Sven Regener

Herr Lehmann

Ein Roman
Cover: Herr Lehmann
Eichborn Verlag, Berlin 2001
ISBN 9783821807058
Gebunden, 300 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Durch jahrelange, ausgefuchste Ausweichmanöver und heroische Trägheit hat der arglistfreie, bis ins Mark ambitionslose Bierzapfer Herr Lehmann erfolgreich Ansprüche von Eltern, Vermieter, Nachbarn und Frauen ausgesessen. Nun, wir schreiben das Jahr 1989, lebt er weitgehend störungsfrei in seiner Eineinhalbzimmerwohnung in Kreuzberg, wenn er nicht in die nächste Kneipe geht. Doch plötzlich bricht eine unvorhergesehene Störung nach der anderen in seinen heißgeliebten Alltagstrott ...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 30.08.2001

Den medial ausgerufenen "literarischen Sommerhit 2001" will Marius Meller mal auf Herz und Nieren resp. auf den Text hin überprüfen. Das Buch aber, muss man sagen, hält stand. Nach anfänglichen Bedenken ("eine ziemlich behäbige Intro"), findet der Rezensent derart Gefallen am Charme des so unspektakulären Helden, an der alles andere als umständlichen Art des Autors, Figuren zu etablieren, und an den "anspruchslosen, aber wirklich gut geschriebenen und intensiven Dialogen," dass er dem Buch sogar das Zeug zum übersaisonalen Hit zutraut. Und gespannt auf Zukünftiges von diesem Autor ist er auch.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 21.08.2001

Flauschiges Buch, das, vermeldet unser Rezensent. Seltsames Epitheton, meinen wir. Was Gerrit Bartels indessen meint, ist ein Unspektakuläres, das uns ganz sanft mitnimmt, bis wir, huch, schon auf der letzten Seite angekommen sind. "So weit, so unspektakulär." Oder so "wohnlich" eben. Das Flauschig-Behagliche des Buches hat für Bartels vor allem damit zu tun, dass es Kreuzberg als Handlungsort und den "sympathischen und gezielt planlosen Herrn Lehmann, der keiner Fliege was zu Leide tun kann", als Helden hat. Kann sich der Kreuzberger mitunter hübsch spiegeln. Weniger gefällt Bartels da schon das effekthascherische Hinschreiben auf den 9. November 1989. Wirkungspotential, findet er, hätte das Buch auch ohne das genug gehabt. Und aufs Literarische Quartett, das just darauf ansprang, hätte es sowieso verzichten können.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.08.2001

Thomas Steinfeld hält diesen Band für ein "freundliches, leichtes und gekonnt belangloses Buch", bei dem ihm offenbar besonders gut gefällt, dass der Autor hier einen "unerbittlichen Konservatismus" der alternativen Szene ins Visier nimmt, in der vor allem eines wichtig ist: dass man nicht gestört wird in seinem eingerichteten Leben. Steinfeld ist der Ansicht, dass dieses Buch beinahe genauso gut in den zwanziger Jahren hätte geschrieben werden können, vor allem wegen der "Milde, (...) dem betulichen Ton eines ebenso langmütigen wie teilnehmenden Beobachters, den man sich eigentlich immer als dicken Mann mit Hosenträgern vorgestellt hat". Dass der Roman letztlich aus zwanzig Anekdoten besteht, hat zwar nach Steinfeld seinen Reiz, doch findet er, das zwölf durchaus gereicht hätten. Irgendwann bei der Lektüre schien es Steinfeld so, als ob man einem Partygast zuhört, der lustige Dinge erzählt, einem jedoch ab einem gewissen Punkt nur noch auf die Nerven geht. Auch ein bisschen mehr "literarische Seele" hätte dem Herrn Lehmann nicht geschadet, findet Steinfeld. Doch insgesamt überwiegt das positive Urteil in der Rezension, zumal Steinfeld zum Schluss noch lobend auf die "Originalität und Kraft" dieses Buch hinweist.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.08.2001

Hochgradig beglückt ist Evelyn Finger von diesem "urkomischen" Buch. "Sternstunden farcenhaften Humors" wurden ihr beschieden. Sie stellt fest, dass die Komik scheinbar "wider Willen" entsteht und in diesem "Unabsichtlichen läge die erzählerische Eleganz". Evelyn Finger ist verblüfft und lacht sich schief. Der Autor malt den Lebensüberdruss in einem "frischen Grau", schreibt sie. Das "abgegriffene Sujet des Weltschmerzes" finde durch dieses Buch einen festen Platz in der jüngsten Literatur. Das ist es, was sie so schätzt an diesem "Erbauungsbuch, nicht nur für Stadtbewohner", das für sie das Gegenteil zum "popkulturellem Berlin-Geschwätz" darstellt. Sie findet die Schachtelsätze "beachtenswert" und die Abschweifungen "wunderbar". Selbstironisch sei der Ton des Erzählers, und trotz der deftigen Prosa hört Evelyn Finger die "sentimentale Geige" und den "sarkastischen Unterton der Trompete" heraus. Eine durchweg begeisterte Rezension.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.08.2001

Martin Krumbholz rezensierte offenbar mit Vergnügen das Romandebüt des Sängers und Songtexters der Rockgruppe "Element of Crime". Er beschreibt die Rahmenbedingungen der Geschichte des Herrn Lehmann, die sich nicht aus dem Kreuzberger Viertel SO 36 herausbewegt und die am 9. November 1989 ihren Endpunkt findet: Sie sei "in hohem Maß vergangen", und das sei gerade eine günstige Vorraussetzung, erzählt zu werden. Krumbholz benennt die wichtigsten Eckdaten: Der Protagonist ist ein noch nicht dreißigjähriger Barmann, und zwar nicht Barmann, der eigentlich wirklich Künstler oder sonst irgendetwas ganz anderes ist, sondern Barmann und weiter nichts, und dieser Herr Lehmann kämpft kapitelweise gegen die Widrigkeiten eines ganz normalen Lebens in SO 36. Die handelnden Figuren und ihre Beziehungen sind differenziert gezeichnet, die Dialoge entfalten sprühenden Witz, sie wirken, bei aller Absurdität, bemerkenswert authentisch und vor allem entwickelt der Leser eine starke Sympathie für Herrn Lehmann, was wiederum daran liegt, dass Herr Lehmann starke Sympathien auch für schwache Mitmenschen entwickelt, findet der Rezensent. Wenn's denn doch zu hart wird, mutiert Herr Lehman auch schon mal "zum menschlichen Nagetier", so Krumbholz. Das Fazit der Rezension scheint eindeutig: Selber lesen!