9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2216 Presseschau-Absätze - Seite 29 von 222

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2024 - Ideen

Die FAZ druckt einen längeren Vortrag von Jan-Philipp Reemtsma über die Antworten Kants und anderer auf die Frage "Was ist Aufklärung?" nach. Darin kommt Reemtsma in der zweiten Hälfte auch auf aktuelle Debatten um den 7. Oktober und die Frage, was antisemitisch sei, zu sprechen. "Man streitet immer wieder darüber, wann eine Äußerung 'antisemitisch ist', und wenn man zu dem Schluss kommt, sie sei es nicht, lehnt man sich beruhigt zurück. Aber es geht nicht um das Abhaken von Vokabeln." Indirekt nimmt Reemtsma hier auf Judith Butler und andere Bezug, die den 7. Oktober als "nicht per se" antisemitisch und als Akt einer Befreiungsbewegung darstellen: "Wenn etwa der frühere Hamburger SDS-Aktivist und nunmehr Rechtsradikale Reinhold Oberlercher zusammen mit Horst Mahler in einem Interview (das rätselhafterweise die ARD ausstrahlte) die Mörder vom 11. September 'Helden' nannte, billigte er damit ihre Morde. Wenn früher jemand die Hamas eine 'Befreiungsorganisation' nannte, konnte man vielleicht noch annehmen, er kenne ihre Programmatik nicht. Wenn er dasselbe nach dem 7. Oktober sagt, ist allerdings klar: Er billigt ihre Morde als Befreiungstaten."

Die extreme Linke hat sich nie mit Verbrechen auseinandergesetzt, die in ihrem Namen oder mit ihrer Billigung geschehen sind, und befasst sich lieber mit dem Imperialismus der anderen, schreibt der bekannte Kolumnist Harald Martenstein (ehemals Tagesspiegel) in der NZZ. Das sei besonders in Bezug auf Maos Kulturrevolution und den "Großen Sprung" offensichtlich. "Sie hat es geschafft, den perfekten Mord zu begehen, und das millionenfach. Keine Anklage, die unüberhörbar überall nachhallt und jedem durchschnittlich Gebildeten sofort präsent wäre, keine nennenswerte Strafe, auch keine Aufarbeitung, die nennenswert wäre. Die extreme Linke hat folglich immer noch ein gutes Gewissen. Nach all dem. Das macht den Linksextremismus so gefährlich, diese Ahnungslosigkeit, vielleicht auch Verdrängung, die blutige eigene Geschichte betreffend. Ich halte es für ausgeschlossen, dass Europäer jemals wieder mit Sklaven handeln. Dass es, in anderer Form, aus anderen Motiven, wieder so etwas wie den Großen Sprung oder die Kulturrevolution geben könnte, halte ich nicht für völlig ausgeschlossen."

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Junge Frauen sind oftmals eher links eingestellt, sind aber auch am häufigsten depressiv, erklärt der amerikanische Psychologe Jonathan Haidt, dessen Buch "Generation Angst" vor Kurzem erschienen ist, im Welt-Interview mit Marie-Luise Goldmann. Dies führt Haidt besonders auf den hohen Handy-Konsum zurück. "Progressive Politik hat sich in den Zeiten sozialer Medien stark verändert. Früher hat sie sich auf Armut und soziale Klassen fokussiert, aber jetzt besteht sie aus einer Reihe von Ideen über Macht und Unterdrückung, die unglaublich entmächtigend sind. (...) In politisch progressiven Kreisen zirkulieren diese Ideen. Liberale Mädchen nutzen soziale Medien am meisten und viel von dem, was sie dort hören, ist: Alles ist sexistisch, alles ist gegen mich. Es sind die liberalen Mädchen, die viele der schlechtesten Ideen aller Zeiten konsumieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2024 - Ideen

Die in Kopenhagen lebende jüdische Autorin Kathrine Tschemerinsky beschreibt in einem bedeutenden Essay für die SZ ein bitteres Paradoxon, in das Juden nach dem 7. Oktober geraten sind. Sie nennt es "das Gefühl, dass wir uns in einer neuen Zeit befinden, in der kein gelobtes Land mehr existiert". Einerseits stellt der Terror der Hamas die Idee Israels als Zufluchtort für alle Juden in Frage, andererseits wird diese Idee aber auch durch die fundamentalistischen und rechtsextremen Tendenzen unter Israelis problematisch: Tschemerinskys Angst ist, "dass das, was gerade geschieht, nicht allein eine lokale israelische Angelegenheit sein könnte. Sondern Teil eines historischen Wandels, der sich auf Juden in der ganzen Welt auswirken wird, insbesondere auf diejenigen, die sich als liberal und säkular betrachten." Anderen geht es besser, wie sie auf einer Pro-Hamas-Demo in Kopenhagen bemerkte: "Was an diesem Tag den stärksten Eindruck bei mir hinterließ, war die Atmosphäre. Männer, Frauen und Kinder strömten an uns vorbei, sie trugen Kufija-Schals, Schilder und palästinensische Fahnen. Ich war beeindruckt, wie freudig erregt alle wirkten, als glaubten sie an eine Zukunft - ganz im Gegensatz zu uns, die wir so gut darin geworden sind, uns in Mauerblümchen zu verwandeln, und beim Gedanken an die Zukunft zu erzittern."

Auch Zeruya Shalev macht sich in der FAS größte Sorgen um die Zukunft Israels. Einerseits schreibt sie: "Es war klar, dass Israel gezwungen war, hart zu reagieren, nicht aus Rache oder um den Gazastreifen zu erobern, sondern um seine Bevölkerung zu verteidigen und die Geiseln freizubekommen." Andererseits wirft sie Netanjahu vor, nicht auf amerikanische Friedensvorschläge einzugehen, weil es ihm nur im sich selbst gehe. "Noch nie stand der Staat Israel vor einer so dramatischen Entscheidung, der Entscheidung zwischen Leben und Selbstmord," so Shalev. "Sogar das Militär empfiehlt inzwischen öffentlich, den Krieg zu stoppen, um die Geiseln freizubekommen, aber Netanjahu hat Angst und versucht Zeit zu schinden. Doch in diesen Monaten wird bei uns die Zeit in Blut gemessen." Auf die Palästinenser, die die Hamas großteils unterstützen, setzt sie nicht viele Hoffnungen, hofft aber, dass sie in einem eigenen Staat sozusagen abklingen.

Außerdem: Jens Kastner versucht in der taz, dem aktuellen Rechtsruck in Europa mit neueren und älteren Faschismustheorien der Kritischen Theorie auf die Spur zu kommen. In "Bilder und Zeiten" der FAZ philosophiert der Bernhard Schlink über die "neue Gefühlskultur". Im Tagesspiegel berichtet Gregor Dotzauer über Benjamin Lectures der Philosophin Lea Ypi im Haus der Kulturen der Welt und und lässt sich von ihr in eine ideenhistorische Neuigkeit, den "moralischem Sozialismus", einführen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2024 - Ideen

Adrian Kreye spricht im SZ-Interview mit dem Informationswissenschaftler Ramesh Srinivasan über die Zukunft der Arbeitswelt angesichts der Entwicklung von KI. Srinivasan hat bereits Bernie Sanders, aber auch die aktuelle Regierung von Joe Biden zum Verhältnis von Big Tech und Arbeitswelt beraten. Srinivasan hält es zunächst für notwendig, gegen die Monopolisierung neuer Informationssysteme vorzugehen: "Wir brauchen Hebel, um Sam Altman zu sagen, dass er sicherstellen muss, dass seine Technologien, die unser aller Daten nutzen, auch uns allen zugutekommen. Das geht natürlich noch viel weiter. Generative KI-Systeme haben massive Auswirkungen auf den gesamten Planeten. Sie schaffen Energie- und Umweltprobleme. Deswegen sind das auch keine amerikanischen, sondern globale Fragen. Da müssen wir supranationale Institutionen schaffen, die ein Mandat haben. Und ein globales Gremium mit Souveränität."

Außerdem: Jakob Schirrmacher denkt in der Welt über digitale Überwachungsmethoden nach, die angeblich die Sicherheit der Nutzer im Netz gewährleisten sollen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.06.2024 - Ideen

Ausführlich erzählt der Sprachwissenschaftler Wolfgang Krischke in der Welt die Geschichte des Begriffs "Diversität", der, seit er sich seit 2015 explosionsartig verbreitete, den "Multikulturalismus" abgelöst hat. Dabei stammt der Begriff eigentlich aus der Biologie: "Im 19. Jahrhundert wurde Diversität zunehmend auch zu einem Terminus der Naturforschung. Als Charles Darwin 1859 in seinem bahnbrechenden Werk 'Über den Ursprung der Arten''die schöne und harmonische Diversität der Natur' feierte, klang das zwar noch nach der Idylle althergebrachte Naturdichtung. Doch tatsächlich fügten er und seine wissenschaftlichen Mitstreiter und Nachfolger der Diversität eine ganz neue begriffliche Ausprägung hinzu: Sie war hier kein Miteinander von Individuen mehr, sondern von Arten - also von Gruppen, die ihrerseits nicht divers, sondern homogen sind. Diese Kombination aus Heterogenität und kollektiven Identitäten findet ihr Echo in der sozialpolitischen Diversität unserer Tage, deren Idee von Vielfalt an ein Ensemble unterschiedlicher Schubladen erinnert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2024 - Ideen

Lucien Scherrer besucht für die NZZ in Paris den Soziologen Gilles Kepel, der aus dem Fenster seines Büros in der École Normale Supérieure auf das propalästinensische Zeltlager in der Rue d'Ulm geblickt hat, bevor die Polizei das Lager räumte. Kepel hat gerade seine Autobiografie "Prophète en son pays" und ein Buch zum Hamas-Massaker am 7. Oktober, "Holocaustes. Israël, Gaza et la guerre contre l'Occident", veröffentlicht. Er kann das woke schwarz-weiß-Denken nicht ausstehen, ist aber auch ein scharfer Kritiker der Regierung Netanjahu, der er vorwirft, die Hamas gepäppelt zu haben und in Gaza einen Holocaust zu veranstalten. Am meisten Sorgen macht ihm jedoch die Situation in Europa im allgemeinen und Frankreich im besonderen, wo die Islamisten viel zu lange toleriert worden seien: "Man hätte deutlich machen können, dass sich die islamische Welt nicht auf den Islamismus beschränkt. Dass es modernistische Philosophen wie Ibn Rushd gibt, die von den Religiösen verdrängt wurden im islamischen Raum. In einigen Büchern habe ich erklärt, dass Europa eine Chance hatte, eine andere muslimische Welt aufblühen zu lassen, die nicht von Diktatoren und von Imamen kontrolliert wird. Das war illusorisch: Unsere Politiker haben es vorgezogen, die Islamisten gewähren zu lassen, die hier anders als in arabischen Staaten alle Freiheiten besitzen. Heute ist es einfacher, in Frankreich Islamist zu sein als in Saudiarabien. Hier gab es Wissensdefizite, eine Ausgrenzung dessen, was Leute wie ich gemacht haben. Dafür hat man Leute wie François Burgat gefördert, die Forschung zum Islamismus als islamophob betrachten."

Außerdem: In der Welt sieht Ayaan Hirsi Ali den Westen auf dem Weg in die Unterwerfung.

Auch Marlene Knobloch (SZ) ist nach Paris gereist. Sie hat Eva Illouz besucht und mit ihr über die Irrwege der heutigen Linken gesprochen. Illouz betont die antidemokratischen Tendenzen im linken Diskurs, die sie vor allem an Judith Butlers radikalem Diskurs festmacht, und kritisiert, dass sich die Linke den Logiken des Kapitalismus unterworfen und damit ihre utopische Kraft verloren habe: "Für sie habe die progressive Linke zu lang darauf beharrt, als Opfer gesehen zu werden. Und die Gleichheit in allen Bereichen zu suchen. Warum arbeiten gerade so viele Kräfte gegeneinander? Warum hat man bei jedem Konflikt gerade das Gefühl, am Ende bleiben nur Verlierer? Illouz hat sofort eine fast altmodisch marxistische Antwort: Der Kapitalismus. Verwundetsein zahle sich in der heutigen Gesellschaft aus. 'Die viralsten Posts sind die wütendsten, die, in denen man sich verwundet zeigt. Wunden sind eine eindrucksvolle Ware.'"

Jürgen Habermas wird 95 Jahre alt. Die Feuilletons (und wir) gratulieren. In der FR verneigt sich Arno Widmann vor dem Geist und der Vitalität des Philosophen: "Zu seinem neunzigsten Geburtstag beschenkte Habermas sich und ich weiß nicht wie viele Leser mit den zwei Bänden von 'Auch eine Geschichte der Philosophie'. 2300 Seiten haben die Erörterungen zur Evolution des abendländischen - 'okzidentalen', schreibt Habermas - Verhältnisses von Glauben und Wissen. In seinem Vorwort erklärt er, dass er eigentlich auch hätte eingehen müssen auf die immer wieder sich einstellende Differenz zwischen jenen, die in Philosophie und Sozialwissenschaften von den Intentionen der einzelnen Subjekte ausgehen, und jenen, für die die 'intersubjektiv geteilten Symbol- und Regelsysteme' an erster Stelle stehen - 'dafür aber reichen meine Kräfte nicht aus'. Der Leser lächelt. Schließlich weiß er, dass noch 2282 von Habermas geschriebene Seiten auf ihn warten. Dafür reichten seine Kräfte!"

In der SZ gratuliert Reinhard Merkel seinem Kollegen. Und im Interview spricht der Kulturhistoriker Philipp Felsch, der gerade ein Buch über Jürgen Habermas geschrieben hat, über das politische Denken des Philosophen. Habermas finde es beunruhigend, dass ein von Carl Schmitt geprägter "Begriff wie Feindschaft" die öffentlichen Debatten über den Krieg in der Ukraine und die deutsche Politik bestimmt und damit Kriegsbegeisterung schürt. Naiv sei Habermas nicht, meint Felsch, Krieg sei auch für den Philosophen in bestimmten Situationen unvermeidlich, aber nur als Polizei-Aktion, wie beispielsweise 1999 im Kosovo: "Es geht nicht um die Bekämpfung eines Feindes, sondern um die Bestrafung eines Verbrechers, eines Akteurs also, der gegen die universalen Normen des Völkerrechts verstoßen hat. Für Carl Schmitt, den berüchtigten 'Kronjuristen des Dritten Reichs', wäre das unvorstellbar gewesen. Bei Schmitt ist Feindschaft die grundlegende politische Idee."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2024 - Ideen

Die Ecole Normale Supérieure ist eine der vornehmsten Institutionen des französischen Geisteslebens. Louis Althusser hat hier gelehrt, vor ihm Lucien Herr, einer der Protagonisten im Kampf für die Rehabilitierung des Hauptmanns Dreyfus. Raymond Aron und Sartre, Michel Foucault und Jacques Derrida gehörten zu den Schülern. In L'Express erscheint ein offener Brief von Professoren und Alumni der Schule, unterzeichnet etwa von Bernard-Henri Lévy und Pierre-André Taguieff, der die Besetzer, die es auch in der Rue d'Ulm gibt, und die Universitätsleitung kritisiert - und der nebenbei auch inhaltlich argumentiert: "Das Engagement der Normaliens während der Dreyfus-Affäre war durch ihre Wahrheitsliebe gerechtfertigt. Wo ist die Liebe zur Wahrheit heute, wenn Worte wie 'Kolonisierung' und 'Völkermord' zu enthistorisierten Schlagworten werden? Wenn die Situation Palästinas durch Reden, Plakate und Flaggen in einer Art ideologischem Verwirrungsrausch mit der des kolonialen Algerien und des heutigen Neukaledonien vermengt wird? Keine Mobilisierung an der ENS sollte sich von einer rationalen Betrachtung der Fakten aus einer kritischen Perspektive befreien können."

Höchst angenehm im Ton fand Peter Laudenbach (SZ) die viertägige Diskussionsreihe zum 7. Oktober bei den Berliner Festspielen, die Saba-Nur Cheema und Meron Mendel organisiert hatten: "Bei der antisemitischen Manifestation einer Propaganda-Show unter dem Titel 'Palästina-Kongress' konnte man vor einigen Wochen in Berlin erleben, wie sich die Feindmarkierung und gezielte Auslöschung jeder Fähigkeit zu Mitgefühl mit Menschen der anderen Seite zu einer latent mörderischen Ideologie verhärten. Was Saba-Nur Cheema und Meron Mendel in den Berliner Festspielen anbieten, ist im Kern ein Versuch der Immunisierung gegen solche Entmenschlichung-Strategien - wohlgemerkt: auf beiden Seiten."

Für Welt-Redakteur Jakob Hayner geht aus einer Tagung zur "Konservativen Revolution" hervor, dass die "Neue Rechte" kein stringentes Programm aufweist, sondern sich eher durch Abgrenzung definiert: "Die 'Neue Rechte' von heute, die nicht nur 'ihre' Klassiker liest, sondern auch Antonio Gramscis Thesen zur 'kulturellen Hegemonie', erscheint ebenso uneinig wie die Konservative Revolution und die verschiedensten Strömungen der Nazis. Ob man es mit dem Westen oder Russland, mit Europa oder der Nation hält, wird durch 'umbrella terms' wie Identität oder Tradition aufgefangen, die eher eine formale Unterscheidung des Eigenen und des Anderen (...) etablieren, als sich inhaltlich und programmatisch zu sehr festzulegen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2024 - Ideen

Wer lernen will, es sich mit "dem linken Mainstream" zu verderben, sollte ein bisschen bei Albert Camus nachlesen, meint Christian Thomas in einem FR-Essay. Zu Zeiten Camus' war sich die westliche Linke einig, dass Stalin in der Sowjetunion ein Omelett macht, auch wenn er dafür Eier zerbricht. Und jetzt? "Die ursprüngliche Akkumulation des radikalen Kapitals einer revolutionären Linken, die Camus kennenlernte, dauert aktuell an. Demonstriert wird sie durch deren Zynismus, der sich etwas auf seine höhnende Verachtung freiheitlicher Werte einbildet, auf ein hinterhältiges Verständnis für Russland. In diesem Zusammenhang aufschlussreich, dass eine Frankreichintima wie Alice Schwarzer sich zur Kollaborateurin einer Sahra Wagenknecht macht, um der Ukraine gemeinsam die Kapitulation nahezulegen, mithin die Unterwerfung in einer durch Russland vollständig okkupierten Ukraine. Unter einer grotesken Trikolore Putins Nihilismus, Wagenknechts Nationalbolschewismus und Schwarzers Nabelschau."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2024 - Ideen

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Im Tagesspiegel-Interview breitet Hedwig Richter die Thesen ihres Buchs "Demokratie und Revolution" aus, das sie zusammen mit Bernd Ulrich verfasst hat und in dem sie eine Revolution von oben fordern: "Eine ökologische Wende betrifft doch vor allem die oberen zwei Drittel. Das Bürgertum muss sein Leben massiv umgestalten: weniger Auto, weniger Fleisch, kaum noch Urlaubsflüge, weniger Konsum. (...) Sozial benachteiligte Menschen würden im Gegenteil besonders von einer ökologischen Wende profitieren, denn sie wohnen an den lauten Straßen, sind der verschmutzten Luft besonders ausgesetzt, sind oft auf den öffentlichen Verkehr angewiesen und wohnen in den Stadtvierteln ohne Grün."

In der NZZ bereitet sich der Soziologe Stefan Müller-Doohm auf den 95. Geburtstag von Jürgen Habermas vor und erinnert sich an seine Studienzeit als er die Vorlesungen des Philosophen besuchte: "Er mischte und mischt sich noch heute immer dann ins politische Handgemenge, wenn er demokratische Lebensformen gefährdet sieht. Oder wenn es gilt, Tendenzen entgegenzutreten, die hinter das erreichte Niveau von Aufklärung und Freiheit zurückfallen. Habermas kann nicht nicht politisch reagieren. Die Kontroversen, in die er meist mit einer gewissen Entrüstung eingegriffen hat, sind Wegmarken in der Mentalitätsgeschichte der Bonner und der Berliner Republik: sei es Terrorismus, Nato-Einsätze, die deutsche Wiedervereinigung, die Euro-Krise oder der Krieg in der Ukraine, zu dem er sich im vergangenen Jahr zweimal mit prononcierten Beiträgen geäussert hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.06.2024 - Ideen

Auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ antworten der Politologe Lars Rensmann und die Soziologin Karin Stögner auf Uffa Jensen und Stefanie Schüler-Springorum, die ebenda unter anderem die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus verteidigt hatten (Unser Resümee): "Die 'Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus' (JDA), auf die sich Jensen und Schüler-Springorum berufen, spielt camouflierte Formen des israelbezogenen Antisemitismus herunter. Dass Jensen und Schüler-Springorum ausgerechnet unter Berufung auf die JDA vor der 'Ausweitung des Feldes der Antisemitismusforschung ins Politische' warnen, ist besonders irreführend. Denn die JDA ist eine durchweg politische Erklärung, die von außerwissenschaftlichen Zielen angetrieben wird: Es geht ihr nicht um einen wissenschaftlichen Zugang, sondern darum, 'Räume für eine offene Debatte über die umstrittene Frage der Zukunft Israels/Palästinas zu wahren', einschließlich 'möglicher politischer Lösungen, zum Beispiel Ein-Staaten- oder Zwei-Staaten-Lösung'. Dass der 'Zionismus' wie der Nationalsozialismus sei oder dass der jüdische Staat zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer eliminiert oder 'vom Fluss bis zum Meer' 'befreit' werden soll - all das soll nicht 'per se' als antisemitisch gelten."

In einem sehr detaillierten Artikel auf Zeit Online zeichnet Joseph Croitoru indes den Ursprung der Formel "From the river to the sea" nach. In Abwandlung tauchte die Form wohl zuerst auf israelischer Seite auf, zeigt Croitoru, zum Beispiel bei der ultranationalistischen Bewegung der Revisionisten, die auch das Ostjordanland für Israel beanspruchten. Erst viel später "unter dem Eindruck solcher israelischen Parolen scheint eine ähnliche geopolitische Rhetorik Eingang in den Diskurs der palästinensischen Befreiungsbewegung gefunden zu haben. Der Spruch von der Befreiung Palästinas 'vom Fluss bis zum Meer', der - wie heute kolportiert wird - angeblich schon in den Sechzigerjahren in Gebrauch war, ist jedenfalls auch nach langer Suche in den einschlägigen palästinensischen Publikationen der Zeit nicht zu finden." Croitoru findet, die (juristische) Beurteilung der Formel solle "bei der Beurteilung politischer Artikulationen der Fluss-zum-Meer-Metaphorik endlich deren insgesamte Verwendung im Nahostkonflikt in den Blick nehmen - nicht nur die auf palästinensischer, sondern ebenso auch diejenige auf israelischer Seite."

Außerdem: Vor einem Monat hatte der Judaist Peter Schäfer gegen Omri Boehms Buch "Radikaler Universalismus" in der FAZ einen "willkürlichen Eingriff" in den Text der Genesis vorgeworfen. Dies lasse in "tiefe exegetische Abgründe" blicken, so Schäfer. (Unser Resümee). "Ich berufe mich nicht auf einen 'Abrahambund', um eine 'gemeinsame Basis', eine abrahamitische Identität für Juden und Palästinenser herbeizufantasieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2024 - Ideen

Christian Geyer verweist in der FAZ auf Gespräche mit Jürgen Habermas und Joschka Fischer über den Ukraine-Krieg in der taz-Beilage "Futurzwei" (online nicht zu finden). Fischer siegt da für Geyer klar über Habermas: "Am Beispiel von Krieg und Frieden in der Ukraine geht es bei Habermas wie bei Fischer, diesen beiden Alt-Frankfurter Schwergewichten, um den Druck der Verhältnisse. Habermas gibt sich von diesem Druck 'irritiert', möchte ihn theoriegeschichtlich geraderücken. Fischer indes erblickt im Druck der Verhältnisse das Elixier des Politischen; der ehemalige Außenminister und zeitlebens Praktiker der kritischen Theorie spricht von der 'Hitze am Allerwertesten', von der Schmerzempfindlichkeit als Kriterium des Rationalen und kommt so erst gar nicht in die kulturkritische Position dessen, der die Welt nicht mehr versteht."