Die deutsch-amerikanische
Literaturwissenschaftlerin Susanne Klingenstein, die lange in Harvard lehrte und heute in Boston lebt, kommt in der virtuellen Tiefdruckbeilage der
FAZ auf die antisemitischen Ausschreitungen in
Harvard nach dem 7. Oktober zurück: "Es ist essenziell,
intellektuell zu durchdringen, was sich an den amerikanischen Eliteuniversitäten abgespielt hat", schreibt sie und verweist auf den 300-seitigen Bericht des neuen Uni-Präsidenten Alan Garber zu diesen Ausschreitungen (hier als pdf-
Dokument). Für Klingenstein handelte es sich um "stringente Handlungen entlang einer
spezifischen ideologischen Schiene, die vor fünfzig Jahren in Amerika ihren Anfang nahm". Denn der antiisraelische Diskurs, der später in den postkolonialen Theorien kodifiziert wurde, etablierte sich für Klingenstein
spätestens in den Sechzigern, nach dem radikale Black-Power-Aktivisten das bis dahin existierende schwarz-jüdische Bündnis der Bürgerrechtsbewegung gesprengt hatten: "Schon 1966 begann Stokely Carmichael, der neue Führer des SNCC (Student Nonviolent Coordinating Committee), weiße, insbesondere jüdische Aktivisten auszuschließen. Im Jahr 1964 wurde die PLO gegründet und schuf für die Palästinenser ein politisches Profil als Unterdrückte. Der Sechstagekrieg von 1967 löste die Allianz dann endgültig, weil für Afroamerikaner Israelis jetzt zum Lager der Unterdrücker gehörten - Weiße und Europäer wurden Kolonialisten und Besatzern gleichgesetzt. Afroamerikaner und Afrikaner nahmen das
arabische Angebot einer Allianzbildung an."
Dirk Knipphals
hofft in der
taz, dass sich
woke Ideologien und universalistische Ideen irgendwie vereinbaren lassen und freut sich, "dass aus dem
Bereich der Philosophie derzeit interessante Ansätze kommen, den Universalismus nicht mehr als abstraktes Prinzip zu begründen, was von Vertretern der Identitätspolitik oft als Trick kritisiert worden ist, in dieses Prinzip in Wahrheit den weißen westlichen Mann einzuschreiben.
Jule Govrin leitet ihren
'Universalismus von unten' (Suhrkamp-Verlag) aus der Verletzlichkeit menschlicher Körper ab.
Hans Joas kommt in seiner großen historischen
Rekonstruktion der Entstehung des Universalismus (auch Suhrkamp) auch auf die Sklavenaufstände im Haiti des 18. Jahrhunderts zu sprechen. Der strikte Gegensatz zwischen dem Westen und dem globalen Süden, auf dem manche Vertreter der Identitätspolitik aufsitzen, weicht so auf." Knipphals empfiehlt auch eine
mehrteilige Debatte in der
Jungle World, in der man versucht, die "Wokeness" aus linker Perspektive zu retten.
Fast verzweifelt klingt, was der chinesische, in Berlin lebende Autor
Yang Lian in "Bilder und Zeiten" (
FAZ) in Reminiszenz an
George Orwell schreibt: "Osten oder Westen, links oder rechts, Sozialismus oder Kapitalismus und selbst Demokratie oder Autokratie - diese Klischees des Kalten Kriegs sind vollkommen gescheitert. Nach der Schaffung einer weltweiten Allianz der Oligarchen muss aus 'Er liebte den Großen Bruder' heute '
Wir lieben den Großen Bruder' werden. Wenn diese Stimme aus tiefstem Herzen kommt, gelangt '1984' zu seinem hinreichend absurden und grausamen Schluss."
Außerdem: Der Autor
Necati Öziri denkt in seiner Dankrede für den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis, die in der
FAZ abgedruckt ist, über den Begriff der "wehrhaften Demokratie" nach.