Im Kino
Keine modernen Mythen
Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
25.02.2025. Die prägenden Jahre in der Karriere Bob Dylans fasst "Like a Complete Unknown" lückenlos zusammen. Aber geht James Mangolds Film auch über eine ehrerbietige Nacherzählung hinaus?
Schon wenn der Wagen über die Brücke von New Jersey nach Downtown Manhattan brettert, wirkt die Stadt unmittelbar inspirierend: Bob Dylan (Timothée Chalamet) sitzt auf dem Rücksitz und kritzelt Lyrics und Songfragmente, umrankt diese mit Zeichnungen. 1961 ist der New Yorker Stadtteil Greenwich Village das kulturelle Epizentrum der amerikanischen Gegenkultur: Straßen voller Beatniks und Folkies und verschiedenen Arten anderer glühender Hungerkünstler auf dem Sprung zu einer großen Karriere oder zumindest bezahlbarem Wohn- und Arbeitsraum für ihre Ambitionen. Der Ehrgeizigste unter ihnen ist ein junger "midwestern boy" aus Duluth, jemand, der in New York neu anfangen will und seine Vergangenheit hinter sich lässt. Geschichten darüber spinnt, wie er mit einem Wanderzirkus umhergezogen ist und anderen rätselhaften Nonsens mehr.
Eine Zeitungsmeldung, dass der schon zu Lebzeiten heiliggesprochene Folksänger Woody Guthrie (Scoot McNairy) im Sterben liege, treibt Dylan an die Ostküste. Als er Guthrie in dessen Krankenhauszimmer im Greystone Hospital gegenübersitzt, will der ältere Mann etwas hören, was dieser etwas ängstlich wirkende Junge selbst geschrieben hat. Dem fällt die Wahl nicht schwer, hat er doch bereits etwas verfasst, mit dem das Idol direkt adressiert wird: "Hey Woody Guthrie, I wrote you a song/ 'Bout a funny ol' world that's a-comin' along." Während Dylan diese Zeilen singt, macht die Kamera in James Mangolds "Like A Complete Unknown" etwas, das sie im Verlauf des mit 140 Minuten nicht gerade knapp bemessenen Biopics immer wieder machen wird: Sie schwenkt vom Sänger auf den Zuhörer, bewegt sich in einem langsamen Zoom auf das Gesicht Guthrie zu, in dem sich Erstaunen und Bewunderung abzeichnen.
Das Folkrevival der frühen 1960er ist geprägt von puristischer Treue gegenüber tradiertem Songmaterial und gesellschaftlichem Engagement, ein Biotop, in dem jemand wie Dylan, der nicht nur bewahren, sondern fortschreiben möchte, sofort auffallen muss. Bei der Autofahrt vom Krankenhaus zurück gerät er mit Pete Seeger (Edward Norton), einer anderen Folkikone der Zeit, die aus jeder Pore Rechtschaffenheit schwitzt, in ein Gespräch über den flamboyanten Rock'n'Roll-Sänger Little Richard. Seeger mahnt: "A really good song can do the job without the frills", braucht also keinen zusätzlichen Schnickschnack. Aber Dylan wird eben das versuchen wollen, das Material von Folksongs, deren Textschwere und Botschaftsgetriebenheit, mit Füllmitteln zu verbinden, ihnen einen tanzbaren Rhythmus zu verleihen. Diese musikalische Entwicklung ist es, die "Like A Complete Unknown" innerhalb eines knappen halben Jahrzehnts umreißt: von Auftritten in Kirchsälen und Coffeeshops hin zur elektrisch verstärkten Provokation beim Newport Folk Festival im Jahre 1965, die heute als einer der prägendsten Momente der Popkultur gilt.

Als filmische Einführungsvorlesung in Leben und Werk des Künstlers ist "Like A Complete Unknown" ein erfreulich niederschwelliger, gleichwohl stets allzu braver und beflissener Film. Alle relevanten Figuren aus der konstitutiven Phase Dylans werden so zuschauerfreundlich wie gewissenhaft lückenlos eingeführt: der vermarktungsorientierte Manager Albert Grossman, der Berater in Haltungs- und Stylefragen Bob Neuwirth, der fördernde Plattenproduzent John Hammond und der sicherlich etwas überbetont frömmelnd dargestellte Archivar und Musikforscher Alan Lomax. Alle hinterließen sie Spuren in der Musikgeschichte, niemand von ihnen erreichte jemals die Popularität Dylans.
An dessen herausgehobenen Exzellenz lässt Mangold, der mit "Walk The Line" bereits dem Countrysänger Johnny Cash eine unumwunden hagiographische Betrachtung schenkte (wenngleich nicht mehr zu dessen Lebzeiten) niemals einen Zweifel. Die eng damit verknüpfte Rücksichtslosigkeit Dylans äußert sich lediglich etwas arg beispielhaft am Verhältnis zu seinen privaten und musikalischen Partnerinnen: der Sängerin Joan Baez (Monica Barbaro), die bei gemeinsamen Bühnenauftritten schnell einen lediglich zuspielenden Part geben muss, und der im Film zu Sylvie Russo umbenannten Suze Rotolo (Elle Fanning), die den jungen Bilderstürmer konstitutiv in die Welt der Literatur und Malerei einführt. Wie alle, die in seinen Bannkreis geraten, erliegen auch sie widerspruchslos der enigmatischen Aura des Musikers, die Chalamet in seiner (schauspielerisch schwer schuftenden) Performance nahezu einwandfrei darstellt.
Der kulturelle Widerhall, den diese musikalische Revolution Jahrzehnte später erzeugt, ist gleichwohl nur noch ein geringer. Heute, da Songs keine politische Strahlkraft mehr besitzen und die Popkultur keine modernen Mythen erschafft, ist "Like A Complete Unknown" nicht so sehr ein revitalisierender Film über einen begnadeten Künstler auf seinem Zenit, sondern eher die Bewirtschaftung eines Erbes zu Lebzeiten.
Kamil Moll
Like A Complete Unknown - USA 2024 - Regie: James Mangold - Darsteller: Timothée Chalamet, Edward Norton, Elle Fanning, Monica Barbaro, Joe Tippett, Eriko Hatsune - Laufzeit: 141 Minuten.
Kommentieren



