Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.02.2025 - Film

Die Berlinale geht zu Ende. Standard-Kritikerin Valerie Dirk ist im Großen und Ganzen zufrieden mit dem ersten Jahrgang unter der neuen Leiterin Tricia Tuttle: "Aufbruchsstimmung" liege in der Luft. "Keine drögen Politikerreden auf der Eröffnung, eine knackige Gala, eine Chefin, die den Festivalfrachter mit ruhiger Hand und klarer Ausdrucksweise durch die politisch bewegten Wogen steuert. ... Heißersehnte Publikumslieblinge holte Tricia Tuttle durch den Ausbau der Sektion Berlinale Special Gala nach Berlin. ... Insgesamt setzte Tuttles erster Wettbewerb auf formal anspruchsvolles, aber nicht allzu forderndes Arthousekino. Man sah viele gute Filme, aber wenige Höhen und Tiefen."

"What Does That Nature Say To You" von Hong Sang-soo

Bereits gestern wurde der Wettbewerb mit Hong Sang-soos "What Does That Nature Say To You" abgeschlossen - für FR-Kritiker Daniel Kothenschulte "einer der feinsten Filme des Festivals". Auch ansonsten ist er sehr zufrieden mit Tuttles erstem Jahrgang: "Man kann sich über diesen Wettbewerb wahrlich nicht beklagen: Auch wenn es an großen Namen mangelte und äußerer Aufwand eine seltene Ausnahme blieb, zeigt die neue Leiterin Tricia Tuttle Finderglück, da wo es darauf ankommt - bei Innovation und Kunst."

FAZ-Kritiker Andreas Kilb fand den Wettbewerb zwar besser als in den beiden Jahren zuvor, aber längst nicht so stark, dass man von einem Neuanfang reden könnte: "Die Vorstellung, mit einer neuen Chefin würde alles anders in Berlin, ist ohnehin eine Illusion. Auch Tricia Tuttle kann die Filmfestspiele nicht wieder von einem Winter- zum Sommerfestival machen, und sie kann die Oscars nicht in den April zurückverlegen. Die Auswahl, die sie trifft, richtet sich nach dem Angebot. Dass die Hauptsektion diesmal um einen Tag verkürzt wurde, spricht für sich: Mehr war nicht drin." "Tuttle hat die Forumisierung der Berlinale, vor allem des Wettbewerbs, ersetzt durch eine Panoramisierung" - so eine These, die Rüdiger Suchsland von Artechock auf einer Festivalparty aufgeschnappt hat und für durchaus plausibel hält. Seine eigene Bilanz: "Es gibt ein paar gute bis interessante Filme, aber das meiste, was ich gesehen habe, ist auch etwas beliebig."

"Timestamps" von Kateryna Gornostai

Bevor morgen Abend die Bären vergeben werden, widmen sich die Filmkritiker noch dem ukrainischen Schwerpunkt im Festival. Kateryna Gornostais im Wettbewerb gezeigter Dokumentarfilm "Timestamps" zeigt den Schulalltag in der Ukraine unter Kriegsbedingungen. Der Film "dokumentiert melancholisch, wie eine zutiefst verwundete Nation hartnäckig um ihr kulturelles Überleben kämpft", schreibt Andreas Fanizadeh in der taz. "Ukrainische Kinder lernen heute, wie sie sich vor Blindgängern oder Sprengstofffallen in Acht nehmen. Wie man in der Natur überlebt, welche Pilze giftig sind und welche angekokelt Moskitos fernhalten. Was man für den Notfall im Rucksack dabei haben sollte, warme Kleidung, Erste-Hilfe-Set, Ausweis, die Powerbank nicht vergessen. Wie man sich nach dem Kompass orientiert, Blutungen stoppt, wiederbelebt, eine Drohne steuert oder das Gewehr entriegelt." Auf Nadine Lange (Tagesspiegel) wirkt "der Film wie ein großes Mosaik", er "zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die mit aller Kraft die Bildung ihrer Jüngsten verteidigt." In der taz bespricht Silvia Hallensleben Eva Neymanns "When Lightning Flashes Over the Sea" und Vitaly Manskys "Time to the Target", die sich ebenfalls mit der Ukraine befassen.

"My Undesirable Friends" von Julia Loktev

Das Berlinale Special zeigt derweil Julia Loktevs fünfstündigen Dokumentarfilm "My Undesirable Friends" über unabhängige russische TV-Journalistinnen kurz vor und während des Beginns der Invasion der Ukraine, die allesamt als "ausländische Agenten" gelabelt wurden. "Es ist Cinema verité, wie man es selten so intensiv gesehen hat", schreibt ein sehr beeindruckter Hanns-Georg Rodek in der Welt. Die "Drohung, selbst verhaftet und verhört und eingesperrt zu werden", gehört für die Medienfrauen zum Alltag. "Man kann in 'My Undesirable Friends' der Zerstörung einer (Beinahe-)Demokratie in sich beschleunigender Zeitlupe zusehen. Das Ausmachen von 'Feinden der Gesellschaft'. Die Markierung der 'Feinde'. Wie man ihnen die Zwangsjacke der Zensur anlegt. Wie sie sich selbst zu zensieren beginnen. Ihre komplette Mundtotmachung. Es sind oft kleine Schritte. Aber viele kleine Schritte. Ein Totalitarismus fällt nicht mehr über Nacht vom Himmel."

Bei diesem Film, der der "Dramaturgie eines Polit-Thrillers" folgt, kann Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche nicht anders, als "an die aktuelle Situation in Amerika zu denken". Ein Eindruck, den die Regisseurin selbst im taz-Gespräch mit Julia Habernagel bestätigt: "Ich habe angefangen, einen Film über unabhängige Journalist:innen in Russland zu machen. Daraus wurde ein anderer Film, als Russland die Ukraine angriff. Worum es in dem Film geht, hat sich wiederum im letzten Monat für mich als US-Amerikanerin verändert. Ich muss ständig über die Parallelen zu den USA nachdenken. Wir bewegen uns unglaublich schnell in Richtung Autoritarismus."

Mehr vom Festival: Hans-Joachim Neubauer blickt für den Filmdienst auf Filme, die sich den "Widersprüchen des Systems Familie" widmen. Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Radu Judes Wettbewerbsfilm "Kontinental '25" (critic.de), Florian Pochlatkos Perspectives-Wettbewerbsfilm "How to Be Normal and the Oddness of the Other World" (critic.de), Marcin Wierzchowskis "Das Deutsche Volk" (critic.de), Emma Hough Hobbs' und Leela Vargheses Animationsfilm "Lesbian Space Princess" (taz) und Edgar Reitz' "Leibniz" (Welt).

Und für die schnellen Kurzeindrücke vom Festival: Der Kritikerspiegel auf critic.de, der Berlinale-Schwerpunkt bei Artechock und die SMS vom Cargo-Team.

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Mariam Schaghaghi spricht für die FAZ mit Thomas Vinterberg über dessen in der ARD gezeigte TV-Serie "Families Like Ours". Die langjährigen "James Bond"-Produzenten Barbara Broccoli und Michael G. Wilson haben die kreative Kontrolle über das Franchise sehr zur Sorge vieler Fans an Amazon abgetreten, meldet David Steinitz in der SZ. Pascal Blum schreibt im Tagesanzeiger einen Nachruf auf den Schweizer Regisseur Richard Dindo. Besprochen wird die Netflix-Serie "Zero Day" mit Robert de Niro (Zeit Online).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.02.2025 - Film

Umgang mit dem Trauma: "Die Möllner Briefe" von Martina Priessner

Gleich zwei Dokumentarfilme auf der Berlinale arbeiten rassistische Anschläge auf: Marcin Wierzchowskis "Das Deutsche Volk" widmet sich dem Attentat in Hanau vor fünf Jahren, Martina Priessners "Die Möllner Briefe" macht auf den unerhörten Skandal aufmerksam, dass die Stadt Mölln nach dem tödlichen Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim hunderte von Solidaritätsbriefen zurückhielt, die eigentlich an die Hinterbliebenen gehen sollten. Nun wurden sie im Stadtarchiv entdeckt und den Opfern überreicht. "Wie zäh die Verhandlungen darüber gewesen sind, bildet der Film in ausweichenden Gesprächen mit Bürgermeister Ingo Schäper und dem Stadtarchivar ab - noch während der Dreharbeiten wird ein weiteres Konvolut entdeckt, das die Stadt offenbar behalten hatte", schreibt Matthias Dell auf Zeit Online. "Die Erklärung der Behörde: Sie sei doch bei diesen Schreiben adressiert worden. Eine Behauptung, die Ibrahim Arslan, der 1992 als kleiner Junge mit feuchten Handtüchern bedeckt unterm Küchentisch überlebte, durch lautes Vorlesen der Beileidsbekundungen ad absurdum führt. Priessners Film ist um die Briefe herum gebaut, die Filmemacherin hat drei Absenderinnen von damals ausfindig gemacht und getroffen. Die Möllner Briefe erzählen aber vor allem vom Umgang mit dem traumatischen Erlebnis in einer Gesellschaft, die keinen Raum dafür bietet."

Überzeugt im Wettbewerb: "The Blue Trail" von Gabriel Mascaro

Die Berlinale nähert sich ihrem Ende, heute laufen die letzten Filme im Wettbewerb. Dieser hatte "zwar schöne Filme zu bieten", doch fehlte es ihm "an wirklichen Highlights", hält Felicitas Kleiner im Filmdienst fest. Neben dem brasilianischen Film "The Blue Trail" von Gabriel Mascaro "zählt 'Living the Land' des chinesischen Regisseurs Huo Meng zu den überzeugenderen Arbeiten. Ein Familiendrama, das in den Alltag einer bäuerlichen Großfamilie in den frühen 1990er-Jahren eintaucht und fast ethnografisch Arbeit, Lebensrhythmus und Riten nachzeichnet, während gleichzeitig ein Beziehungsnetz entworfen wird, das den Druck politischer und ökonomischer Verhältnisse auf den familiären Kosmos deutlich macht. Die meisten Wettbewerbsbeiträge gehen hingegen mit einem 'Aber' einher: Sie haben ihre Meriten, aber auch deutliche Schwächen."

Auch Katja Nicodemus wagt sich in der Zeit an einem vorsichtigen ersten Fazit des ersten Wettbewerbs unter Tricia Tuttles Leitung und wechselt dafür ins gastronomische Vokabular: "Im Berlinale-Gastraum gibt es keine filmische Schonkost. Die Küche ist verwegen, mal zu scharf, mal zu heiß, und hin und wieder verschluckt man sich auch. Aber niemand mampft apathisch vor sich hin."

Unerschütterliche Alltäglichkeit: "Palliativstation" von Philipp Döring

Wie so oft bei der Berlinale stecken die "wirklichen Highlights", die Felicitas Kleiner im Filmdienst vermisst, in den Nebensektionen. Philipp Dörings vierstündiger Dokumentarfilm "Palliativstation" etwa, der im Forum läuft. Es ist ein "so einfühlsamer wie klarsichtiger Film über das Leben mit Leiden", schreibt Kamil Moll auf critic.de. Dörings Film erinnert ihn in seiner aufmerksamen Beobachtungsgabe an die Filme des großen Dokumentaristen Frederick Wiseman. "Durch stetig wiederholte, lange Einstellungen, die die Gänge der Abteilung zeigen, den ständigen Wechsel von Reinigungsarbeiten und ärztlichen Visiten, legt der Film hingegen offen, dass die Arbeit auf einer Palliativstation gerade durch unerschütterliche Alltäglichkeit funktioniert: Im ausdauernden Bemühen um Normalisierung und Akzeptanz von Leiden und Tod kann sich der sorgsamste und menschlichste Umgang mit diesem unverschuldeten Gewaltakt ausdrücken."

Mehr vom Festival: Der weibliche Blick ist in diesem Wettbewerbsjahrgang stärker als sonst repräsentiert, stellt Andreas Kilb in der FAZ fest. Silvia Hallensleben schreibt in der taz darüber, wie das Forum die Konflikte vergangener Jahre aufarbeitet. Claudia Lenssen berichtet in der taz von dem vom Internationalen Frauen Film Fest veranstalteten Branchentreff auf der Berlinale.

Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Dag Johan Haugeruds "Dreams (Sex Love)" (Tsp, taz), Radu Judes Wettbewerbsfilm "Kontinental 25" (taz, Artechock), Richard Linklaters Wettbewerbsfilm "Blue Moon" (SZ, taz, mehr dazu hier), Edgar Reitz' Biopic "Leibniz" (Tsp) und James Mangolds Bob-Dylan-Biopic "A Complete Unknown" (FR, Artechock).

Und für die schnellen Kurzeindrücke vom Festival: Der Kritikerspiegel auf critic.de, der Berlinale-Schwerpunkt bei Artechock und die SMS vom Cargo-Team.

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Aus dem aktuellen Kino- und Seriengeschehen besprochen werden Andrea Arnolds "Bird" (Perlentaucher, Artechock), Mel Gibsons "Flight Risk" (Perlentaucher, Presse, Standard, Artechock), Osgood Perkins' Horrorfilm "The Monkey" (BLZ), die Netflix-Serie "Zero Day" (taz) und die italienische Netflix-Serie "Außer Kontrolle" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.02.2025 - Film

Unerwiderte Liebe: "Blue Moon" von Richard Linklater im Wettbewerb der Berlinale

Mit Richard Linklaters "Blue Moon" feierte gestern ein echter Crowd- und Kritiker-Pleaser Premiere im Berlinale-Wettbewerb: An nur einem Abend und in einer Bar erzählt der maßgeblich von Ethan Hawke getragene Film die tragische Lebensgeschichte des Hollywood-Musicaltexters Lorenz Hart, eines flamboyanten, mal charmanten, mal gallig sarkastischen Meister des Wortes und ungeliebten Liebhabers der Schönheit. Es ist "ein Parforceritt für den Schauspieler, Hawke legt einem diesen eloquenten Kerl mit seinen mal brillanten, mal ordinären Sprüchen ans Herz", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. "Schwer, sich dem ein wenig abgehalfterten, aber immer noch sprühenden Charme dieses kleinen Mannes mit dem schütteren, akkurat gescheitelten Haar zu entziehen." Dieser Film "ist eine elegante, altmodische Tragikomödie, man denkt an die Filmtheaterspiele eines Alain Resnais, an das New-York-Flair des früheren Woody Allen."

Dieser von Hawke verkörperte Hart "erzählt eigentlich nicht - er tanzt", schreibt Andreas Kilb in der FAZ. "Er tanzt mit Worten, er führt ein Einpersonendrama auf, dessen Autor, Komponist und Hauptdarsteller er selbst ist und dessen Gesangseinlagen aus den Musicals stammen, die er gemeinsam mit Richard Rodgers geschrieben hat." Linklater verlegt seinen Film "ganz nach innen, in die holzgetäfelte Zeitlosigkeit der Bar, wo keine Kulissen den Blick der Kamera stören und alles auf die Worte, die Gesten, die Gesichter der Darsteller ankommt. Und Ethan Hawke ... macht seine Sache großartig, er spielt Hart mit so viel nervöser Zartheit und funkensprühende Verzweiflung, dass man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll über dieses Genie, dessen Zeit vorbei ist."

Inga Barthels stellt im Tagesspiegel fest, dass mit Mary Bronsteins "If I Had Legs I'd Kick You" (mehr dazu bereits hier) und Johanna Moders "Mother's Baby" (mehr dazu im Standard) gleich zwei Filme im Wettbewerb die Frage stellen: "Was, wenn manche Menschen einfach nicht fürs Muttersein geschaffen sind?" Daniel Kothenschulte zeigt sich in der FR von Bronsteins Film über eine Psychotherapeutin, deren Leben nach allen Regeln der Kunst an die Wand kracht, sehr begeistert: "Dem sich ständig verengenden Lebensraum entspricht der Filmstil eines sich stetig verdichtenden Kammerspiels, Rose Byrne trägt dabei jede Szene. Bei aller Beklemmung entwickelt Bronsteins Film aber auch einen überraschenden Humor und einen Sinn für die befreiende Wirkung echter Groteske. Es ist ein Punk-Album von einem Film. ... Gegen einen Goldenen Bären dafür würden wir nicht protestieren."

Der Filmdienst dokumentiert Lars Henrik Gass' beim Ökumenischen Empfang auf der Berlinale gehaltene Rede, in der sich der Filmhistoriker vehement gegen die Politisierung von Filmfestivals und insbesondere der Berlinale als Podium für Agitation richtet: "Zum Problem für die demokratische Willensbildung wird Politisierung, wenn Minderheiten nicht nur ihr Recht auf Gehör ausüben, sondern die Mehrheit durch den Mob unter Druck setzen, Willen erpressen wollen. Der Mob ist, wie Hannah Arendt sagt, die 'Karikatur' des Volkes, sein Affekt. ... Unter dem Zwang zur Vereindeutigung, unter Konformitätsdruck tritt der ehemals universalistische Anspruch von Filmfestivals hinter einem naiven Verständnis von Engagement zurück. Gesellschaftliche Spaltung geht heute von der Kultur aus, die sie einmal verhindern sollte. Ganz offenbar gehört es im Kulturbetrieb zum guten Ton, etwas gegen Israel zu haben, und das kann man nur so richtig mitteilen, wenn man dafür öffentliche Förderung erhält. Artikel 5 der Verfassung garantiert aber nicht ein Recht auf staatliche Förderung - darüber entscheiden Rahmenbedingungen der Förderer -, sondern die Freiheit der Kunstausübung. Die hervorgehobene Stellung der Kunstfreiheit in Artikel 5 der Verfassung ist nur dann begründ- und haltbar, wenn Kunstfreiheit nicht in den Dienst von Ideologisierung gestellt wird." Im Artechock-Podcast spricht Rüdiger Suchsland mit Gass über dessen Vortrag.

Mehr von der Berlinale: Wolfgang Hamdorf spricht für den Filmdienst mit dem deutschen Regisseur Burhan Qurbani über dessen (in der taz besprochenen) Film "Kein Tier. So Wild", für den er Shakespeares "Richard III." in die Welt arabischer Clans in Berlin versetzt. Es ist eine Berlinale über Generationenkonflikte, stellt Thomas Hummitzsch auf Intellectures fest.

Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Vivian Qus Wettbewerbsfilm "Girls on Wire" (taz), Frédéric Hambaleks Wettbewerbsfilm "Was Marielle weiß" (taz, critic.de, mehr dazu bereits hier), Guillaume Ribots "Je n'avais que le néant" über die Dreharbeiten zu Claude Lanzmanns "Shoah" (Tsp), Filme über den 7. Oktober (FAZ, Standard, FD), Marcin Wierzchowskis "Das Deutsche Volk" über den rechtsextremen Terroranschlag in Hanau (Intellectures), Gianluca und Massimiliano De Serios Dokumentarfilm "Canone effimero" (taz), Ido Fluks "Köln 75" über Keith Jarretts "Köln Concert" (taz) und Emilie Blichfeldts Horrorfilm "The Ugly Stepsister" (critic.de). 

Und für die schnellen Kurzeindrücke vom Festival: Der Kritikerspiegel auf critic.de, der Berlinale-Schwerpunkt bei Artechock und die SMS vom Cargo-Team.

Jenseits der Berlinale: Pascal Blum blickt im Tagesanzeiger auf aktuelle Oscar-Kontroversen. In der FAZ gratuliert Dietmar Dath Jeff Daniels zum 70. Geburtstag. Besprochen werden die dritte Staffel des Serienphänomens "The White Lotus" (NZZ) und die im ZDF gezeigte Zombie-Serie "Generation Z" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.02.2025 - Film

Psychotherapeutin am Rande eines Nervenzusammenbruchs: Rose Byrne in "If I Had Legs I'd Kick You"

"Der erste Berlinale-Wettbewerb unter der künstlerischen Leitung einer Frau trägt eindeutig eine weibliche Handschrift", stellt Valerie Dirk im Standard fest. Mary Bronstein etwa erzählt in "If I Had Legs I'd Kick You" von "einer Psychotherapeutin am Rande eines Nervenzusammenbruchs". Auf dem schmalen Grat zwischen "Psychodrama und schwarzer Komödie" gelingt der Regisseurin "eine absolute Meisterleistung. Ein originelles Stück Genrekino, das eines der Grundthemen dieses Wettbewerbs ausflaggt: die Beziehung von Müttern zu ihren Kindern." Kamil Moll ist auf Filmstarts unterwältigt: "Immer wieder aufs Neue muss sich der Film dabei strecken, um die letztlich ins Leere laufende Intensität am Laufen halten zu können. ... Auch Rose Byrnes beseelter Schauspielperformance zum Trotz besteht 'If I Had Legs, I'd Kick You' im Kern nur aus Kunststückchen."

Präzise zwischen Unschuld, Verletzlichkeit und Enttäuschung: Laeni Geiseler in "Was Marielle weiß"

Zum Thema Mütter und ihre Kinder passt auch Frédéric Hambaleks deutscher Wettbewerbsbeitrag "Was Marielle weiß", in dem die plötzliche Fähigkeit einer kleinen Tochter, schlichtweg alles zu sehen und zu hören, was ihre Eltern sagen und treiben, zu Turbulenzen führt. "Mit einem Gespür für cringe-absurde Situationskomik bringt Hambalek seine Figuren in eine Bedrängnis nach der anderen", schreibt Marie-Luise Goldmann in der Welt. "'Das ist ganz natürlich', wiederholt Julia etwa laut und deutlich beim Sex, damit der potenziell verstörende Akt wenigstens einen pädagogischen Mehrwert für ihre zuschauende Tochter hat. ... Was ist Wahrheit, wie wichtig ist Aufrichtigkeit, und müssen wir alles über den anderen wissen?"

Hambalek war im deutschen Film bislang ein eher unbeschriebenes Blatt, stellt Andreas Busche im Tagesspiegel fest. Doch "schon die erste Viertelstunde seines klugen Versuchsaufbaus, der an ein Experiment von Giorgos Lanthimos erinnert, lässt alle Zweifel vergessen. ... Misstrauen greift um sich, die Kamera verstärkt die Unsicherheit noch, sie sitzt wie eine unsichtbare Macht den Figuren in den unmöglichsten Winkeln im Nacken." Der Regisseur "findet einen maliziösen Witz in diesen Situationen", überdies ist die junge Schauspielerin Laeni Geiseler in der Rolle der Tochter "eine echte Entdeckung. Gerade weil sie so wenig zu tun hat - sie beobachtet die Eltern umso genauer -, wirkt ihr Spiel zwischen Unschuld, Verletzlichkeit und Enttäuschung so präzise." Andreas Kilb bleibt in der FAZ vorsichtig skeptisch: Der Film ist ein "heimtückisches, böses, kalt kalkuliertes Planspiel. Aber eben doch ein Planspiel."

Aufnahmen unter hohem Risiko: "Special Operations" zeigt das russische Militär im Einsatz

Yelizaveta Landenberger sah für die FAZ im Berlinale-Forum Oleksiy Radynskis experimentellen Dokumentarfilm "Special Operations" über die kämpferischen Auseinandersetzungen zu Beginn des Ukrainekriegs rund um den Sarkophag des Atomkraftwerks in Tschernobyl. "Radynski nutzte für seinen Film ausschließlich Aufnahmen von Überwachungskameras vom Gelände des Kernkraftwerks und ließ sie vom litauischen Sounddesigner Vladimir Golovnitski mit passenden Geräuschen unterlegen. Unbekannte 'Kameramänner' - ukrainische Arbeiter, die von der russischen Armee im Atomkraftwerk gefangen gehalten wurden - hatten diese Aufzeichnungen heimlich und unter hohem Risiko während der insgesamt fünfwöchigen Besatzung des Geländes vorgenommen. Aus tausend Stunden dieses Bildmaterials kreierte Radynski seinen 65 Minuten langen Film. Im Anschluss an die Premiere am Sonntag sagte er, er habe ihn bewusst langweilig halten wollen, um auch das Publikum eine Stunde lang in den Zustand russischer Okkupation zu versetzen und sie deren 'dumme Realität' spüren zu lassen."

Auch das noch: Nachdem der Regisseur Jun Li bei einer Filmvorführung ein Statement des Schauspielers Erfan Shekarriz vorgelesen hatte, das in die "From the river to sea"-Forderung mündete, ermittelt nun der Staatsschutz, wie die Agenturen melden. Konformistische BDS-Sympathiebekundungen im Kulturbetrieb, wie sie gerade auch wieder Tilda Swinton im Rahmen der Berlinale von sich gelassen hat (unser Resümee) sind "eine äußerst billige und fahrlässige Art, den Applaus eines oberflächlich anpolitisierten Publikums einzuheimsen", findet Thomas Thiel im FAZ-Kommentar.

Weiteres vom Festival: Derya Türkmen erzählt in der taz anhand von Mehmet Akif Büyükatalays Panorama-Film "Hysteria", wie beschwerlich es ist, einen Film ins Festivalprogramm zu bringen. In der Jungle World findet es Esther Buss bei der Berlinale-Retrospektive zum deutschen Genrefilm der Siebziger "erstaunlich, wie deutlich die gesellschaftliche Entfesselung im damaligen Aktualitätenkino immer wieder aufscheint". Kirsten Taylor hat für den Tagesspiegel Michel Gondry getroffen, der im Jugendfilmprogramm des Festivals seine neuen Animations-Kurzfilme zeigt.

Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Hélène Cattets und Bruno Forzanis Wettbewerbsfilm "Reflection in a Dead Diamond" (critic.de, mehr dazu hier), Lucile Hadžihalilovićs Wettbewerbsfilm "La Tour de Glace" (taz, critic.de), Rebecca Lenkiewiczs Wettbewerbsfilm "Hot Milk" (critic.de), Ernesto Martínez Bucios im Perspectives-Wettbewerb gezeigtes Debüt "El Diablo Fuma" (taz), Constanze Klaues im Perspectives-Wettbewerb gezeigtes Debüt "Mit der Faust in die Welt schlagen" (taz), Tom Shovals "A Letter to David" (Zeit Online, NZZ, mehr bereits hier), Ivette Löckers "Unsere Zeit wird kommen" (critic.de), Petra Volpes "Heldin" (Welt) und James Bennings "Little Boy" (critic.de).

Und für die schnellen Kurzeindrücke vom Festival: Der Kritikerspiegel auf critic.de, der Berlinale-Schwerpunkt bei Artechock und die SMS vom Cargo-Team.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.02.2025 - Film

Jessica Chastain als "Achillesferse" in Michel Francos "Dreams"

Der Berlinale-Wettbewerb nähert sich der Halbzeit. FR-Kritiker Daniel Kothenschulte ist bislang nicht zufrieden: Mit Bong Joon-Hos Science-Fiction-Farce "Mickey 17", in dem der einstige Teenie-Star Robert Pattinson als Klon seines Klons seines Klons es mit einer Trump-Karikatur im Weltall (und possierlichen Raupenmonstern) aufnehmen muss, lief der seiner Meinung nach bislang stärkste Film des Festivals (und überdies auch "die beste dystopische Komödie seit Kubricks 'Dr. Seltsam'") gar nicht im Wettbewerb, sondern nebenan im "Berlinale Special". Enttäuschend hingegen Michel Francos Wettbewerbsfilm "Dreams", in dem Jessica Chastain ihre Prominenz nutzt, um auf das Schicksal mexikanischer Flüchtlinge in den USA aufmerksam zu machen: "Es gibt kaum Zwischentöne, die das Abgleiten ins klassische Rachedrama auffangen könnten." Anders tazlerin Arabella Wintermayer, die dem dem Film und dessen "klug konstruierten Szenen" etwas abgewinnen kann: "Im Schatten von Trumps zweiter Amtszeit besticht 'Dreams' letztlich nicht nur als präzises Beziehungsdrama, sondern auch durch seine beklemmende Aktualität." Lukas Foerster seufzt resignierend auf critic.de: "Der autorenfilmerischen Arithmetik entkommt man auch im Beischlaf nicht."

Andreas Kilb von der FAZ sieht in der Besetzung des Films dessen "Achillesferse": "Chastain muss den Film fast allein tragen. Das gelingt ihr eindrucksvoll, aber 'Dreams' hinkt dennoch auf einem Bein ins Ziel. Insofern ist Francos Film ein gutes Beispiel für das Dilemma des politischen Kinos, mit dem sich die Berlinale gern schmückt: Entweder wird es von Profis gespielt, die himmelweit über dem Elend schweben, das sie darstellen, oder es macht mit der Authentizität ernst und landet beim Amateurtheater. Vielleicht hatte Jean-Luc Godard doch nicht so unrecht mit seinem Satz, man solle aufhören, politische Filme zu drehen, und lieber alle Filme politisch machen."

Ungehemmte Lust am Kino: "Reflection in a Dead Diamond" von Hélène Cattet und Bruno Forzani

Andreas Busche feiert derweil im Tagesspiegel Hélène Cattets und Bruno Forzanis Wettbewerbsfilm "Reflections in a Dead Diamond", eine irrlichternde Hommage an das Eurospy-Genre der Sechziger mit den Mitteln des Experimentalkinos. Hier "blühen die Metaebenen. Der in die Jahre gekommene John D (die italienische B-Movie-Ikone Fabio Testi) verbringt seinen Lebensabend auf der Terrasse eines Luxushotels an der Côte d'Azur und trauert besseren Zeiten nach. Die manifestieren sich allmählich in einem wilden Pastiche aus Erinnerungen, Fantastereien und Comic-Gewaltausbrüchen, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Delirium aufgehoben sind. ... Ziemlich durchgeknallt ist das Ganze, mit Ideen (und Blutfontänen) für zwei Filme - und einem tollen Giallo-Soundtrack (unter anderem Ennio Morricone)."

Benedikt Guntentaler von Artechock hat ebenfalls seine helle Freude an diesem "schönen Film, der die ungehemmte Lust am Kino, an all seinen Versatzstücken repräsentiert; der Oper, dem Comic, den Modemagazinen, der Innenarchitektur, dem Schauspiel, der Malerei etc. pp. Es ist ein wunderbares Ergehen in sich Selbst, gelebte Kinogeschichte sozusagen. Ob der Film selbst Teil der selbigen wird ist wohl zu bezweifeln. Vielmehr nimmt er eine der komfortabelsten und seltensten Positionen ein: Er wird zum Nebencharakter in seiner eigenen Geschichte." Nur Nostalgie also? Keineswegs! "Im Blick zurück auf die Filmgeschichte suchen Cattet und Forzani stets nach Bildern für die Gegenwart des Kinos", schwärmt Kamil Moll auf Filmstarts.

Mehr vom Festival: Im CulturMag schreiben Katrin Doerksen (hier) und Thomas Groh (dort) Berlinale-Logbuch. Im Filmdienst resümiert Felicitas Kleiner die Filme der letzten Berlinale-Tage. Inga Barthels berichtet im Tagesspiegel von der Pressekonferenz zu Bong Joon-Hos "Mickey 17" mit Robert Pattinson (besprochen in taz, auf critic.de, bei Intellectures und in der Welt). Kira Taszman spricht für die taz mit dem Filmemacher Denis Côté, dessen Dokumentarfilm "Paul" im Panorama läuft.

Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Léonor Serailles Wettbewerbsfilm "Ari" (Tsp), neue Dokumentarfilme über die Ukraine von Eva Neymann und Witaly Mansky (Tsp), Ina Weisses "Zikaden" mit Nina Hoss und Saskia Rosendahl (Tsp), Luzia Schmids Porträtfilm über Hildegard Knef (critic.de), Yiwen Caos vollständig mit KI entwickelter Film "What's Next?" (Tsp), Anna Muylaerts "A melhor mãe do mundo" (taz), Emilie Blichfeldts Horrorfilm "The Ugly Stepsister" (Tsp), Ido Fluks "Köln 75" über die Entstehung von Keith Jarrets "Köln Concert" (Tsp), Jan-Ole Gersters "Islands" (Welt) und Tom Shovals "A Letter to David" (FAZ, SZ, mehr dazu bereits hier).

Der Kritikerspiegel auf critic.de füllt sich weiter mit Ratings. Artechock schickt Kurzkritiken. Und das Cargo-Team schreibt fleißig SMS aus dem Kino.

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Auch abseits der Berlinale findet noch Kino statt: Besprochen werden Karoline Herfurths Dramakomödie "Wunderschöner" (Zeit Online, unsere Kritik), die dritte Staffel von "The White Lotus" (FAZ) und Julius Onahs neuer "Captain America"-Superheldenfilm (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.02.2025 - Film

Nach dem Eklat am Ende der Berlinale des letztens Jahres rund um einseitige Parteinahmen gegen Israel waren Sophie Albers und Ben Chamo von der Jüdischen Allgemeinen eigentlich frohen Mutes, dass es in diesem Jahr besser würde. Zumindest gab ein Blick ins ausgewogenere Programm und ein Gespräch mit der neuen Leiterin Tricia Tuttle sowie Solidaritätsbekundungen mit dem noch immer als Hamas-Geisel verschleppten Schauspieler David Cunio zu dieser Hoffnung Anlass. Bis dann auf der Eröffnungsgala Tilda Swinton, die in diesem Jahr den Ehrenbär erhält, nach viel von der Filmkritik dankbar aufgesogenem Schmalz zum Kino als Ort der Herzensbildung in fein ziselierter Camouflage dann doch Klartext redete: "Plötzlich watschelte der sonst so elegant auf dem Wasser gleitende Schwan auf unwegsamem Gelände. Swinton verurteilte 'Besatzung' und 'Kolonisation', wetterte gegen den 'vom Staat verübten und international ermöglichten Massenmord'. ... Nein, sie benannte Israel nicht, doch natürlich wusste jeder, wer gemeint war, und in den Applaus mischte sich begeistertes Gejohle. Und Tuttle ... durfte am eigenen Leib erfahren, wie groß der Hass auf Israel in der Filmbranche sein muss. Vor Beginn des Eröffnungsfilms ('Das Licht' von Tom Tykwer) stellte sie sich vor den riesigen roten Vorhang, um an die zu erinnern, die nicht hier sein könnten, aber "in unseren Herzen" seien. Bei Iran und Sudan wurde geklatscht, bei Gaza und Westjordanland brach Freude aus, bei 'Israel' brach der Applaus abrupt zusammen."



Auf der Pressekonferenz zu ihrer Auszeichnung war Swinton um weitere Worte nicht verlegen: "Ich bin eine Bewunderin des BDS", sagte sie hier auf Nachfrage der israelischen Zeitung Haaretz (siehe im eingebetteten Video mit Zeitmarke). Dem aktuellen BDS-Ruf nach einem Boykott der Berlinale wollte die Schauspielerin dann aber doch nicht folgen - weil das Festival ihr eine Plattform biete, aber realiter wahrscheinlich eher, weil man bei aller Bewunderung auf einen Ehrenbär lieber doch nicht verzichten möchte. Swintons Parteinahme findet Christiane Peitz im Tagesspiegel "bedauerlich. Denn in ihrer ebenso poetischen wie politischen zehnminütigen Dankesrede bei der Gala-Eröffnung hatte sie sich gegen das Lagerdenken ausgesprochen und das Kino als Land ohne Grenzen gefeiert. ... Mit ihrer Sympathiebekundung für den BDS am Tag darauf fällt sie nun hinter ihr eigenes Plädoyer gegen simple Schwarz-Weiß-Muster zurück. Mit Boykottaufrufen bewegt und verändert man keine Köpfe und Herzen, sondern erklärt sich lediglich für auf der richtigen Seite der Geschichte. Kauft keine Waren von Israel, kauft nicht bei Juden? In Deutschland, dem Land der Shoah, lässt sich das nur klar antisemitisch verstehen."

Daniel Kothenschulte bedauert in der FR derweil nur, dass aus Swinton keine Filmkritikerin geworden ist. In der FAZ findet Bert Rebhandl Swintons verklausulierte Rede bei der Eröffnungsgala beeindruckend: "Sie sprach wie eine Diplomatin von einem Planeten der unbedingten Radikalität."

"Holding Liat" von Brandon Kramer

Im Programm ist die Berlinale in diesem Jahr sehr zum Ärger von BDS tatsächlich mehr um Balance bemüht als im letzten Jahr. Brandon Kramers Dokumentarfilm "Holding Liat" porträtiert einen israelischen Rentner amerikanischer Staatsbürgerschaft, dessen Tochter von der Hamas in den Gazastreifen entführt wurde. Der Film "zeigt Close-ups der Erschöpfung, der Verzweiflung, der Stärke - und des Streits", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. Hier "wird der Nahost-Konflikt zum Familienkonflikt. Die Sorge um Liat und Aviv, die Wut über die Politik, es zerreißt die Angehörigen. Yehuda ist Pazifist, ein scharfer Kritiker von Netanjahu und den Hardlinern."

Tom Shovals "A Letter to David"

Außerdem läuft Tom Shovals Dokumentarfilm "A Letter to David" über David Cunio, der am 7. Oktober von der Hamas entführt wurde. Shovals Film "Youth" mit Cunio lief vor einigen Jahren auf der Berlinale - trotz mehrfacher Hinweise konnte sich die alte Festivalleitung im vergangenen Jahr, wohl auch aus opportunistischen Gründen, jedoch nicht dazu bewegen lassen, an Cunios Schicksal zu erinnern. Im aktuellen Film "verzichtet Shoval auf die schockierenden Bilddokumente, die vom 7.Oktober selbst existieren", schreibt Andreas Fanizadeh in der taz. "Die Gewalt ist ohne Voyeurismus anwesend. Statt sie zu reproduzieren, lässt der Regisseur Eitan, Sharon und andere Mitglieder der Familie sprechen. In einer Szene mit Eitan in den Ruinen des Kibbuz weht Gefechtslärm aus dem Gazastreifen herüber. Es wird nicht weiter kommentiert. Das Irrationale des Massenmordes vom 7. Oktober wird im Kontrast zu der unideologischen Bildsprache von 'A Letter to David' sehr deutlich."

Mehr vom Festival: Inga Barthels (Tsp) und Pascal Blum (TA) berichten von der Pressekonferenz mit dem Schauspieler Timothée Chalamet, der in James Mangolds (in FAZ und Welt besprochenem) Biopic "A Complete Unknown" Bob Dylan spielt. Fritz Göttler blickt in der SZ auf die Retrospektive der Berlinale zum "deutschen Genrefilm der Siebziger". Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Rebecca Lenkiewiczs Wettbewerbsfilm "Hot Milk" mit Vicky Krieps (Tsp), Huo Mengs Wettbewerbsfilm "Living the Land" (taz), Tom Tykwers Eröffnungsfilm "Das Licht" (FD, mehr dazu hier), Martina Priessners "Die Möllner Briefe" (taz), Andreas Prochaskas österreichischer Horrorfilm "Welcome Home, Baby" (critic.de), Luzia Schmids Porträtfilm "Ich will alles" über Hildegard Knef (Tsp) und Sarah Miro Fischers "Schwesterherz" (taz). Artechock liefert Kurzkritiken vom Festival. Und der Kritikerspiegel auf critic.de füllt sich mit Bewertungen.

Abseits vom Festival unterhält sich Daniel Gerhardt für Zeit Online mit dem Schauspieler Christian Friedel, der auch in der mittlerweile dritten Staffel des Serienphänomens "White Lotus" (nach WamS-Kritker Jan Küveler der "sehr, sehr schicke Spiegel" für unsere "sehr kaputte Gegenwart") mitspielt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.02.2025 - Film

Tom Tykwers "Das Licht": Begossener Pudel aus Berlin trifft auf Herz aus Gold aus Syrien. Am Späti.

Die Berlinale ist eröffnet. Dass Tricia Tuttle wie einst Dieter Kosslick ihren ersten Jahrgang als Festivalleiterin mit einem Film von Tom Tykwer eröffnet, war allerdings vielleicht nicht die beste Idee. Die Kritiker kommen jedenfalls unterwältigt bis verstört aus dem Drei-Stunden-Kloß "Das Licht". Ekkehard Knörer ist auf critic.de jedenfalls nachgerade entsetzt von der Umsetzung dieser Geschichte, in der eine aus Syrien geflohene Frau als Haushaltshilfe eine im Leben gestrandete Berliner Kulturbürgerfamilie wie weiland Mary Poppins gehörig auf links dreht: "Aus dem Ganzen spricht ein horrender Größenwahn, es ist der für die fatale Selbstgerechtigkeit seines quasi-göttlichen Fuhrwerkens blinde Versuch, mit den Mitteln törichter und politisch desaströser Tropen die aus den Fugen gegangene Welt einzurenken. Berlin sieht darin aus, wie es in der stadtmarketingnahen Kinowerbung für miese Berliner Biere oder miese Berliner Banken auch aussieht. Mit magischem Realismus gepimpt."

Der Regisseur hat "alles hineingeschrieben, was uns gerade bewegt", schreibt ein enttäuschter Andreas Kilb in der FAZ: "Klimakrise, Generationenkonflikt, die Globalisierung, die alternde Gesellschaft, die Migration. Diesem Überdruck hält die Geschichte nicht stand." Zwar "will Tykwer nach eigenem Bekunden ganz bewusst, dass die Handlung in ihrer Fülle eher zu viel als zu wenig ist", erklärt Tim Caspar Boehme in der taz. "Die Frage ist, ob er dafür eine Form gefunden hat, die daraus ein Erlebnis macht, das man sich mit Gewinn ansieht. Doch die Dialoge sind in ihrer ungefilterten Probleme-abkübel-Manier auf Dauer zu monoton, ganz selten schummelt sich ein Witz darunter, der zündet."

"Es gibt inzwischen eine Art von Refugee-Fiction, wie es Holocaust-Fiction gibt", stellt Daniel Kothenschulte resigniert in der FR fest. "Vor dem Hintergrund von Völkermord und globalen Leidensgeschichten kann man natürlich auch menschliche Geschichten erzählen. Doch hier bleiben die Geflüchteten Platzhalter, werden nicht individuell erlebbar." Auch Hanns-Georg Rodek fragt sich in der Welt: "Kann man in diesen unseren Tagen vor allem aus dem gestörten Komfort der Prenzlaueria heraus erzählen? Wo sind die Asylunterkünfte? Wo die Rechtspopulisten? Wo die Antisemiten?"

SZ-Kritiker David Steinitz wittert hinter dieser Gegenwartsfülle Methode: "Das Komplettpaket lässt einen einigermaßen ratlos zurück - aber genau dasselbe kann man ja auch über die Gegenwart sagen. Diese Überforderung, dieses Chaos nicht mit den üblichen Kniffen der Dramaturgie schlank zu feilen und in ein filmisches Korsett zu zwängen, sondern es einfach fast genau so abzubilden, wie es vielleicht aktuell im Kopf des Regisseurs Tom Tykwer herumspukt, ergibt vielleicht keinen stimmigen Film. In einigen Szenen ergibt es sogar einen schlechten. Aber immerhin lässt hier einer mal konsequent die Hosen runter."

Die Hose runter lässt im Film freilich vor allem und mehrfach der wie stets sehr zeigefreudige Lars Eidinger. "Deutschland ist kaputt, kratzt sich wie blöd und sieht nackig nicht gut aus", nimmt NZZ-Kritiker Andreas Scheiner aus diesem Film als Erkenntnis mit nach Hause.

Mehr vom Festival: Claudia Lenssen blickt für die taz auf die Retrospektive zum Thema "Deutscher Genrefilm der Siebziger". Christiane Peitz resümiert hier im Tagesspiegel die Eröffnungsgala der Berlinale, bei der Tilda Swinton (vor der sich auch Barbara Schweizerhof in der taz verneigt) ein Ehrenbär überreicht wurde, und dort die Pressekonferenz der Jury unter dem Vorsitz von Todd Haynes. Nadine Lange führt im Tagesspiegel durchs queere Programm des Festivals. Aus den Sektionen besprochen werden James Mangolds Bob-Dylan-Biopic "A Complete Unknown" (Tsp), Vibeke Løkkeberkes Dokumentarfilm "The Long Road to the Director's Chair" (Tsp) und Andreas Prochaskas österreichischer Horrorfilm "Welcome Home, Baby" (Tsp, Standard).

Weitere Artikel: "Was ist nur mit der Filmkritik los", fragt sich Rüdiger Suchsland in seiner wöchentlichen Kino-Kolumne auf Artechock nach dem Lesen der Kritiken zu Karoline Herfurths "Wunderschöner" (hier unsere), die positiver ausfallen, als er es sich gewünscht hätte. Vielleicht muss er da auch seinen Artechock-Kollegen Axel Timo Purr fragen, der dem Film ebenfalls durchaus etwas abgewinnen konnte. Dunja Bialas resümiert auf Artechock das Filmfestival Rotterdam. Martin Walder schreibt in der NZZ zum Tod des Dokumentarfilmers Richard Dindo.

Besprochen werden Laetitia Doschs "Hundschuldig" (Artechock), Andrea Arnolds "Bird" mit Franz Rogowski (Standard), die auf Arte gezeigte, spanische Serie "Rapa" (FAZ) und der neue "Captain America"-Superheldenfilm (Standard, Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.02.2025 - Film

Auch in diesem Jahr wieder am Potsdamer Platz: Lars Eidinger in Tom Tykwers Eröffnungsfilm "Das Licht"

Heute Abend beginnt die Berlinale mit der Gala-Premiere von Tom Tykwers "Das Licht". Es ist der erste Jahrgang der neuen Leiterin Tricia Tuttle, nachdem ihr Vorgänger Carlo Chatrian von Claudia Roth und der Presse mehr oder weniger aus dem Amt gescheucht wurde. Zwar fehlt Chatrians cinephile Sektion "Encounters" im Programm, aber "vom ersten Eindruck des Programms her sind zunächst keine wesentlichen Veränderungen von dieser Berlinale zu erwarten", schreibt Tim Caspar Boehme in der taz. Aber "es findet sich immer noch genug Interessantes und filmisch Innovatives auf dieser Berlinale, Strahlkraft hin oder her. Die Frage nach dem Profil des Festivals stellt sich ungeachtet dessen weiter." Bert Rebhandl vom Standard erkennt in dem Programm, aber auch in Tuttles Auftreten im Vorfeld des Festivals, "eine Eigenständigkeit, die Tricia Tuttle bisher mit geschickter Diplomatie verbunden hat und die insgesamt ein spannendes Festival erwarten lässt". Daniel Kothenschulte findet das Programm in der FR "vielversprechend". SZ-Kritiker David Steinitz findet Tuttles erstes Programm auf den ersten Blick hingegen "durchwachsen".

Das Programm "wirkt etwas offener und liebevoller kuratiert als zuletzt", schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock, der in den Kosslick- und Chatrian-Jahren zu den entschlossensten Kritikern der Berlinale zählte. Für Tuttle hat er Ratschläge: "In jedem Fall muss sich die Berlinale dem Kuratel der Politik entziehen, und zurückfinden zur ästhetischen Qualität, zu einem Gleichgewicht zwischen Cinephilie und Eventkino."

Welche Konsequenzen hat das Festival eigentlich aus dem Eklat um die Abschlussgala des letzten Jahres gezogen, als sehr einseitig und seitens der Moderation unwidersprochen (vom im Saal anwesenden Publikum aus Kultur und Politik mal ganz zu schweigen) über Israel gewettert wurde? Andreas Kilb von der FAZ hat dazu auf der Website eine FAQ gefunden, die sich einigermaßen wie absurdes Theater liest. Von der Antisemitismusresolution des Bundes hält das Festival nichts, Aktivismus fällt unter Meinungsfreiheit, aber es wird darum gebeten, dass bitte alle einander zuhören. "Das klingt, als hätte die Berlinale ein eigenes Reservat auf der Insel gebucht, in dem die Unterstützer der Hamas und die Anhänger Netanjahus voneinander zu lernen versuchen und Kriegsparteien einander zuhören. Aber vielleicht wird es ja wirklich so friedlich und sensibel, wie es sich die neue Festivaldirektorin erhofft. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die diesjährige Berlinale-Gala zu einer Art Wiederaufführung der letztjährigen wird."

Mehr vom Festival: David Steinitz sprach für die SZ mit der neuen Festivalleiterin Tricia Tuttle. Katja Nicodemus traf sich für die Zeit mit Jurypräsident Todd Haynes zum Gespräch. Michael Meyns blickt für die taz aufs Programm der parallel zur Berlinale von Filmkritikern veranstalteten "Woche der Kritik". Dazu passend gibt Kamil Moll auf Filmstarts Filmtipps zur Parallelveranstaltung. Eva-Christina Meier bespricht für die taz Jorge Bodanzkys im Forum gezeigtes Roadmovie "Iracema", der von der Zerstörung des Regenwaldes handelt. Und critic.de bietet während des Festivals wieder einen Kritikerspiegel, an dem auch unsere Kritiker Lukas Foerster, Kamil Moll, Thomas Groh, Friederike Horstmann, Tilmann Schumacher und Michael Kienzl teilnehmen.

Weitere Artikel: Patrick Holzapfel ist in der NZZ angesichts aktueller romantischer Komödien erstaunt darüber, "welchen Rückschritt das Kino beispielsweise in der Frage der Gleichberechtigung der Geschlechter getan hat". Andreas Kilb erinnert in der FAZ (online nachgereicht) an David Lynchs modernen Klassiker "Mulholland Drive". Und Christiane Peitz meldet im Tagesspiegel die Zahlen des Kinojahrs 2024: Im Allgemeinen sinken die Ticketverkäufe zwar, während die kleinen Programmkinos sich im Schnitt allerdings über etwas mehr Publikum freuen können.

Besprochen werden Karoline Herfurths "Wunderschöner" (Perlentaucher), Mike Chesliks "Hundreds of Beavers" (Perlentaucher)  und der neue "Captain America"-Superheldenfilm (es "strengt alles sehr an", seufzt Philipp Stadelmaier in der SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.02.2025 - Film

Der Filmhistoriker Olaf Möller ärgert sich auf critic.de sehr über die Berlinale-Retrospektive "Wild, schräg, blutig. Deutsche Genrefilme der 70er": Weder ihrem Titel noch den kuratorischen Ansprüchen einer Retrospektive werde diese Auswahl auch nur im Ansatz gerecht: Im Einzelnen sind da zwar schon gute Filme dabei, aber zu groß klaffen die Lücken, zu wenig beherzt ist der Zugriff, zu verzerrt die Darstellung dieses Filmzusammenhangs. So fehlen etwa "Ganghofer- und Simmel- und Report- und auch St.Pauli-Filme, also Kino, das zum Teil im Akkord hergestellt wurde. Wahrscheinlich war das den Programmgestaltern zu peinlich, oder einfach nicht auf die ganz simple Art international anschlussfähig genug. Vielleicht haben sie sich schlicht nie mit diesen Filmen beschäftigt, weil deren Ruf historisch zu arg ist. (...) Dabei werden Chancen vergeben, um über Themen mit einer gewissen Zeitgeistigkeit zu sprechen, wie z.B.: schwule Schaulust im Konfektionskino - wie Alfred Vohrer etwa aufreizend nackten Männer und Transvestiten Raum gibt zwischen spätem Wallace ('Der Gorilla von Soho', 1968 - außerhalb des Retrorahmens, ja, ja) und proto-Derrick ('Perrak', 1970); was wiederum ergiebig sich diskutieren ließe mit Ulli Lommels schwulem Krimimelodram 'Wachtmeister Rahn' (1974). Um nur einmal ein Beispiel zu nennen für die subversiven Dimensionen dieses Kinos."

Weitere Artikel: Leo Geisler beendet mit einem Resümee seine Filmdienst-Essayreihe zum "Kuchenfilm". Daniela Tan wirft für die NZZ einen Blick auf den Erfolg der japanischen Anime-Serie "One Piece". Andreas Frei staunt derweil im Tagesanzeiger über den Erfolg des chinesischen Animationsfilms "Ne Zha 2", der alle Rekorde bricht.

Besprochen werden Karoline Herfurths Kinokomödie "Wunderschöner" (FAZ, FD, Standard), Mike Chesliks Komödie "Hundreds of Beavers" (taz), Riccardo Milanis italienischer Publikumserfolg "Willkommen in den Bergen" (Standard) und die auf Sky gezeigte Serie "Lockerbie: A Search for Truth" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.02.2025 - Film

Exzellenter Copthriller: Jude Law in "The Order"

Justin Kurzels Thriller "The Order" mit Jude Law macht einem auch die letzten nach Trumps zweitem Amtsantritt verbliebenen Haare grau, schwärmt David Steinitz in der SZ. Der zu seinem Bedauern nur auf Amazon und nicht im Kino gezeigte Film über eine reale, von Bob Mathews geleitete rechtsradikale Terrorgruppe aus den Achtzigern "zeigt die Ursprünge des Wahnsinns, zu dem viele Trump-Anhänger und Neo-Rechte heute bereit sind." Der Film "funktioniert über weite Strecken bestens als astreiner Cop-Thriller à la 'Heat'. ... Gleichzeitig fängt der Film pointiert die etwas verschlafen wirkende Zeit in den Jahren 1983 bis 1984 ein. Eine Zeit, in der die Behörden nicht auf die technischen Hilfsmittel der Gegenwart zurückgreifen konnten und ein fast schon absurdes Bild der Überforderung abgeben bei ihrer Fahndung. Eine Zeit, in deren Nachlese die Politik komplett verpennt zu haben scheint, dass sich in aller Seelenruhe Gruppierungen formen konnten, die die US-Demokratie offen infrage stellen und herausfordern - und die es heute mehr oder weniger indirekt bis ins Weiße Haus geschafft haben."

Außerdem: Die Welt hat Georg Stefan Trollers Erinnerung an seine Begegnung mit Roberto Rosselini online nachgereicht. In der FR gratuliert Daniel Kothenschulte dem Film-Avantgardisten Wilhelm Hein zum 85. Geburtstag. Besprochen werden Louise Courvoisiers Jugendfilm "Könige des Sommers" (FAZ), die ARD-Kriminalserie "Spuren" (taz) und Stephan Lambys ARD-Film "Die Vertrauensfrage" (FAZ, Zeit Online).