Religion kann einen auch in ihrer Negation verrückt machen,
schreibt Hamed Abdel-Samad in einer Reflexion über den Fall Taleb al-Abdulmohsen im
Focus: "Radikale Religiosität bringt oft
radikale Formen des Atheismus hervor." Die Freiheit, die der Westen bietet, ist nicht leicht zu verkraften: "Nicht nur religiöse Muslime können nach ihrer Ankunft im Westen in eine
Identitätskrise geraten. Auch säkulare Menschen aus dem islamischen Kulturkreis erleben nach der Migration oft soziale Isolation und moralische Desorientierung. Auch ich habe Ägypten vor 29 Jahren verlassen, um hier in Freiheit zu leben, aber für diese Freiheit hatte ich weder eine Gebrauchsanweisung noch einen Führerschein. Ich hatte weder ein Navigationssystem noch ein klares Ziel. Und so wird die Freiheit für viele
eher zum Fluch als zum Segen. Erst nach Jahren habe ich begriffen, dass Deutschland mir die Freiheit nicht schuldet, sondern dass ich sie mir selbst verdienen muss."
Der Mörder von Magdeburg passte in kein Raster und war deshalb schwer greifbar für die Sicherheitsbehörden, erinnert Mona Jaeger in der
FAZ. Nun wird darüber diskutiert, wie man das künftig verhindern könnte: "Der FDP-Innenpolitiker Konstantin Kuhle hält Änderungen bei den Sicherheitsbehörden für notwendig. Kuhle sprach am Montag im Deutschlandfunk von einer "sehr starken Versäulung" in den Behörden. Die Raster dort passten auf Täter, die bestimmte islamistische, rechtsextreme oder linksextreme Motive haben. Es gebe in den Behörden aber eine 'Ohnmacht', wie mit Menschen umgegangen werden soll, die über Jahre wirr Gewaltdrohungen äußerten und etwa
psychische Probleme hätten. Deren Zahl sei aber durchaus groß, sagte Kuhle. Derzeit fielen sie durchs Netz."
Nicht nur die Behörden, auch die Zivilgesellschaft hat versagt,
ruft uns Roman Bucheli in Bezug auf den
Anschlag in Magdeburg in der
NZZ zu. Zwar war der Täter den Behörden bekannt, seine psychischen Problemen aber für alle Welt einsehbar. "Das alles macht aus einem eher unauffälligen Bürger selbstverständlich noch keinen potenziellen Attentäter. Doch in seinem Umfeld wird es Leute gegeben haben, die seine
allmähliche Radikalisierung bemerkt haben müssen. Im August dieses Jahres postete er auf X: 'Wenn Deutschland Krieg will, werden wir ihn haben. Wenn Deutschland uns töten will, werden wir sie abschlachten, sterben oder mit Stolz ins Gefängnis gehen.' Taleb A. hatte den Eintrag auf Arabisch geschrieben. Jemand muss es trotzdem gesehen und gelesen haben."
In der
Welt (und in seinem
Blog) ist Thomas Schmid erzürnt über das Verhalten vieler Politiker, nach Anschlägen wie Magdeburg, direkt zum Schauplatz zu eilen und sich dort zu inszenieren. "Früher galt es als erhebend und bedeutend, wenn ein General, ein Kanzler oder
gar der Kaiser der Witwe eines im Krieg Getöteten mit ihrem Besuch Reverenz erwiesen. Doch die Zeiten sind lange vorbei, in denen die Herrscher bei Begegnungen mit dem einfachen Volk dieses aufwerteten und für einen Moment lang an der Sphäre der gottgewollten Macht teilhaben ließen. Heute, in einer demokratischen Bürgergesellschaft, wäre das
nur noch peinlich." Außerdem überdeckten diese Auftritte das Leid der Angehörigen.
Taleb al-A. hat sich sozial engagiert, für andere Menschen eingesetzt und trotzdem hat er gemordet, schreibt der Psychoanalytiker
Wolfgang Schmidbauer in
SZ. Seine Kränkung lasse sich vor allem auf sein Helfersyndrom zurückführen, welches vor allem auf seiner Arbeit nicht anerkannt worden sein soll. "Wer darauf fixiert ist, immer der Gebende,
der Überlegene zu sein, wer anderen hilft, aber seine eigenen Bedürfnisse nach Wärme und Nähe weder zulassen noch leben kann, wird es in der fremden Kultur ebenso schwer haben wie in der eigenen. (...) Ein narzisstisch gestörter Helfer kann keine Schwäche akzeptieren und in keiner Rivalität verlieren. So scheint es von
makabrer Folgerichtigkeit, dass der Retter zum Mörder wird und der Abtrünnige den Weg einschlägt, den islamistische Fanatiker vorgegeben haben."
Der Radikalismusforscher
Hans Goldenbaum, der den Täter am ehesten dem Rechtsextremismus zuordnet (
unser Resümee), fasst in der
taz zusammen, wie die rechte Szene auf die komplexe Hintergrundgeschichte reagiert: "Es wird versucht, das komplett zu leugnen. Der Täter sei doch ein Islamist, der habe sich nur verstellt. Eigentlich habe er Dschihad gemacht. Dann werden die Gewaltaufrufe gegen Deutsche aus dem Kontext gerissen und der Satz, dass Deutschland Islamisierung betreibe, wird einfach weggelassen. Oder es heißt, er sei
eigentlich ein Linker, weil er das in einem Interview mit einem rechtsextremen Medium gesagt hat. Aber diese Äußerung ist auch nicht sonderlich überraschend. Dass Rechte sich als die eigentlichen Antifaschisten bezeichnen, kennen wir etwa von Corona- oder Montagsdemos. Da gibt es derzeit wirklich eine massive Kampagne, die auch großen Einfluss haben wird, einfach weil die AfD sie mitträgt."
Nach den USA scheint Tech-Milliardär
Elon Musk nun Deutschland für eine politische Einflussnahme ins Auge gefasst zu haben: Nach dem Magdeburg-Attentat hetzte er auf Twitter gegen die Bundesregierung und sympathisierte mit der AfD.
Navid Kermani warnt in der
Zeit vor Figuren wie Musk, dem entfesselten Kapitalismus in Person: "Noch ist es Zeit, sich zu wehren, in Deutschland genau gesagt bis zur übernächsten Wahl, also voraussichtlich 2029. Und das bedeutet: den Staat, dessen Souverän wir alle sind, so zu stärken, dass er seinen grundlegenden Aufgaben wieder nachkommen kann - ob durch die Neuaufnahme von Schulden oder den Abbau jener Ausgaben, die nicht zwingend notwendig sind. Erschwerend im Wettbewerb gegen den Egoismus, der ausschließlich den Profit in der Gegenwart sieht, ist, dass die
soziale Marktwirtschaft die nachfolgenden Generationen und ebenso die vier Milliarden Ärmsten mitdenken muss. Ihr Vorteil aber liegt in der Demokratie, solange es sie noch gibt: Für die übergroße Mehrheit jener, die nicht zu den Reichsten gehören, ist die soziale Marktwirtschaft von materiellem Vorteil. Gut ausgestattete Krankenhäuser für alle, saubere Züge auch jenseits der Hauptrouten, soziale Absicherung, bezahlbare Bildung, Geld für die Kultur kommen in den
Visionen von Elon Musk nicht vor."