Die Buchmacher

Die Buchmacher

Ein Blick in die Branchenblätter der Buch- und Verlagswelt. Jeden Montag ab 12 Uhr.
07.10.2002. In dieser Woche lesen Sie: Warum auf der Buchmesse getanzt werden muss und warum die Buchmesse eine Hölle für jeden Autor ist. Wer für eine Corine nominiert ist. Wie Coca-Cola, Hamburg und Köln die Leselust befördern wollen. Warum das Internet für den Buchhandel interessant und unerlässlich ist. Und welche drei litauischen Romane man vielleicht gelesen haben sollte. Von Hubertus Volmer

Börsenblatt

Für die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ist die Buchmesse ein Anlass, wieder etwas ausführlicher über Bücher zu berichten, meldet das Branchenblatt. Leider nur morgens und am späten Abend. Da die Branche "von einer echten Prime-Time" selbst während dieses Großereignisses nur träumen könne, haben sich drei Sender entschieden, ihre Produktionen auch im Internet zu übertragen. Die ZDF-Sendung aspekte erwartet 55 Gäste zum Talk. Alle Gespräche können live im Internet verfolgt werden und sind auch nach der Messe noch abrufbar. Die Kulturzeit überträgt ebenfalls live im Netz. Und der Hessische Rundfunk richtet für seine Sendung buchmessen-tv.de eine gleichnamige Homepage ein. "Zurückhaltung zeigen die großen Privatsender. Das Sat1 Frühstücksfernsehen bietet voraussichtlich bunte Messeberichte" (immerhin), "RTL verzichtet ganz auf eine gesonderte Berichterstattung über die Buchmesse".

Das Branchenportal des Börsenvereins, buchhandel.de, "geht zu Beginn des nächsten Jahres mit einem neuen Auftritt in die Offensive", meldet das Börsenblatt. Der Börsenverein hat der Aschaffenburger Medien-Service Untermain GmbH eine Lizenz zur Nutzung der Internetadresse gegeben. Das Portal hätte andernfalls eingestellt werden müssen, da die Kosten zu hoch und die Einnahmen zu gering sind: Nur 650 Buchhandlungen wickeln ihre Geschäft über die Domain ab. MSU will die Zahl der beteiligten Buchhandlungen erhöhen, den Service verbessern und die Preise stabil halten.

Die Namen der Autorinnen und Autoren, die am 6. November eine Corine erhalten, stehen fest: In der Kategorie Belletristik ist es Paulo Coelho (für "Der Alchimist"), im Sachbuch Waris Dirie ("Nomadentochter"). Das beste illustrierte Sachbuch ist von Jacques Perrin und heißt "Nomaden der Lüfte". Astrid Lindgren erhält postum die Corine Kinder- und Jugendbuch für ihr Lebenswerk. Die Sponsorenpreise gehen an Meinhard Miegel ("Die deformierte Gesellschaft", HypoVereinsbank), Barbara Wood ("Himmelsfeuer", Weltbild) und Sven Regener ("Herr Lehmann", Rolf Heyne Ehrenpreis). Den Ehrenpreis des bayerischen Ministerpräsidenten erhält Siegfried Lenz für sein Lebenswerk.

Der Boom der Computerbücher ist vorbei, berichtet Eckart Baier. Das liegt natürlich an der Konjunkturkrise, von der die IT-Branche betroffen sei "wie keine andere". Am stärksten eingebrochen seien Themen wie Web-Design und -Grafik mit einem Minus von bis zu 20 Prozent, sagt Hartmut Gante vom Verlag moderne industrie. Vor allem private User hielten sich beim Kauf zurück. Weniger betroffen seien Spezialtitel für EDV-Profis.

"Bertelsmann hat die Funktion gerade abgeschafft, der Süddeutsche Verlag führt sie nun ein: Klaus Josef Lutz (44) wurde als Chief Operating Officer (COO) an Bord geholt", übt sich nun auch das Börsenblatt in maritimer Metaphorik. Zu den Aufgaben von Lutz gehöre es, den Bereich Fachinformation neu aufzustellen. Von 1.700 Mitarbeitern der Fachinformationssparte SVHFI sollen laut Börsenblatt mehr als 100 Stellen abgebaut werden.

Außerdem berichtet Andreas Trojan über die Umstrukturierung beim Carl Hanser Fachverlag. Holger Ehling hat Anfang September die Buchmesse Moskau besucht und weiß von einer erfreulichen Bilanz. Christina Schulte stellt Digital Object Identifiers (DOIs) vor, mit denen Publikationen im Internet systematisiert werden können. Das europäische MEDRA-Projekt, an dem auch der Börsenverein beteiligt ist, bereitet die Einrichtung einer "Multilingual European DOI Registration Agency" vor. Und die Preisbindungsserie ist bei Teil sechs angelangt.
Archiv: Börsenblatt

buchreport.express

Der buchreport nimmt die Buchmesse zum Anlass, die wirtschaftliche Lage der Branche zu beklagen. "In den vergangenen Jahrzehnten ist das Geschäft für Verlage und Buchhändler in Verbindung mit der Buchmesse meist angezogen und hat sich in aller Regel bis zum Beginn des Weihnachtsgeschäfts gesteigert. Inzwischen haben die Probleme der Branche aber die Buchmesse selbst erfasst und auch dort Krisensymptome zu Tage gefördert." In seiner Kurzkolumne schreibt Bodo Harenberg: "Auch wenn die Umsätze im Minus stecken und die Perspektiven noch keinen Hauch von Morgenröte haben: Die Buchmesse ist der Ballsaal der Branche. Es darf und muss getanzt werden. Und sei es ein Tanz auf dem Vulkan."

Einen Werbeeffekt für das Buch erhofft sich die Stiftung Lesen von ihrer Kooperation mit Coca Cola: "Schnapp dir ein Buch" heißt die Initiative, die sich an Kinder zwischen acht und zwölf richtet. "Die Buchförderer und der Brausemixer haben den 22. November zum 'Coca-Cola-Lesetag' erklärt, an dem im ganzen Land 'Bücherpartys' veranstaltet werden sollen. Auf einer zentralen Veranstaltung in Berlin lesen Prominente aus Film, Sport und Musikgeschäft aus ihrem Lieblingsbuch vor."

Zwei weitere Werbeevents stehen im November an: In Anlehnung an die Aktion "One book, one city", die in den USA offenbar recht erfolgreich war, lässt der Verlag Hoffmann und Campe Hamburg am 9. und 10. November das Buch "Der Mann im Strom" von Siegfried Lenz lesen. In Köln wird vom 2. bis zum 10. November Böll gelesen: Die grün-nahe Heinrich-Böll-Stiftung, die Erbengemeinschaft Heinrich Böll und der Verlag Kiepenheuer & Witsch richten in diesen acht Tagen insgesamt 40 Einzelveranstaltungen aus. Anlass sind eine Reihe von Jubiläen: Bölls 85. Geburtstag, 30. Jahrestag der Verleihung des Literaturnobelpreises und - wichtiger noch - 20-jähriges Jubiläum der Ernennung zum Ehrenbürger von Köln. Im Oktober erscheinen die ersten drei Bücher einer 27-bändigen Werkausgabe des Schriftstellers.

Ökologische Kostenwahrheit könnte auch Bücher teurer machen. Das Barsortiment KNO fordert schon jetzt höhere Buchpreise, weil möglicherweise ab Sommer nächsten Jahres für Lkw eine Autobahn-Maut fällig wird. Nach Angaben von KNO könnten die Kosten für die Transportunternehmen um zehn Prozent steigen. "Die Auswirkungen der höheren Transportpreise auf die Gesamtkosten von Sortiment und Verlag werden zwar relativ gering sein, trotzdem werden sie die Gewinnmarge schmälern", schreibt der buchreport. Bei KNO sei man überzeugt, dass durch "rechtzeitige Preiserhöhungen (...) Mehreinnahmen generiert werden" könnten. In einem Kommentar bezweifelt Andrea Czepek, dass Preiserhöhungen zurzeit "ein vernünftiges Anliegen" sind: "Wenn die Wege immer teurer werden, müssen Wege eingespart werden - auch die Remissionsquote wird wieder zu diskutieren sein. Sie ist im letzten Jahr bei den Auslieferern von 6,9 Prozent auf 8,1 Prozent angestiegen." Auch seien die Sortimenter dazu angehalten, Bestellungen stärker zu bündeln. 2001 seien 37,1 Prozent der Lieferungen leichter als zwei Kilo gewesen.

Die S. Fischer Verlage wollen ihren Novitätenausstoß in den kommenden Jahren "deutlich reduzieren", zitiert der buchreport den kaufmännischen Fischer-Geschäftsführer. Nach der Neuordnung der Zuständigkeiten in den Chefetagen "soll in den nächsten Monaten der programmatische Feinschliff einsetzen". Betroffen sei vor allem der Scherz Verlag, der künftig neben dem "klassischen Krimi-Segment" auch die "Ratgeber im Bereich der Lebenshilfe" stärker in den Vordergrund stellen werde.

Bücher für die spanischen Muttersprachler in den USA wurden bislang aus Mexiko, Spanien und Argentinien importiert. Nun haben die US-Verlage "mit eigenen Imprints den spanischen Sprachmarkt und damit eine einflussreiche Minderheit aufs Korn genommen". Als Beispiele für spanische Imprints werden Rayo (HarperCollins), Libres en Espanol (Simon & Schuster) sowie Vintage Espanol und Para Ninos (beide Random House) genannt. Bookspan, eine gemeinsame Buchclubtochter von Bertelsmann und AOL Time Warner, hat gleich einen spanischen Buchclub gegründet.

Streit gibt es in Großbritannien um den Booker-Prize. Die Jury habe sich beschwert, dass die Verlage nur noch "pompöse" und absolut humorlose Bücher einreichen. Empörte Verleger forderten daraufhin eine "eine öffentliche Entschuldigung und eine Überarbeitung des Booker-Formats. Ärger gibt es auch um die Zusammensetzung der sechs Auswahltitel, unter denen kein einziger englischer Autor vermerkt ist, dafür aber drei Kanadier notiert sind. Höchst umstritten ist zudem die Nichtberücksichtigung von Zadie Smith und 'The Autograph Man', den die Medien und Buchmacher - allerdings etwas voreilig - zum großen Favoriten 2002 erklärt haben." Der Sieger des Booker-Prize wird am 22. Oktober verkündet.

Weitere Meldungen befassen sich mit den Expansionsplänen der Mayerschen Buchhandlung (deren Umsatz in Aachen seit der Eröffnung des neuen, größeren Stammhauses am 19. September um 80 Prozent gestiegen ist), mit einer möglichen Übernahme der Essener Buchhandlung Baedeker durch "die expansive Buch & Kunst-Gruppe aus Sachsen" sowie mit den Thalia-Plänen für die Amadeus-Kette in Österreich (O-Ton Thalia: "Top-Service, Top-Qualität und Top-Ambiente"). Schließlich erfahren wir, dass Weltbild in den Handel mit Kinderspielzeug einsteigt, dass die Akademische Buchhandlung Interbook in Trier aus der Fleischstraße vertrieben wurde, weil dort eine "Center-Anlage" entstehen soll, dass die Großdruck-Bücher von dtv 25 Jahre alt werden und dass das ZVAB ein neues Internetangebot entwickelt hat.

Und hier geht es zu den Bestsellerlisten.