9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2213 Presseschau-Absätze - Seite 10 von 222

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2025 - Ideen

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Der Philosoph Leander Scholz widmet sich entlang einer neuen Biografie von Heinrich Meier dem deutsch-amerikanischen Philosophen Leo Strauss. Strauss forderte eine Rückwendung zur antiken Philosophie und wendete sich gegen den Liberalismus. Er wurde so zur Galionsfigur der Neokonservativen - und hat bis heute Anhänger in der amerikanischen Politik: "Zu den wichtigsten Strategen der Außenpolitik Donald Trumps gehört Michael Anton, ein Straussianer mit einer starken Vorliebe für antike Philosophen. Er leitet den politischen Planungsstab im Außenministerium und ist alles andere als ein Populist, aber hat mit Trump schon früh eine Erneuerung amerikanischer Tugenden verbunden, die das antike Erbe der amerikanischen Gründer betonen. Sicherlich wird Leo Strauss auch weiterhin eine umstrittene Figur bleiben. Aber man sollte ihn kennen. Denn es ist sehr gut möglich, dass seine politische Philosophie für unsere Gegenwart noch eine bedeutende Rolle spielen könnte."

In der FAZ schreibt Thomas Grundmann den Nachruf auf den Philosophen Wolfgang Kuhlmann, der im Alter von 85 Jahren gestorben ist.
Stichwörter: Strauss, Leo

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2025 - Ideen

Das Prinzip des universalen Völkerrechts gerät durch Entwicklungen wie beispielsweise in den USA ins Wanken, warnt die Juristin Heike Krieger im SZ-Interview mit Volker Janisch. Aber selbst wenn es praktisch untergraben wird, überstehen rechtliche Normen solche Krisen - als Ideen, die immer noch Wirksamkeit haben: "Recht als Idee ist immer auch mit dem Anspruch auf Durchsetzung verbunden. Es bietet eine Möglichkeit, politische Prozesse zu beeinflussen. Ein Beispiel: die Annexion der Krim. Faktisch steht sie unter russischer Herrschaft, aber rechtlich ist diese Herrschaft mit einem Unwirksamkeitsurteil belegt - mit der rechtlichen Fiktion, dass sie zur Ukraine gehört. Auf diese Weise kann auch die Ukraine ihren Anspruch weiter aufrechterhalten und - mit erhöhter Legitimität - in politischen Foren geltend machen. Das schafft die Vorstellung von einer anderen Realität. Die Umkehrung der tatsächlichen Verhältnisse bleibt politisch denkbar. Das ist schon eine sehr wichtige Kraft."

Auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ führt Gerrit Tiefenthal ein Gespräch mit Peter Sloterdijk über seinen Freund Bruno Latour und dessen Impulse für die Zukunft: "Ich meine, der Weltlauf wird fürs Erste in eine wüste antilatourianische Richtung gehen. Gaia hat eine Unmenge schrecklicher Kinder hervorgebracht, sie sind alle noch da, in Gestalt von selbstsüchtigen Imperien, korrupten Soziologien, eingebetteten Journalismen, verblödetem Influencerwesen und bezahlter Mitmacherei auf allen Stufen. Die lassen sich nicht über Nacht belehren und bekehren. Zieht man den Horizont etwas weiter, lässt sich ohne Mühe denken, dass um das Jahr 2100 überall Latour-Hochschulen entstehen, so wie es im neunzehnten Jahrhundert Humboldt-Universitäten gab. Latour hat die protoeuropäische Idee der Universität als Versammlung der Studien aus dem Mittelalter ins einundzwanzigste Jahrhundert transponiert, er hat eine neue Idee der Kollekte geprägt, eine Versammlungskunst für die matters of concern."

Weitere Artikel: Ebenfalls in der FAZ ruft Michael Pauen dem im Alter von 88 Jahren gestorbenen Philosophen Reinhard Brandt nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2025 - Ideen

Der Software-Entwickler Curtis Yarvin ist im Silicion Valley ein Vordenker der von ihm so bezeichneten "neoreaktionären Bewegung", der Personen wie Peter Thiel angehören, schreibt Mara Delius in der Welt. Curtis plädiert für ein "monarchistisches Prinzip" und sieht den amerikanischen Staat fest in der Hand "der Kathedrale", dem deep state. "In den Nullerjahren fügten sich Yarvins Äußerungen an den Rand der libertären Denkwelt des Silicon Valley. Heute, nach der Wiederwahl Donald Trumps, erscheinen Yarvins Theorien plötzlich in einem anderen Licht, wie Blaupausen oder theoretische Vorahnungen für das, was die Trump-Regierung in der Praxis umsetzt: etwa Elite-Universitäten Gelder streichen, Ausgaben für den Staatsapparat radikal kürzen. Vergangenes Jahr gab Yarvin noch eine Wahlempfehlung für Joe Biden ab, was er in diesem Jahr korrigierte. Trump 2.0 sei gut, wenn auch hundertmal weniger energisch als er es gerne sähe; das sei bestenfalls 'eine 1-Prozent-Revolution', sagte Yarvin der Financial Times."

Die eigene Position zu verabsolutieren, ist das Ende jeder Möglichkeit auf eine Diskussion, die auf Fakten beruht, konstatiert der Soziologe Armin Nassehi in der SZ. Leider fände sich dies aktuell auch prägnant bei der politischen Linken. "Und es scheint mir auch schon länger so zu sein, dass Linke und Linksliberale gerade wegen des Sympathievorschusses für ihre Ziele allzu selbstgefällig geworden sind. Deshalb wollte ich auch nie ein Linker sein. Anders gesagt: Die eigene Position verabsolutierend und kaum in der Lage, sich von seinem Gegenüber informieren zu lassen, und selbstgefällig, weil die ästhetische Geste wie von selbst zu funktionieren scheint - wenn auf all das das Schimpfwort 'woke' zutreffen sollte, dann trifft es erst recht auch die neue naiv übertriebene Kritik am 'Woken'."

Fassunglos berichtet Nikolaus Bernau in der FAZ, dass Achim Bonte, der Generaldirektor der Staatsbibliothek Millionen historische Karteikarten entsorgen lassen will: "Was sind wir, wenn wir die Dokumente unserer Geschichte aufgeben? ...  Sie sind das Dokument der Macht von Bibliothekaren, Medien zu sortieren und damit zu bewerten, auch zu schützen etwa vor dem Zugriff der Politik. Der Generaldirektor dagegen betont: Die Titel- und Erwerbungsdaten seien seit vielen Jahren im elektronischen Katalog gesichert. (…) Auf den Karteikarten der Berliner Staatsbibliothek sind eben nicht nur die nüchternen Titeldaten, sondern handschriftlich oder mit Stempeln viele Informationen verzeichnet, die beim Abschreiben nicht in den elektronischen Katalog aufgenommen wurden. Sie sind nur noch hier zu finden. Es geht etwa um frühere Eigentümer, die Folgen von Enteignungen, Zensurvermerke aus der Nazi- und der DDR-Zeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2025 - Ideen

Eigentlich ist Henry David Thoreau den Tech-Unternehmern aus Silicon Valley ziemlich ähnlich, denkt sich in der FAZ der Schriftsteller Karl-Heinz Ott: "Thoreau hat nie dazu aufgerufen, dass man sich in die Natur zurückziehen soll. Worauf es ihm ankommt, ist ein Leben in größtmöglicher Freiheit, mit dem alleinigen Ziel individueller Selbstentfaltung. ... Das Beste, was man für die Armen und Untätigen tun könne, sei, dass man ihnen vorführt, wie ein selbstbestimmtes Leben aussieht. Staatliche Fürsorge lehnt er auch deshalb ab, weil sie die Kehrseite der Bevormundung ist. Bei seiner Weigerung, Steuern zu zahlen, geht es ihm nur zum Teil um die Sklaverei; in Wahrheit plädiert er für ein Leben ohne Staat und Fiskus. Freiheit bedeutet für ihn, sich nichts und niemandem unterzuordnen und nur dem zu folgen, was der eigene Kompass vorgibt. Zu einer Zeit, als Marx den Kommunismus zu predigen beginnt, predigt er das genaue Gegenteil: den radikalen Individualismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2025 - Ideen

In der FAZ vergleicht der Schriftsteller Christian Kortmann die Folgen der KI für das Schreiben mit den Folgen der Quarzuhr für die stolzen Schweizer Uhrmacher: Sie konterten mit der Swatch und profitierten später von einem neuen Interesse an mechanischen Luxusuhren. "Folgt man der Analogie, könnten sich die Kreativen der Gegenwart, wie die Uhrmacher damals, darauf besinnen, was das eigene Werkstück ausmacht und die Qualitätsansprüche nachschärfen. Wofür die Swatch steht, liegt auf der Hand: mit der Zeit zu gehen und die neuen technologischen Möglichkeiten spielerisch für allerlei Gebrauchstexte zu nutzen und mit einer individuellen Note zu versehen, also eine Art Mainstream-Maßkonfektion. Doch auch einer selbstbewusst anachronistischen 'Haute Ecriture', die dem Austauschbaren das Unverwechselbare einer eigenwilligen Autorschaft entgegen setzt, könnten goldene Zeiten bevorstehen - die Eleganz der künstlerischen Intelligenz und meisterlichen Gedankenführung als Statussymbol."

In der Berliner Zeitung plädiert Slavoj Zizek dafür, die Hoffnung aufzugeben, Faschismus und Zusammenbruch der Welt seien zu verhindern (so ganz klar wird er da nicht): "Meine Utopie ist also eine stille Allianz zwischen moderaten Konservativen, die das Tagesgeschäft steuern, und einer leninistischen Elite, die uns auf den bevorstehenden Zusammenbruch vorbereitet - doch ich weiß genau, dass beide Akteure heute zunehmend von der politischen Bühne verschwinden. Die moderaten Konservativen werden von den Trump-Populisten hinweggefegt, während das, was von der radikalen Linken übrig geblieben ist, in einem trügerischen pazifistischen Utopismus gefangen ist. Selbst wenn dieser verrückte Traum allzu utopisch ist - was sollten wir also tun? Meine Antwort lautet: prinzipientreuer Pragmatismus. Wir müssen uns auf zentrale Ziele konzentrieren, die unser Überleben sichern, und dabei ist alles erlaubt, was diesen Zielen dient - Demokratie, wenn sie funktioniert; autoritäre staatliche Kontrolle, wenn sie notwendig ist, Volksmobilisierung, wenn sie gebraucht wird, sogar ein gewisses Maß an Terror, wenn die Lage wirklich verzweifelt ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2025 - Ideen

Buch in der Debatte

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Wir leben "in einer Gesellschaft, die den Ökozid mittlerweile akzeptiert hat", sagt der in Oxford "Environmental Humanities" lehrende Bernhard Malkmus, Autor des Buchs "Himmelsstriche", im Gespräch mit Sylvia Staude in der FR. Er prangert unter anderem unser entfremdetes Verhältnis zur Natur an. Sein Buch ist auch eine Hommage an seinen Vater, einen Naturliebhaber. "Mein Vater hat diese wunderschönen deutschen sogenannten Trivialnamen, diese Tier- und Pflanzennamen völlig alltäglich praktiziert. Für ihn war das wie eine Liturgie. Wir sind auf Waldspaziergänge gegangen, in Portugal, im Spessart, er sagte, das ist diese Pflanze, das ist jener Vogel. Für mich sind diese Namen wie Ein-Wort-Gedichte: der Goldstreifensalamander, die Blaugrüne Mosaikjungfer, das Mädesüß. Ich lese Bestimmungsbücher, wenn ich sie nicht zum Bestimmen verwende, wie Gedichtbände."

Woke ist zwar over, war aber nicht so übel, findet Philipp Bovermann in einem SZ-Essay: "Gar nicht so wenige Menschen haben nun immerhin gelernt, dass es etwa bei der Beurteilung von Rassismus völlig egal ist, ob jemand sich als Rassist empfindet oder nicht, ja sogar, ob jemand Rassist ist oder nicht."

Die Friedenspreisentscheidung für Karl Schlögel löst bei seinen Diskursgegnern ein unschönes Gemecker aus, protokolliert Daniel Friedrich Sturm im Tagesspiegel. So äußerste sich Sahra Wagenknecht höchst unzufrieden: "Es sei 'bedauerlich, dass der Friedenspreis immer häufiger dazu missbraucht wird, nicht das Werben für Frieden, sondern das Befördern von Feindseligkeit zu honorieren', sagte Wagenknecht. ... Ex-SPD-Vizechef Ralf Stegner schrieb bei X, er habe im vorvergangenen Jahr bei einer deutsch-polnischen Tagung in der Uckermark mit Schlögel sehr kontrovers über Friedenspolitik diskutiert. 'Seine Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2025 verrät viel über die 'Zeitläufte'.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.07.2025 - Ideen

Wir haben es gestern schon gemeldet: Der Osteuropahistoriker Karl Schlögel bekommt den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. In der SZ ist Sonja Zekri mehr als einverstanden. Sie lobt Schlögels "uneingeschränkte Begeisterung für das frisch vereinte Europa" - dessen Feind Russland sei: "Seine Ausführungen über Russland aber haben gelegentlich einen deterministischen Unterton, der alle frühere Euphorie, alle Begeisterung für eine anderes Zusammenleben auf dem Kontinent, auch: alle in Jahrzehnten gewachsenen Beziehungen nach dem Ende der Sowjetunion im Grunde negiert. Die russische Geschichte müsse neu gedacht werden, so Schlögel, mehr Mongolen-Herrschaft und autokratischer Sonderweg, weniger Westlertum und Blick nach Europa, so ließe sich das zusammenfassen. Ergänzend dazu beschwört er die Ukraine als leuchtendes Beispiel eines osteuropäischen Landes, das historisch die richtige Abzweigung genommen hat und dem man jede erdenkliche militärische Hilfe zukommen lassen müsse."

In der FAZ ist Andreas Platthaus hochzufrieden: Der "brillante" Schlögel "ist eine hervorragende Wahl. Seine Expertise für osteuropäische, speziell russische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ist unerreicht, und er gehörte zu den Ersten in Deutschland, die vor Putins Politik warnten: Mit den seit 2014 laufenden russischen Angriffen auf die Ukraine wurde der große Liebende der russischen Kultur zum publizistischen Gegenspieler Russlands." Gleichzeitig kritisiert Platthaus, dass kein Preisträger gewählt wurde, der mit dem Nahostkonflikt zu tun hat, obwohl ihm selbst kein entsprechender Preisträger einfällt (David Grossman hat ihn schon, "auf arabischer Seite wiederum fehlen versöhnlich argumentierende Stimmen").

"Kaum einer hat diesen Preis so verdient wie der Historiker und Essay ist Schlögel, der Intellektueller und Wissenschaftler in einer Person ist", jubelt auch Michael Hesse in der FR. Schon vor allen anderen warnte der Historiker vor Putin und hielt damit nicht hinterm Berg: "Schlögel hielt sich nie mit seiner Meinung über Putin zurück. Fast schon legendär ist sein Auftritt im Fernsehen, als er Sahra Wagenknecht zurechtwies, als sie sich zu einer Verteidigungsrede für Russland aufschwang." Und auch Yelizaveta Landenberger ist in der taz erfreut: "Beeindruckend ist nicht nur Schlögels Spagat zwischen Akademie und Publizistik. Er ist auch als entschiedene Stimme in der deutschen Öffentlichkeit präsent, die sich solidarisch zeigt mit all denjenigen in Ost- und Mitteleuropa, die für Freiheit und Menschenrechte einstehen. Und das lebt er."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2025 - Ideen

Karl Schlögel (Bild: Peter-Andreas Hassiepen, Börsenverein des deutschen Buchhandels)

Der Historiker Karl Schlögel wird bei der Buchmesse mit dem diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Auch der Perlentaucher gratuliert - in unserer Datenbank ist der sehr produktive Autor mit 16 Büchern verzeichnet! In der Begründung der Jury heißt es: "In seinem Werk verbindet der deutsche Historiker und Essayist empirische Geschichtsschreibung mit persönlichen Erfahrungen. Als Wissenschaftler und Flaneur, als Archäologe der Moderne, als Seismograph gesellschaftlicher Veränderungen hat er schon vor dem Fall des Eisernen Vorhangs Städte und Landschaften Mittel- und Osteuropas erkundet. Er hat Kyjiw und Odessa, Lwiw und Charkiw auf die Landkarten seiner Leserinnen und Leser gesetzt und St. Petersburg oder Moskau als europäische Metropolen beschrieben. Mit seiner Erzählweise, die Beobachten, Empfinden und Verstehen verbindet, korrigiert er Vorurteile und weckt Neugier."

In unserem Online-Buchhandel Eichendorff21 haben wir Ihnen alle lieferbaren Titel von Schlögel zusammengestellt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2025 - Ideen

Bei Zeit Online nimmt Ijoma Mangold die kontroversen und widersprüchlichen Ideen des rechts-libertären Tech-Unternehmers Peter Thiel unter die Lupe. So abstrus vieles klingt, was Thiel von sich gibt, so interessant könnte es vielleicht für uns Europäer sein, "sich dieses dunklen Denkens im Dunstkreis von Peter Thiel, das ja auch als 'dark enlightenment' apostrophiert wird, wie eines Kontrastmittels bedienen." Zum Beispiel, wenn Thiel von der Stagnation des technischen Fortschritts spricht: "Nur in der Welt der Bits gebe es noch Innovation, in der Welt der Atome passiere seit dem Ende der Apollo-Mission nichts mehr (...) In diesem Punkt Thiels Intuition nachzuhorchen, könnte tatsächlich fruchtbar sein, denn für seine These der wissenschaftlichen Stagnation spricht die wirtschaftliche Stagnation: Die Millennials können materiell mit ihren Boomer-Eltern nicht mehr mithalten - es gibt zu wenig Wachstum, denn Wachstum wurde kulturell dämonisiert. Doch warum ist der Fortschritt eingeschlafen? Vermutlich würde Thiel sagen: weil wir die Bibel nicht wörtlich genug nehmen, die uns doch auffordere, sich die Erde untertan zu machen. Denn Thiel ist ein Mann, der Texte - und zwar selbst die Bibel - nicht liest, sondern sie je nach Bedarf benutzt. Das hat etwas Unbefriedigendes. Andererseits wird man durch die Beschäftigung mit ihm nicht dümmer, denn auch Inkohärenz zu rekonstruieren, kann erkenntnisstiftend sein."

Auch der Wirtschaftsjournalist Rainer Hank beschäftigt sich in der NZZ mit Peter Thiels religiösen Gedanken. Zum Beispiel mit seiner Idee vom Ende der Welt durch den "Antichristen". "Für Thiel verbirgt sich dahinter die Gefahr einer mächtigen linken Weltregierung - sei es ein Weltkommunismus oder eine woke Gesinnungsdiktatur. Ein solcher Krake wäre das Ende jeglicher Freiheit der Menschen. Konkrete Vorzeichen dieser gefährlichen Weltregierung sind für Thiel etwa die Uno oder die EU. "Donald Trump interessieren solche theologischen Spitzfindigkeiten nicht. J. D. Vance und Peter Thiel dafür umso mehr. Sie wollen nicht nur Macht haben, sondern auch die Welt retten. Das macht sie gefährlich. Die christliche Religion ist eine ambivalente Angelegenheit. Es gibt einen moralischen und einen politischen Universalismus. Der moralische Universalismus gebietet, bei ethischen Entscheidungen das Wohl aller Menschen zu berücksichtigen. Der politische Universalismus stellt das Christentum in den Dienst imperialer Weltherrschaft und Welterlösung."

Weiteres: In der NZZ denkt Uli Bernays über den Begriff "African American" nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2025 - Ideen

Tania Martini (FAS) traut in ihren Augen kaum, wenn sie das "gefällige" Interview liest, das ihre SZ-Kollegin Sonja Zekri mit dem palästinensischen Politologen Bashir Bashir für das Berliner Wissenschaftskolleg geführt hat - und in dem der "sein Konzept des 'egalitären Binationalismus' erläutert, mit dem er die 'jüdische Vorherrschaft' beendet sehen will und damit unglaublich humanistisch und empathisch klingt: 'Er bietet den israelischen Juden das, was ihnen am meisten fehlt, nämlich Normalisierung und Legitimität in den Augen ihrer Opfer. Einzig die Palästinenser können den israelischen Juden diese Legitimität und Normalisierung auf eine Weise verschaffen, die wirklich tiefgehend und bedeutsam wäre.' Nicht die Rede ist dagegen "von der Rolle der Hamas, die aber noch viele Monate nach dem 7. Oktober sowohl im Gazastreifen als auch im Westjordanland größten Zuspruch erhielt. Stattdessen affirmiert Bashir Bashir die mittlerweile massenorganisierende Projektionsfläche eines 'globalen Palästina', bei der es häufig weniger um Territorium und konkrete Rechte geht, sondern vielmehr um das Fortschreiben einer binären Täter-Opfer-Erzählung, die als ideologisches Bindemittel dient und suggeriert, dass sich mit der Lösung des Israel-Palästina-Konflikts alle Konflikte der Welt lösen lassen."