Seit langem hat es weltweit keinen Vergewaltigungsprozess gegeben, der so tief in Abgründe blicken ließ wie der
Fall Pelicot. Der Prozess wird zur Zeit in Avignon geführt. Der Ehemann von
Gisèle Pelicot setzte seine Frau jahrelang immer wieder unter Drogen und ließ sie von Dutzenden Männern vergewaltigen, während er filmte. Gisèle Pelicot hat sich für
radikale Öffentlichkeit entschieden, sagt der
AFP-Reporter David Courbet im Gespräch mit Sandra Kegel von der
FAZ. Sie hätte auch einen anonymen Prozess haben und ihren Namen schützen können. Aber "sie möchte, hat sie gesagt, dass die Menschen sich später an eine Gisèle erinnern, die
stark war und tapfer und sich nicht einschüchtern ließ. Ich bezweifle, dass ihre Strategie aufgehen wird. Die Wahrscheinlichkeit ist doch sehr groß, dass der Name vor allem mit den monströsen Taten in Verbindung gebracht werden wird. Dabei heißt sie inzwischen gar nicht mehr Pelicot. Ihre Scheidung wurde am ersten Prozesstag bekannt gegeben. Aber sie möchte für den Prozess mit dem Namen angesprochen werden, den sie während ihrer fünfzigjährigen Ehe trug."
Der Soziologe
Andreas Willisch setzt sich in der
taz für ein
Demokratiefördergesetz ein, das Organisationen der "Zivilgesellschaft" vor Ort abstützen soll. Sein Modell wäre dabei die
Freiwillige Feuerwehr, nur eben gegen "Internet, Schwurbler und Faschisten". Die Mittel sollen
großzügig bemessen sein: "Solch eine Art Katastrophenschutz gegen Verwahrlosung und für Zusammenhalt brauchen wir jetzt. Jedes Dorf, jeder Stadtteil muss eine Art Budget haben. Wenn sich dann einige Leute zusammentun, dann erhalten sie die nötige Unterstützung für ihre Ideen, wie die Feuerwehren Helme, Schläuche, Fahrzeuge. Und ja, diese Leute gibt es, in beinahe jeder Stadt, jedem Dorf. Vermutlich werden
100 Milliarden Euro nicht reichen, um das zu finanzieren."
Dabei
fördert der Staat schon so viel. Förderungen für Institutionen wie die Max-Planck-Gesellschaft oder das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt aber auch für Thinktanks wie das Zentrum Liberale Moderne und ähnliche beliefen sich 2004 noch auf 5,1 Milliarden Euro und jetzt auf
11,2 Milliarden Euro im Jahr,
haben Spiegel-Redakteure recherchiert. "Bei Institutionen aus Politik, Kultur, Kunst oder Wissenschaft sind die Förderungen vor allem deshalb begehrt, weil sie meist
auf viele Jahre angelegt sind. So müssen die Einrichtungen nicht immer wieder von Neuem Geld für einzelne Projekte beantragen. Dadurch sind
Gehälter oder die Miete einer Geschäftsstelle langfristig gesichert." Und das schönste ist: "Nur selten
verlieren Institutionen ihre Förderung." Schläft die Zivilgesellschaft so nicht eher ein?
Georg Cremer, ehemals Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, zeigt auf der "Gegenwart"-Seite der
FAZ, wie Priorisierungen in der
Sozialpolitik scheinbar den Armen zugute kommen sollen, während sie tatsächlich den Beziehern mittlerer Einkünfte nützen. Er belegt das mit Beispielen aus Kitas, wo die Kostenfreiheit in der Tat eher dem Mittelstand nützt, weil Ärmere ohnehin nichts zahlen mussten. Daraus leitet Cremer das folgende eher deprimierende Prinzip ab: "Zwar bekundet die Mitte in Umfragen ihre Solidarität mit den Armen, wenn die Frage
nur abstrakt genug gestellt wird. Wenn es jedoch um konkrete Vorhaben geht, dann will die Mitte genau das, was die Sozialpolitik leistet oder zu leisten vorgibt: Sie will
selbst unterstützt werden, und zwar stärker als bisher. Ihr Gerechtigkeitsideal ist die Gießkanne. Dass die Mitte selbst und nicht nur die 'Superreichen' jeden weiteren Ausbau des Sozialstaats bezahlen werden, wird dabei geflissentlich ausgeblendet."