Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

3749 Presseschau-Absätze - Seite 74 von 375

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.01.2024 - Film

Neugierig und getrieben vom Willen zum Wissen: Emma Stone in "Poor Things"

Yorgos Lanthimos' Frankenstein-Variante "Poor Things" nach dem gleichnamigen Roman von Alasdair Gray hatte schon beim Filmfestival in Venedig alle Herzen und den wichtigsten Preis gewonnen (unser Resümee), nun kommt der Film auch regulär ins Kino. Emma Stone spielt darin das künstliche menschliche Wesen Bella vor prächtigen Sets, sehr zur Begeisterung von FAZ-Kritiker Dietmar Dath: "Die Kulissen dieser Welt haben erfreulicherweise mehr mit Enki Bilal, Moebius und Yacek Yerka zu tun als mit dem abgebrauchten Steampunk-Dekor gängiger Kino-Retrophantastik; in ihnen lebt eher Grandville als Wes Anderson, und das Paris von 'Poor Things' stammt gar aus Benjamins Passagenvisionen, es ist ein Ort, der 'mit jedem Pflasterstein, jedem Ladenschild, jeder Stufe und jeder Torfahrt in den Traum des Passanten eingehen' kann. Bella vögelt diesen Ort zunächst in Grund und Boden. Dann schält sie sich aus der Brunft als ein Wesen, dem selbst eigener körperlicher Schmerz weniger nahegeht als das Elend anderer, ein Geistgeschöpf aus Neugier und frischer Urteilskraft." Und "wer sich der Übermacht Emma Stones in diesem Film in den Weg wirft, ist verloren." Auf SZ-Kritiker Tobias Kniebe wirkt die Wucht und Spielfreude dieser unbeugsamen Bella wie ein Befreiungsschlag: Der Film "wird angetrieben von der Lust auf Erkenntnis, einem unbedingten Willen zum Wissen, der sich für nichts mehr entschuldigen muss. ... Unvorstellbar, dass Neugier, Offenheit und Unerschrockenheit wieder die Welt beherrschen?" Ein "sehenswertes Spektakel", lobt auch tazlerin Arabella Wintermayr, gibt aber auch zu bedenken, dass der Film dem "male gaze" zuweilen ein bisschen zu sehr nachgibt. Andrey Arnold erinnert in der Presse an Lanthimos' Wurzeln im neuen griechischen Autorenfilm um 2010.

Mathis Rabe sieht auf Zeit Online die Phase der Streaming-Wars an ihre Ende geraten - mit dem lange Zeit angeschlagenen Netflix als möglichem Gewinner. Dort jedenfalls steigen die Abozahlen und Umsätze, während die von den Kinofilm-Konzernen lancierten Streamingdienste - insbesondere Disney - vor einem immer größer werdenden Milliardengrab stehen. Ein Grund dafür ist sicher auch, dass die etablierten Popkultur-Franchises, auf die Disney vor allem setzt, derzeit allesamt straucheln. "Ein wenig erinnert die Situation an die große Publikumsermüdung der Sechzigerjahre. Auch damals verschwanden die Menschen aus den Kinos, weil die Hollywoodstudios alte Erfolgsrezepte ewig zu wiederholen versuchten. Die Filmemacher der New-Hollywood-Bewegung brachten schließlich durch inhaltliche und ästhetische Experimente die Wende, Klassiker wie 'Die Reifeprüfung', 'Easy Rider' und 'Der Pate' entstanden als Alternativen zum ewigen Western- und Komödien-Einerlei des alten Hollywoods. Damals waren es nicht die großen etablierten Studiobosse, die kreative Antworten auf die Krise ihrer Branche hatten. Und alles deutet darauf hin, dass diese auch heute keine Antworten haben werden. Für den Film an sich muss das keine schlechte Nachricht sein."

Außerdem: Reinhard Kleber hört sich für den Filmdienst bei den Kinos um, wie diese die Coronapandemie verkraftet haben. Während einerseits der GenZ vorgeworfen wird, allzu prüde zu sein und kein Interesse an Sexszenen im Kino mehr zu haben, gehen nun andererseits ausgerechnet die transgressiven Drastiken aus dem aktuellen Amazon-Hit "Saltburn" auf TikTok steil, stellt Andrey Arnold in der Presse überrascht fest. Urs Bühler porträtiert in der NZZ die Schauspielerin Carmen Jaquier. Matthias Kalle resümiert für Zeit Online die Emmy Awards. Heide Rampetzreiter wagt für die Presse einen Ausblick aufs Serienjahr 2024.

Besprochen werden Roman Polanskis Farce "The Palace" ("nichts als ein schlechter Witz", ärgert sich Gunda Bartels im Tsp), die vierte Staffel von "True Detective" mit Jodie Foster (Presse, mehr dazu hier), Ayşe Polats Thriller "Im toten Winkel" (Zeit), Laura Kaehrs Dokumentarfilm "Becoming Giulia" über die Tänzerin Giulia Tonelli (FD, SZ) und Gareth Edwards' auf Disney gezeigter SF-Film "The Creator" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.01.2024 - Film

Ermitteln in der Polarnacht Alaskas: Kali Reis und Jodie Foster in "True Detective. Night Country"

Die vierte Staffel von "True Detective" stößt auf breite Resonanz in den Feuilletons. Diesmal ermittelt Jodie Foster in der (insbesondere damals wegen der ersten Staffel hochgepriesenen) Anthologieserie. Die Kulisse bildet die Polarnacht Alaskas in einem Städtchen, in dem die Toten auf Wanderschaft gehen - und die Show wurde nicht mehr von Nic Pizzolatto, sondern von Issa López geschrieben. "Die mexikanische Horror-Spezialistin legt einen anderen Fokus auf die vertrauten Serienmotive", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel: "Nicht alles in Alaska lässt sich mit forensischen Methoden erklären. Aber das Übersinnliche ist in 'Night Country', anders als bei Pizzolatto, keine Genre-Folklore, sondern tief verankert in der lokalen Kultur und der verwundbaren indigenen Community."

Carolin Gasteiger hat in der SZ (online nachgereicht vom Tages-Anzeiger) rege Freude am Ermittlerinnenduo: Foster als "Liz Danvers ist ein raue, verbissene Polizistin, privat ein Wrack, im Job aber kompromisslos und fast schon genial. ... Es spricht für López, dass sie Foster einen zwar unbekannten, aber passenden Sidekick verleiht: Kali Reis, im wahren Leben Profiboxerin und 2021 erfolgreich im Thriller 'Catch the Fair One', spielt Evangeline Navarro. Die indigene Polizistin ist allein optisch eine ideale Ergänzung für Danvers: einen Kopf größer, ein breites Kreuz und viele Tattoos. Auch sie ein unglaublicher Sturschädel." Und Oliver Jungen freut sich in der FAZ: Nachdem die zweite und dritte Staffel an die famose erste kaum anzuschließen vermochten, kann diese "atmosphärisch endlich wieder mithalten".

Carolin Weidner berichtet in der taz vom Symposium "Prozessieren" der Dokumentarfilminitiative Köln, die damit den Blick auf die Darstellung von Gerichtsverfahren in dokumentarischen Formen legte. "Die zusammengetragenen Perspektiven erhellten, demonstrierten aber zuverlässig auch die Komplexität des Gegenstandes: Zwischen Wahrheitssuche und -verschleierung, versuchter Sachlichkeit und Anprangerung, Manipulation und Investigation ist alles möglich. Ein einziger Tatbestand zwingt Menschen in Rollen, macht sie zu Opfern oder Beschuldigten, Verteidigern oder Skeptikern."

Außerdem: Marian Wilhelm empfiehlt im Standard eine Liliana Cavani gewidmete Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum. Bei den Emmys bestimmten die Serien "Succession" (als beste Dramaserie), "Beef" und "The Bear" den Abend, melden die Agenturen. Der Berliner Schauspieler Kida Khdor Ramadan wird, nachdem er eine ansehnliche Gerichtsstrafe wegen mehrfachen Fahrens ohne Führerschein wohl auch wegen eines laufenden Insolvenzverfahrens nicht zahlen konnte, demnächst eine Haftstrafe antreten müssen, berichtet Nadine Brügger in der NZZ. Besprochen werden C. J. Obasis "Mami Wata" (Jungle World, mehr dazu hier) und Roman Paul Wideras Buch "Zerfallspoetik" über zerfallende Filmstreifen (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.01.2024 - Film

Reichtum als moralische Verwahrlosung: "Triangle of Sadness"

Das Gegenwartskino widmet sich vermehrt einer "satirischen Lust an den Abgründen einer im Luxus schwelgenden Elite", beobachten Ann-Kristin Tlusty und Vanessa Lara Ullrich auf Zeit Online. Der aktuellste Fall ist "Saltburn", dem Filme und Serien wie "The White Lotus", "Triangle of Sadness", "Parasite" und "Knives Out" vorausgingen. Das ist allerdings nur vordergründig kritisch und ohne analytischen Mehrwert, meinen Autorinnen: "Wo in der Realität Räume für politische Kämpfe schrumpfen, wo Ohnmacht und Abstiegsängste dominieren, kann sich das Publikum hier zumindest in der Fiktion erheben und in antikapitalistischem Wohlgefallen suhlen. ... Doch Kapitalismus ist kein moralisches Übel und wird auch nicht, wie antisemitische Tropen gern nahelegen, von einer reichen Elite orchestriert. ... Der filmisch inszenierte Klassenkampf erschöpft sich in vielen Filmen in einer moralisierenden Auseinandersetzung mit der Dekadenz der Reichen: In ihrer Kritik am Opulenten verwechseln die Serien und Filme Reichtum mit kapitalistischer Produktion. Wir sehen Geld - nicht aber, wie es entstanden ist. Wir sehen Reichtum - nicht aber, was er mit Eigentumsverhältnissen zu tun hat."

Weitere Artikel: Constance Jamet spricht für die Welt mit Jodie Foster über die vierte Staffel von "True Detective", in der Foster als Ermittlerin tief ins kalte Alaska abtaucht. Morticia Zschiesche befasst sich in einem Filmdienst-Essay mit Elem Klimows Antikriegsfilm-Klassiker "Komm und sieh" von 1985.

Besprochen werden Thomas Cailleys "Animalia" (FAZ, mehr dazu bereits hier), Anna Hints' Dokumentarfilm "Smoke Sauna Sisterhood" (Standard, unsere Kritik hier), der Animationsfilm "Robot Dreams", der bei uns erst im Mai startet (NZZ), und die im ZDF gezeigte BBC-Serie "The Outlaws" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.01.2024 - Film

Überrascht mit Koexistenz-.Fantasie: "Animalia"

In Thomas Cailleys Fantasyfilm "Animalia" wachsen Menschen plötzlich tierische Gliedmaßen und entmenschlichen zusehends. "Der Film beginnt als Bodyhorror-Fantasie über monströse Mutationen und apokalyptische Bedrohungen, ganz klassisch in der (hier: südwestfranzösischen) Provinz angelegt", schreibt Jan Künemund im Tagesspiegel. "Und mit einer aufregenden Reihung von Schockbildern: ein verwachsenes Gesicht am Bildrand, aus dem eine Eidechsenzunge fährt, eine flüchtende Gestalt im Supermarkt mit Tentakeln, ein vom Blitz erleuchtetes Wesen mit Fischaugen und Kiemen." Aber "was 'Animalia' aus diesem genrespezifischen Unordnungen entwickelt, ist alles andere als schematisch durchgeführt und vorhersehbar." Denn der Film entwerfe "auf berührende Weise eine überraschende Koexistenz-Fantasie mit komplexen Trugbildern und stellt auf sanfte Weise neue, radikale Fragen über das Zusammenleben nach dem Rücktritt des Menschen."

Dietmar Dath und Maria Wiesner legen den Westdeutschen in "Bilder und Zeiten" (FAZ) nahe, sich mal mit dem DDR-Schauspieler Horst Drinda zu beschäftigen, der in den alten Bundesländern so gut wie unbekannt ist. Mitunter war er auf in sich ruhende Figuren spezialisiert, die alles in wenige Worte legen: "Einmal sitzt Drinda, erschöpft vom Büffeln, am Radio, und da wird ein Lied geträllert: 'Schön ist unsere Welt', danach lallte ein Denker einen Vortrag vom modernen Menschen, und Drinda fasst seufzend zusammen, diese schöne Welt, mitsamt dem modernen Menschen, könne ihn 'am Arsch lecken'. Selbst diese Müdigkeit hat was Heroisches, denn sie jammert nicht, sie raunzt höchstens ein bisschen, weil sie bald aufstehen muss und weiterkämpfen. Selten sieht man Drinda in Film und Fernsehen wütend oder aufbrausend; wenn er laut wird, geht's trotzdem noch nuanciert zu."

Außerdem: Im Filmdienst widmet sich Sebastian Seidler den Filmen des griechischen Autorenfilmers Yorgos Lanthimos, dessen "Frankenstein"-Variante "Poor Things" kommende Woche anläuft. Caroline Schluge wirft für den Standard einen Blick darauf, warum gerade die junge TikTok-Generation auf die Ekelszenen in Emerald Fennells viralem Streaminghit "Saltburn" anspringt. Valerie Dirk unternimmt für den Standard einen Streifzug durchs Thema "künstliche Reproduktion im Film". Hanns-Georg Rodek erzählt in der WamS von seiner Begegnung mit Hannah Herzsprung, deren neuer (in der FAZ besprochener) Film "15 Jahre" gerade in den Kinos angelaufen ist.

Besprochen werden Catherine Breillats Erotikdrama "Im letzten Sommer" (Tsp, Welt, online nachgereicht von der FAZ, mehr dazu hier), J. A. Bayonas "Die Schneegesellschaft" (Presse) und der Actionfilm "The Beekeeper" mit Jason Statham (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.01.2024 - Film

Den von der FAZ als "Brandbrief" an Claudia Roth bezeichneten Aufruf von Vertretern aus der Filmbranche (unser Resümee), doch endlich die seit geraumer Zeit angekündigten Reformen der Filmförderung (natürlich im eigenen Sinne) auf den Weg zu bringen, findet Rüdiger Suchsland auf Artechock "erstaunlich unambitioniert und übertrieben bescheiden formuliert", auch fehlen ihm unter den Aufrufern Vertreter der Filmkunst. Vor allem aber stößt er sich an der Forderung, dass es in Deutschland weniger Filme geben soll. Diese alte Forderung habe "noch nie wirklich eingeleuchtet. Denn wieso soll der deutsche Film besser werden, weil es weniger deutsche Filme gibt? Da muss ja jeder Schuss erst recht sitzen. Wir fahren in allen möglichen Bereichen - und ich glaube sehr zu Recht - Diversität. Warum wollen wir auf einmal keine Diversität bei den Filmen? Es hat wahrscheinlich niemand etwas dagegen, dass es ein paar weniger schlechte deutsche Filme gibt. Vielmehr geht es darum: Wer entscheidet denn darüber, was ein guter und was ein schlechter Film ist? Und darüber, welche Filme es in Zukunft nicht mehr geben darf? Wenn es nur um die Frage geht, womit Kinobetreiber Geld verdienen können, dann handelt es sich ganz bestimmt nicht um Filme, die bei einem Festival wie Cannes oder Venedig irgendwelche Preise gewinnen."

Weitere Artikel: Der als Soldat im Einsatz befindliche "Fauda"-Star Idan Amedi wurde bei einem Militäreinsatz in Gaza schwer verletzt, meldet Philippe Zweifel im Tages-Anzeiger. Besprochen werden Catherine Breillats "Im letzten Sommer" (critic.de, unsere Kritik), Thomas Cailleys Science-Fiction-Film "Animalia" (ZeitOnline), die Netflix-Serie "Berlin", die ein Spin-Off von "Haus des Geldes" ist (TA), der Actionfilm "The Beekeeper" mit Jason Statham (FR) und Sophie Barthes' Science-Fiction-Film "Baby to Go" über eine Zukunft, in der Männer Kinder austragen (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.01.2024 - Film

Der Rest der Welt als Störsignal: "Im letzten Sommer" von Catherine Breillat

Eine Anwältin hat eine Affäre mit ihrem 17-jährigen Stiefsohn - willkommen in "Im letzten Sommer", dem neuen Film von Catherine Breillat, die auf abgründige Liebesgeschichten spezialisiert ist. SZ-Kritiker Philipp Stadelmaier fühlt sich von diesem Film bestrickend angekantet: Er ist "teilweise so kühl und spröde, dass der Film sich kaum darum schert, irgendwem zu gefallen. Trotzdem oder genau deswegen, verfällt man ihm gnadenlos." Zumal die Sexszenen "außergewöhnlich sind. Wir sehen nicht das übliche Gebalge und Gestöhne, sondern durch die Körper hindurch. Ein ekstatisch durchgestreckter Hals wird zur Brücke in ein Reich des Begehrens." Auch Bert Rebhandl vom Standard ist sehr angetan: "Was ist Wahrheit, wer hat die Macht, seine Version durchzusetzen? All das spielt 'L'été dernier' bis zu einem angemessen offenen Ende virtuos durch." FR-Kritiker Daniel Kothenschulte winkt hingegen ab: "Halbherzig bleibt die Sache schon".

Breillats "Filme zeigen genug Welt, um uns einen Abgleich mit unserer eigenen Lebenswelt zu erlauben - aber nicht mehr", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher. "Sie betten den Sex in den Fluss des Alltags ein, in diesem Fall in die Routinen einer ökonomisch saturierten Patchworkfamilie", doch "anders als viele andere in einem konventionelleren Sinn freizügige französische Alltagsdramen ordnen sie ihn diesem Fluss nicht unter. Schon mit Théos erstem Auftritt, wenn er faunartig, mit nacktem Oberkörper an einem Türrahmen lehnt, ist es um Anne geschehen. Fortan gibt es keinen Fluss des Alltags mehr, nur noch eine Kaskade der Blicke und Berührungen, die den Rest der Welt zum bloßen Störsignal degradieren. Breillat weigert sich, das Sexuelle auf einen bloßen Bestandteil der sozialen Realität neben anderen zurecht zu schrumpfen. Auch als gebrochenes bleibt das Tabu in ihren Filmen in gewisser Weise in Kraft, es insistiert als ein obsessiver Rest, der sich den Trägheitskräften, dem Drift in Richtung Normalisierung widersetzt."

Im Filmdienst-Gespräch mit Michael Ranze erklärt Breillat das Programm ihrer Filmografie: An der Abschaffung von Tabus sei ihr nicht gelegen, sondern sie zeige "Tabuüberschreitungen, damit man sie sehen kann, um feststellen zu können, warum sie verboten wurden, ob es nötig war, sie zu verbieten. Ich gehe auch immer von der Überzeugung aus: Um sich selbst erkennen zu können, muss man sich wiedererkennen können, das heißt, man muss in seiner Ganzheit dargestellt und erfasst werden. Im Film wird alles, was mit Sexualität zu tun hat, quasi an den Pornofilm relegiert. Dort soll sie aufgehoben sein. Im Spielfilm spielt die Sexualität des Menschen keine Rolle. Im Porno haben wir Sex ohne Seele, Haut ohne Seele, Geschlechtsteile ohne Seele. Im Spielfilm fehlt dieser Aspekt der menschlichen Identität, die zu uns gehört. Es ist eine Verpflichtung, diese beiden Bereiche wieder zu versöhnen und den Menschen in seiner Komplexität, in jeglichem Aspekt der Sexualität, zu erfassen und darzustellen."

Besprochen werden Kitty Greens Thriller "The Royal Hotel" (Perlentaucher, FAZ, taz), Chris Kraus' "15 Jahre" mit Hannah Herzsprung (FR), C.J. Obasis nigerianischer Thriller "Mami Wata" (Tsp, FD, mehr dazu bereits hier), Thomas Cailleys Arthouse-Fantasyfilm "Animalia" (Standard), der Actionfilm "The Beekeeper" mit Jason Statham (taz) und die Arte-Doku "Kim Kardashian Theory" (taz), Außerdem verrät die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht. Der Filmdienst gibt hier einen Überblick über alle Kinostarts mit allen Filmkritiken.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.01.2024 - Film

Das Schwarzweiß ist zutiefst politisch: "Mami Wata" von C.J. Obasi

C. J. Obasis nigerianischer Thriller "Mami Wata" gehört für tazler Fabian Tietke zu den "visuell beeindruckendsten Filmen des letzten Jahres". Das hochkontrastive Schwarzweiß des Films ist dabei kein bloßer Selbstzweck, sondern "hat gleich mehrere Funktionen: Erstens entrückt es die Handlung in eine mystische Sphäre und unterstreicht den allegorischen Charakter des Films. Zweitens greift der Film in seiner Bildsprache auch filmische Traditionen von den Anfängen des afrikanischen Kinos nach der Unabhängigkeit auf, zugleich verweist Obasi aber in einem Interview mit dem Branchenblatt Screen Daily auf Bildtraditionen des Weltkinos wie die Filme von Akira Kurosawa. Drittens ist die Wahl des Schwarz-Weiß auch ein Ausweichmanöver: Denn bis heute basieren gängige Farbverfahren im Film auf Standardisierungen aus der Zeit des Analogfilms, die in erster Linie mit Blick darauf entwickelt wurden, weiße Körper leinwandwirksam abzubilden. Das Schwarz-Weiß der Bilder, die Obasi und Soares für ihren Film entwickelt haben, ist also zutiefst politisch."

"Als Massenmedium und kollektive Kunstform des 20. Jahrhunderts ist das Kino vielleicht gestorben", sagt der Filmemacher Nicolas Windig Refn, der in letzter Zeit vor allem Serien und zuletzt einen viertelstündigen Kunstfilm für Prada gedreht hat, im SZ-Gespräch. Aber in "neuen Formaten" sei es doch "wiederauferstanden", gibt er selig zu Protokoll: "Das Kino ist heute sehr lebendig, in einem radioaktiven Sinne. Es ist überall um uns herum und in uns, in unseren Genen, unserem Blut. ... Am Ende des Tages verkörpert Kino etwas, was nie verschwinden wird: das Vergnügen an einer gemeinsamen Erfahrung." Nur "Content ist unser Untergang in einer untergehenden Welt. Dabei können gerade Filme die Grenzen der Netzhaut überwinden, in den Geist eindringen! Aber dazu müssen sie erst einmal verletzen, Spuren hinterlassen, Stillstand und Schweigen können uns verletzen. Wenn wir uns hier zwanzig Minuten anschweigen würden, wäre das hochinteressant."

Außerdem: Die Signa-Pleite hat auch Folgen für den Hedy-Lamarr-Nachlass, berichtet Olga Kronsteiner im Standard. Jan Küveler resümiert für die Welt die Golden-Globes-Verleihung. Besprochen werden Garth Davis' "Enemy" mit Saoirse Ronan (Standard), Chris Kraus' "15 Jahre" mit Hannah Herzsprung (FD), die ARD-Doku "Beckenbauer" (ZeitOnline) und die Marvel-Serie "Echo" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.01.2024 - Film

Für Zeit Online reitet Jens Balzer durch die äußerst bewegte Frühgeschichte der Micky Maus, deren erste Version aus dem Jahr 1928 ja nun gemeinfrei wurde, nachdem der Disneykonzern in den Jahrzehnten zuvor immer wieder Lobbyarbeit betrieb, damit die US-Urheberrechtsgesetze zu eigenen Gunsten verschärft und Fristen verlängert werden. Durchaus pikant daran: "Die gesamte Geschichte der Disney-Kultur ist eine Geschichte der Aneignungen, Fakes und Simulationen. Der prominente US-amerikanische Juraprofessor Lawrence Lessig hat darum schon vor über 20 Jahren gefordert, ihr Beispiel zu einer umfassenden Revision des restriktiven Urheberrechts zu benutzen. Fast alles, worauf der Erfolg der Disney-Comics und -Filme gründet, habe sich aus fremden Quellen gespeist, schrieb Lessig 2004 in seinem Buch 'Free Culture'. Das gilt für die abendfüllenden Filme, 'Schneewittchen', 'Pinocchio', 'Bambi', 'Cinderella', 'Alice in Wonderland' und so weiter, es gilt aber auch schon für den allerersten Micky-Maus-Film: Denn 'Steamboat Willie' ist tatsächlich nichts anderes als eine Zeichentrickversion des kurz vorher, im Mai 1928, erschienenen Buster-Keaton-Films 'Steamboat Bill, Jr'. Wie kann ein Konzern das Urheberrecht für Schöpfungen beanspruchen, die ihrerseits nichts anderes sind als geklaut?"

Außerdem: Bei den Streamingdiensten tut sich was, fällt Eva Keller in der taz auf: Seit eingeblendete Werbespots in der Netflix-Bilanz immer wichtiger werden, wird auch immer schneller gecancelt, was keinen Umsatz bringt - 2023 sollen demnach die Eigenproduktionen um 16 Prozent zurückgegangen sein. Matthias Kalle (Zeit Online) und Jürgen Schmieder (SZ) resümieren die Golden-Globes-Verleihung.

Besprochen werden Hayao Miyazakis "Der Junge und der Reiher" (Presse, unsere Kritik), die Riesenmonster-Serie "Monarch" auf Apple (FAZ), Chris Kraus' "15 Jahre" mit Hannah Herzsprung (Standard) und eine ARD-Doku über den gestern verstorbenen Franz Beckenbauer (TA, Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.01.2024 - Film

Sandra Hüller in "Anatomie eines Falls", für den sie für einen Golden Globe nominiert war

In den USA wurden die Golden Globes verliehen. Als bester Film wurde Christopher Nolans "Oppenheimer" ausgezeichnet. Sandra Hüller konnte ihren sagenhaften Run in den letzten zwölf Monaten leider nicht mit einer Auszeichnung krönen: Der Golden Globe in der Kategorie "beste Schauspielerin / Drama" ging an Lily Gladstone aus "Killers of the Flower Moon" (hier alle Nominierten und Gewinner). Tags zuvor hatte der US-Verband der Filmkritik Hüller als beste Schauspielerin des Jahres ausgezeichnet. Auf Zeit Online verneigt sich Georg Seeßlen mit einem Essay vor der deutschen Schauspielerin: Sie "besitzt ein Gespür für Timing, Aktion - Verzögerung - Reaktion, ihre Bewegungsmelodie erzeugt Räumlichkeit, wo weniger begabte Schauspielerinnen nur vor der Kamera Texte aufsagen würden. Sie beherrscht die Kunst der Ambivalenz und die Balance zwischen dem Erklärten und dem Rätselhaften, die physiognomischen Skizzen von Bruch und Widersprüchlichkeit; bei Sandra Hüller können in einer Mimik Begehren und Abscheu, Zärtlichkeit und Bosheit, soziale Maske und menschlicher Abgrund sichtbar werden, schließlich der natürliche Flow, mit dem auch Grenzüberschreitungen möglich sind: Nacktheit, Gewalt, Schmerz, Verzweiflung, Demütigung, Zorn. All diese Empfindungen, für die man ins Kino geht. ... Mit Sandra Hüller gibt es Exkursionen ins Innere wie ins Äußere der Frauen in der post-feministischen, post-demokratischen und post-progressistischen Zeit nach Wiedervereinigung, Millennium und Krise. Es ist die Frau, die als Opfer wie als Täterin, und oft genug als beides zugleich, die Lieblosigkeit, die Ernüchterung, die Verzweiflung dieser Tage ausdrückt."

Außerdem: Im Dlf-Feature erinnert Daniel Guthmann an den vor 30 Jahren verstorbenen Filmemacher Sergei Paradschanow. Besprochen werden die Netflix-Serie "The Brothers Sun" mit Oscarpreisträgerin Michelle Yeoh (Zeit Online), Taika Waititis Sportkomödie "Next Goal Wins" (Jungle World) und neue, auf Netflix gezeigte Comedy-Specials von Ricky Gervais und Dave Chappelle (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.01.2024 - Film

Szene aus "Slowo Panza"


Artur Weigandt blickt für die FAZ auf den osteuropäischen Erfolg der russischen Serie "Slowo Pazana", die das kriminelle und gewalttätige Treiben von Jugendbanden in der Sowjetunion Ende der Achtziger zum Thema hat. Sogar in der Ukraine findet die Serie Anklang, allerdings weniger bei den russischen Behörden: "Straßenkämpfe wie in Kasan waren in der Spätphase der Sowjetunion nicht nur für russische Industriestädte typisch, sondern auch für ukrainische. Daher fühlen sich viele ältere Ukrainer durch 'Slowo Pazana' an ihre Jugend erinnert. Jüngere und gebildetere Ukrainer hingegen, die alles Sowjetische ablehnen, tadeln diese 'Romantisierung' der Vergangenheit und verlangen in den sozialen Medien, die Serie zu boykottieren. Darin stimmen sie ironischerweise mit einigen russischen Amtspersonen überein, etwa der Vorsitzenden des Duma-Ausschusses für Familienfragen, Nina Ostanina und der Beauftragten für Kinderrechte in Tatarstan, Irina Wolynez, die sich an die Aufsichtsbehörde Roskomnadsor mit der Forderung wandten, die Erfolgsserie zu verbieten, weil sie widerrechtliches Verhalten und Jargonsprache verherrliche."

Vorsicht, sexistisch. Sean Connery als James Bond


Jan Küveler ärgert sich in der Welt darüber, dass das British Film Institute James-Bond-Filmen künftig einen Warnhinweis voranstellt, dass die Filme mitunter rassistische und andere Stereotype enthalten. "Nun könnte man, wie immer, wenn es um Trigger-Warnung geht, einwenden, man habe es hier nun mal mit Geschichte zu tun, im doppelten Sinn von Fiktion und Historie. Das fiktionale Wesen der Filme führt die Rechtfertigung des BFI ad absurdum, man 'teile die Ansichten' des Gezeigten nicht; Filme haben keine Ansichten, sie erzählen Geschichten, auf die sich jeder seinen eigenen Reim machen kann. Und dass wir die Vergangenheit nicht an den Maßstäben der Gegenwart messen sollten, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. ... Ein Vorschlag zur Güte wäre, zur besten Sendezeit, auf der Google-Frontpage oder meinetwegen auch per in den Himmel geschriebenen Buchstaben ein für alle Mal zu erklären, dass die Beschäftigung mit Geschichte etwas Verstörendes haben kann, aber auch Lehrreiches und Belustigendes." Ob sich Küveler vergleichbar darüber aufregt, dass in Deutschland Spielfilme seit Jahrzehnten mittels Indizierung und Beschlagnahmung tatsächlich aus dem Verkehr gezogen und nicht nur mit einem harmlosen Warnhinweis versehen werden, ist leider nicht bekannt.

Alexander Gutzmer feiert in der FAZ (Bilder und Zeiten) die "Sopranos", die heute vor 25 Jahren erstmals auf Sendung gingen, und mit denen ihr Macher David Chase eine "fernsehkulturelle Revolution" ausrief: Die Serie habe "erst das möglich gemacht, was für uns heute selbstverständlich ist: eine neue Art komplexen und vielschichtigen Erzählens in Serienform", aber "vor allem hat sie eine neue Erzählstrategie etabliert, um Raum (städtischen, ländlichen oder vorstädtischen) zu inszenieren und als zentralen Ankerpunkt in eine Serie einzubauen. ... In gewisser Hinsicht hat Chase durch die 'Sopranos' schlicht ein Potential entdeckt, das dem Serienformat inhärent innewohnt: nämlich gesichtslose Landschaften und räumliche Strukturen zu inszenieren, die mit unseren klassischen Metropolen nichts zu tun haben. Landschaften, in denen die räumlichen Hierarchien von Metropolen wie New York, Chicago, Paris oder Berlin nichts gelten. Diese Raumstrukturen haben keine repräsentativen Zentren, stellen keine bewussten städtebaulichen Kompositionen dar. Sie sind raumplanerische Desaster und werden dominiert von dem, was der Soziologe Marc Augé 'Nicht-Orte' nannte."

Außerdem: Michael Kienzl wirft im Filmdienst einen optimistischen Blick aufs Programm des Kinojahrs 2024. Florian Weigl resümiert für critic.de das Hamburger Cinefest, das sich in diesem Jahr dem deutschen Musikfilm gewidmet hat. Martin Walder erinnert in der NZZ an den Schweizer Filmproduzenten Lazar Wechsler, der vor 100 Jahren die Zürcher Produktionsfirma Praesens gegründet hat. In der Literarischen Welt erzählt Georg Stefan Troller von seiner Begegnung mit dem französischen Filmarchivar Henri Langlois. Michèle Binswanger vom Tages-Anzeiger fühlt sich bevormundet davon, dass das Westschweizer Fernsehen nach jüngsten Vorwürfen gegen Gérard Depardieu Filme mit ihm aus dem Programm nimmt. Nikolas Lütjens schreibt im Tagesanzeiger zum Tod des Schauspielers David Soul. Daniel Kothenschulte schreibt in der FR einen Nachruf auf die Schauspielerin Glynis Johns. Besprochen wird J. A. Bayonas auf Netflix gezeigtes Survivaldrama "Die Schneegesellschaft" (Standard, Zeit Online).