Bücherbrief

Hand- und Augenschmeichler sondergleichen

07.02.2015. Ian McEwan erzählt in einem Gerichtsdrama vom Kampf zwischen Vernunft und Religion. Teju Cole beschreibt Schönheit und Chaos von Lagos. Heinrich August Winkler legt den letzten Band seiner Geschichte des Westens vor. Lukrez betört die Rezensenten mit seiner poetischen Prosa. Dies alles und mehr in den besten Büchern des Februars.
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Weitere Anregungen finden Sie in den Büchern der Saison vom Herbst 2014, unseren Notizen zu den Literaturbeilagen vom Herbst 2014, den Leseproben in Vorgeblättert, in der Krimikolumne "Mord und Ratschlag" und in den älteren Bücherbriefen.

Literatur

Ian McEwan
Kindeswohl
Roman
Diogenes Verlag 2014, 224 Seiten, 21,90 Euro

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Auch in seinem neuen Roman "Kindeswohl" macht sich der britische Autor Ian McEwan auf, die Themen und Milieus unserer Zeit zu erforschen. Eine Richterin am Londoner High Court über den Fall eines Zeugen Jehovas entscheiden muss, dem die dogmatischen Eltern eine lebensrettende Therapie versagen. Als "Gerichtsdrama in fünf Akten" beschreibt Thomas Hermann in der NZZ den Roman und sieht hier auf kluge und anregende Weise Fragen von Glauben und Vernunft, Recht und Liebe verhandelt. In der FR staunt Sylvia Staude, wie tröstlich die Sprache der Vernunft bei McEwan klingt. In der FAZ betont Reinhard Müller, dass sich das oftmals belächelte Familienrecht in diesem Roman als eine äußerst tragische Disziplin erweise. Es gab jedoch auch enttäuschte Stimmen zum Buch: In der Zeit sah Ulrich Greiner sein Empathievermögen überstrapaziert, in der SZ störte sich Rainer Erlinger am Thesenhaften des Romans und verwies auf McEwans Essay aus dem Guardian "The law versus religious belief".

Teju Cole
Jeder Tag gehört dem Dieb
Hanser Berlin Verlag 2015, 176 Seiten, 18,90 Euro

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In seinem Buch "Jeder Tag gehört dem Dieb" versammelt Teju Cole Texte von 2007, in denen er von seiner Rückkehr nach Lagos erzählt, von Schönheit und Chaos der nigarianischen Metropole, von Korruption und Gewalt, Melancholie und Schmerz. Die Kritiker folgen dem Autor gern bei seinen Streifzügen und stehen tapfer alle wahnwitzigen Katastrophen des Alltags mit ihm durch. In der SZ lobt Christopher Schmid vor allem die kühle Präzion von Teju Coles Schilderungen. In der FR findet Marie-Sophie Adeoso vor allem interessant, wie Cole seine eigene Toleranz an die Grenzen geraten sieht. In der FAZ befindet Jan Wilm: "Große Literatur".

Dima Wannous
Dunkle Wolken über Damaskus
Erzählungen
Edition Nautilus 2014, 128 Seiten, 18,90 Euro

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Mit dem Bürgerkrieg ist Syriens literarisches Leben zum Erliegen gekommen, im Inland wie im Ausland schweigen die Schriftsteller. Dima Wannous" Erzählungen "Dunkle Wolken über Damaskus" stammen aus dem Jahr 2007, und die Kritiker haben sie sehr dankbar aufgenommen. Denn Wannous schildert das großstädtische Leben in Damaskus unter dem Assad-Regime in seiner ganzen Grässlichkeit: regimetreue Karrieristen treffen auf willfährige Profiteure und angepasste Hedonisten. Christiane Müller-Lobeck lobt in der taz die milde Ironie der Erzählerin, die ihre Geschichten nur hin und wieder ins Groteske kippen lassen würde. Die FAZ seufzt: Wenn wir die Geschichten nur schon früher gekannt hätten! Auf Faustkultur gibt es einen Essay der Autorin über die gesellschaftlichen Folgen des Bürgerkrieg.

Stephan Thome
Gegenspiel
Roman
Suhrkamp Verlag 2015, 464 Seiten, 22,95 Euro

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In "Gegenspiel" schildert Stephan Thome die Geschichte seines Romans "Fliehkräfte" aus einer anderen Perspektive: statt des Bonner Philosophieprofessors Hartmut Hainbach steht nun dessen Frau Maria Pereira im Zentrum, ihr Aufwachsen im revolutionsbewegten Portugal, der Umzug in die Westberliner Hausbesitzerszene und schließlich die trügerische Bürgeridylle mit Mann und Kind in Bonn. Als konsequent, ausgewogen und, wie Rainer Moritz in der NZZ hervorhebt, einer Ehekrise angemessen beschreiben die Rezensenten den Perspektivwechsel, wobei die Kenntnis des Vorgängers laut Judith von Sternburg (FR) zwar keine Bedingung ist, Vergnügen und Erkenntnis aber verdoppelt. Doch nicht bei allen löst Thomes Beschreibung von Alläglichem Begeisterung aus, am kritischsten zeigt sich Marie Schmidt in der Zeit, die den Erfolg des Autors auf sein Vermögen zurückführt, "eine Anmutung ungetrübter Durchschnittlichkeit herzustellen, in der man sich schamlos selbst spiegeln kann".

Mohamedou Ould Slahi
Das Guantanamo-Tagebuch
Tropen Verlag 2015, 459 Seiten, 19,95 Euro

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Im Dezember rief der (mittlerweile im Westend Verlag auf Deutsch erschienene) Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses des US-Senats das Thema Folter wieder ins öffentliche Bewusstsein zurück, im Januar erschien das Buch, das die Praktiken aus der Perspektive des Opfers schildert. Mohamedou Ould Slahi berichtet von seiner Entführung durch die Geheimdienste, der Internierung in Guantánamo und den endlosen Verhören, von Isolation, Schlafentzug und Schlägen, von seelischer, körperlicher und sexueller Erniedrigung. Die Rezensenten zeigen sich einhellig bestürzt: Es handele sich um "Lagerliteratur aus dem Mutterland der Demokratie", mahnt Alexander Cammann in der Zeit, bei Arno Widmann (FR) löst die Lektüre hilflose Wut aus: "Das verdammte Guantanamo muss dicht gemacht werden. Sofort!" Während die Relevanz und Authentizität des Berichts für die Rezensenten außer Frage stehen, diskutieren sie die Glaubwürdigkeit der Unschuldsbekundungen des Autors. Für Mohamed Amjahid (Tagesspiegel) lassen die Hinweise "keine Zweifel" an Ould Slahis Unschuld zu, in der FAZ wirft Hannes Hintermeier dem Autor hingegen vor, den "Mantel des Schweigens beziehungsweise der Verschleierung" über seine Verbindungen zu Al-Qaida zu legen.


Sachbuch

Heinrich August Winkler
Geschichte des Westens
Die Zeit der Gegenwart
C. H. Beck Verlag 2015, 687 Seiten, 29,95 Euro

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Erst im vergangenen Herbst hat Heinrich August Winklers Darstellung von Nachkriegszeit, Kaltem Krieg und Mauerfall für Furore gesorgt, nun erscheint der vierte und letzte Band, mit dem seine große "Geschichte des Westens" nach rund 4000 Seiten in der Gegenwart ankommt. Islamistischer Terror, die Finanzkrise und die Spannungen zwischen Russland und dem Westen sind Themen, die die Welt bewegen, und Winkler analysiert sie mit Rückgriff auf die vielbeschworenen "westlichen Werte", deren auf den Ideen von 1776 und 1789 beruhende normative Basis er für den Westen als konstitutiv erachtet. Nur wenn der Westen seinen gefährdeten Werten treu bleibt, kann er sich gegen diese Anfechtungen behaupten, so Winkler - in der Welt leitet Richard Herzinger daraus die Aufforderung an alle "Bürger des freien Westens" ab, "mit aller Kraft und Leidenschaft für sie einzustehen". Eine "umfassende, unverzichtbare politische Standortbestimmung in einer von Krisen überschwemmten Zeit", meint Jörg Himmelreich im DRadio Kultur.

Lukrez
Über die Natur der Dinge
Galiani Verlag 2014, 408 Seiten, 39,99 Euro

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Indem er Lukrez" Lehrgedicht "Über die Natur der Dinge" vom Hexameter des lateinischen Originals befreite und es stattdessen in poetische Prosa übertrug, hat der Übersetzer und Herausgeber Klaus Binder den historischen Text wieder lesbar gemacht, freuen sich die Rezensenten einhellig. In der SZ meint Lothar Müller die literarische Sprache der Goethezeit zu vernehmen, in der Welt liest es sich für Matthias Glaubrecht "rhythmisch beschwingt" und damit endlich auch sprachlich so modern, wie es dem Inhalt entspricht. Als Menschenfreund und Genussmensch in der Nachfolge Epikurs breitet Lukrez nämlich ein aufgeklärtes atheistisches Weltbild aus, das seiner Zeit weit voraus war. Einen "Hand- und Augenschmeichler sondergleichen" verspricht Micha Brumlik in der taz, womit die aufwendig gemachte Ausgabe auf allen Ebenen Lukrez" Materialismus und Sinnenfreude gerecht wird.

Philipp Blom
Die zerrissenen Jahre
1918-1938
Hanser Berlin 2014, 576 Seiten, 27,90 Euro

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Philipp Blom setzt mit diesem Band sein Buch "Der taumelnde Kontinent" über Europas Jahre vor dem Ersten Weltkrieg fort - als Geschichte eines Kontinents, der über Jahrzehnte von Innovationsschub zu Innovationsschub wankt und nicht zum Frieden kommt. Bloms These von der "Zeit der inneren Konflikte", als sich der Krieg von den Schlachtfeldern in die Köpfe zurückzog und die Zukunft bestimmte beziehungsweise verbaute, scheint Oliver Pfohlmann in der NZZ überzeugend. Ebenso Bloms Blick auf symptomatische Nebenschauplätze, -figuren und -episoden, um die kulturellen Folgen des Krieges plastisch werden zu lassen. In der FAZ hat der Historiker Jörg Baberowski diesen Band besprochen, und er lobt vor allem Bloms neuen Blick und seine überraschenden Perspektiven. In der Zeit weiß es Louisa Reichstetter zu würdigen, dass die üblichen politischen Protagonisten durch Personen des Kulturlebens wie Marlene Dietrich, Gabriele D"Annunzio oder Bruno Walter ausgetauscht werden, die ein psychohstorisches Licht auf die Epoche werfen.

Michael Zantovsky
Vaclav Havel
In der Wahrheit leben
Propyläen Verlag 2014, 688 Seiten, 26 Euro

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Michael Zantovsky ist nicht der erste, der das Leben Vaclav Havels schildert, aber er tut es aus einer neuen, privilegierten Perspektive: als langjähriger Pressesprecher und Weggefährte, als enger Freund und Vertrauter kann der Autor tiefere und persönlichere Einblicke gewähren als andere Biografen. Der Gefahr einer apologetischen oder hagiografischen Verklärung entgeht Zantovskys Darstellung in den Augen der Rezensenten durch eine dem Dissidenten, Theaterstar und Staatspräsidenten angemessene Differenziertheit. "Zantovsky ist dann am stärksten, wenn Havel am schwächsten ist", hebt die Historikerin Marci Shore in der New York Times das Einfühlungsvermögen des Autors hervor. Darin, dass die Popularität Havels auch das "Produkt eines steindummen tschechischen Polizeiapparats" war, der ihn als entscheidende Figur des Widerstands markierte, findet Michael Naumann in der Zeit eine ironische Pointe. Marko Martin lobt die Biografie in der Welt als sorgfältig recherchiert, mit leichter Hand verfasst und berührend im besten Sinne.

Hubert Wolf
Krypta
Unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte
C. H. Beck Verlag 2015, 231 Seiten, 19,95 Euro

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Hubert Wolf hat ein bisschen in der Kirchengeschichte gewühlt und festgestellt, dass in Rom alles gar nicht so ewig ist, wie es heutige Funktionsträger im Eigeninteresse gern erscheinen lassen. Das Buch stößt auf Interesse, aber auch Skepsis. An der Hierarchie, dem römischen Zentralismus und dem Papal-Absolutismus und weiteren Strukturproblemen lässt der Autor laut Rudolf Neumaier in der SZ kein gutes Haar. Neumaier liest Wolfs Ausführungen als mit Reformvorschlägen garnierte Systemkritik, die ihre Inspirationen in der Vergangenheit der Kirche sucht. Das ist es genau, was Lucas Wiegelmann in der Welt zu Skepsis treibt: Der bloße Umstand, dass Frauen und Laien einmal wichtige Funktionen in der Kirche übernehmen konnten, scheint dem Rezensenten noch kein Argument zu sein, mit dem liberale Kräfte die Bedenkenträger ausstechen könnten.