Lucien Scherrer
besucht für die
NZZ in Paris den Soziologen
Gilles Kepel, der aus dem Fenster seines Büros in der École Normale Supérieure auf das propalästinensische Zeltlager in der Rue d'Ulm geblickt hat, bevor die Polizei das Lager räumte. Kepel hat gerade seine Autobiografie
"Prophète en son pays" und ein Buch zum Hamas-Massaker am 7. Oktober,
"Holocaustes. Israël, Gaza et la guerre contre l'Occident", veröffentlicht. Er kann das woke schwarz-weiß-Denken nicht ausstehen, ist aber auch ein scharfer Kritiker der Regierung Netanjahu, der er vorwirft, die Hamas gepäppelt zu haben und in Gaza einen Holocaust zu veranstalten. Am meisten Sorgen macht ihm jedoch die Situation in Europa im allgemeinen und Frankreich im besonderen, wo die
Islamisten viel zu lange toleriert worden seien: "Man hätte deutlich machen können, dass sich die islamische Welt nicht auf den Islamismus beschränkt. Dass es modernistische Philosophen wie
Ibn Rushd gibt, die von den Religiösen verdrängt wurden im islamischen Raum. In einigen Büchern habe ich erklärt, dass Europa eine Chance hatte, eine andere muslimische Welt aufblühen zu lassen, die nicht von Diktatoren und von Imamen kontrolliert wird. Das war illusorisch: Unsere Politiker haben es vorgezogen, die Islamisten gewähren zu lassen, die hier anders als in arabischen Staaten alle Freiheiten besitzen. Heute ist es
einfacher,
in Frankreich Islamist zu sein als in Saudiarabien. Hier gab es Wissensdefizite, eine Ausgrenzung dessen, was Leute wie ich gemacht haben. Dafür hat man Leute wie François Burgat gefördert, die
Forschung zum Islamismus als islamophob betrachten."
Außerdem: In der
Welt sieht
Ayaan Hirsi Ali den Westen auf dem Weg in die
Unterwerfung.
Auch Marlene Knobloch (
SZ) ist nach Paris gereist. Sie hat
Eva Illouz besucht und mit ihr über die Irrwege der heutigen Linken gesprochen. Illouz betont die
antidemokratischen Tendenzen im linken Diskurs, die sie vor allem an Judith Butlers radikalem Diskurs festmacht, und kritisiert, dass sich die Linke den Logiken des Kapitalismus unterworfen und damit ihre
utopische Kraft verloren habe: "Für sie habe
die progressive Linke zu lang darauf beharrt, als Opfer gesehen zu werden. Und die Gleichheit in allen Bereichen zu suchen. Warum arbeiten gerade so viele Kräfte gegeneinander? Warum hat man bei jedem Konflikt gerade das Gefühl, am Ende bleiben nur Verlierer? Illouz hat sofort eine fast altmodisch marxistische Antwort: Der Kapitalismus.
Verwundetsein zahle sich in der heutigen Gesellschaft aus. 'Die viralsten Posts sind die wütendsten, die, in denen man sich verwundet zeigt. Wunden sind eine
eindrucksvolle Ware.'"
Jürgen Habermas wird 95 Jahre alt. Die Feuilletons (und wir) gratulieren. In der
FR verneigt sich Arno Widmann vor dem Geist und der Vitalität des Philosophen: "Zu seinem neunzigsten Geburtstag beschenkte Habermas sich und ich weiß nicht wie viele Leser mit den zwei Bänden von 'Auch eine Geschichte der Philosophie'.
2300 Seiten haben die Erörterungen zur Evolution des abendländischen - 'okzidentalen', schreibt Habermas - Verhältnisses von
Glauben und Wissen. In seinem Vorwort erklärt er, dass er eigentlich auch hätte eingehen müssen auf die immer wieder sich einstellende Differenz zwischen jenen, die in Philosophie und Sozialwissenschaften von den Intentionen der einzelnen Subjekte ausgehen, und jenen, für die die 'intersubjektiv geteilten Symbol- und Regelsysteme' an erster Stelle stehen - 'dafür aber reichen meine Kräfte nicht aus'.
Der Leser lächelt. Schließlich weiß er, dass noch 2282 von Habermas geschriebene Seiten auf ihn warten. Dafür reichten seine Kräfte!"
In der
SZ gratuliert Reinhard Merkel seinem Kollegen. Und im Interview spricht der Kulturhistoriker
Philipp Felsch, der gerade
ein Buch über
Jürgen Habermas geschrieben hat, über
das politische Denken des Philosophen. Habermas finde es beunruhigend, dass ein von Carl Schmitt geprägter "Begriff wie Feindschaft" die öffentlichen Debatten über den Krieg in der Ukraine und die deutsche Politik bestimmt und damit
Kriegsbegeisterung schürt. Naiv sei Habermas nicht, meint Felsch, Krieg sei auch für den Philosophen in bestimmten Situationen unvermeidlich, aber nur als Polizei-Aktion, wie beispielsweise 1999 im Kosovo: "Es geht nicht um die Bekämpfung eines Feindes, sondern um die Bestrafung eines Verbrechers, eines Akteurs also, der gegen die universalen Normen des Völkerrechts verstoßen hat. Für Carl Schmitt, den berüchtigten 'Kronjuristen des Dritten Reichs', wäre das unvorstellbar gewesen. Bei Schmitt ist Feindschaft die grundlegende politische Idee."