in eine Landschaft blickt und das zerstörte Frankfurt sieht. Vor dem Bild auf der Kommode steht eine Statuette - eine orientalische Tänzerin von Samuel Lypchitz, ermordet in Auschwitz."

Bild: Kehinde Wiley: Portrait of a Florentine Nobleman III, 2019. Sammlung Vilsmeier - Linhares, München © Kehinde Wiley. Courtesy of the artist and Stephen Friedman Gallery, London

Es gab noch nie eine große Ausstellung, die die Blume von der Antike bis zur Gegenwart untersuchte, erfährt Gabi Czöppan im Tagesspiegel von Kurator Roger Diederen, der die Ausstellung "Flowers forever" in der Kunsthalle München verantwortet. Und tatsächlich gelingt es der Ausstellung altermeisterliche Blumenbouquets mit Themen wie Klimawandel und Insektensterben zu verbinden, staunt Czöppan: "In der Kunsthalle liegen Schönheit und Schrecken nah beieinander. Die Kanadierin Kapwani Kiwanga zeigt Nachbildungen eines blühenden Pfauenstrauchs. Die Blume nutzten Sklavinnen als natürliches Abtreibungsmittel, wenn sich die Kolonialherren an ihnen vergingen. Maren Jeleff und Klaus Pichler dokumentieren in ihrer schillernden Foto-Serie 'Too Close to Notice', wie Schimmelpilze Blüten zerstören und 2007 in einem niederländischen Krankenhaus sogar Menschen lebensgefährlich bedrohten. Die 'Killertulpe' war der ideale Nährboden für einen resistenten Schimmelpilz, der sich über ein Blumenbeet im Krankenhausgarten verbreitete. Kein Medikament half den Patienten. Der Pilzstamm war durch den jahrelangen Einsatz von Antimykotika in der Tulpenzwiebelindustrie unverwüstlich."

Jonathan Fischer schickt in der NZZ eine große Reportage aus Bamako, wo derzeit unter dem Motto "Vielfalt, Differenz, Erbe und Werden" Afrikas größte Fotobiennale stattfindet. Kuratiert wird sie von Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, der seit Beginn des Jahres das Berliner Haus der Kulturen leitet und hier über siebzig Fotografen der Gegenwart aus Afrika und der afrikanischen Diaspora vorstellt: "Ihre Sujets und Diskurse zeigen dabei ein wachsendes Selbstbewusstsein. Den Willen, sich - parallel zum jüngsten politischen Prozess des Gastgeberlandes Mali - von westlichen und postkolonialen Bevormundungen zu verabschieden. 'Mali hat sich auf provokative Weise dekolonialisiert', sagt Igor Diarra, der Direktor der Galerie Medina, wo die Biennale einen von sieben über die ganze Stadt verteilten Ausstellungsorten unterhält. 'Wegen der Spannungen mit Frankreich sind bestimmte westliche Medienvertreter nicht gekommen. Das ist schade. Aber man darf nicht vergessen, dass jede Krise auch eine Chance der Neuorientierung ist.'"

Außerdem: In der taz resümiert Julia Hubernagel ein "hitziges" Symposium mit dem Titel "documenta fifteen aus indonesischer Perspektive", das an der Hochschule für bildende Künste Hamburg stattfand. Iswanto Hartono, Mitglied des documenta-fifteen-Kuratorenkollektivs ruangrupa und Gastprofessor an der HFBK, sagte nun in aller Deutlichkeit, die Darstellungen auf dem Banner "People's Justice" seien antisemitisch, außerdem diskutierten Anwesende wie der Soziologe Nathan Sznaider, die Historiker Jürgen Zimmerer, Doron Rabinovici und Michael Wildt, die Kuratorin Nora Sternfeld, Miriam Rürup, Direktorin des Moses Mendelssohn Zentrums und Meron Mendel über Postkolonialismus, Holocaust, Rassismus und die BDS-Bewegung: "Während Meron Mendel (…), auf dem Symposium Verständnis für den Hass der Palästinenser:innen äußert, gibt der Philosoph Oliver Marchart zu bedenken, dass ein Erfolg der BDS-Kampagne ein Ende des Staates Israel zur Folge hätte. Das Ausmaß des Hasses, der Israel treffe, sei mit nichts vergleichbar." In der FAZ berichtet Hannes Hintermeier von der Restaurierung eines spätgotischen Altarbildes im Freisinger Dom.

Besprochen werden die am 11. Februar beginnende Ausstellung "Gabriele Münter. Menschenbilder" im Hamburger Bucerius Kunst Forum (Tagesspiegel), die Ausstellung "Lucian Freud: Plant Portraits" im Londoner Garden Museum (FAZ) und die große Niki de Saint Phalle Ausstellung in der Frankfurter Schirn (Welt, SZ).