Gestern sind die Urteil im Prozess um die Vergewaltigungen Gisèle Pelicots gesprochen worden. Ihr Mann, der die Vergewaltigungen organisierte, hat zwanzig Jahre bekommen. Sämtliche anderen Vergewaltiger sind zu Strafen zwischen drei und 15 Jahren verurteilt worden. Bestimmt sind manche Männer davon gekommen, meint Simone Schmollack in der taz. "Und doch ist diesem Prozess, der wegen der Brutalität der Taten und der Skrupellosigkeit der Täter weltweit Aufmerksamkeit erregte, etwas Positives abzugewinnen: Es ist durch die breite öffentliche Debatte deutlich geworden, dass diese Massenvergewaltigung stellvertretend für viele andere Massenvergewaltigungen steht, die es - ja, davon darf man ausgehen - in jeder anderen Ecke der Welt so oder ähnlich gibt. Im Grunde hat die 2017 gestartete Kampagne, die mit dem Hashtag #MeToo verbunden ist, gerade erst richtig begonnen." Hier der taz-Bericht zum Prozess.
"Es muss sich aber zeigen, ob eine 72 Jahre alte Frau als Beispiel für jüngere Vergewaltigungsopfer taugt, die ihr Leben noch vor sich haben", gibt Michaela Wiegel in der FAZ zu bedenken. "Nicht nur Scham, auch der Wunsch, das erlittene Leid hinter sich zu lassen und einen Neuanfang zu wagen, erklärt, warum viele Strafprozesse unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Das schmälert nicht das Verdienst Gisèle Pelicots." "Gisèle Pelicot hat die Öffentlichkeit im Grunde gezwungen, hinzusehen und sich angesichts der Monstrosität der Gewalttaten ganz grundsätzliche Fragen zu stellen", ergänzt Lena Bopp im Feuilleton der FAZ - und das betrifft etwa auch das von vielen Malern variierte Motiv der "schlafenden Frau" in der Kunstgeschichte.
In der Welt macht der Philosoph Haziran Zeller auf die Fehlschlüsse von Luigi Mangione, der den CEO der US-Versicherung United Healthcare auf offener Straße ermordete, und seiner Anhänger aufmerksam: "Im juristischen Sinne war Thompson kein Mörder, auch wenn er wohl eine gewisse Verantwortung trug für (unterlassene) Handlungen, die über Umwege dazu geführt haben, dass Menschen starben. Diese Umwege bezeichnet man in der Sozialphilosophie mit dem Begriff der Vermittlung. Er zielt darauf, dass der Versicherungs-CEO keinen direkten Kontakt zu den Leidtragenden und wohl erst recht keine böse Absicht hatte, vielmehr in Strukturen eingespannt war, die größer sind als er selbst und als deren relevanteste ein betriebswirtschaftlicher Profitzwang gelten kann, der seinem Unternehmen wiederum von den ökonomischen Verhältnissen diktiert wird. Das ist das prickelnd problematische am politischen Mord: Er personalisiert die abstrakten Gewaltverhältnisse. Wer den trifft, den er als Schreibtischtäter ausmacht, meint eigentlich das System. Aber wer den Schreibtischtäter trifft, macht es sich auch ziemlich leicht. Denn das System ist nicht sein Personal. Einen Fehlschluss beging Mangione: das Persönliche mit dem Allgemeinen kurzzuschließen, wie es ihm die in der Linken popularisierte Politik der ersten Person gleichwohl empfahl."
Weitere Artikel: In der Welt schreibt der Judaist Michael Brenner zur Debatte um die Umbenennung der Kardinal-Faulhaber-Straße in München: Dort zu finden ist der erste Ort des Gedenkens an den ermordeten Ministerpräsidenten Kurt Eisner.
Die Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer hat das AfD-Programm mit Blick auf Genderthemen untersucht. Im FR-Interview kommt sie auf das "toxische Männlichkeitsbild" der AfD zu sprechen: "Sie propagiert ein Recht auf Gewalttätigkeit gegenüber Migranten. In der AfD heißt es: Weiße Männer brauchen das Notwehrrecht, damit sie ihre weißen Frauen verteidigen können gegenüber Migranten. Aber als erster Schritt werden Männer als Opfer gezeichnet. … Als Opfer von Gleichstellungspolitik, die dazu führt, dass Frauen ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen. Aber auch als Opfer von Gewaltschutzgesetzen, mit denen alle Männer diffamiert und unter Generalverdacht gestellt würden. Es geht ums Scheidungsrecht, nach dem Motto: Die Mütter nehmen den Vätern ihre Kinder weg. Oder in der Schule würden Jungs nur noch von Lehrerinnen erzogen und könnten dadurch keine männlichen Werte mehr erlernen. … Es ist von einer Homo-Lobby die Rede oder von einer Trans-Lobby. Man wird scheinbar Opfer einer 'anderen' Sexualität und kann seine heterosexuellen Bedürfnisse nicht mehr ausleben. Oder man wird Opfer von migrantisch-männlicher Sexualität."
Leute, es ist "Dunkelflaute". Wenig Licht, wegen des Hochnebels, kein Wind, wegen eines Hochdruckgebiets namens "Ernst", informiert der Wirtschaftsteil der FAZ: Und "so kostete Strom, der am Donnerstag um 17 Uhr ausgeliefert wurde, am Day-Ahead-Markt 936 Euro je Megawattstunde. Auf dem Intraday-Markt, auf dem Strom noch kurzfristiger gehandelt wird, wurden am Mittwochnachmittag für eine Megawattstunde sogar 1157 Euro gezahlt. Die Preise waren damit etwa zehnmal so hoch wie üblich. Zum Vergleich: Im November wurden am Day-Ahead-Markt durchschnittlich 115 Euro gezahlt, im Oktober waren es 85 Euro."
Der Schriftsteller Artur Weigandt hat Deutschland in der Welt einiges vorzuwerfen. Er vermisst Entschlossenheit und eine klare Linie im Land, bei politischen Diskussionen gehe es nur darum, wer am lautesten schreie. Wohl fühlt er sich hier nicht mehr, deshalb zieht es ihn nach Osten, genauer, nach Prag: "Doch es könnte ebenso jede andere mittelosteuropäische Stadt sein: Es ist weniger der Ort, sondern ein Gefühl, das mich fasziniert. In den Ländern des ehemaligen Warschauer Paktes funktioniert etwas, das in Deutschland fehlt. Hier erlebe ich, dass Menschen Lösungen finden. Ein Beispiel: Auf einer Reklametafel sammelte eine Initiative Spenden für Drohnen zur Unterstützung der Ukraine. In Deutschland undenkbar. Diese Energie, gespeist aus einer kollektiven Erinnerung an die Zerbrechlichkeit von Errungenschaften, scheint Deutschland abhandengekommen zu sein. Es ist ein Kontrast, der mir zeigt, wie viel ungenutztes Potenzial in Deutschland schlummert - und wie inspirierend die Entschlossenheit unserer Nachbarn ist."
Dem Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe wird auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ leicht mulmig, wenn er auf Parallelen zwischen der heutigen Situation der Bundesrepublik und der späten DDR blickt: "Ähnlich wie im letzten Jahrzehnt der DDR-Wirtschaft öffnet sich derzeit eine Schere zwischen steigenden Staatsausgaben und sinkender wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit."
Die deutsche Gesellschaft will zu mehr als 80 Prozent, dass Abtreibung legal ist, schreibt Patricia Hecht in der taz, und daran sollten sich nun auch die Parteien halten, denn "damit ist die Gesellschaft deutlich weiter als einige in den Fraktionen des Bundestags. Das gilt insbesondere für die Spitzen von Union und FDP, die die eigenen Leute zur Ordnung riefen und das leise Aufbegehren der liberalen Frauen deckelten. Nun beschwört die Union mit Schaum vorm Mund einen 'Kulturkampf', den es nicht gibt. Und die FDP, die einen Gesetzentwurf aus dem Kabinett zur Legalisierung von Abbrüchen monatelang blockiert hatte, behauptet jetzt, die Zeit sei zu knapp: 'Durchpeitschen' dürfe man den Vorschlag keinesfalls. So unverfroren muss man erst mal sein."
Interessant ist nicht, dass sich Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, in der FRäußert, sondern dass er es im Feuilleton der FR tut. Er spricht mit Michael Hesse über den langsamen Verfall der deutschen Wirtschaft, etwa am Beispiel der Autoindustrie. Die Probleme sieht er nicht nur in der Politik, die die deutsche Wirtschaft an den russischen Tropf gelegt hatte, sondern auch in der Industrie selbst: "Es gibt eine Tradition in der deutschen Wirtschaft, die sehr stark auf die Verbesserung und Verfeinerung bestehender Technologien ausgerichtet ist. Wir Deutschen tun uns schwer mit disruptiven Veränderungen... Wir haben die Technologien des letzten Jahrhunderts wirklich so verfeinert, dass es kaum noch besser und ingenieurtechnisch perfekter geht. Aber bei allem, was digital ist, was das 21. Jahrhundert ausmacht, da haben wir nicht den Drive. Wir müssen jetzt schauen, dass wir so schnell wie möglich auf den Zug aufspringen und nachkommen. Das betrifft nicht nur die Manager. Gerade bei VW saßen die Gewerkschaften immer mit am Tisch. Das ist sozusagen kollektives Fehlverhalten."
Thomas Thiel kommt in der FAZ auf die Absage eines Vortrags von Benny Morris in der Uni Leipzig zurück. Die Veranstalter hätten sich vor allem vor dem Druck "propalästinensischer" Organisationen gefüchtet, so Thiel: "Man kann daraus schließen, dass an deutschen Universitäten Veranstaltungen gegen den Willen der Students for Palestine nur stattfinden können, wenn man zur konsequenten Militarisierung des Campus bereit ist. Es ist zur Routine geworden, dass am Eingang von Hörsälen Sicherheitsdienste stehen und Taschen durchsucht werden."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Linken Antisemitismus gibt es gar nicht, freut sich dagegen Marc Zitzmann in der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ und beruft sich auf den französischen Soziologen Eric Fassin, der herausgefunden haben will, dass der Antisemitismusvorwurf gegen Linke nur ein "Taschenspielertrick" des "illiberalen Autoritarismus" sei: "Während die Gleichschaltung durch Agenten des illiberalen Autoritarismus in Frankreichs Medien- und Verlagssektor rüstig voranschreitet, versperren sich die - auf dem Papier autonomen - höheren Bildungsstätten bis jetzt einer solchen Einflussnahme. Als Horte der Aufklärung, des Progressismus, der republikanischen Werte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (sprich Selbstbestimmung, Antirassismus und Solidarität) sind sie den Gegnern der sogenannten Wokeness ein Dorn im Auge."
Vor einigen Tagen kam es zum Eklat bei einer Feier der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit zum 75. Geburtstag dieser Institution. Die SPD-Politikerin Gesine Schwan hielt eine der Festreden, die dazu führte, dass einige Anwesende den Saal verließen. Der Text der Rede ist nirgends zu finden. Stefan Meetschen resümierte das Geschehen in der Jüdischen Allgemeinen: "Was war passiert? Gesine Schwan hatte in ihrer Rede behauptet, dass das von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu postulierte Ziel eines 'totalen Sieges' über die Hamas darauf hinausliefe, dass die israelische Armee unterschiedslos Zivilisten und Terroristen töten würde. Der 'totale Sieg' sei 'in der Logik Carl Schmitts nicht anders als durch eine völlige Vernichtung aller realen und potenziellen Hamas-Kämpfer denkbar. Damit gibt es keine Grenze mehr gegen die Tötung der palästinensischen Zivilgesellschaft'."
Der Rabbiner Andreas Nachamabegründet heute in der Jüdischen Allgemeinen, warum er zu jenen gehörte, die den Saal verließen: "Die Rede war keine Würdigung der Gesellschaft, sondern eine Abrechnung mit dem Staat Israel. Sie ist auch ein Sinnbild für das laute Schweigen zwischen Christen und Juden nach dem 7. Oktober 2023. Statt auf die Opfer der Massaker und die Geiseln mit Empathie einzugehen, ist Schwans Rede zu einer Anklage gegen Israel geworden."
Screenshot aus dem Amnesty-Bericht
Die Organisation Amnesty International hat unterdessen einen 300-seitigen Bericht veröffentlicht (hier das pdf-Dokument), in dem sie Israel, wie man es von Amnesty nicht mehr anders erwartet, "Genozid" vorwirft. Der Bericht wird in den sozialen Medien in der üblichen polarisierten Weise diskutiert. Vielleicht darf man aber doch, wie der britische Miltärexperte Andrew Fox in seinem Blog, über den Eingangssatz des Amnesty-Berichts stutzen: "Am 7. Oktober 2023 startete Israel im besetzten Gazastreifen (Gaza) eine Militäroffensive von beispiellosem Ausmaß, Umfang und Dauer."
Jan Heidtmann war für die SZ dabei, als kürzlich in den Berliner "Nostalgie Festsälen" - wie passend - die Revolutionäre Kommunistische Partei gegründet wurde. "Die Begeisterung für die neue Partei ist auch deshalb bemerkenswert, weil sie eine unverhüllt autoritäre Agenda hat. Nach der Analyse ihrer Organisatoren sei klar, dass die krisenhafte Weltlage alsbald zu einem Aufstand der Arbeiterklasse führe. ... Dafür bedarf es einer straffen Organisation. Ein 'Offiziersstab der kommenden Revolution' müsse ausgebildet werden, in Betrieben, Schulen und Universitäten müssten Sympathisanten gefunden werden, um sie zu rekrutieren und zu 'Kadern' auszubilden. 'Die RKP ist kein Debattierklub, sondern eine Kampforganisation.' Dass die Wortwahl an die Zeit der Oktoberrevolution 1917 in Russland erinnert, ist kein Zufall", so Heidtmann. "Die RKP gehört zu der trotzkistischen Bewegung International Marxist Tendency, die auch immer wieder bei antiisralischen und antisemitischen Protesten auftaucht. Die IMT hat sich bereits im Sommer in Revolutionary Communist International umbenannt. Im deutschsprachigen Raum war die Bewegung als der 'Funke' lose mit den Sozialdemokraten verbandelt; die 'Sektionen' in Österreich und der Schweiz haben bereits in den vergangenen Monaten jeweils eine Revolutionäre Kommunistische Partei gegründet." In der tazberichtete Timm Kühn.
Populisten geben einfache Antworten auf komplexe Fragen, schreibt Ilija Trojanow in seiner taz-Kolumne. Seine Antwort ist aber auch nicht gerade kompliziert. Der Neoliberalismus ist für Trojanow schuld an der heutigen Misere: "Wer den Aufstieg der Neuen Rechten stoppen will, muss die Ungerechtigkeiten und das destruktive Potenzial des herrschenden Systems ernst nehmen. Soziale Gerechtigkeit, bezahlbarer Wohnraum, faire Bildungschancen und vieles mehr wäre die heilende Alternative gegen die Heilsversprechen."
Die Zahlen sind eindeutig, schreibt die Autorin Mirna Funk in der Welt mit Blick auf den Halbjahresbericht der "Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin": Die antisemitischen Vorfälle haben erschreckend zugenommen. Nicht dass die "propalästinensische und linke Bubble" beeindruckt wäre: "Das Rufen nach authentischen Sprecherpositionen im Kampf um Anerkennung und Gerechtigkeit wird genau dann abgelehnt, wenn die authentische Sprecherposition das eigene Weltbild infrage stellt. Dann ist man plötzlich eben nur noch Rassist. ... Die UN-Resolution 3379 ist nach 50 Jahren zur unumstößlichen Wahrheit mutiert. Mit dem Titel 'Beseitigung aller Formen der Rassendiskriminierung' wurde sie am 10. November 1975 von der UN-Generalversammlung beschlossen und bezeichnete den Zionismus als eine Form des Rassismus und der Rassendiskriminierung. Wer sich wie ich und 90 Prozent der jüdischen Weltbevölkerung als Zionist definiert, kann sich auch direkt selbst aus dem Weg räumen. Denn die Zuschreibung ist zum Freifahrtschein für jede Form der Gewaltverherrlichung oder Gewaltausübung geworden. Ein perfides linguistisches Spiel, das dem Vorwurf des aktuellen Antisemitismus jegliche Berechtigung entzieht. Was mir während meiner Lesung passierte? Kein Antisemitismus eben! Morddrohungen, die ich erhalte? Kein Antisemitismus, schließlich bin ich israelische Staatsbürgerin!"
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Schon vor einigen Tagen berichtete Reinhard Bingener in der FAZ über die Studie "Pädophilie im Fokus", die der Historiker Uwe Kaminsky im Auftrag der Evangelischen Kirche angefertigt hat. Sie kommt auf ein Netzwerk zurück, das das intellektuelle Klima der Bundesrepublik nachhaltig prägte - Ralf Dahrendorf hatte es als "protestantische Mafia" bezeichnet. Es geht um des sexuellen Missbrauchs überführte Täter wie Gerold Becker und Helmut Kentler, aber auch um den Pädagogen Hartmut von Hentig und ihren Einfluss auf die Odenwaldschule und auf Medien wie die Zeit. Auch beim Kirchentag der Evangelischen Kirche war diese Gruppe sehr prägend. Erste Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung gingen im Jahr 1999 noch unter, so Bingener: "Kaminsky nennt auch den Verdacht, dass dies mit den Kontakten Gerold Beckers und Hartmut von Hentigs zu Marion Gräfin Dönhoff, der damaligen Herausgeberin der Zeit, zu tun hatte, in deren Redaktionsstuben der Kirchentagsadel stets bestens vernetzt war. 2010 kamen die Vorwürfe dann abermals auf den Tisch und dieses Mal mit Wucht. Der Kirchentag reagierte aber auch dieses Mal nicht, stattdessen verwies man das Thema Missbrauch in die katholische Ecke." Hingewiesen sei noch mal auf die fulminanten Bücher von Ulrich Raulff (hier) und Thomas Karlauf (hier) über den George-Kreis, die diese Themen vor einigen Jahren mit ins Bewusstsein brachten.
Der 7. Oktober ist jetzt knapp 419 Tage her und noch immer fällt es feministischen Organisationen schwer, geschlechtsspezifische Gewalt der Hamas am 7. Oktober anzuprangern, kritisiert Frederik Schindler in der Welt. "Wie man sich Frauenrechte auf die Fahne schreiben und gleichzeitig ein Massaker einer frauenverachtenden Mörder-, Vergewaltiger- und Terrorbande ignorieren kann; (...) kann ich mir zwar theoretisch herleiten. Ich kann es mit Antisemitismus erklären, dem andauernden Verrat identitätspolitischer und queer-aktivistischer Gendertheoretikerinnen an Jüdinnen, die diese als privilegierte und rassistische Weiße imaginieren sowie Palästinenser grundsätzlich als unterdrückte 'Andere' behaupten; mit israelfeindlichen Vordenkern des Postkolonialismus und dem Unvermögen vieler Vertreter dieser Theoriegebäude, Hass auf Frauen unter Muslimen zu kritisieren. Tatsächlich verstehen kann ich es nicht."
BDS setzt sich auch in Deutschland durch. Nan Goldin konnte sich jüngst in der Nationalgalerie als Heldin der Meinungsfreiheit und Opfer der Zensur feiern, ohne sich selbst der Diskussion zu stellen. Ganz anders erging es dem renommierten Historiker Benny Morris, der an einer Uni nicht reden durfte. Bisher haben die Zeitungen nur den nackten dpa-Ticker (hier in Zeit online): "Die Universität Leipzig hat einen für die kommende Woche geplanten Vortrag des israelischen Historikers Benny Morris abgesagt. Grund seien Äußerungen des Historikers, die teilweise als verletzend und sogar rassistisch gelesen werden können, teilte die Universität mit. Dies habe zu verständlichen, allerdings in der Art und Weise beängstigenden Protesten seitens einzelner studentischer Gruppen geführt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Auch in der Urania gab es eine Absage, über die Daniel Bax in der tazberichtet. Sie betrifft den Historiker und Comic-Autor Vincent Lemire, der einen Comic über die Geschichte Jerusalems vorgelegt hat - und im Kontext der jüngsten Konflikte durch strikt antiisraelische Positionen hervorgetreten ist. Mit ihm sollte in der Urania Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, diskutieren, der wegen der aktuellen Äußerungen Lemires dann doch absagte. Die Urania hat dann die ganze Veranstaltung gekippt, worüber auf Twitter nach Kräften gestritten wird. Lemire hatte im Kontext der israelischen Kriegsführung gesagt, es hätte seit den Kreuzzügen nicht so viele Tote im Nahen Osten gegeben und dabei ein paar Kriege vergessen, wie Abnousse Shalmani hier darlegt.
In Sendungen wie der "Tagesschau" wird Amnesty International immer noch als eine Organisation behandelt, deren Verlautbarungen nicht weit entfernt sind vom Wort Gottes. Neulich zitierte die Israel-Korrepondentin Sophie von der Tann aus einem nicht öffentlichen Bericht von Amnesty, der Israel, natürlich, Völkermord vorwarf. Aber Amnesty ist nicht nur beim Thema Israel problematisch, erinnert Alan Posener in der Welt: "Kaum hatte Wladimir Putin die Ukraine überfallen, da veröffentlichte Amnesty einen Bericht, in dem behauptet wurde, die Kampftaktik der ukrainischen Verteidiger gefährde Zivilisten, was 'ein Verstoß gegen humanitäres Völkerrecht' sei. Als Reaktion trat die Chefin der ukrainischen Sektion von Amnesty zurück: 'Wenn man nicht in einem Land lebt, das von Besatzern und Invasoren zerfetzt wird, weiß man vielleicht nicht, was es bedeutet, die Armee der Verteidiger zu verurteilen', schrieb Oksana Pokaltyuk im August 2022."
Es hat lange gedauert, schreibtAhmad Mansour in der Welt, aber heute verstehe er, "dass islamistischer Hass nicht 'revolutionär' ist, dass Befreiung nicht Terror, sondern Demokratisierung bedeutet. Wenn es heißt: 'Befreit Gaza!', ergänze ich: 'Von der Hamas!' Und staune über die Leute, die mitten in der liberalen Demokratie an mörderische Terrorgruppen glauben wollen." Einen Beitrag zum Frieden leisten sie so nicht, "im Gegenteil: Sie verhindern das Umdenken, das mein Volk dringend braucht. Sie nähren Narrative, die uns in der Opferrolle festhalten, anstatt Verantwortung zu übernehmen und nach Lösungen zu suchen, die wirklich etwas verändern. ... Die Konsequenzen von Kompromisslosigkeit und Hass tragen nicht die 'propalästinensischen' Aktivisten im Westen. Nach jeder Demonstration kehren sie in ihre sicheren, warmen Wohnungen zurück und feiern sich auf TikTok als Helden."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Katharina Kalinke unterhält sich im Tagesspiegel mit der Rechtsextremismusexpertin Veronika Kracher, Autorin eines Buchs über "Incels", über die "sogenannte Mannosphäre". Als Charakteriska der "Incels" bschreibt sie: "Rachegedanken und Frauenhass, der sich regelmäßig in Gewalt bis hin zum Femizid oder Terroranschlag ausdrückt. Bei rechtsterroristischen Anschlägen der letzten Jahre fällt auf, dass Teil des Motivs auch Frauenhass und gekränkte Männlichkeit war - und die Täter sich allesamt online radikalisiert haben. Das größte Incelforum hat mehr als 27.000 User. Nicht jeder davon ist ein potenzieller Terrorist. Sie stacheln sich aber gegenseitig zu Taten an, Gewalt gegen Frauen wird in diesen Foren glorifiziert."