9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2024 - Gesellschaft

Im großen Tagesspiegel-Gespräch spricht sich der Präsident des Zentralrats der Juden Josef Schuster für Neuwahlen in Israel und gegen ein AfD-Verbot aus - auch wenn es eine Partei sei, "in der sich Antisemiten zu Hause fühlen können". Gefragt zum BSW sagt er: "Im Nahostkonflikt nimmt das BSW eine Haltung ein, die eindeutig antiisraelisch ist. Man kann mit den Palästinensern Mitleid empfinden, ohne deswegen antiisraelisch zu sein. Das BSW befördert dadurch auch den israelbezogenen Antisemitismus in Deutschland. Das BSW verwendet Verschwörungsideologien, verhält sich populistisch. Da bin ich mir nicht sicher, was daraus werden würde. Das BSW weiß es womöglich selbst auch nicht. Klar, es gibt legitime Kritik an der israelischen Regierung, die auch ich äußere. Aber es fallen eben auch Begriffe wie Genozid und Apartheid. Das demaskiert eine entsprechende Haltung."

Schuld an den Hochwasserkatastophen sind auch Siedlungspolitik und Bodenversieglung, schreibt Gerhard Matzig in der SZ, denn wo versiegelt wird, kann Regenwasser weniger gut versickern. "Man könnte die Städte nach oben verdichten, sie werden aber in die Fläche gezogen. Man könnte der flächensparenden Bahn und dem ÖPNV den Vorrang geben, es werden aber flächenintensive Straßen gebaut. Man könnte grüne Dächer baurechtlich fordern, es werden aber eher grüne Gärten zu halbdichten Schottergärten degradiert. Und so weiter und so fort. 'In Deutschland', so das Buch 'Der Grund', "sind schon rund 45 Prozent der Siedlungs- und Verkehrsfläche zubetoniert.' ... Bodenversiegelung bedeutet, dass der Boden luft- und wasserdicht abgedeckt wird durch Bautätigkeiten und Bewirtschaftungsmaßnahmen. In den 30 Jahren von 1992 bis 2022 hat die Bodenversiegelung hierzulande um insgesamt knapp 5000 Quadratkilometer zugenommen. Das ist fast zweimal Luxemburg."

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Warum aber lässt die Klimakatastrophe so viele Menschen kalt, fragt sich Michael Hesse in der FR - und sieht einen Grund in der "Passivität der Politik", die dafür sorge, "dass die Zweifel wachsen, dass der Klimawandel, der ja ohnedies bereits im Gange ist, hinreichend gestoppt werden kann, bevor die Katastrophe unabwendbar ist. 'Die Entwicklung der letzten Jahre verstärkt meinen Eindruck, dass jede Ernsthaftigkeit in dieser Frage verloren gegangen ist. Man versucht, es politisch möglichst weit aufzuschieben', sagt der Kölner Soziologe Jens Beckert in einem Interview mit der FR. Er versuchte in seinem 2024 erschienenen Buch 'Verkaufte Zukunft' herauszufinden, warum es trotz jahrzehntelangem Wissen über den Klimawandel nicht gelungen ist, wirksame Maßnahmen zur Bekämpfung der globalen Erwärmung zu ergreifen. Dieses Versagen beruhe, argumentiert er, auf den Macht- und Anreizstrukturen in Wirtschaft, Politik und Konsumgesellschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2024 - Gesellschaft

Seit langem hat es weltweit keinen Vergewaltigungsprozess gegeben, der so tief in Abgründe blicken ließ wie der Fall Pelicot. Der Prozess wird zur Zeit in Avignon geführt. Der Ehemann von Gisèle Pelicot setzte seine Frau jahrelang immer wieder unter Drogen und ließ sie von Dutzenden Männern vergewaltigen, während er filmte. Gisèle Pelicot hat sich für radikale Öffentlichkeit entschieden, sagt der AFP-Reporter David Courbet im Gespräch mit Sandra Kegel von der FAZ. Sie hätte auch einen anonymen Prozess haben und ihren Namen schützen können. Aber "sie möchte, hat sie gesagt, dass die Menschen sich später an eine Gisèle erinnern, die stark war und tapfer und sich nicht einschüchtern ließ. Ich bezweifle, dass ihre Strategie aufgehen wird. Die Wahrscheinlichkeit ist doch sehr groß, dass der Name vor allem mit den monströsen Taten in Verbindung gebracht werden wird. Dabei heißt sie inzwischen gar nicht mehr Pelicot. Ihre Scheidung wurde am ersten Prozesstag bekannt gegeben. Aber sie möchte für den Prozess mit dem Namen angesprochen werden, den sie während ihrer fünfzigjährigen Ehe trug."

Der Soziologe Andreas Willisch setzt sich in der taz für ein Demokratiefördergesetz ein, das Organisationen der "Zivilgesellschaft" vor Ort abstützen soll. Sein Modell wäre dabei die Freiwillige Feuerwehr, nur eben gegen "Internet, Schwurbler und Faschisten". Die Mittel sollen großzügig bemessen sein: "Solch eine Art Katastrophenschutz gegen Verwahrlosung und für Zusammenhalt brauchen wir jetzt. Jedes Dorf, jeder Stadtteil muss eine Art Budget haben. Wenn sich dann einige Leute zusammentun, dann erhalten sie die nötige Unterstützung für ihre Ideen, wie die Feuerwehren Helme, Schläuche, Fahrzeuge. Und ja, diese Leute gibt es, in beinahe jeder Stadt, jedem Dorf. Vermutlich werden 100 Milliarden Euro nicht reichen, um das zu finanzieren."

Dabei fördert der Staat schon so viel. Förderungen für Institutionen wie die Max-Planck-Gesellschaft oder das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt aber auch für Thinktanks wie das Zentrum Liberale Moderne und ähnliche beliefen sich 2004 noch auf 5,1 Milliarden Euro und jetzt auf 11,2 Milliarden Euro im Jahr, haben Spiegel-Redakteure recherchiert. "Bei Institutionen aus Politik, Kultur, Kunst oder Wissenschaft sind die Förderungen vor allem deshalb begehrt, weil sie meist auf viele Jahre angelegt sind. So müssen die Einrichtungen nicht immer wieder von Neuem Geld für einzelne Projekte beantragen. Dadurch sind Gehälter oder die Miete einer Geschäftsstelle langfristig gesichert." Und das schönste ist: "Nur selten verlieren Institutionen ihre Förderung." Schläft die Zivilgesellschaft so nicht eher ein?

Georg Cremer, ehemals Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, zeigt auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ, wie Priorisierungen in der Sozialpolitik scheinbar den Armen zugute kommen sollen, während sie tatsächlich den Beziehern mittlerer Einkünfte nützen. Er belegt das mit Beispielen aus Kitas, wo die Kostenfreiheit in der Tat eher dem Mittelstand nützt, weil Ärmere ohnehin nichts zahlen mussten. Daraus leitet Cremer das folgende eher deprimierende Prinzip ab: "Zwar bekundet die Mitte in Umfragen ihre Solidarität mit den Armen, wenn die Frage nur abstrakt genug gestellt wird. Wenn es jedoch um konkrete Vorhaben geht, dann will die Mitte genau das, was die Sozialpolitik leistet oder zu leisten vorgibt: Sie will selbst unterstützt werden, und zwar stärker als bisher. Ihr Gerechtigkeitsideal ist die Gießkanne. Dass die Mitte selbst und nicht nur die 'Superreichen' jeden weiteren Ausbau des Sozialstaats bezahlen werden, wird dabei geflissentlich ausgeblendet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.09.2024 - Gesellschaft

Ähnlich wie Dana von Suffrin Anfang der Woche (unser Resümee) beklagt auch Mirjam Zadoff, Leiterin des Münchner NS-Dokumentationszentrums, im SZ-Gespräch, dass zu wenig darüber gesprochen wird, "was ein solcher Anschlag mit Menschen macht, mit Jüdinnen und Juden, mit Angehörigen anderer, vulnerabler Minderheiten". Darüber hinaus werde viel zu wenig darüber diskutiert, dass Rechtsextremismus und Islamismus "auf immer gefährlichere Weise" Hand in Hand gehen, meint sie: "Der Fehler liegt gerade darin zu denken, dass eine solche Tat entweder einen islamistischen Hintergrund oder einen rechtsextremistischen hat. Geht man von Islamismus aus, wird das Thema sozusagen aus der deutschen Gesellschaft ausgelagert, dann geht es um den Islam und um den Nahostkonflikt, und bis zu einem Grad werden auch die Belange der jüdischen Minderheit in Deutschland ausgelagert. (…) Extremismusforscherinnen und -forscher fürchten schon lange, dass beide Gruppen über den Extremismus zusammenfinden, dass Rechtsextreme zwar antimuslimisch bleiben, aber es verbindende Elemente gibt: Antisemitismus, Queerfeindlichkeit und Misogynie zum Beispiel. Und dass sie eine offene, liberale Gesellschaft als Feindbild teilen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2024 - Gesellschaft

Die armen Männer! Junge Männer fühlen sich Umfragen zu Folge zunehmend benachteiligt in der Gesellschaft und orientieren sich deshalb politisch eher nach rechts. Die Politologin Ayaan Hirsi Ali versucht in der NZZ die Gründe aufzuschlüsseln - und landet letzten Endes bei der "Wokeness": "Frauen betrachten sich im Durchschnitt noch immer als einfühlsamer als Männer. Die Woke-Ideologie eignet sich besonders gut, um dies auszunutzen, da sie die Sorge um benachteiligte Gruppen in den Fokus stellt. Frauen sind auch - wiederum im Durchschnitt - egalitärer eingestellt als Männer, was wiederum die Anziehungskraft von leistungsorientierten konservativen Haltungen reduziert und identitätspolitische Anliegen attraktiver erscheinen lässt. Schließlich hat der Politologe Jan Zilinsky darauf hingewiesen, dass die Geschlechterpolarisierung eher von diffusen kulturellen Missständen angetrieben wird. Er hat gezeigt, dass sich junge Frauen und Männer nicht so sehr unterscheiden, wenn es um konkrete politische Inhalte geht. Viel größer ist der Unterschied, wenn es darum geht, sich selbst als links oder als konservativ zu bezeichnen. Dies deutet darauf hin, dass mit diesen Labels vielmehr die Kluft der kulturellen Progressivität markiert werden soll, die wiederum ein Ergebnis der anhaltenden geschlechtsspezifischen Divergenz darstellt."

Im Jahr 2023 wurden 155 Frauen von ihren (Ex)-Partnern umgebracht, schreibt in der Zeit indes wütend bis resigniert Antonia Baum. So richtig juckt das aber niemanden, findet sie. Es ist wohl einfach "eine sauschlechte Idee", eine Frau zu sein, seufzt sie: "Das mit der schlechten Idee gilt für manche Frauen mehr und für andere weniger, je nachdem, wie reich und weiß, doch auch generell bei Messern und der Frage, wer sie wo einsetzt, kann man die Lage als kompliziert bezeichnen: Die Aufregung um die beiden mit Messern ermordeten Frauen hielt sich sehr in Grenzen. Das 15 Zentimeter lange mutmaßliche Küchenmesser hingegen, mit dem ein mutmaßlicher Islamist in Solingen drei Menschen umgebracht hat, ist 'Terrorismus gegen uns alle' und eine Bedrohung der 'Art und Weise, wie wir leben' (Bundeskanzler Scholz), es ist für Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ein Anlass, die Nation dazu aufzurufen, zusammenzustehen 'gegen Hass und Gewalt' (…) Das Abschieben und Zurückweisen wird hier mit einem von Deutschland ausgeführten Schutzauftrag gegenüber seinen Bürgern verknüpft, der sich allerdings an den ermordeten Frauen blamiert, für die (und die Tatwaffen, mit denen sie umgebracht wurden) man sich ja, wie gesagt, nur so mittel interessiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2024 - Gesellschaft

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Wo blieb nach dem vereitelten Anschlag in München die Solidarität mit Juden, fragt bei Spon die Schriftstellerin Dana von Suffrin, die gerade den Roman "Nochmal von vorne" veröffentlicht hat: "Der größte Irrsinn war es, anzunehmen, dass der alt-neue Hass in Deutschland zwischen Juden und sogenannten Zionisten, die in Israel leben, unterscheidet. Nach München in der vergangenen Woche wurde wieder deutlich: Linke schweigen zu Islamismus und Antisemitismus. Außer natürlich, der Antisemit ist ein Rechter. Linke klingen plötzlich wie Walser und seine Auschwitzkeule. Linke, die sich sonst über alles Mögliche empören, jede Mikroaggression anprangern, Politiker für jedes Wort zur Rechenschaft gezogen sehen wollen, haben zu dem Beinahe-Anschlag in München geschwiegen. Besonders stumm war eine ganze Riege von Leuten, die eine Art Karriere darauf aufgebaut haben, pausenlos die deutschen Medien und Israel zu kritisieren. Und Rechte schlachten die Herkunft des Attentäters, genau wie vorherzusehen war, aus, um gegen Migranten zu hetzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2024 - Gesellschaft

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Frauke Steffens stellt in der FAZ den amerikanisch-jüdischen Autor Joshua Leifer und sein Buch "Tablets Shattered" vor (das bisher leider nur auf Englisch verfügbar ist). "Der Titel spielt auf die Zerstörung der Steintafeln mit den Zehn Geboten an", so Steffens, der Untertitel lautet "Ende eines amerikanisch-jüdischen Jahrhunderts" - und Leifer hat sich mit diesem Buch viele Feinde gemacht, denn der "Historiker sitzt mit einer kleiner werdenden Gruppe zwischen allen Stühlen, weil er ein lauter Kritiker des Kriegs in Gaza ist, aber Israel als jüdischen Staat nicht aufgeben will", erklärt Steffens: "Als Antizionisten wolle er sich nicht bezeichnen, wie das viele aus seiner Generation täten, sagt der Autor, wenn überhaupt, dann als Ex-Zionisten. Die Gedankenwelt, die sein Aufwachsen, sein politisches Denken und auch seinen Widerspruch geprägt habe, gebe er nicht einfach so auf. Und vor allem, sagt Leifer, könne er sich nicht an die Seite derjenigen stellen, die den Menschen schaden wollten, die er liebe. Heute gebe es in linken Kreisen kaum noch Platz für Leute wie ihn, die nicht zu einer Einstaatenlösung und damit zur Abschaffung des jüdischen Staates aufrufen. Und in der religiösen Welt wolle häufig niemand seine Kritik an der israelischen Wirklichkeit, an Besatzung und Krieg hören."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2024 - Gesellschaft

Im FAZ-Feuilletonaufmacher widmet sich Uwe Ebbinghaus dem Thema Privatschulen, deren Anzahl in den letzten Jahren vor allem im Osten stark gestiegen sind: "Wer sein Kind auf eine konfessionelle Privatschule schickt, kann davon ausgehen, dass der Anteil von Kindern mit Migrationsgeschichte und mangelhaften Deutschkenntnissen deutlich geringer ist als an den meisten öffentlichen Schulen, das geht auch aus einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung hervor. Potentielle Störenfriede und Schüler mit unzureichenden Deutschkenntnissen werden schon beim Vorstellungsgespräch ausgesiebt; und wer sich im Schulalltag nicht benimmt, kann einer privaten Schule viel schneller verwiesen werden als einer staatlichen. Privatschulen drängen sich der Kundschaft in der Regel nicht auf, gerade in Ballungsgebieten übersteigt die Nachfrage die Zahl der freien Plätze oft um ein Vielfaches. Wer beim Kampf um die knappen Plätze nicht mitmacht, ernte in Akademikerkreisen inzwischen ein Kopfschütteln",  sagt eine Lehrerin.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2024 - Gesellschaft

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Hasnain Kazim erzählt in der SZ von seiner Fahrradtour in Deutschlands AfD-Regionen. Was sind das eigentlich für Leute, die zuhauf eine extremistische Partei wählen? Seine Begegnungen hat er auch in einem Buch festgehalten. Einige davon machen ihn sehr wütend - andere helfen ihm zu verstehen. Dazu gehört das Gespräch mit einer Frau, die ihm erzählt "dass sie von der SPD zu den Grünen gewechselt ist (wegen Schröder und 'Hartz IV'), dann von den Grünen zur AfD (wegen Habeck und dem 'Heizungsgesetz'). Ich höre mir ihre finanziellen Sorgen an, sie sich meine Sorge von neuer Macht für Rechtsextremisten, am Ende sagt sie, sich das mit der AfD noch einmal zu überlegen." Da gibt es außerdem noch das "Dorf Upahl, ebenfalls Mecklenburg-Vorpommern, wo etwa 500 Menschen leben und wo ein Flüchtlingsheim für 400 Menschen gebaut werden soll. Ich fahre hin, weil ich höre, dass da eine Demo ist gegen die Unterkunft. Die Leute sind aufgebracht: Sie wurden nicht mal gefragt. Und sie finden 400 Geflüchtete bei einer Bevölkerungszahl von 500 schlicht eine Überforderung. Ich frage mich: Wie kommt man auf die Idee, so eine Politik zu machen? Muss man AfD-Wähler sein, um das sonderbar finden?"

Das jüdisch-muslimische Paar Meron Mendel und Saba-Nur Cheema erzählt im FAZ-Interview, wie sich die Wahrnehmung ihrer Beziehung seit dem 7. Oktober verändert hat. Vermehrt ernten die beiden skeptische oder hasserfüllte Reaktionen aus den jeweiligen Communities. Aber es gibt auch viele, die sie als gutes Beispiel sehen, so Cheema. Als "Brückenbauer" wollen sich die beiden aber nicht sehen: "Wir sind nicht die UNO. Ein Brückenbauer versucht, zwischen Position A und B zu vermitteln. Wir beziehen unsere eigene Position. Ob zum Nahostkonflikt oder zur Identitätspolitik, wir übernehmen keine vorgefertigten Ansichten aus Lagern, sondern entwickeln eine eigene Sichtweise auf die Dinge. Wir bestehen sogar darauf, nicht einem Lager anzugehören und unsere eigene Urteilskraft dorthin auszulagern. Auch deshalb sind wir eine Provokation, weil wir nicht berechenbar sind, wenn wir uns sowohl gegen die Gaza-Protestcamps positionieren als auch für einen Staat Palästina aussprechen." Cheema ergänzt: "Das verwirrt viele. Weil die Leute häufig in Gruppen denken. Die Neigung, immer zu gucken, was die eigene Peergroup jetzt zu etwas sagt, meine Follower in den sozialen Medien oder die, denen ich folge. Ich halte das für falsch."

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Die Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD), deren Buch "Der nächste Redner ist eine Dame" im Mai erschienen ist, widmet sich in der taz anlässlich des 75. Jubliäums des Grundgesetzes der Frage nach der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, die im Absatz Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes (GG) festgelegt ist. Aber, so Bas, auch nach 75 Jahren des weiteren Kampfes für Gleichberechtigung gibt es noch viel zu tun, vor allem im politischen Bereich: "In allen großen Parteien in Deutschland sind Frauen unterrepräsentiert. Und das Missverhältnis setzt sich in politischen Ämtern fort. Der Deutsche Bundestag hat in dieser Legislatur einen Frauenanteil von rund 36 Prozent. Bei diesem Drittel stagniert er seit Ende der 1990er Jahre. In den kommunalen Parlamenten haben Frauen nur etwa ein Viertel der Mandate inne."

Hengameh Yaghobifara ruft in der taz die Linke dazu auf, die internen Kämpfe sein zu lassen und sich gegen die realen Rechtsextremen, die an die Macht streben, zu verteidigen: "Bei den inhaltlichen Ausfällen gibt es nichts schönzureden, wenn man sich traut, in die Abgründe zu blicken. Antisemitismus, Islamismusverherrlichung und Zersprengung solidarischer Bündnisse auf der einen und die Polizei, Schnellwahl, Kriegsverherrlichung und Rassismus auf der anderen Seite, alles gepaart mit dem nötigen Autoritarismus und mit Häme - so sehen die äußeren Ränder der Linken aus. Doch jene, die sich nicht vor Ambivalenzen scheuen, Widersprüche aushalten, sich an progressiven Werten orientieren und auch nicht vor Komplexität zurückschrecken, existieren ebenfalls, sie sind nur nicht so laut wie der Rest. Und selbst dieser Rest muss sich die Frage stellen: Möchte ich die nächsten Jahre damit verbringen, die Szenestreits bis zum Get-No auszuschlachten, oder braucht es einen radikalen Wandel in der Art, wie wir Differenzen aushalten?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.09.2024 - Gesellschaft

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Michael Hesse erinnert in der FR an den Historiker Tony Judt, der viele Entwicklungen, die sich heute abzeichnen, vorausgesehen hat. Rechtsruck und Fremdenfeindlichkeit, Elitenskepsis und antidemokratische Tendenzen - Judt warnte davor schon vor zehn Jahren, hält Hesse fest: "Er hatte auch die Linke gewarnt, dass immer dann, wenn sie Themen wie eine vielfältige Gesellschaft, Fortschritt, Gleichheit zu offensiv betone, der Gegenschlag von rechts nicht lange auf sich warten lasse. 'Dem Land geht es schlecht' lautete der Titel eines Buches von Judt. Er hatte eine hellsichtige Analyse des Zustands der Demokratien vorgelegt. ... Die alten Gespenster wie Nationalismus, Chauvinismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind zurückgekehrt. Einen Grund dafür sieht er in der liberalen Lehre vom Primat der Ökonomie. Während die neoliberalen Nachfolger Hayeks dem absoluten Glauben an den Markt frönen, stellen die wenigen verbliebenen Sozialisten den Glauben an eine stärker staatlich regulierte Wirtschaft in den Vordergrund."

Die Grünen-Mitbegründerin Eva Quistorp unterhält sich in der Welt mit Alan Posener über den neuen Film "Petra Kelly - Act Now!" von Doris Metz. Quistorp war Gründungsmitglied der Grünen und eine Freundin von Petra Kelly, einer herausragenden Figur der Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung, die von ihrem Lebensgefährten Gerd Bastian 1992 ermordet wurde. Quistorp findet Metz' Film sehr sehenswert, aber die im Film aufgemachte Verbindung von damaligen Aktionen der Grünen zu Bewegungen wie Fridays for Future hält sie für nicht treffend: "Ich halte die Entgegensetzung von Parteiarbeit und Aktionen, wie sie in der Bildsprache und im Filmtitel 'Act Now!' zum Ausdruck kommt, für falsch, in meiner Arbeit und bei Petra haben sie sich immer ergänzt. Gerade jetzt braucht es Leute, die sich in der Kommunalpolitik engagieren, also an der Basis Parteiarbeit machen. Außerdem gibt es riesige Themenfelder, die von FFF und Co. gar nicht ins Auge gefasst werden, und für die man nationale Parlamente und das Europäische Parlament braucht, ob das die Digitalisierung und die Macht von Konzernen wie Facebook betrifft, oder die Globalisierung, die man doch nicht China überlassen kann."

Hier der Trailer zum Film:

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2024 - Gesellschaft

Paul Middelhoff trifft für die Zeit die 91-Jährige Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Im Gespräch mit Knobloch, die sich in der Öffentlichkeit stets mit Personenschützern bewegen muss, bekommt die Sorge um die Wahlen im Osten noch einmal eine ganz andere Dimension: "Knobloch hat den Holocaust überlebt, weil ihr Vater sie jahrelang bei einer anderen Familie versteckte, sie hat ihre Kinder im Nachkriegsdeutschland großgezogen. Hat erlebt, wie die Deutschen ihre Schuld jahrzehntelang verdrängten, Hitler, ja, der sei ein Unglück gewesen, aber man wusste ja nichts! Wenn Charlotte Knobloch am Tag nach der Thüringen-Wahl sagt, man müsse aufpassen, dass sich 1933 nicht wiederholt, kann man dann wirklich sagen: Ach, da übertreibt sie? Enttäuscht sei sie, sagt Knobloch, von den Wählern in Ostdeutschland. Es gebe doch auch dort heute sehr gute Schulen und so viele Angebote politischer Bildung. Gerade die Jungen hätten alle Möglichkeiten, ihr Land lieben zu lernen, 'so wie ich Deutschland liebe'."