Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.03.2025 - Film

Der Menschim Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit: Robert Pattinson in "Mickey 17"

Nach seinem südkoreanischen Oscarerfolg "Parasite" (unsere Kritik) meldet sich Bong Joon-ho mit "Mickey 17" im Kino zurück. Robert Pattinson spielt in dem US-Science-Fiction-Film den Mann, der aus dem 3D-Drucker kam, einen "Expendable", von dem immer neue Versionen gedruckt werden können, sodass er in haarsträubenden, lebensbedrohlichen Experimenten von Wissenschaftlern ohne Sorge verheizt werden kann. "Es geht schlicht um alles und nichts", aber dann doch "eher um nichts", seufzt Patrick Holzapfel schwer genervt in der NZZ. "Es geht unter anderem um Trumpismus, ethische Fragen zum Tierwohl, Sexualität, künstliche Intelligenz, Postkolonialismus oder Migrationspolitik. Ein Film, als hätte jemand die wichtigsten Schlagworte des gesellschaftlichen Diskurses der letzten zwei Jahre genommen und in gut zwei Stunden gepresst. Es handelt sich um einen Liebesfilm, nein, einen Actionfilm, nein, ein philosophisches Drama, nein, eine Satire, nein, eine bizarre Sexkomödie, nein Hollywood-Kitsch im Weltall. ... Eigentlich verspricht dieses narrative Chaos große Kinofreude, aber weil das alles in einer aalglatten Ästhetik gefilmt wird, die Figuren einfallslos überzeichnet wirken und die Konflikte von einem Hollywood-Klischee (Eifersucht, Betrug, Bekehrung zum Guten et cetera) ins nächste tappen, stellt sich schnell eine Langeweile ein, die auch von einer ungewöhnlichen Sexszene mit zwei Robert Pattinsons nicht aufgefangen werden kann." Maria Wiesner hingegen feiert in der FAZ Bongs "präzise soziale Beobachtungen".

Das fand wegen der Oscars in den letzten Tagen keinen Platz: Bereits am Samstag hat critic.de ein episch langes Gespräch von Lukas Foerster mit Josefine Scheffler, Linus de Paoli, Till Kleinert und Tilman Singer veröffentlicht. Alle vier haben an deutschen Filmhochschulen studiert und arbeiten im weiten Sinne im deutschen Genre- und Horrorkino. Was früher von Hochschulen und Filmredaktionen rasch abgetan wurde, kommt heute zwar in den Genuss einer etwas liberaleren Durchlässigkeit - leicht zu bewerkstelligen ist Genrekino in Deutschland aber immer noch nicht. Insbesondere bei den Öffentlich-Rechtlichen gibt es dann doch immer wieder Gerangel um Geschmacksfragen. "Um Geld zu bekommen in Deutschland, ist man den Meinungen und dem Geschmack ausgeliefert von Menschen, die man nicht kennt, die man nie sieht, die irgendwo in Gremien sind und wo nie ganz klar ist, was da geschmacklich nicht funktioniert hat", erzählt Tilman Singer. "Das us-amerikanische kapitalistische Herangehen ist dagegen, ob sich etwas gut verkauft oder nicht gut verkauft. Und man kann dann darüber reden. Das gefällt mir viel besser, weil ich einfach verstehe, wo ich dran bin und worauf man hinarbeitet. Mir gefällt es besser, zu hören, wir glauben nicht, dass wir damit genug Geld verdienen können. Deswegen machen wir das nicht. Oder ja, wir glauben, wir können damit genug Geld verdienen, deswegen machen wir das."

Weitere Artikel: In Israel nimmt man den Oscar für Yuval Avrahams und Basel Adras Dokumentarfilm "No Other Land" eher verhalten zur Kenntnis, berichtet Maria Sterkl in der FR. Thomas Abeltshauser spricht für die taz mit der Schauspielerin Ariana Labed über deren Regiedebüt "September & July". Nadja Goldhammer informiert in der FR, warum der Schauspielerin und Prinz-Harry-Ehefrau Meghan Markle für ihre auf Netflix gezeigte Reality-Soap "With Love, Meghan" im Netz viel Spott und Häme entgegen schlägt.

Besprochen werden Jennifer Wickhams, Brenda Michells und Michael Toledanos auf Netflix gezeigter Dokumentarfilm "Yintah" über den Kampf indigener Frauen in Kanada gegen den Bau einer Pipeline (FAZ), Katharina Pethkes Essayfilm "Reproduktion" über die Vereinbarkeit von Mutterschaft und künstlerischer Karriere (FAZ), die Netflix-Adaption von Giuseppe Tomasi di Lampedusas Romanklassiker "Der Leopard", die weder bei taz, noch bei der Welt gut ankommt, und Sassan Niasseris Buch "Defcon 1 - Die Geschichte des Atombombenkinos" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.03.2025 - Film

Nachlese zu den Oscars (hier unser erstes Resümee): Es war ein angesichts der geopolitischen Weltlage und den jüngsten Trampeleien des US-Präsidenten ziemlich braver Abend, findet Dietmar Dath in der FAZ. "Wer sich von der Oscar-Gala des Weltordnungs-Sorgenjahresbeginns 2025 eine bewegte, belebende, beredte Front linksliberaler Prominenz gegen die gegenwärtige Hasardeurs-Regierung im Weißen Haus erwartet hatte, musste sich dieses Wunschbild am Gerät selbst zusammenpuzzeln." Umso politischer sind die nominierten Filme und die Auszeichnungen selbst gewesen, findet Jenni Zylka in der taz: "Selten spielten eindeutige politische Themen und Botschaften eine so tragende Rolle in der von Eskapismus und Entertainment geprägten US-Filmindustrie."

Marlene Knobloch (Zeit Online) saß zuweilen ratlos vor dem Fernseher: "War man früher fast genervt vom Aktivismus einer ihrem Naturell entsprechend doch sehr eitlen Branche, hoffte man nun ein kleines bisschen, dass nach dieser Woche ... die amerikanische Filmbranche, die sich gern als kraftvoll, progressiv, liberal feiert, Zähne zeigt. Schon die Eröffnung der Oscarverleihung aber deutet etwas anderes an: 'Somewhere Over the Rainbow' singt Ariana Grande im roten Disney-Prinzessinnenkleid. Als ihr Co-Star Cynthia Erivo aus 'Wicked' zum Duett beispringt, sich die beiden zweistimmig nach oben schwingen und das Orchester schmettert, funkelt eine alte, unschuldige Schönheit auf der Bühne des Dolby Theaters. Nur irgendwie kratzt die Seide."

"Sonntagnacht in L. A. war lax", schreibt Andreas Scheiner in der NZZ. Anscheinend "ist Hollywood eingeschüchtert. Die Filmszene steht für das alte Amerika. ... Fürchtet sie Trumps Rache? Für das demokratische Hollywood sind die Oscars ein letzter 'safe space'. Neu ist das nicht. Der wichtigste Filmpreis der Welt wagt sich schon länger kaum mehr aus der Bubble heraus. Nicht nur ideologisch. Man verliert das Publikum aus dem Blick." Auch SZ-Kritikerin Kathleen Hildebrand beobachtete "eine gewisse Müdigkeit der Geschlagenen. ... Der politischste Moment der Verleihung kam dann bei der Übergabe des Oscars für den besten Dokumentarfilm: 'No Other Land' gewann, der viel besprochene Film über den Kampf palästinensischer Dorfbewohner im Westjordanland. ... Der Palästinenser Basel Adra und der Israeli Yuval Abraham haben den Film zusammen gedreht, und nun standen sie auch gemeinsam auf der denkbar größten Bühne für einen Film, der als Friedensprojekt gedacht ist. ... Die Außenpolitik der USA, sagte Abraham, helfe dabei, den politischen Weg zu blockieren, der zu einem friedlichen Miteinander in Israel und Gaza führen könnte."

Und der Siegerfilm? Ja, "Anora" hat zweifellos Wucht und die Erfolgsgeschichte dieses Indie-Films von der Goldenen Palme in Cannes (unser Resümee) bis zum Oscarsegen ist beeindruckend, doch "die Oscars wurden in diesem Jahr um ein paar gute Geschichten gebracht, die perfekt zum Selbstbild Hollywoods gepasst hätten", findet Andreas Busche im Tagesspiegel. "Um die eines Preises für Demi Moore zum Beispiel, die nach über dreißig Jahren in Hollywood, dem natürlichen Alterungsprozess beharrlich trotzend, ihr Lebenswerk mit einer Satire über den Jugendwahn der Unterhaltungsbranche hätte vergolden können. Oder um die Geschichte eines ersten Oscars für eine trans Schauspielerin, Karla Sofía Gascón. Oder um den Regiepreis für Brady Corbet mit 'Der Brutalist', der inmitten seiner Oscar-Kampagne noch Werbung in Europa drehen musste, um Geld zu verdienen. Das Kandidatenfeld war dieses Jahr so ausgeglichen wie lange nicht mehr."

Weiteres von den Oscars: Bert Rebhandl schreibt für den Standard ein Kurzporträt über Sean Baker, dem als unabhängiger Filmemacher mit "Anora" das Kunststück gelungen ist, dass bei diesen Academy Awards erstmals an einem Abend ein Künstler mit insgesamt vier Oscars ausgezeichnet wurde. Marian Wilhelm hofft im Standard, dass Hollywood mit dem Oscarregen für einen Film über Sexarbeiterinnen sich "auch endlich eines Teils seiner Prüderie entledigt". Daniel Gerhardt hat für Zeit Online Mohammad Rasoulof, Tim Fehlbaum und Edward Berger zu den Oscars nach Los Angeles begleitet. Ane Hebeisen berichtet im Tages-Anzeiger von der Partylaune in Brasilien über den Oscar für den besten internationalen Film. Robin Detje ärgert sich in der taz grün und blau, dass die Tagesschau den Oscar für den Dokumentarfilm "No Man's Land" nicht schnell und breit genug gewürdigt hat.

Abseits der Oscars: Teresa Wirth informiert in der Presse über den Stand der Dinge beim Filmstandort Wien. Besprochen werden Petra Biondina Volpes Krankenhaus-Drama "Heldin" (NZZ, unsere Kritik) und die zweite Staffel von Taylor Sheridans auf Paramount+ gezeigter Westernserie "1923" mit Harrison Ford (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.03.2025 - Film

Feiern im Oscar-Rausch: Sean Bakers "Anora" räumt ab

In der letzten Nacht wurden die Oscars verliehen: Wie haben sich die meistnominierten Filme geschlagen? Mit fünf Goldjungen in zentralen Kategorien - bester Schnitt, beste Regie, bestes Drehbuch, beste Schauspielerin und bester Film - ist Sean Bakers Independentfilm "Anora" (unsere Kritik) der eindeutige Gewinner des Abends. Brady Corbets "Der Brutalist" (unsere Kritik) kommt auf drei Auszeichnungen (Kamera, Musik, bester Schauspieler). Jacques Audiards "Emilia Perez" (unsere Kritik) auf magere zwei - und James Mangolds "Like A Complete Unknown" (unsere Kritik) geht komplett leer aus. Der deutsche Oscarbeitrag, Mohammad Rasoulofs "Die Saat des Heiligen Feigenbaums" (unsere Kritik) unterliegt in der Kategorie "bester internationaler Film" dem brasilianischen Film Walter Salles' "Für immer hier", der in zwei Wochen bei uns startet. Hier alle Gewinner im Überblick.

Pikant: "Anora" handelt von einer Sexarbeiterin, die sich von einem Russen nichts bieten lässt. Die gallige Bemerkung von Conan O'Brien, der die Gala moderiert hat, dazu: "Offenbar sind die Amerikaner begeistert davon, dass sich endlich mal jemand gegen einen mächtigen Russen behauptet." Und tatsächlich: "Die Russen sehen in dem Film größtenteils tölpelhaft aus", schreibt Andreas Scheiner in der NZZ. Ansonsten fehlten die politischen Spitzen etwas, notiert Daniel Kothenschulte in der FR. Dafür gab es bei den Auszeichnungen einige Überraschungen: Etwa dass die junge Mikey Madison Demi Moore den eigentlich als gesetzt geltenden Oscar für "The Substance" (unsere Kritik) wegschnappte. "Aber warum sollten die Oscars nicht einmal Nachwuchspreise sein? Wieviel mehr positiven Einfluss wird der Preis auf die Karriere einer jungen Schauspielerin haben als auf die einer Veteranin? Und, wichtiger noch: Warum sollten sich die Oscars nicht endlich in Independent-Preise verwandeln?"



"Long live Independent Film", sagte denn auch Sean Baker auf der Bühne, nachdem sein "Anora" auch als bester Film und er selbst damit mit vier Oscars ausgezeichnet wurde. Er "ist Autorenfilmer im klassischen Sinne", schreibt Maria Wiesner in der FAZ. "Er nimmt alle Schritte im Entstehungsprozess seiner Filme selbst in die Hand. ... Baker nutzte seine Redezeit auf der Bühne entsprechend auch für eine Liebeserklärung an das Kino: 'In einer Zeit, in der sich die Welt sehr zerrüttet anfühlt, ist das Kino ein Ort, an dem wir zusammenkommen können.' Er wies darauf hin, dass allein in den Vereinigten Staaten während der Pandemie rund tausend Kinos schließen mussten. 'Mein Aufruf gilt daher den Filmemachern: Dreht weiterhin für die große Leinwand.'"

Mehr von den Oscars: An diesem Abend "herrschte viel Wohlgefallen", schreibt Jan Küveler in der Welt: "Ein solider Jahrgang, nicht viel für die Geschichtsbücher." Andreas Busche und Inga Barthels sammeln für den Tagesspiegel die ausgefallensten Outfits des Abends. Inga Barthels plündert für den Tagesspiegel Social Media und sammelt so die Highlights des Abends. Und die NZZ bringt die besten Bilder des Abends in einer Strecke.

Abseits der Oscars: Der Filmproduzent Alexander van Dülmen erzählt in der FAZ von seiner Erfahrung, RP Kahls Film "Die Ermittlung" (unsere Kritik), eine Adaption von Peter Weiss' Theaterstück über den Auschwitz-Prozess, in Tel Aviv zu zeigen. Isabella Caldart schreibt in der taz zum Tod der Schauspielerin Michelle Trachtenberg, die im Alter von nur 39 gestorben ist. Besprochen wird Céline Sallettes Biopic "Niki de Saint Phalle" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.03.2025 - Film



Arte zeigt aktuell den Langzeit-Dokumentarfilm "Die Invasion" von Sergei Loznitsa - einmal als 140minütige "Kurz"version an einem Stück (oben auch via Youtube eingebettet) und einmal in Folgen aufgeteilt, aber dafür an die fünf Stunden lang. Der in Berlin lebende, ukrainische Filmemacher beobachtet darin die unmittelbaren Folgen der russischen Invasion für die Ukraine. Damit ist ihm ein "dokumentarischen Epos gelungen, das durch aufmerksame Beobachtung mit fast ausschließlich statischen, meist langen Einstellungen überzeugt", schreibt Yelizaveta Landenberger in "Bilder und Zeiten" der FAZ. Es "eröffnet sich ein ruhiger Blick auf die sehr kontrastreichen Realitäten der Menschen in der Ukraine, die gleichzeitig existieren: Das Leben nimmt seinen Lauf, Menschen verlieben sich, gehen Alltagsbeschäftigungen nach, singen, feiern Feste. Zugleich herrscht Krieg, der Zerstörung, Tod und Armut mit sich bringt. Nach der Befreiung der Kiewer und Charkiwer Regionen von russischer Besatzung kommen grausame Kriegsverbrechen an die Oberfläche. Zerstörte zivile Infrastruktur bezeugt diese ebenso wie mit Kreuzen markierten Massengräber im Wald von Isjum."

Susan Vahabzaheh blickt in der SZ gespannt auf die Oscarverleihungen morgen Nacht: Wird Adrien Brody tatsächlich als bester Schauspieler für seine Rolle in "Der Brutalist" (unsere Kritik) ausgezeichnet - obwohl, wie mittlerweile herausgekommen ist, seine ungarischen Dialogszenen mit KI verbessert wurden? Das ist durchaus ein Problem, "denn die Stimme ist ja Teil seines Auftritts. Man weiß eben nicht, ob er nominiert worden wäre, könnten selbst ungeübte Ohren in seinem Ungarisch einen amerikanischen Akzent heraushören. Und wie verhält sich das im Vergleich zu anderen Nominierten, Timothée Chalamet beispielsweise, der in 'Like A Complete Unknown' Bob Dylan spielt, mit seinem eigenen Gesicht und mit seiner eigenen Stimme in manchen Szenen sogar singt? Es ist großen schauspielerischen Leistungen gegenüber, die ohne KI erbracht wurden, ganz schön respektlos, über eine Nachbearbeitung einfach hinwegzugehen."

Mehr zur Oscarverleihung morgen Nacht: Thomas Klein schreibt für den Filmdienst über den 1995 geborenen, aktuell oscarnominierten Schauspieler Timothée Chalamet, der drauf und dran ist, das Gesicht und Schauspielidol seiner Generation zu werden. Er könnte "ein ganz großer seiner Zunft werden: eine Persönlichkeit, die Haltung zeigt, ohne sie hinauszuposaunen; Außenseiter und Auserwählter, Character Actor und Star-Performer in Personalunion." Sollte Isabella Rossellini in der Nacht auf Montag einen Oscar erhalten, wäre mit der Ingrid-Bergman-Tochter das erste Mutter-Tochter-Paar der Filmgeschichte oscarprämiert, schreibt Susan Vahabzadeh in der SZ. Andreas Scheiner spricht für die NZZ mit dem Schweizer Filmemacher Tim Fehlbaum, dessen Drehbuch für seinen Film "September 5" (unsere Kritik) oscarnominiert ist. Lena Karger porträtiert in der WamS den US-Entertainer Conan O'Brien, der morgen Nacht die Oscars moderiert. Der extravagante, sich für Prunk und Protz nicht genierende Glamour könnte bei der Oscarverleihung in der morgigen Nacht auf Montag wieder zurückkehren, glaubt Silke Wichert in der NZZ.

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Peter Stephan Jungk erzählt in "Bilder und Zeiten" der FAZ von seiner Begegnung mit der kanadisch-russischen Filmemacherin und früheren RT-Journalistin Anastasia Trofimova, die jeden Vorwurf, ihr auf Filmfestivals bereits kontrovers diskutierter Dokumentarfilm "Russians at War" (unsere Resümees) arbeite Putin zu, von sich weist. Eva Ladipo denkt in der FAZ darüber nach, was die Kinofigur Bridget Jones den Frauen der letzten 20 Jahre zu sagen und zu bieten hatte. Im Tagesspiegel empfiehlt Andreas Busche die im Berliner Zeughaus gezeigte und später durch weitere deutsche Städte tourende Retrospektive "The Lady with the Torch" über die ersten Jahrzehnte von Columbia Pictures. Gerhard Midding (Freitag) und Jan Küveler (WamS) schreiben zum Tod von Gene Hackman (weitere Nachrufe hier).

Besprochen werden Thomas Vinterbergs in der ARD gezeigte Serie "Families like Ours" (Welt), Greg Kwedars "Sing Sing" (Zeit Online), Boris Lojkines "Souleymanes Geschichte" (Standard) und Gints Zilbalodis' oscarnominierter Animationsfilm "Flow" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.02.2025 - Film

Gene Hackman, 2008. (Bild: Christopher Michael Little/Wikipedia, CC BY 2.0)

Alle Feuilletons trauern um den großen Gene Hackman. Er war der "amerikanische Jedermann", schreibt Jürgen Kaube in der FAZ. Mit seiner Physis wäre er im klassischen Hollywoodkino wohl der ewige Nebendarsteller geblieben. Die gebrochenen Helden von New Hollywood bescherten ihm jedoch eine Position mitten im Rampenlicht: "Der Held wurde ein verhaltensunsicherer, überforderter Typ. In keiner seiner Rollen verkörperte Hackman Sicherheit. ... Während Eastwoods Puls stets verlässlich fällt, während er seine Waffen entlädt, verliert Hackman in seinen Filmen fast ständig die Nerven, greift sich ins Gesicht, hantiert verlegen mit seinem Hut, lacht hilflos, zwinkert, um die Situation, vor allem aber sich selbst zu beruhigen. Hackman war die verkörperte Angst vor Kontrollverlust. Deswegen haben wir ihm alle diese Rollen abgenommen. Er war in seinen Bundfaltenhosen und seinem überbetont Lässigkeit vorspielenden Gang stets so durchschnittlich und überfordert, wie wir es an seiner Stelle gewesen wären."

Großartig etwa, wie er am Ende von Coppolas "The Conversation" in einem Paranoia-Anfall seine eigene Wohnung zerlegt - jeder Schweißtropfen sitzt:



"Gerade das Alltägliche seiner Erscheinung machte er zu seiner Besonderheit", schreibt Marion Löhndorf in der NZZ. Hackman "vermaß das menschliche Innenleben vom Spießigen ('The Birdcage', 1996) bis zum Dämonischen ('The Chamber', 1996), vom Autoritären ('Geronimo', 1993) und vom Rechtschaffenen ('The Poseidon Adventure', 1972). Ganz zu schweigen vom Sadistischen in 'Unforgiven'. ... Er ließ Widersprüche zu, erlaubte Kompliziertheiten, und das alles spielte er sehr präzise. Auf der Straße wäre er niemandem aufgefallen. Aber auf der Leinwand vereinte sich seine besondere Energie, die einen Star zum Star macht, mit einer riesigen Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten: Er machte die oft Übersehenen, scheinbar Unauffälligen überlebensgroß."

Seinen Durchbruch feierte er als getriebener Cop in "French Connection" von William Friedkin. "Auf das Charakterfach des harten Hundes und getriebenen Überzeugungstäters war er darauf erst einmal festgelegt", schreibt Dirk Knipphals in der taz. "Am interessantesten waren seine Rollen dabei, wenn er eigentlich positiv besetzte Figuren verkörperte wie einen Präsidenten, einen Polizisten oder auch einen Schiffskommandanten wie in 'Crimson Tide', die aber allesamt etwas Böses in sich bargen, einen nicht zu zivilisierenden Kern, der gewaltsprühend jederzeit explodieren konnte."

Mit der legendären Verfolgungsjagd in "French Connection" schrieben Friedkin und Hackman Filmgeschichte:



Mit "seinen Augen verstand er es wie kein Zweiter, die Widersprüche des amerikanischen Zeitgeschehens bis ins Mark spürbar zu machen", schreibt Daniel Moersener auf Zeit Online: "Wenn er lächelte, wusste man, dieses Lächeln umspielt nur seinen Mund, ist ein warnendes Manöver, die Rückenflosse eines kreisenden Haifischs. Und dann konnten seine Augen plötzlich tiefschwarz werden, gnadenlos, und sein Gegenüber musste hoffen, aus dieser Situation wieder in einem Stück herauszukommen."

Weitere Nachrufe in Standard, Welt, Presse, FR und in der SZ. Der Filmdienst hat Patrick Holzapfels Essay über Hackmann aus dem Jahr 2020 wieder online gestellt.

Weiteres: Für die SZ porträtiert Philipp Bovermann die Kostümbildnerin Lisy Christl, die am Sonntag für ihre Arbeit an Edward Bergers Vatikanfilm "Konklave" (unser Resümee) mit einem Oscar ausgezeichnet werden könnte. Matthias Heine kann sich in der Welt nicht vorstellen, dass auf Amazons "James Bond"-Deal auch nur ansatzweise ein Segen liegt: "Amazon und Bezos werden Bond nicht einfach töten, sondern sie werden ihn mit den gleichen Methoden erledigen, mit denen Kanaillen-Konzerne bereits andere Legenden zerstört haben."

Besprochen werden Petra Volpes "Heldin" mit Leonie Benesch als überlastete Krankenpflegerin (FAZ, SZ, unsere Kritik), Klára Tasovskás Porträtfilm "Noch bin ich nicht, wer ich sein möchte" über die Fotografin Libuše Jarcovjáková (Tsp), James Mangolds Bob-Dylan-Film "Like A Complete Unknown" (NZZ, Standard, mehr zum Film hier), Gustav Möllers "Die Wärterin" (SZ, FD), der vierte Teil aus der "Bridget Jones"-Reihe mit Renée Zellweger (Zeit Online) und die dritte Staffel der Amazon-Thrillerserie "Reacher" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.02.2025 - Film

Update, 9:50: Variety meldet unter Berufung auf lokale Behörden, dass Gene Hackman und seine Ehefrau, die Pianistin Betsy Arakawa, tot in ihrer gemeinsamen Wohnung in Santa Fe aufgefunden wurden. Die Todesursache ist bislang nicht bekannt.

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Kopie einer Figur, die ein Original sein wollte: Timothée Chalamet als Bob Dylan in "Like A Complete Unknown"

Heute startet James Mangolds "Like A Complete Unknown" über Bob Dylans Anfänge als Musiker bis zu seinem legendär kontroversen "elektrischen" Auftritt beim Newport Folk Festival 1965. Mit insgesamt acht Nominierungen ist der Film einer der Favoriten für die Oscarverleihung am kommenden Wochenende. "Als filmische Einführungsvorlesung in Leben und Werk des Künstlers ist 'Like A Complete Unknown' ein erfreulich niederschwelliger, gleichwohl stets allzu braver und beflissener Film", urteilt Kamil Moll im Perlentaucher. "Heute, da Songs keine politische Strahlkraft mehr besitzen und die Popkultur keine modernen Mythen erschafft, ist 'Like A Complete Unknown' nicht so sehr ein revitalisierender Film über einen begnadeten Künstler auf seinem Zenit, sondern eher die Bewirtschaftung eines Erbes zu Lebzeiten." Timothée Chalamet, großes Anschmacht-Darling der Generation Instagram, stellt die "enigmatische Aura des Musikers ... in seiner (schauspielerisch schwer schuftenden) Performance nahezu einwandfrei dar".

Chalamets Kraftaufwand - nach eigener Aussage habe er sich mit allerlei Coaches fünf Jahre lang auf diese Rolle vorbereitet - findet auch Jens Balzer in der Zeit sehr beeindruckend. Viel Freude hat der Kritiker außerdem an den Irritationen, die sich daraus ergeben: "So wie der junge Bob Dylan seine Karriere als Kopie von Woody Guthrie begonnen hat, so gibt Timothée Chalamet in diesem Film nun sein Bestes, um eine getreue Kopie dieser Kopie herzustellen. Bloß hat Chalamet sein Vorbild Dylan - anders als weiland Dylan sein Vorbild Guthrie - niemals getroffen. Was für den Verwandlungsprozess womöglich von Vorteil war, denn einerseits ist der Dylan, den man heute so treffen könnte, ohnehin nicht der Dylan von damals; und andererseits hat Chalamet auf diese Weise freiere Bahn, sein Spiel mit den Bildern und Trugbildern aus den Sechzigerjahren, mit all den Kopien und den Kopien der Kopien in maximaltoller Weise zu übertreiben. The Freewheelin' Timothée: An den tollsten Stellen übertreibt er es derart, dass sein Spiel geradezu parodistische Züge gewinnt - und zwar gerade in jenen Momenten, in denen Dylan im Film beschließt, dass er nun keine Kopie eines bewunderten Folksängers mehr sein möchte, sondern etwas Eigenes: ein Original." Daniel Kothenschulte durchleuchtet in einem Longread für den Filmdienst Dylans Verhältnis zum Kino.

Weiteres: Axel Timo Purr schreibt auf Artechock einen Nachruf auf den malischen Auteur Souleymane Cissé. Besprochen werden Petra Biondina Volpes "Heldin" mit Leonie Benesch als Krankenpflegerin (Perlentaucher), Greg Kwedars "Sing Sing" (taz, Artechock), Demián Rugnas argentinischer Horrorfilm "When Evil Lurks" (taz, critic.de), Andrea Arnolds "Bird" (Presse, unsere Kritik), Sam Cranes und Pinny Grylls auf Mubi gezeigte, animierte Doku "Grand Theft Hamlet" (taz), der vierte Teil der "Bridget Jones"-Reihe mit Renée Zellwegger (FR, Standard, Welt), die Apple-Serie "Krank Berlin" (FAZ, Tsp, Freitag), die Netflix-Serie "Zero Day" mit Robert de Niro (FAZ) und die vom ZDF online gestellte Zombie-Serie "Generation Z" (Welt). Außerdem werfen Tagesspiegel und Filmdienst einen Blick auf die aktuellen Kinostarts.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.02.2025 - Film

In der Nacht vom Sonntag auf Montag werden die Oscars verliehen. Andreas Scheiner wundert sich in der NZZ, dass sich bislang niemand daran zu stoßen scheint, dass mit Yura Borisov in der Kategorie "bester Nebendarsteller" (für den Film "Anora", hier unsere Kritik) erstmals seit dem Ende der Sowjetunion ein Russe für einen Oscar nominiert ist. 2020 hatte er in einem russischen Propagandafilm mitgespielt, gibt sich ansonsten aber bedeckt, was seine politischen Ansichten betrifft. "Zwar sind etwa in Vanity Fair, der Los Angeles Times und dem Interview Magazine unlängst Gespräche mit dem Oscar-Kandidaten erschienen. Doch in keinem wird Politik auch nur angeschnitten. Allem Anschein nach haben sich die Medien gegenüber dem Management des Schauspielers verpflichtet, keine verfänglichen Fragen zu stellen. ... Bei russischen Stars aus der klassischen Musik wie Anna Netrebko und Teodor Currentzis, die sich nicht eindeutig zum russischen Krieg in der Ukraine verhalten haben, wurden noch strengere Massstäbe angelegt."

Weiteres: Valerie Dirk spricht für den Standard mit Leonie Benesch, die in Petra Volpes "Heldin" eine Krankenpflegerin spielt. Besprochen werden James Mangolds Bob-Dylan-Film "A Complete Unknown" (taz), der neue Teil der "Bridget Jones"-Reihe mit Renée Zellweger (FAZ, Tsp, Presse, FD), Bernhard Wengers "Pfau - bin ich echt?" (FAZ), die Netflix-Serie "Zero Day" mit Robert de Niro (Presse), die bei Apple gezeigte Krankenhausserie "Krank Berlin" (taz), die Disney-Serie "Skeleton Crew" aus dem "Star Wars"-Universum (FAZ) und Patrick McGilligans Biografie über Woody Allen (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.02.2025 - Film

Anders als viele Fans reagiert Peter Wälty im Tagesanzeiger sehr hoffnungsvoll auf die Nachricht, dass das bisherige Produzententeam von "James Bond" die kreative Kontrolle über das Franchise komplett in die Hände von Amazon gelegt hat. Der Sorge, "Amazon würde die Reihe mit seinem algorithmisch gesteuerten, superkapitalistischen Monetarisierungsapparat zerstören, sei entgegengehalten, dass Bond-Filme seit je in einem Masse kommerzialisiert waren, die seinesgleichen sucht. Ja, Eon-Productions gilt als die Erfinderin des Native-Advertising im Filmgeschäft." Wälty malt sich eine Zukunft aus, in der Regisseure vom Schlag eines Christopher Nolan oder Quentin Tarantino einsteigen könnten. "Da muss das Herz eines Bond-Fans doch jubilieren. Oder man denke an 'Joker' (2019). Ein cineastisches Meisterwerk von Todd Philipps um einen Psychopathen aus dem Batman-Universum. Wäre dasselbe mit Prequels zu Figuren wie Auric Goldfinger oder Ernst Stavro Blofeld denkbar? Natürlich. Einen Versuch wäre es allemal wert."

Mit einem in der italienischen Zeitung Corriere della Sera veröffentlichten Offenen Brief fordern Martin Scorsese, Jane Campion, Francis Ford Coppola, Wes Anderson und Ari Aster die italienische Regierung dazu auf, den Umbau von vierzig geschlossenen Kinos in Rom in Supermärkte und Hotels zu verhindern, meldet Karen Krüger auf FAZ.net. "Der Hintergrund des Protests, der sich Seite an Seite mit der römischen Film- und Kinostiftung Piccolo America formiert hat, ist ein neues Gesetz der Region Latium, das vorsieht, die Umwandlung stillgelegter Filmspielhäuser in kommerzielle Einrichtungen zu vereinfachen. 'Eine solche Umwandlung würde einen nicht wiedergutzumachenden Verlust bedeuten: ein tiefes Sakrileg nicht nur für die reiche Geschichte der Stadt, sondern auch für das kulturelle Erbe, das den künftigen Generationen hinterlassen werden soll', schreiben die Regisseure. Die Kinos seien Räume, die für 'die mögliche kulturelle Renaissance der ewigen Stadt' bestimmt seien, und müssten auch als solche genutzt werden."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.02.2025 - Film

Goldener Bär für Dag Johan Haugeruds "Drømmer".

Die Berlinale ging mit einem Goldenen Bären für den Film "Drømmer" des norwegischen Regisseurs Dag Johan Haugeruds zu Ende. Als "eine herrlich herausfordernde, teils witzige Geschichte über eine Liebe mit Machtgefälle, auf hintersinnige Weise auch über gesellschaftliche Widersprüche, zugänglich, einfühlsam, zart und zugleich derb, eine gute, mutige Wahl", goutiert SZ-Kritiker Philipp Bovermann die Entscheidung der Jury. Der Film über die Liebe eines jungen Mädchens zu seiner Lehrerin strahle "eine Leichtigkeit aus, die einem dieses Jahr immer wieder entgegenwehte." Auch Andreas Kilb sieht das in der FAZ als eine "gute Entscheidung" an - allerdings nur relativ gesehen: "Es gab im Wettbewerb von Berlin mehrere gute Filme, aber keinen herausragenden. Das ist für ein hauptstädtisches Weltkinofest eine ernüchternde Bilanz; für die Berlinale, auf der zuletzt zweimal hintereinander der Hauptpreis an Dokumentarfilme ging, weil keiner der Spielfilme im Hauptprogramm die Jury wirklich überzeugt hatte, ist es ein Fortschritt. Tricia Tuttle, die neue Intendantin, hat damit etwas bewiesen, was im heutigen Kinogeschäft selten, aber bitter nötig ist: Urteilskraft."

Im Tagesspiegel ist Andreas Busche erleichtert, dass sich die Jury nach zweimaligen Auszeichnungen für Dokumentarfilme, dieses Jahr wieder für Erzählkino entschieden hat und dazu noch für "eine vielversprechende neue Stimme im europäischen Autorenkino". Eine "gemischte Bilanz" zieht Tim Caspar Boehme in der taz, wenngleich auch er sowohl mit dem Gewinner einverstanden ist als auch mit den weiteren Preisen der Jury, zum Beispiel dem Silbernen Bären, der für die beste schauspielerische Leistung an Rose Byrne für ihre Hauptrolle in "If I Had Legs I'd Kick You" von Mary Bronstein (unser Resümee) ging. Einige Enttäuschungen waren aber dabei, vor allem der von Tricia Tuttle neu eingeführte Nebenwettbewerb "Perspectives" ließ "keine markante Handschrift erkennen", findet der Kritiker. In der FR ist Daniel Kothenschulte "auf Angenehmste überrumpelt" vom diesjährigen Wettbewerb, auch wenn dieser überraschend unpolitisch ausfiel, wie er findet, "aber auch eine Preisverleihung, in der über Kunst gesprochen wird, kann eine seltene Freude bereiten." In der FAS schließt Bert Rebhandl die besten Filme mit der politischen Wetterlage kurz. In der Welt schreibt Jan Küveler.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.02.2025 - Film

"Kontinental 25" von Radu Jude im Berlinale-Wettbewerb

Die Berlinale neigt sich ihrem Ende entgegen - heute Abend werden die Bären vergeben und morgen vergünstigt Filme aus dem Programm wiederholt. Selten dürfte eine Berlinale vor dem Hintergrund einer derart massiven geopolitischen Zeitenwende stattgefunden haben, wie sie sich gerade im Zuge von Trumps Zugeständnissen an Russland vollzieht, schreibt Bert Rebhandl in seinem Festivalresümee in der FAS. Immerhin das Programm der Berlinale bietet in diesen Tagen Reflexionsraum und Trost: "Bei Radu Jude, bei Constanze Klaue, bei Joel Alfonso Vargas, bei Mohamed Rashad, bei Julia Loktev geht es immer um die klassische Frage der europäischen Aufklärung: Wie wird ein Mensch ein Mensch? Jedes individuelle Leben ist ein Experiment über die Frage, wie aus den Zufällen und Nöten von Familienschicksal, Klassenverhältnissen, kulturellen Prägungen ein Zusammenleben in Freiheit und vielleicht sogar Wohlstand möglich werden kann. Das Kino behauptet sich als Leitmedium für dieses Experiment. Bei der im Welthintergrund hochdramatischen 75. Berlinale konnte man lernen: Eine bessere Waffe für eine gute Demokratie haben wir nicht als die Öffentlichkeiten, die sich in den vergangenen zehn Tagen immer wieder neu in dunklen Sälen und dann beim Hinausgehen in die Welt bildeten."

Dass Tricia Tuttle ausgerechnet ein Jahr nach der kontroversen Abschlussgala Tilda Swinton den Ehrenbär verlieh, was erwartungsgemäß zu entsprechenden Äußerungen der, nach eigenen Worten, BDS-Bewunderin führte (unser Resümee), war wirklich schlecht beraten, findet Andreas Busche im Tagesspiegel. Filmkuratorisch ist er mit der neuen Leiterin nach ihrem ersten Wettbewerb aber durchaus zufrieden: Ihr "ist es gleich im ersten Jahr gelungen, dem Wettbewerb wieder ein Profil zu verleihen: durch ein breiteres Spektrum an Genres, Erzählweisen, auch formalen Experimenten - sowie einer klugen Balance aus ernsten Themen und Eskapismus, Weltkino und Starpower. ... Das ändert jedoch nichts daran, dass Tricia Tuttle in ihrem ersten Jahr mit denselben Problemen wie ihre Vorgänger zu kämpfen hat. Die Berlinale ist ein schwerfälliger Tanker in einer sich rapide wandelnden Branche."

"Timestamp" von Kateryna Gornostai im Berlinale-Wettbewerb

Den Dokumentarfilmen des Festivals gelang es immer wieder, "Momente echter Erschütterung zu erzeugen", schreibt Philipp Bovermann in der SZ. Insbesondere Kateryna Gornostais Wettbewerbsfilm "Timestamp" (über Schulkinder in der Ukraine), Marcin Wierzchowskis "Das Deutsche Volk" (über den rechtsextremen Terroranschlag in Hanau), Martina Priessners "Die Möllner Briefe" (über die Folgen des rassistischen Brandanschlags in Mölln Anfang der Neunziger) und Julia Loktevs "My Undesirable Friends" (über unabhängige russische Journalistinnen kurz vor und während des russischen Angriffs auf die Ukraine) hebt er hervor.

Zu den Berlinale-Neuerungen unter der neuen Leiterin Tricia Tuttle gehört der Debütfilmen vorbehaltene Wettbewerb "Perspectives", der im Konzert der Sektionen einerseits Carlo Chatrians "Encounters" ersetzt, andererseits dem Namen nach an die 2023 letztmalig stattgefundene "Perspektive Deutsches Kino" anknüpft, die allerdings auf deutsche Debüts beschränkt war. "Das Gros der Debütanten bewegt sich im konventionellen Rahmen, was Erzählweise und Themenwahl angeht", muss Gunda Bartels im Tagesspiegel allerdings feststellen. "Die Zeiten sind womöglich zu ernst für überbordenden Spieltrieb und unbändige Experimentierfreudigkeit. Oder die Finanzierung zu schwer. Klare Qualitätsausschläge nach oben oder unten sind keine dabei."

Weiteres vom Festival: Thomas Hummitzsch resümiert auf Intellectures die Wettbewerbsfilme von Richard Linklater, Hong Sang-soo und Radu Jude. "Die Zeit des woken Agenda-Settings scheint vorbei", hält Jan Küveler in der Welt nach dem Festival fest, denn in den Filmen dieses Jahrgangs "geht es weniger um Identitäten als um knallharte Realitäten." Tim Caspar Boehme spricht für die taz mit Philipp Döring über dessen Dokumentarfilm "Palliativstation" (mehr zum Film hier). Viele Filme der Berlinale zeigten Kinder "als Boten aus einer anderen Welt", beobachtet Hans-Joachim Neubauer (Filmdienst).

Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Hong Sang-soos Wettbewerbsfilm "What Does That Nature Say To You" (critic.de), Radu Judes Wettbewerbsfilm "Kontinental 25" (Artechock), Iván Funds Wettbewerbsfilm "The Message" (critic.de), Kateryna Gornostais Wettbewerbsfilm "Timestamp" (Intellectures), Guillaume Ribots Dokumentarfilm "Je n'avais que le néant" über die Entstehung von Claude Lanzmanns "Shoah" (taz), Kinga Michalskas "Bedrock" (taz), James Bennings "Little Boy" (taz), Ira Sachs' "Peter Hujar's Day" (taz) sowie die Serien "The Narrow Road to the Deep North" und "De Menor" (taz).

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Außerdem aus der Filmwelt: Maria Wiesner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Filmemacher Souleymane Cissé. Andreas Scheiner porträtiert in der NZZ den Schauspieler Aaron Altaras. In der FAS porträtiert Julia Dettke die Schauspielerin Leonie Benesch, die ab Donnerstag im (eben auf der Berlinale gezeigten) Film "Helden" in den Kinos zu sehen ist. Besprochen werden Thomas Vinterbergs in der ARD gezeigte Serie "Families Like Ours - Nur mit Euch" (BLZ), die Netflix-Serie "Zero Day" mit Robert de Niro (Welt) und die SRF-Serie "Die Beschatter" (NZZ).