Außer Atem

Berlinale 3. Tag

Von Thekla Dannenberg, Ekkehard Knörer, Christoph Mayerl
10.02.2008. Spielt mit zwei Königstigern: Isabel Coixets "Elegy". Dingsymbolisch: Majid Majidis "Avaze Gonjeshk-ha - The Song of Sparrows". Tolle Bewegungsstudie eines Nichtsnutzes: Charles Burnetts "My Brother's Wedding". Abgerechnet wird zum Schluss: Renaud Barrets und Florent de La Tullayes "Victoire Terminus, Kinshasa". Liebt den Gin: Erick Zoncas "Julia". Die reinste Poesie: Boris Despodovs Dokumentarfilm "Corridor #8".
Spielt mit zwei Königstigern: Isabel Coixets "Elegy" (Wettbewerb)

Isabel Coixet (Foto), die spanische Regisseurin und Drehbuchautorin, die in ihren Filmen immer wieder über Alter und Tod nachdenkt, und der Amerikaner Philip Roth, der vor allem mit dem eigenen Altern beschäftigt ist, aber das immerhin brillant - das hört sich nach einem guten Gespann an. Ist es auch. "Elegy" ist eine anregende Mischung aus Madrid und Manhattan, ein Philip Roth für einen Abend, am besten zu Hause in der DVD-Lounge. Da darf man nämlich Rotwein trinken.

Spätestens seit "Sexy Beast" weiß jeder, dass in Ben Kingsley ein Tier schlummert. Da war es konsequent, ihn für einen Film zu ordern, der auf einer Romanvorlage mit dem Titel "The Dying Animal" basiert. Kingsley ist hier ein Königstiger: Professor Kepesh, ein charmanter und bekannter Literaturkritker und Mann von Welt, ist eine Gefahr für jede seiner Studentinnen. Bindungsunfähig und verantwortungslos, braucht er immer noch die Aufregung der Jagd und mehr noch die Bestätigung, wenn die Beute in seinem Bett gelandet ist. "Der Körper wird zwar alt, aber der Kopf ist immer noch der gleiche geblieben", lässt Philip Roth seine Romanfigur erklären, und Kepesh steht gedankenverloren in seinem stilvollen Appartment und linst durch die halb geöffneten Mahagoni-Jalousien.

Die Jagd auf Consuela (Penelope Cruz) ist erfolgreich, doch dann passiert das Unwahrscheinliche: Kingsley verliebt sich. Aber der selbstbestimmte Casanova kann das nicht zugeben, und so geht es rasend schnell abwärts für den Professor, der die Damenwelt mit Goya verführt und sein Leben mit Tolstoi kommentiert.

Philip Roth schenkt seinem Charakter nichts. Kepesh sieht das heranziehende Alter deutlicher als je im Spiegel seiner jungen Geliebten, und schlimmer noch, er spürt echte Gefühle, die einfach nicht weggehen wollen wie sonst immer. Kepesh ist gezeichnet, und nichts ist so wie es vorher war. Sein Jungbrunnen, der Kreis aus Anziehung, Eroberung und Vergessen ist versiegt. Es bleibt nur noch die Sehnsucht, denn für eine echte Beziehung ist er nicht mutig genug. Kingsley, das Kaninchen.

Roths New Yorker Mischung aus Lakonie und Zynismus ist einer der Hauptgründe, warum man den Film sehen sollte. "Ich redete über Goya und Kafka, dabei wollte ich sie nur ficken." Oder: "Wenn ein Mann mit einer Frau schläft, ist das die Rache für all die Niederlagen, die ihm das Leben bereitet hat." Wer diese Weisheiten genießen will, sollte sie als das nehmen, was sie sein sollen: die Erkenntnisse eines Mannes, der, wie er in einem ehrlichen Moment einer Freundin gegenüber zugibt (auch sie eine ehemalige Studentin), "sich sein Leben lang wie ein Teenager" benommen zu haben.

Der zweite Aktivposten dieses Films sind die alten Männer, die ihn beherrschen. Perfekt besetzt ist nicht nur Kingsley als alterndes Sexbiest, sondern auch sein Sidekick, der ehebrechende Poet und alte Freund George, gespielt von einem gut aufgelegten Dennis Hopper. Die Gespräche der beiden über die ewige Schönheit der Frauen und die eigene Vergänglichkeit, ob nun im Cafe oder im Squash-Court, sind flott und erfrischend. Diese Spritzigkeit geht in der zweiten Hälfte verloren, um einer stilvollen, aber schwermütigen Ernsthaftigkeit Platz zu machen. Kepesh wird beinahe unter einer Lawine von Schicksalsschlägen begraben. Krankheit, Tod und Einsamkeit, alles auf einmal. Und als wäre das nicht genug, erinnert ihn sein Sohn immer wieder daran, dass er als Vater ein vollkommener Versager war.

Dieser von trauernden Celli untermalte zweite Teil ist sehr ergreifend, doch ich habe die New Yorker Rotzigkeit des ersten Teils vermisst. Und so gut Kingsley und Hopper als alternde Intellektuelle auf der Pirsch sind, so unglaubwürdig ist Penelope Cruz für mich als altkluge Studentin. Sie ist, es tut mir leid, zu alt für diesen Film.
Christoph Mayerl
Isabel Coixet: "Elegy". Mit Ben Kingsley, Penelope Cruz, Dennis Hopper, Patricia Clarkson. USA 2007, 108 Minuten. (Alle Termine)


Dingsymbolisch: Majid Majidis "Avaze Gonjeshk-ha - The Song of Sparrows" (Wettbewerb)

So ein Strauß ist ein großer Vogel mit einem langen Hals. Fliegen kann er nicht, aber zu Fuß ist er ganz schön flott unterwegs. Die Erfahrung muss Karim (Reza Najie) machen, der auf einer Straußenfarm arbeitet im Iran auf dem Lande. Ein Strauß entflieht, macht sich davon in die Wüste. Karim, der Ernährer einer nicht ganz kleinen Familie, setzt sich aufs Motorrad, er schlüpft, zu allem entschlossen, ins Straußenkostüm. Die Kamera fliegt, was der Strauß nicht kann, hoch und zeigt den Helden des Films da unten, auf den Hügeln in der Wüste im Straußenkostüm ganz klein.

Karim findet ein Straußenei, nicht aber den dazugehörigen Vogel in der Wüste. Er verliert seinen Job und das ist umso schlimmer, als seiner Tochter das Hörgerät ins Wasser gefallen ist. Das Wasser, in das das Hörgerät fiel, ist sehr schmutzig, aber Karims Kinder wollen das Bassin säubern und Goldfische darin züchten, um vom Verkauf Millionäre zu werden. Dieses Bassin, das erst schmutzig ist und sogar Schlangen beherbergt, steht in Majid Majidis Film "The Song of Sparrows" erst recht unschuldig, zuletzt aber, von Schmutz und Schlangen gesäubert, als Zeichen wiedergewonnener Unschuld ein bisschen arg aufdringlich dingsymbolisch herum.

Vor dem Wiedergewinn geht die Unschuld, versteht sich, erst einmal verloren. Karim kommt in die große Stadt Teheran und verdient, eher er sichs versieht, als Motorradtaxifahrer sein Geld. Wir müssen mit ansehen, wie aus dem guten Karim vom Lande ein geiziger Mann wird und die Gelegenheit macht ihn einmal sogar zum Dieb. Er sammelt Müll aus der Stadt in der Hoffnung, ihn auf dem Land als irgendwie brauchbar verkaufen zu können. Der schöne Hinterhof, der zunächst so unschuldig scheint, liegt als Müll- und Restwarenlager auch irgendwann ein bisschen arg aufdringlich dingsymbolisch da. Stürzt aber, weil Karim geläutert gehört, mit viel Staub und Krach ein und begräbt Karim im von ihm selbst angehäuften Müll.

Er überlebt mit gebrochenem Bein. Er liegt in seinem Haus und sieht heraus und sieht drinnen liegend mit an, wie draußen der Rest der Familie mit Blumenverkauf und ohne kleinherzige Habgier sehr gut über die Runden kommt. Einmal verfliegt sich ein Spatz in sein Zimmer und findet nicht mehr nach draußen. Karim, der sich wie dieser vielleicht ein bisschen arg dingsymbolische Spatz verflogen hat, in die Großstadt und dort in die Hartherzigkeit, öffnet dem Spatz und damit auch, ist anzunehmen, seiner eigenen besseren Natur, eine Tür und der Spatz, der ein kleiner Vogel ist, flattert schnurstracks in Richtung Film-Titel, in dem er nun aber bedeutungsvoll herumsteht wie ein großer plumper Strauß.

"The Song of Sparrows" ist ein hübscher kleiner Film mit netten Ideen und einem Sinn für das Kleine und Kleinste. Am Anfang etwa erzählt er, ganz nebenbei, von einem Knopf, der mit der Geschichte weiter gar nichts zu tun hat. (Nur wer jetzt wirklich böse sein wollte, könnte sagen, dass noch dieser Knopf für etwas steht: nämlich eben dafür, dass der Film ein Auge hat für das Kleine, für die Spatzen unter den Tieren, das leise Zwitschern und Flattern der Dinge.) Was Majid Majidi unbestreitbar besitzt, ist ein Sinn für Lakonie, und er ist nicht einmal ungeschickt darin, das, was geschieht, erst einmal wie etwas aussehen zu lassen, das einfach geschieht. Es ist dann bei ein bisschen näherer Betrachtung aber doch so, dass, was da flattert, in Wahrheit nicht unschuldig fliegt, sondern nur als große dicke Moral von der Geschichte auf zwei Beinen und mit langem Hals durch das Geschehen stolziert.
Ekkehard Knörer
Majid Majidi: "Avaze Gonjeshk-ha - The Song Of Sparrows". Mit Reza Najie, Maryam Akbari, Kamran Dehghan, Hossein Aghazi. Iran, 2008, 96 Minuten. (Alle Termine)


Tolle Bewegungsstudie eines Nichtsnutzes: Charles Burnetts "My Brother's Wedding" (Forum)

Ein kleine Reinigung an der Ecke im Schwarzenviertel South Central von L.A. macht Charles Burnett in seinem Film "My Brother's Wedding" zum Nabel einer kleinen Welt. Hier arbeitet Pierce, dessen Eltern die Reinigung gehört, und er arbeitet hier, weil er sonst keinen Job findet. Er hat LKW-Fahrer gelernt, aber da ist derzeit nichts zu wollen. Sein Bruder ist Anwalt und die Hochzeit mit einer Anwältin aus der schwarzen Mittelschicht steht bevor. Pierce, der seinen Eltern als Nichtsnutz gilt, ist das Getue um den erfolgreichen Bruder zuwider. Er hängt lieber in der Neighborhood rum, groß ist die Freude, als sein Freund Soldier aus dem Knast zurück ins Viertel kommt.

"My Brother's Wedding" erzählt keine stringente Geschichte, vielmehr reiht der Film recht lose Szenen des Alltags aneinander. Szenen aus der Reinigung, in denen man kurze und kürzeste Einblicke in das Leben der Kundinnen und Kunden bekommt. Einmal kommen drei schwangere Frauen hintereinander in den Laden. Einmal weiß einer nicht, unter welchem seiner vielen falschen Namen er beim letzten Mal die Kleidung abgegeben hat. Einmal kommt es beinahe zu einem Überfall, Pierces Mutter greift schon zur Waffe unterm Ladentisch, kann die Möchtegern-Gangster jedoch allein durch ihre Resolutheit vertreiben. Mehr als einmal balgt sich Pierce, halb im Spaß, halb im Ernst, wie es scheint, zwischen der Kleidung auf Bügeln mit seinem Vater. Und einmal hat Soldier, während Pierces Mutter in der Kirche ist, auf dem Boden im Hinterzimmer der Reinigung, weil anderswo dazu keine Möglichkeit ist, mit seiner neuen Flamme Sex.

Sechs Jahre nach "Killer of Sheep", heute ein, wenn nicht der Klassiker des unabhängigen afroamerikanischen Kinos (Trailer hier und hier), hat Charles Burnett fast ohne Geld diese Komödie des Alltags gedreht. Nun, da er, der einst um jeden Cent für seine Filme kämpfen musste, mit Retrospektiven allerorten geehrt wird, hat er eine neue Schnittfassung des Films erstellt. Sie ist zwanzig Minuten kürzer als das Original, das ich nicht kenne. Es könnte gut sein, dass die Straffung dem Film gar nicht mal gut tut, der als Folge von Momentaufnahmen, kleinen Szenen und Skizzen seine Stärken hat. Nicht immer gelingt es ihm, diese Szenen so zuzuspitzen, dass das, was komisch gemeint ist, auch komisch ist. Vieles ist eher unbeholfen gespielt, gedreht, geschnitten. Richtig toll aber ist der Film als Bewegungsstudie. Gleich in der ersten Szene setzt Pierce einer gesellschaftlichen Verpflichtung den Widerstand seines Körpers entgegen; manchmal muss man ihn ziehen und zerren. Dann aber wieder rennt er und springt durch die Gegend, ohne ersichtlichen Grund, Pierce, der feststeckt in South Central, der im Leben nicht vorwärtskommt, ganz so, als wollte er durch schiere Bewegung den Sackgassen seines Lebens entkommen.

Man sieht, wie Pierce durch die Straßen, Gassen und Hinterhöfe von South Central einen Angreifer verfolgt, wie er mit Soldier im spielerischen Kampf über den Zaun eines Grundstücks torkelt und vor dem Mann, der mit der Waffe vor die Tür tritt, dann flieht. Pierce setzt über die Ladentheke, dann lümmelt er wieder nur herum. Die Wahrheit des Films steckt nicht im unbeholfenen - dennoch oder gerade deshalb oft ganz großartig anzusehenden - Schauspiel der Laien, die hier schwarzen Alltag immer so verkörpern, dass ihnen anzusehen ist, wie wenig natürlich ihnen die Darstellung und die auswendig gelernten Worte sind. Seine Wahrheit liegt viel eher im Bewegungsdrang der Zentralfigur, der auf Widerstande stößt und Widerstände überwindet, nicht metaphorisch, sondern ganz konkret in den Straßen von South Central im Jahr 1983, von denen der Film, wo er sich aus den Innenräumen hinausbegibt, überdies quasi-dokumentarische Eindrücke vermittelt.
Ekkehard Knörer
Charles Burnett: "My Brother's Wedding". Mit Everette Silas, Jessie Holmes, Gaye Shannon-Burnett, Ronald E. Bell. USA, Deutschland 1983-2007, 81 Minuten. (Alle Termine)


Abgerechnet wird zum Schluss: Renaud Barrets und Florent de La Tullayes "Victoire Terminus, Kinshasa" (Forum)

Geschichten vom Boxen sind Aufsteiger-Geschichte. Sie erzählen vom harten, mit dem eigenen Leib ausgefochtenen Kampf um Geld und Ruhm. Die französischen Filmemacher Florent de La Tullaye und Renaud Barret zeigen in ihrem Film "Victoire Terminus" (Trailer) eine Gruppe von Frauen, die sich jeden Tag im heruntergekommenen, aber legendären Tata Rafael Stadion von Kinshasa trainieren lassen. Hier hat Mohammed Ali beim Rumble in the Jungle George Foreman die Weltmeister-Titel in acht Runden entrissen (mehr bei Youtube). Hierhin treibt der Traum vom besseren Leben Abend für Abend Tausende von Männern und vielleicht ein Dutzend Frauen aus den Armenvierteln der Stadt. Doch wenn in Kinshasa geboxt wird, verheißt dies weder Geld noch Ruhm, höchstens ein Abendessen und Medizin fürs kranke Kind. Frauen boxen hier, um nicht auf den Strich gehen zu müssen oder sich endlich gegen den prügelnden Kindsvater zur Wehr setzen zu können.

Der Film porträtiert die jungen Frauen zu der Zeit, als der Wahlkampf zwischen Joseph Kabila und Joseph Bemba in vollem Gange war. Die politischen Kundgebungen finden ebenfalls in dem Stadion statt, und auch der Kampf wird mit harten Bandagen ausgetragen. Auf LKWs lassen die Kandidaten ihre kampfbereiten Unterstützer ankarren. Bei jeder Demonstration kommt es zu Toten, es herrschen Einschüchterung, Gewalt und Hoffnungslosigkeit. Während außerhalb des Stadions das Militär auf Demonstranten schießt, kämpfen Helene Mukadi Efuto, Jeannette Mukendi, Rosette Ndongala und Mimi Mawuwa um den Titel. Es ist eher ein Showkampf, es gibt keine offizielle Liga, sie alle gehören dem gleichen Verein an. Und ihr Trainer macht Kasse: Die Schiedsrichter bekommen 40 Dollar pro Kampf, die Frauen - Siegerin und Verliererin - jeweils fünf Dollar. Bleiben für ihn 170.
Thekla Dannenberg
Renaud Barret, Florent de La Tullaye: "Victoire Terminus, Kinshasa". Frankreich, Demokratische Republik Kongo 2008, 80 Minuten. (Alle Termine)


Die reinste Poesie: Boris Despodovs Dokumentarfilm "Corridor #8" (Forum)

Gerade einmal sieben Filme kommen bei dieser Berlinale aus Osteuropa, sieben von insgesamt 384 Filmen. Andrzej Wajdas Film über das sowjetische Massaker von "Katyn" ist der einzige polnische Film. Aus dem selbst unter unangenehmsten Bedigungen stets produktiven Filmland Russland ist ein einziger Film zu sehen. Rumänien, Ungarn und die baltischen Länder sind überhaupt nicht vertreten. Die vielbesungene rumänische Nouvelle Vague, die im vorigen Jahr über Europa schwappte und Cristian Mungiu für sein Drama "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" in Cannes immerhin die Goldene Palme einbrachte, macht offenbar einen großen Bogen um Berlin.



Der Film "Corridor #8" hat es in die für Osteuropa offenbar besonders gestrenge Auswahl ins Forum geschafft. Und man muss einfach sagen: Er ist brüllend komisch. Selten hat jemand so gut gelaunt Europas neue Ostverwandschaft aus Skipetaren, Thrakern und Walachen präsentiert wie der bulgarische Regisseur Boris Despodov. Der Filmemacher folgt dafür dem wahrscheinlich abenteuerlichsten Projekt, das sich die EU je vorgenommen hat: dem Corridor #8, einer geplanten Transport-Trasse, die das Schwarze Meer mit der Adria verbinden soll: Für den auch stolz Trakia Highway titulierten Korridor sollen in Bulgarien, Mazedonien und Albanien Häfen, Straßen und Bahnlinien ausgebaut werden.

Los geht es bei Baukilometer 001, im Hafen von Bourgas am Schwarzen Meer mit dem Hafendirektor, der gern seine japanische Mitsubishi-Spieluhr aufzieht, um seine spirituelle Balance zu finden. Von hier aus führt die Reise ins Ungewisse immer geradewegs nach Westen. Es geht zu Jahrmärkten, Bazaren, Moscheen und LKW-Raststätten, über Huckelpisten und mit Cowboy-Train, der für 30 Kilometer drei Stunden braucht. Jedesmal wenn ein neues Teilstück der Autobahn fertig wird, gibt es eine Blaskapelle und einen roten Teppich, auf dem die Projektleiter fürs Foto posieren ("Kein Projekt, kein Geld", weiß der EU-erfahrene Glücksritter). Den Grenztunnel von Bulgarien zu Makedonien haben die Deutschen 1941 angefangen, fertig sind sie bis zum Rückzug leider nicht geworden.

Wir begegnen alerten Minister, windigen Geschäftemachern, armen Seelen und einem Popen, der kurz vor der Grenze noch das Kamerateam und ihr Equipment segnet - man kann nie wissen: "Die Albaner neigen zum Banditentum". In Tirana trifft Despodov eine albanische Familie, deren männliche Mitglieder die Wohnung nicht verlassen können, weil sie in eine Blutfehde verstrickt ist. Bei Kilometer 926 tut sich das Meer auf: Die Adria bei Durres. Hier sitzt Argon Xhunga, ein Komponist. Europa verdankt ihm die Hymne auf sein Verkehrprojekt Corridor #8. Der Text ist schlicht, nach dem Refrain "Corridori, Corridori, Corridori" werden einfach alle Orte aufgezählt, an denen die Trasse entlangführt: "Bourgas, Plovdiv, Sofia, Skopje, Tirana, Durres." Die reinste Poesie.
Thekla Dannenberg
Boris Despodov: "Corridor #8". Bulgarien, 2008, 74 Minuten. (Alle Termine)


Liebt den Gin: Erick Zoncas "Julia" (Wettbewerb)

Nach eineinhalb Stunden beginnt der Kollege im Sitz nebenan auf die Uhr zu schauen. Kein gutes Zeichen. Von anderswo aus dem Kinosaal hört man immer wieder und zunehmend Seufzer, meist begleitet von einem Geräusch, das durch die Neupositionierung des müden Hinterteils auf dem Polster verursacht wird. Kein gutes Zeichen. Nachdem 138 Minuten läuft der abspann, und als sich der Mob die große Treppe im Berlinale-Palast hinabdrängelt, hört man von allen Seiten Fragen. "Wie war das mit der Mutter?" "Where did she bring the boy?" "Che succede al denaro?"

Schade dass niemand den Mut hatte, Erick Zonca zu zügeln. Filme werden nicht automatisch zu ambitionierten Kunstwerken, indem man Lieblingsszene um Lieblingsszene hineinstopft, bis sie so prall und dick werden, dass allein schon der Umfang Respekt einflößen muss. Gut, das Vorbild "Gloria" von John Cassavetes war zwar auch 121 Minuten lang, aber Julia ist nicht Gloria, und Zonca schon gar nicht Cassavetes. Zoncka hat vielleicht Neunzig-Minuten-Format, in diesem Fall ist eigentlich schon nach zwanzig Minuten das richtige Maß erreicht. Es wäre glorreich, hier aufzuhören. Denn der Auftakt ist so vielversprechend, das die Hoffnung, die einem hier gemacht wird, durch den ganzen Film trägt. Die Hoffnung hat grüne Augen, das große Versprechen hört auf den Namen Tilda Swinton.

Wie sie hier die vergehende Schönheit und voll aufgeblühte Alkoholikerin Julia spielt, das ist schmerzhaft anzusehen aus menschlicher Sicht und ein reiner Genuss für alle, die sich an guter Schauspielkunst erfreuen. Swinton schenkt sich und ihrer Figur nichts. In der ersten Szene sehen wir sie in einer Diskothek, das Wochenende begießen. Die Kamera hält sich an den Gläsern fest, die immer wieder zum Mund geführt werden. Julia ist in ihrem Element, und jeder Wodka Tonic bringt sie dem Finale dieser Nacht näher, das sich so wohl schon zu oft abgespielt hat.

In der nächsten Einstellung ist es taghell, und man sieht Julia im Auto eines fremden Mannes aufwachen. Wie sie beim Aufwachen den Geschmack in ihrem Mund bemerkt und voller Ekel die Zunge über die Zähne raspelt, wie sie aus dem Auto torkelt, sich die falschen Wimpern beiläufig abzieht und sich mit dem Handrücken den Schweiß unter den Achselhöhlen herauswischt, wie sie wenig elfengleich und splitternackt ins Bad stapft, um bald darauf den nächsten tiefen Schluck aus der Ginflasche zu nehmen, da zeigt Swinton einen Mut zur Selbstzerstörung und eine Spielfreude, die Spaß macht.

Die Rolle der Julia, die ein Kind entführt, in allerlei Kalamitäten gerät und langsam Muttergefühle für ihr Opfer entwickelt, ist auch ein Geschenk an jeden Mimen. Swinton nimmt es dankbar an. Doch dreht sie den Regler ein wenig zu sehr auf. Die intensive, überdrehte Art der exaltierten, cleveren und nicht nur ein bisschen sprunghaften Trinkerin studiert man gerne, aber nicht allzu lange. Dann hätte man gerne eine Geschichte serviert, die ihr auch Momente der Ruhe schenkt, die sie nicht von Schauplatz zu Schauplatz hetzt, die so oft wechseln wie die Liebhaber von Julia. So versprüht Swinton alias Julia bald ihre Energie, und das Kapriziöse des Anfangs ist irgendwann nur noch chaotisch. "Wie war das jetzt mit der Mutter?" Ach, egal.
Christoph Mayerl
Erick Zonca: "Julia". Mit Tilda Swinton, Aidan Gould, Saul Rubinek, Kate del Castillo. Frankreich 2007, 138 Minuten. (Alle Termine)