Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

3748 Presseschau-Absätze - Seite 66 von 375

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.04.2024 - Film

"Ziemlich peinlich" findet es Peter Körte in der FAS, dass Angela Schanelecs "Music" (unsere Kritik) für keinen Deutschen Filmpreis nominiert wurde. "Da verhält sich die internationale Anerkennung für Schanelecs Arbeit umgekehrt proportional zur Ignoranz in Deutschland. ... Am schlechten Einspielergebnis von 'Music' liegt es nicht" da die meisten der bereits angelaufenen nominierten Filme Zuschauerzahlen im unteren bis mittleren fünfstelligen Bereich aufweisen oder gar nur im vierstelligen Bereich wie auch Schanelecs Film. "Nur 'Ein ganzes Leben' von Hans Steinbichler, die Lebensgeschichte eines Hilfsarbeiters in den Alpen, brachte es auf rund 200.000 Zuschauer. Klar, Zahlen sind nicht alles, aber etwas zu erzählen haben sie auch. Verschämt wird beim Filmpreis seit 2014 zusätzlich der besucherstärkste Film geehrt, der praktisch nie unter den Nominierten auftaucht."

Weitere Artikel: Thomas Abeltshauser spricht für die taz mit Elene Naveriani über deren Film "Amsel im Brombeerstrauch", der von einer Frau in Georgien erzählt, die in ihren Mitt-Vierzigern lustvoll ihren Körper entdeckt. Besprochen werden Alex Garlands "Civil War" (NZZ, mehr dazu bereits hier), Ryûsuke Hamaguchis "Evil does not exist" (Standard, mehr dazu bereits hier), Jochen Hicks Dokumentarfilm "Queer Exile Berlin" (online nachgereicht von der FAZ) und Matt Bettinelli-Olpins und Tyler Gilletts Horrorfilm "Abigail" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.04.2024 - Film

Beobachtet mit Skepsis: "Evil Does Not Exist" von Ryūsuke Hamaguchi

Gestern gab es nur Interviews mit Ryūsuke Hamaguchi zu dessen neuen Film "Evil Does Not Exist", jetzt kommen doch noch Kritiken. Der Film handelt von einem in der beschaulichen Natur bei Tokio gelegenem Dorf, das sich dagegen zur Wehr setzt, dass sein Idyll durch einen luxuriösen Campingplatz für Stadtbewohner zerstört werden soll. Das "folgt oberflächlich betrachtet einer Ökoparabel", schreibt Barbara Schweizerhof in der taz, doch legt der Film widersprüchliche Fährten für Menschen, die Filmen noch aufmerksam folgen können: "Da ist erstens die Natur nie ganz harmlos, zweitens die Gemeinschaft nicht wirklich harmonisch und drittens ist es auch mit der kapitalistischen Gier nicht so einfach." So unterliegt in diesem Film "allen Beobachtungen eine gewisse Skepsis".

Einen überaus sinnlichen Film sah Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche: "Hamaguchi entwickelt sozusagen eine ökologische Filmästhetik. In der Eröffnungssequenz gleitet die Kamera minutenlang zu sanft dissonanten Klängen die Baumwipfel entlang, Hamaguchi hat seinen Film gemeinsam mit Eiko Ishibashi komponiert: Ihre Musik sowie die Landschaft dienen als Inspiration für die Bilder, der Regisseur folgt lediglich Vorgaben." Das übt auch auf Artechock-Kritikerin Dunja Bialas einen erheblichen Reiz aus: "In narrativen Zeitkapseln arbeitet Hamaguchi gegen den konsumierbaren Plot an, entdramatisiert, entschleunigt und verrätselt seine parabelhafte Erzählung, kehrt immer wieder zu Momenten der Vergangenheit zurück oder dehnt die erzählte Zeit, indem er einfach nichts erzählt. Indem er die Natur dem Blick der Kamera überlässt, das Ohr einfach nur hören lässt, die Musik, das Rauschen der Natur."

Außerdem: Dass Holger Roost-Macias' Dokumentarfilm "Sehnsucht nach Unschuld" über Leni Riefenstahls Reisen zu den südsudanesischen Nuba in den Sechzigern und Siebzigern im Filmmuseum München nach Protesten migrantischer Initiativen nun doch nicht gezeigt wurde, hält Andreas Platthaus in der FAZ für eine verpasste Chance einer "Auseinandersetzung über Riefenstahl". Elke Eckert wirft für Artechock einen Blick ins Programm der Türkischen Filmtage in München.

Besprochen werden  Matt Bettinelli-Olpins und Tyler Gilletts Horrorfilm "Abigail" (Perlentaucher), Elene Naverianis "Amsel im Brombeerstrauch" (online nachgereicht von der FAZ), Alex Garlands "Civil War" (Artechock, Standard, mehr dazu bereits hier), Véréna Paravels und Lucien Castaing-Taylors auf Mubi gezeigter Dokumentarfilm "De Humani Corporis Fabrica" über das Innere des menschlichen Körpers (NZZ), die französische, auf Netflix gezeigte Actionserie "Furies" (Presse) und Aldo Gugolz' Dokumentarfilm "Omegäng" über Schweizer Dialekte (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.04.2024 - Film

Ubiquitäre Untergangsfantasien: Kirsten Dunst in Alex Garlands "Civil War"

Science-Fiction-Auteur Alex Garland malt sich in "Civil War" einen amerikanischen Bürgerkrieg in naher Zukunft aus, vermittelt durch die Perspektive der Kriegsfotografin Lee (Kirsten Dunst), die durch mehrere US-Staaten reist. Es ist entsprechend "kein Film über das Leid, das der Krieg bringt, sondern ein Film über das Betrachten des Leids", schreibt Perlentaucher Karsten Munt, den Garlands medienkritischer Gestus allerdings ziemlich frustriert: "Der Road-Trip, zu dem Lee und ihre Wegbegleiterinnen aufbrechen, weist mitunter durchaus das Potenzial auf, an sujet-verwandte Genreklassiker und ihre Schnörkellosigkeit anzuknüpfen. ... Garland aber möchte seinen Film sichtbar als thinking man's Genrestück verstanden wissen. 'Civil War' positioniert sich jedoch nicht zur politischen Realität 'am Boden', sondern wirft vom Treppenabsatz aus Fragen ein - rhetorische Fragen, versteht sich. Der Vibe des Films ist der eines passiv-aggressiven Tweets: provozierend genug, um Resonanz zu fordern; ungebunden genug, um direkt für den nächsten ausgetauscht zu werden."

"Die Geschichte macht sich die emotionale Kälte ihrer Figuren zu eigen, die nichts mehr zu schocken scheint", hält Philipp Rhensius in der taz fest. Aber "darf ein Film, der indirekt stets auf die Situation der gespaltenen US-Gesellschaft schielt, ohne Lehren auskommen?" Vielleicht schon, meint er: "So ließe sich Brechts Aphorismus für 2024 updaten. Stell dir vor, es läuft ein Kriegsfilm und niemand weiß, um was es geht, aber wie. Vielleicht hat derart immersive Action in einer Zeit, in der vor allem mit Gefühlen und nicht Argumenten Politik gemacht wird, mehr Abschreckungspotenzial." Chris Schinke blickt in der Jungle World eher mit Sorge auf den Film, dessen Regisseur sich der diffusen Untergangs- und Bürgerkriegslust der radikalisierten amerikanischen Rechten (sowie der Popkultur) vielleicht nicht andienen wolle, dieser aber trotzdem in die Hände spiele: "'Civil War' gerät durch den Flirt mit der totalen Revolte in den unheimlichen Bann der seltsam ubiquitären Untergangsfantasie." FR-Kritiker Daniel Kothenschulte entdeckt in dieser "fast surrealen Alptraumreise" auch "ein Roadmovie, das an das New Hollywood der Sechziger und Siebziger erinnert". Valerie Dirk porträtiert im Standard Kirsten Dunst.

Weitere Artikel: "Evil Does Not Exist", den neuen Film des japanischen Oscarpreisträgers Ryûsuke Hamaguchi, will offenbar niemand besprechen, aber alle wollen mit seinem Macher sprechen: Interviews gibt es in FR, Tagesanzeiger, Freitag und SZ. Andreas Scheiner erzählt in der NZZ von seinem Treffen mit dem Filmemacher John Wilson. Carmen Paddock rankt für VAN die besten Opernhausszenen im Film. Besprochen werden eine DVD-Ausgabe von Hou Hsioa-hsiens "Millennium Mambo" (taz), die HBO-Serie "The Sympathizer" nach dem gleichnamigen Roman von Viet Thanh Nguyen (Welt, Presse, mehr dazu hier) sowie Rachel Ramsays und James Erskines beim Internationalen Frauen Film Fest Dortmund+Köln gezeigter Dokumentarfilm "Copa '71" über die Frauen-WM 1971 in Mexiko (SZ). Außerdem verrät das Filmteam der SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht. Hier alle Kritiken des Filmdiensts zur aktuellen Kinowoche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.04.2024 - Film

Ein trauriges Gespenst: "Irdische Verse"

Alireza Khatamis und Ali Asgaris "satirischer Episodenfilm 'Irdische Verse' erzählt in neun Tableaus von den Auswirkungen der Sharia auf das Leben der Iranerinnen und Iraner im Gottesstaat", schreibt Heike Karen Runge in der Jungle World. Dabei geht es vor allem um "den ganz alltäglichen Irrsinn einer bizarren Glaubensbürokratie". Die Episode, in der eine Mutter für ihre Tochter in einem Bekleidungsladen ein Schleierset kaufen will und sich im Off des Bildes ein Dialog zwischen Mutter und Verkäuferin in den Details der bizarren Vorschriften verliert, zählt für Runge zu den Höhepunkten: "Unterdessen performt die Tochter im Stil von Tanzvideos eine Choreographie vor der Kamera und stellt der Mutter selbstbewusste Fragen - warum trägt sie das Gewand denn nicht, wenn sie es doch so schön findet? Wie sich das fröhliche Mädchen unter den Stoffmassen für einen Moment in ein trauriges Gespenst verwandelt, bevor es den Hijab abnimmt, die pinken Kopfhörer wieder aufzieht und unbeeindruckt weitertanzt, ist nicht nur umwerfend inszeniert, sondern fragt implizit auch danach, welche Kräfte sich in Zukunft in der Gesellschaft durchsetzen werden."

Barbara Schweizerhof unternimmt für die taz einen Streifzug durch die Geschichte der Midlife-Crisis im Kino, von Fellini über das US-Unterhaltungskino bis in die jüngere Arthouse-Gegenwart: Dabei zeigt sich ihr nicht nur, dass 90s-Mainstream wie "City Slickers" heute "weit altmodischer und angestaubter scheint als noch die katholische Existenzialisten-Künstlichkeit von Fellini" und dass es gute Gründe dafür gibt, dass einst als Instant Classics gehandelte Filme wie "American Beauty" zu Klassikern dann doch nicht wurden. Männer stehen allerdings überall im Mittelpunkt, mit Ausnahmen: "Einen der schönsten und bis heute kaum übertroffenen Filme über eine Frau in der Midlife-Krise stammt aus dem Jahr 1978 und von einem Mann: Paul Mazurskys 'Eine entheiratete Frau'. Jill Clayburgh spielt die Frau, die von ihrem Mann für eine Jüngere verlassen wird und sich selbst neu finden muss. Nicht nur der 70er-Jahre-Realismus macht den Film besonders, sondern auch die Tatsache, dass es am Ende doch nicht einfach ein neuer Mann (Alan Bates) ist, der ihr neues Glück beschert, sondern im Gegenteil, ihr Bestehen auf Selbstständigkeit. Jüngere Filme wie 'Unter der Sonne der Toskana' (2003) oder 'Eat Pray Love' (2010) folgen da immer noch dem alten Klischee."

Besprochen werden Carla Gutiérrez' Dokumentarfilm über Frida Kahlo (NZZ), Christopher Zallas Schuldrama "Radical" (Standard), neue deutsche Thriller von Marvin Kren und Lars Becker (Welt), die Apple-Serie "Franklin" mit Michael Douglas (SZ, in Online-Auslieferung vom TA), die Amazon-Serie "Fallout" (Presse) und das ZDF-Porträt "Mensch Merz - der Herausforderer" (Zeit Online).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.04.2024 - Film

In der FAZ gratuliert Claudius Seidl Ellen Barkin zum 70. Geburtstag. Besprochen wird die auf Disney+ gezeigte, nigerianische Science-Fiction-Serie "Iwájú", die von einem futuristischen Lagos handelt (taz).
Stichwörter: Disney

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.04.2024 - Film

Entlarvt amerikanische Überheblichkeit: "The Sympathizer" (HBO)

Die HBO-Serie "The Sympathizer", basierend auf dem gleichnamigen Roman von Viet Thanh Nguyen und umgesetzt von dem koreanischen Autorenfilmer Park Chan-wook, kommt bei den Kritikern gut an. Im Mittelpunkt steht ein Doppelagent namens The Captain, der für die CIA und für den Vietkong arbeitet. Tazler Florian Schmid dankt dieser "wilden Mischung aus Agentengeschichte, Kriegsfilm, Sozialdrama und rassismuskritischer Satire" für "eine vietnamesische Perspektive auf diesen für die US-Popkultur so wichtigen Krieg, die im US-Kulturbetrieb völlig fehlt". Die Serie "erzählt als bitterböse Komödie ungeschminkt vom Rassismus gegen vietnamesische Geflüchtete und der Hybris der Amerikaner gegenüber Vietnamesen. ... Nguyens brillanten, ziegelsteingroßen Roman zu verfilmen, ist eine Herausforderung. Park Chan-wook wird ihr gerecht." Auch Nina Rehfeld von der FAZ sah "eine beißende Satire auf amerikanische Überheblichkeit und ungebrochene Arroganz, wenn auch aus dem sicheren Abstand von fünf Jahrzehnten. Aber bei allem perspektivischen Witz ist sie nie zynisch. Auf Entlarvung folgt Tragik, die ihre Wurzeln wiederum in einem größeren Überbau zu finden scheint: dem Hang von Menschen zur Grausamkeit gegen sogenannte 'Andere'."

Berlinale-Moderatorin Hadnet Tesfai und das ZDF wehren sich in Statements dagegen, nun den Schwarzen Peter bei der Aufarbeitung des Debakels der Berlinale-Abschlussgala zugeschoben zu bekommen, wie dies Claudia Roth und Mariette Rissenbeek bei einer Sondersitzung des Kulturausschusses des Bundes vergangenen Woche versuchten (unser Resümee): "Zu überprüfen ist weder die Aussage Rissenbeeks noch Tesfais Antwort", kommentiert Andreas Busche im Tagesspiegel resigniert angesichts dieser Sündenbock-Suche. "Man kann nur hoffen, dass diese 'Aufarbeitung' künftig nicht als Modellfall für die Diskussion über strukturellen Antisemitismus und Rassismus in der deutschen Gesellschaft (und, ja, vielleicht auch in der Kulturszene) herangezogen wird. ... Wer sich allerdings noch an das Lavieren von Kulturstaatsministerin Claudia Roth, dem Documenta-Aufsichtsrat und dem Kuratoren-Kollektiv beim Antisemitismus-Skandal der Kasseler Kunstschau vor zwei Jahren, erkennt ein Muster: ein mangelndes Bewusstsein für die Polarisierung der Gesellschaft bei gleichzeitig einem Höchstmaß an moralischer Selbstgewissheit."

Popstars lösen derzeit Superhelden als Erfolsgaranten an den Kinokassen ab, beobachtet Jakob Thaller vom Standard. Zumindest laufen Biopics über Popstars (aber nicht nur über diese ) gerade verdammt gut. "Biopics sind in den Augen der Produktionsstudios ein perfektes Genre: Man braucht keine innovativen Ideen und kein großes Budget. Aus Nostalgie strömen sowieso genügend bereits vorhandene Fans in die Kinosäle." Doch "wie Superheldenfilme sind Popstar-Biopics erfolgreich, weil sie uns Charaktere und einen Mythos präsentieren, die wir bereits kennen. Echte, schmerzhafte Lebensmomente verkommen zum Klischee. Wo die Wahrheit liegt, interessiert Hollywood nicht."

Weitere Artikel: David Steinitz schreibt in der SZ einen Nachruf auf die Regisseurin Eleanor Coppola. Im dritten Teil seiner Essayreihe für den Filmdienst über Heist-Movies schreibt Leo Geisler an "The Killing" (1956) von Stanley Kubrick. Maria Wiesner erinnert in der FAZ (online nachgereicht) an den Hongkong-Actionklassiker "Police Story" mit Flummiball Jackie Chan und insbesondere an dessen Synchronsation im "Schnodderdeutsch" aus der Feder von Rainer Brandt.

Besprochen werden der Dokumentarfilm "Ein Traum von Revolution", in dem Petra Hoffmann, damals selbst als Brigadistin im Land, die letzten Endes gescheiterte Revolution in Nicaragua Ende der Siebziger aufarbeitet (taz), Alice Rohrwachers "La Chimera" (Tsp, unsere Kritik), Woody Allens "Ein Glücksfall" (Standard, unsere Kritik), Sam Taylor-Johnsons Amy-Winehouse-Biopic "Back to Black" (Jungle World), die vom ZDF online gestelle Science-Fiction-Serie "Infiniti" (FAZ) und die auf Amazon gezeigte Serienadaption des Videospiels "The Fallout" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.04.2024 - Film

Besprochen werden Ali Asgaris und Alireza Khatamis iranischer Collagenfilm "Irdische Verse" (online nachgereicht von der FAZ), Woody Allens "Ein Glücksfall" (Welt, unsere Kritik), Philip Martins Netflix-Film "Scoop" über ein PR-Desaster von Prinz Andrew (NZZ), die in der ARD-Mediathek gezeigte Serie "The Fortress" (FAZ) und die Amazon-Serienadaption des Videospiels "The Fallout" (TA).
Stichwörter: ARD, Netflix

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.04.2024 - Film

Cannes hat sein Programm verkündet - und mal wieder ist der Wettbewerb ein erlesenes Stelldichein der großen Namen: Von Francis Ford Coppola, der sein wohl ambitioniertestes (und komplett aus eigener Tasche finanziertes) Werk "Megalopolis" vorstellen wird, über Paul Schrader und David Cronenberg bis zu Yorgos Lanthimos und vielen "Regie-Debütantinnen in der Nebenreihe Un Certain Regard" gelingt es Festivalleiter Thierry Frémaux mal wieder, "die Klassiker und die kommende Generation zu vereinen", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Ebenfalls im Wettbewerb vertreten sind einige andere der größten Autorenfilmernamen der Welt", schreibt David Steinitz in der SZ: "Die Britin Andrea Arnold kommt mit ihrem neuen Film ebenso wie ... die Cannes-Dauergäste Paolo Sorrentino, Kirill Serebrennikow und Ali Abbasi. Letzterer geht mit 'The Apprentice' ins Rennen, einem Film über die New Yorker Anfangsjahre des Geschäftsmanns Donald Trump. Der perfekte Film zum Wahlkampfendspurt in den USA also." Und "es gibt auch Chinesen (Jia Zhang-Ke), Inder, Portugiesen, Brasilianer, Iraner in der Auswahl", schreibt Jan Küveler in der Welt. "Deutsche sucht man vergebens."

Weitere Artikel: Thomas Abeltshauser spricht für epdFilm mit der Filmemacherin Alice Rohrwacher über deren neuen, auf Artechock besprochenen Film "La Chimera" (unsere Kritik hier). Wolfgang Lasinger resümiert für Artechock den Schwerpunkt zum experimentellen Kino der diesjährigen Diagonale. Für den Standard spricht Katharina Rustler mit der Filmemacherin Anja Salomonowitz über die Künstlerin Maria Lassnig, die sie im Biopic "Mit einem Tiger schlafen" porträtiert.

Besprochen werden Ali Asgaris und Alireza Khatamis "Irdische Verse" (Artechock), Woody Allens "Ein Glücksfall" (Artechock, unsere Kritik), Stevan Zaillans Netflix-Serienadaption von Patricia Highsmiths "Der talentierte Mr. Ripley" (NZZ), Arkasha Stevensons Horrorfilm "The First Omen" (Standard), Soleen Yusefs "Sieger sein" (Artechock, online nachgereicht von der FAS), die Arte-Serie "Machine - Die Kämpferin" (taz) und die Amazon-Serienadaption des Games "Fallout" (Presse).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.04.2024 - Film

Irgendwo hier muss das emanzipatorische Versprechen doch zu finden sein: "La Chimera" von Alice Rohrwacher

In "La Chimera" verfolgt Alice Rohrwacher eine Gruppe toskanischer Grabräuber in den Achtzigern. Perlentaucher Patrick Holzapfel gerät angesichts dieses avanciert taumelnden Films ins Schwärmen: "Die filmische Form, die wechselnden Formate und Stimmungen, all das entspricht der titelgebenden Chimäre, die letztlich auf eine bedrohte Qualität des Kinos verweist, jene der Uneindeutigkeit. Das Leben, so spricht es aus den Bildern Rohrwachers, lässt sich kaum filmen, es ist ein flüchtiges Aufflackern von etwas Nahem oder Fernen, mehr Ahnung als Gewissheit. Das Vage wird so offensiv gesucht, dass es zu einer eigenen Qualität wird. Erstaunlich ist, dass die Filmemacherin einen Hunger nach klassischer Erzählkunst samt Sehnsucht, Liebesflackern, Trauer und Spannung mit einem eher modernen Treiben, ja Verlorengehen in den Sinneseindrücken verwebt." Noch dazu feiert sie "das Filmische in all seiner Varianz: Super 16, 16mm, 35mm, Digitalästhetik, Stummfilmpassagen, Musik, Surrealismus und so weiter". Auch SZ-Kritiker Philipp Stadelmaier schwebt vielleicht nicht im siebten, aber im cinephilen Himmel: "Man wird hier oft an die Filme von Pier Paolo Pasolini und Federico Fellini erinnert, an ihre Fülle, ihren Figurenreichtum." Und Simon Stockinger von der Jungle World sucht, mit Theorien von Jacques Rancière im Gepäck, "im traumwandlerischen Fluss des Erzählens selbst ... das emanzipatorische Versprechen" dieses Films. Und Bert Rebhandl weiß nach diesem Film (online nachgereicht) in der FAS: "Das Glück dieser Welt beginnt am Bahnhof von Riparbella."

Woody Allens "'Ein Glücksfall' ist sein bester Film seit Jahren, wenn nicht seit einem Jahrzehnt", liest man heute bei David Steinitz in der SZ und staunt: Das klang bei den Kritikern gestern aber noch anders. Allen kehre "mit dieser Krimisatire aufs Terrain seiner Filme 'Verbrechen und andere Kleinigkeiten' und 'Match Point' zurück. ... Man sieht dem Film an, dass er mit deutlich kleinerem Budget als frühere Allen-Filme gedreht wurde (die auch schon nicht zu den teuersten in Hollywood gezählt haben). Aber man sieht auch, dass Allen selbst mit schmalem Geld mehr aus so einer kleinen Geschichte herausholen kann als andere. ... Und weil seine Lieblingsstadt New York und seine zweite Lieblingsstadt Paris ungefähr gleich schrecklich durchgentrifiziert sind, hat er sowieso Übung darin, anstrengende Großstädte zu romantisieren, die in Wahrheit längst nur noch in der Hand von Investmentbankern und Airbnb sind. Und seine geliebte Jazzmusik - zum Beispiel Herbie Hancocks 'Cantaloupe Island' - funktioniert in Europa genauso gut wie in Amerika." Weitere Besprechungen bei uns, in der FR und im Freitag.



Wohl eher trüb ist offenbar die Anhörung des Kulturausschusses des Bundestags verlaufen, bei der Claudia Roth, Mariette Rissenbeek und die seit wenigen Tagem amtierende neue Festivalleiterin Tricia Tuttle zu "antiisraelischen und antisemitischen Vorfällen bei der Berlinale" (so der Sitzungstitel) Rede und Antwort standen (der ebenso geladene Bürgermeister Kai Wegner ließ sich entschuldigen, Carlo Chatrian hatte auf die Einladung gar nicht erst reagiert). Erwartbar wurden Zuständigkeiten hin und her geschoben und Anekdoten erzählt, berichtet David Steinitz in der SZ: "Rissenbeek zählte im Anschluss auf, wie viele Foren und Panels des (politischen) Austauschs es auf der Berlinale gegeben habe, die komplett störungsfrei geblieben seien. Auch das mag sein. Aber man kann ja auch nicht einen Banküberfall aufklären, indem man alle Bankfilialen auflistet, die nicht überfallen wurden. Rissenbeek und Roth jedenfalls haben anscheinend ihren eigenen Schuldigen in der Sache identifiziert: das ZDF. Der Sender überträgt Eröffnung und Abschluss der Berlinale und bestimmte laut den beiden über Ablauf und Moderation. Da habe man schlecht eingreifen können." Von der Sitzung berichten außerdem Susanne Lenz (BLZ) und Andreas Busche (Tsp).

Weitere Artikel: Silvia Hallensleben resümiert in der taz den Diagonale-Schwerpunkt mit Filmen über die ersten Gastarbeiter in Deutschland und Österreich. In der FAZ gratuliert Claudius Seidl John Milius zum 80. Geburtstag und damit jenem Kino-Berserker, "den, als es losging mit New Hollywood, die Kenner und Kollegen für den begabtesten Filmautor seiner Generation hielten". Wo bleibt beim aktuellen Biopic-Trend eigentlich das Kant-Biopic, fragt sich Elmar Krekeler in der Welt.

Besprochen werden Sam Taylor-Johnsons Biopic "Back to Black" über Amy Winehouse (FR, BLZ, FAZ, NZZ, Standard), Michael Kliers "Zwischen uns der Fluss" (online nachgereicht von der FAS), Marc Forsters "White Bird" (Tsp) und die Apple-Serie "Franklin" (FAZ). Das SZ-Team informiert außerdem, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht. Und hier der Überblick mit den Kritiken des Filmdiensts zur laufenden Woche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.04.2024 - Film

Wirkt wie im Museum und wurde zum Teil auch in einem solchen gedreht: "Ein Glücksfall" von Woody Allen

Woody Allen hat auch schon lange kein Meisterwerk mehr gedreht - und ob der 88-Jährige noch eines in sich trägt, daran haben die Filmkritiker erhebliche Zweifel. Auf seinen neuen, diesmal in Paris gedrehten Film "Ein Glücksfall" reagieren sie jedenfalls gelangweilt: "Schon in den Anfangsszenen" merkt FAZler Andreas Kilb, dass diese Story über zwei junge Erwachsene, die sich lange nach der Schulzeit zufällig auf der Straße treffen und sich prompt ineinander verlieben, "nicht von einem Franzosen stammt". Zwar inszeniert Allen routiniert, doch "die handwerkliche Perfektion dreht im leeren Raum. Der Regisseur, der kein Französisch kann, habe den Schauspielern die größtmögliche Freiheit bei den Dialogen gelassen, heißt es. Das sieht man, denn sie sprechen ihre Sätze nicht zueinander, sondern vor sich hin, und wenn sie etwas Wichtiges zu sagen haben, blicken sie in den Himmel über der Kamera, als hingen dort die Scheinwerfer eines alten Hollywoodfilms. Die Ausstattung tut ein Übriges: Sie ist so pariserisch wie ein Dekorationsentwurf für ein Museum."

"Allens Leidenschaft für das Filmemachen ist erloschen", seufzt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Die Paris-Bilder von Kameramann Vittorio Storaro sind flach und fernsehtauglich ausgeleuchtet, die Einblicke in die Gepflogenheiten der Pariser Oberschicht, die ihre Wochenenden mit Jagdausflügen verbringt, lassen Allens scharfe Beobachtungsgabe vermissen. Und alle Überlegungen über die unvorhersehbaren Wege des Schicksals, die die Figuren anstellen, bleiben eine merkwürdige Behauptung in einem Film, dessen Geschichte dermaßen konstruiert ist." Immerhin sieht Busche Melvil Poupaud und Lou de Laâge gerne bei ihrem Spiel zu und Kira Taszman vom Filmdienst hat etwas Freude am "soliden Drehbuch", das diesem "kurzweiligen Thriller" zu Grunde liegt. Die NZZ hat mit Allen gesprochen.

Weitere Artikel: Esther Buss resümiert in der Jungle World den diesjährigen Diagonale-Schwerpunkt mit Filmen über die ersten Gastarbeiter-Generationen in Deutschland und Österreich. Carola Schwarz spricht für die taz mit der Schauspielerin Jella Haase, die aktuell mit "Chantal im Märchenland" (unsere Kritik) im Kino zu sehen ist. Andreas Hergeth wirft für die taz einen Blick aufs Programm des Filmfestivals Achtung Berlin. Nils Minkmar erinnert in der SZ an Wolfgang Menge, der vor 100 Jahren geboren wurde.

Besprochen werden Ali Asgaris und Alireza Khatamis Episodenfilm "Irdische Verse" über die iranische Diktatur (taz, FD), Alice Rohrwachers "La chimera" (taz, FD), Ryusuke Hamaguchis "Evil Does Not Exist" (NZZ), Soleen Yusefs "Sieger sein" über Fußball spielende Mädchen im Berliner Wedding (SZ, FD), Sam Taylor-Johnsons Biopic "Back to Black" über Amy Winehouse (TA, FD) und die vierte Staffel der ARD-Serie "Charité" (FAZ).