Bücherbrief

Zweimal falsch abgebogen

09.03.2015. Edouard Louis führt uns in das schwulenfeindliche Milieu des Lumpenproletariats der Picardie. Robert Kisch erzählt die Geschichte seines Abstiegs vom Journalisten zum Möbelverkäufer. Ian Buruma beschreibt die Welt am Wendepunkt 1945. Dies alles und mehr in den besten Büchern des März.
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Weitere Anregungen finden Sie in den Büchern der Saison vom Herbst 2014, unseren Notizen zu den Literaturbeilagen vom Herbst 2014, den Leseproben in Vorgeblättert, in der Krimikolumne "Mord und Ratschlag" und in den älteren Bücherbriefen.

Literatur

Edouard Louis
Das Ende von Eddy
Roman
S. Fischer Verlag 2015, 208 Seiten, 18,99 EUR

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In Edouard Louis" Roman "Das Ende von Eddy" stoßen zwei emanzipative Diskurse aufeinander, der der Klasse und der der sexuellen Orientierung. Und wenn das geschieht, und der Autor es gut macht, knallt es: "Das Ende von Eddy" war in Frankreich auch deshalb ein solcher Skandalerfolg, weil im Diskurs der klassischen Linken die einfachen Leute auch immer gute Leute sind und nicht zum Beispiel Homosexuelle diskriminieren. Dummerweise sieht es in der Wirklichkeit, die Louis in seinem autobiografischen Roman beschreibt, nicht so aus. "Es gibt das Thema der Sexualität nie unabhängig vom Thema des Milieus, der Klasse, das ist ein und dasselbe", sagt Louis im Interview mit dem Fischer-Blog Hundertvierzehn. "Sein Buch handelt vom tiefsten Frankreich, vom kaum sichtbaren, Front National wählenden Norden und seinem Lumpenproletariat, wie er es mit Marx nennt", schreibt Annabelle Hirsch in der Sonntags-FAZ. Sie bewundert die Distanzierung vom eigenen Schicksal, die ihm mit dem Werkzeugkasten Pierre Bourdieus in der Hand gelingt und die seine Schilderung des Elends eines schwulen kleinen Jungen in der nordfranzösischen Provinz um so plastischer vor Augen stellt. Ina Hartwig berichtet in der SZ, wie Louis von Institutionen der Republik gerettet wurde - heute studiert er an der Ecole Normale Supérieure, eine "große Schule", die man erst nach strengsten Prüfungen betreten darf.

Lizzie Doron
Who the Fuck is Kafka?
Roman
dtv 2015, 256 Seiten, 14,90 EUR

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In "Who the Fuck is Kafka" erzählt die israelische Autorin Lizzie Doron von ihrer komplizierten und eigentlich fast unmöglichen Freundschaft zu dem palästinensischen Filmemacher Nadim. Während dieser sich nie ganz entschließen kann, die Israelin zu mögen, schafft sie es nie ganz, ihre Vorurteile zu überwinden. Und beide bleiben fest im Griff einer geradezu neurotischen Paranoia gefangen. Sehr lebendig und unterhaltsam erzählt Doron, wenn man den RezensentInnen Glauben schenken mag, von den absurdesten Begebenheiten. Im Funkhaus Europa macht Esther Willbrandt jedoch sehr deutlich, dass einem das Lachen mitunter im Halse stecken bleibt. In der taz sieht Alexandra Senfft den Roman "dicht an der Realität" erzählt. Den Titel erklärt Doron in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur übrigens so: Sie und Nadim trafen sich mit einer EU-Politikerin, und während Nadim von all den Schikanen erzählte, denen er ausgesetzt ist, rief die Europäerin immer wieder: Das ist doch Kafka! Am Ende war der Palästinenser genauso genervt wie die Israelin und fragte, als sie allein waren: "Lizzie, wer zur Hölle ist Kafka?"


Robert Kisch
Möbelhaus
Ein Tatsachenroman
Droemer Knaur Verlag 2015, 320 Seiten, 12,99 EUR

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"Der Krieg, das Geld, die Gier", so die mit großen Worten nicht sparende Überschrift zu Volker Weidermanns Besprechung des Romans, für die er gleich die ganze Aufmacherseite des FAS-Feuilletons verbrauchte. Ein literarisches Meisterwerk? Nun ja, ein Roman, von dem sich Weidermann, wie zuvor schon Peter Unfried in der taz, womöglich auch aus Betroffenheit berühren ließ. Denn hier wird der Alptraum des bestallten Journalisten erzählt, die Entlassung im Zeitalter einer schrumpfenden Branche, die traurige Erfahrung, dass man nicht als Person, sondern Vertreter eines mächtigen Mediums umworben war und die verständliche Angst vorm Abstieg, in diesem Fall zum Möbelverkäufer, der von Provisionen abhängt. "Und dann ist das alles plötzlich weg. Er ist raus. Die anderen sind noch drin", durchschauert es Weidermann, der das Buch als Tatsachenroman über den so gnadenlosen Kapitalismus unserer Zeit liest. Der Protagonist, einst ein angesagter Feuilletonautor und Magazinredakteur, ist nur "zweimal falsch abgebogen, das reicht schon in diesen Tagen". Und dann? Möbelhaus. "Unterwürfig sein, empfehlen, lügen, sich klein machen." So wie ein freie Autor gegenüber einem mächtigen Redakteur vielleicht? Der ehemalige Journalist mit dem Pseudonym scheint es jedenfalls recht krass vor Augen zu stellen. Meisterhaft, kühl und emphatisch nennt Weidermann das Buch am Schluss, und sehr gruselig.

Frank Schulz
Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen
Roman
Galiani Verlag Berlin 2015, 336 Seiten, 19,99 EUR

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In seinem zweiten Fall begleitet der Hamburger Privatdetektiv Onno Viets als Leibwächter einen verliebten Künstlerfreund auf einer Kreuzfahrt. Das Leben auf See fanden die Rezensenten ganz hinreißend eingefangen: schönste Gegenwartsdiagnostik "auf der Schwelle zur Depression", lobte in der Welt Richard Kämmerlings. Dass es am Ende zu einer Katastrophe kommt, muss man den Rezensenten glauben, über den Schluss verraten sie nichts. Als "Sprachkunstwerk ist das alles kaum zu toppen", versichert ein hochamüsierter Dirk Knipphals in der taz. Knipphals schließt sich damit den Herren Regener und Henschel an, die den Kollegen Schulz für seinen Sprachwitz feierten. Wie bei Wolf Haas, verspricht Richard Kämmerlings, nur dass Schulz besser Plattdeutsch kann.

Marcel Ophüls
Meines Vaters Sohn
Erinnerungen
Propyläen Verlag 2015, 320 Seiten, 22 EUR

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Marcel Ophüls ist wandelnde Zeitgeschichte: Seine Erinnerungen reichen noch zurück bis in die frühe Nazizeit, von der französischen und amerikanischen Emigration ganz zu schweigen, und dann noch vom großartigen Vater. Nebenbei hat Ophüls allerdings ganz nebenbei mit seinem Dokumentarfilm "Le chagrin et la pitié" die französische Vergangenheitsbewältigung mit angestoßen - der Film wurde unter Präsident Giscard d"Estaing verboten und darum umso berühmter. Das alles hindert Ophüls nie, in seinen Memoiren den selbstironischen Plauderton aufzugeben (siehe das "Vorgeblättert" im Perlentaucher). Verena Lueken feiert in der FAZ die Intelligenz, die Präzision, die selbstironische Offenheit und die Beobachtungsgabe des Autors, um sich bestens zu unterhalten. Anke Sterneburg liest das Buch in der SZ als auf Nabelschau und Nostalgie verzichtende Verbindung von Persönlichem und Universalhistorie durch das Kino.


Sachbuch

Richard J. Evans
Veränderte Vergangenheiten
Über kontrafaktisches Erzählen in der Geschichte
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA) 2014, 224 Seiten, 19,99 EUR

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Es ist ja eigentlich nicht erstaunlich, dass Richard J. Evans, einer der renommiertesten Historiker der Nazizzeit und des Zweiten Weltkriegs, sich die Frage nach der kontrafaktischen Erzählung stellt. Die Frage: "Was wäre geschehen, wenn..." steht ja gerade im Zentrum der Zeitgeschichte. Musste es zu den Nazis kommen? Luis Buñuel hat sie einmal aufs schärfste skizziert, in einer Erzählung, in der Hitlers Vater an dem Tag, an dem er eigentlich hätte Hitler zeugen sollen, betrunken nachhause kommt und einschläft. Wer (britische und angloamerikanische konservative, männliche Historiker vor allem) und warum (Erklärungsmacht manifestieren!) alternative Geschichtsszenarien entwirft, lernt Welt-Rezensent Erhard Schütz bei Evans und nebenher auch so einiges über den deutschen Weg in die großen Kriege und das britische Verhältnis zu Deutschland. Und natürlich lernt er, was jeder Historiker ihm versichert: Schuster, bleib bei den Leisten und erzähle auf keinen Fall kontrafaktisch. Auch Ruth Fühner freut sich in der FR über die nicht nur politische, sondern auch methodologische Begründung des geringen Nutzens kontrafaktischen Erzählens in der Geschichtsschreibung.

Ian Buruma
"45
Die Welt am Wendepunkt
Carl Hanser Verlag 2015, 412 Seiten, 26 EUR

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In Deutschland endete der Krieg im Frühjahr 1945, in Japan erst im Herbst, und allenthalben herrschte Chaos: Diebstahl und Schwarzmarkt, Militärgerichte und Lynchjustiz, Gerettete und Besiegte, Vertriebene und Heimkehrer. Was als Stunde Null bezeichnet wird, erstreckte sich tatsächlich über ein ganzes Jahr. "Year Zero" lautet denn auch der englische Originaltitel des Buches, in dem der niederländisch-britische Historiker Ian Buruma die Ereignisse des Schicksalsjahres im globalen Querschnitt erfasst und erfahrbar macht. Burumas Ansatz ist dabei narrativ, etwa indem er sich mehr auf Romane als auf offizelle Dokumente stützt oder die Erfahrungen seiner eigenen Familie einfließen lässt, wie Paul Stänner im DLF hervorhebt. Als eine "historische, psychologische und moralische Betrachtung über Varianten von Rachebedürfnis und dessen gelegentliche Läuterung zu Gerechtigkeit" fasst der Globalhistoriker Jürgen Osterhammel das Thema des Buches in der FAZ zusammen. Und im Dradio Kultur lobt Eike Gebhardt Burumas "bewundernswerte Zurückhaltung" und verständnisvolle Empathie, die den Band zu einer "spannenden Mentalitätsgeschichte der Nachkriegswelt" machen.

Jan Assmann
Exodus
Die Revolution der Alten Welt
C. H. Beck Verlag 2015, 493 Seiten, 29,95 EUR

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Die Exodus-Erzählung ist nicht nur ein Schlüsseltext des Alten Testaments, sondern auch die Gründungserzählung der modernen Welt, meint der Ägyptologe Jan Assmann. Dabei geht es ihm nicht um die historische Wahrheit des Buches Exodus, sondern um seine Rezeptions- und Wirkungsgeschichte. "Assmann findet dafür die schöne, aufschließende Formel: "Wahr ist, was sich bewährt", zitiert Hannes Stein in der Welt den Ansatz des Autors. Dabei gehe es ihm um das Neue, das im Buch Exodus in die Religion eingeführt wird, nämlich die Bundesidee, also die Vorstellung eines liebenden Gottes, der sich leidenschaftlich und eifersüchtig für sein Volk einsetzt. Verbunden mit der Gewalt Gottes ist die Frage nach dem gewalttätigen Potenzial der Religion, die angesichts des islamistischen Terrors so relevant ist wie eh und je, meint Christiane Florin im DLF. Für ihn sind Assmanns Einlassungen dazu "eleganter und brisanter als vieles, was nach den Anschlägen von Paris über die Gewalt der Religion veröffentlicht wurde". "Ein fulminantes Werk" lobt der Alttestamentler Bernhard Lang in der NZZ das Buch, das im Februar die Sachbuch-Bestenliste von SZ und NDR anführte.

Reinhard Seiß (Hg.)
Harry Glück
Wohnbauten
Müry Salzmann 2014, 240 Seiten, 48,00 EUR

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Rund 18000 Wohnungen hat der österreichische Architekt Harry Glück entworfen, seine Prinzipien - möglichst viel Grün und Freiraum für alle - sind heute noch (oder wieder) Ideale des urbanen Wohnens. Im Gegensatz zu den meisten städtebaulichen Großprojekten steht bei Glück die Funktionalität an erster Stelle, weswegen seinen Gebäuden lange der Ruf des Hässlichen anhaftete - zu Unrecht, wie Reinhard Seiß meint. Zudem veränderten sich ästhetische Vorstellungen, während die Nutzbarkeit eines Gebäudes ein bleibender Wert sei. In Zeiten rasant steigender Großstadtmieten kommt diese Würdigung von Glücks sozialem Wohnungsbau gerade recht, freut sich Laura Weißmüller in der SZ. Patricia Grzonka sieht in der NZZ die Bauten in den prächtigen Fotostrecken von Hertha Hurnaus auch ästhetisch rehabilitiert, nicht vollauf zufrieden ist sie hingegen mit den zum Teil redundanten Textbeiträgen.