9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.10.2020 - Geschichte

Hohenzollern und kein Ende. Allen Ernstes rät der Historiker Frank-Lothar Kroll, Vorsitzender der "Preußischen Historischen Kommission", die laut Sebstdarstellung eng mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz verbunden ist, in der FAZ (politischer Teil): "Unabhängig davon, wie man das Verhältnis einzelner Hohenzollern-Prinzen zum Nationalsozialismus historisch einschätzen mag, empfiehlt sich die Frage, ob man Entschädigungsansprüche für widerrechtliche Enteignungen wirklich vom politischen Verhalten der Vorfahren abhängig machen will."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.10.2020 - Geschichte

Der Holocaustüberlebende Salo Muller brachte die niederländische Eisenbahngesellschaft dazu, die Opfer von Deportationen zu entschädigen, nun will er das selbe bei der Deutschen Bahn versuchen und hat sich dafür mit dem Anwalt Axel Hagedorn zusammengetan, erzählt Tobias Müller in einem großen taz-Porträt Mullers: "Dass ihr Unterfangen kein leichtes ist, daran hat Hagedorn keinen Zweifel. Vorhersehbar ist, dass die Bahn sich darauf berufen wird, nicht in der direkten Rechtsnachfolge der Reichsbahn zu stehen. Dennoch hält er die Forderung für gut untermauert: 'Zivilrechtlich handelt es sich bei den Transporten um unerlaubte Handlungen, aus denen mindestens ein immaterieller Schaden entstanden ist. In den Niederlande hat die Bahn das anerkannt." Hinzukommt, dass die Deportierten selbst für den Transport aufkommen mussten und auch dafür nie entschädigt wurden.

In der FAZ erzählt Reiner Burger, dass am Rande des kleinen ostwestfälischen Ortes Holte-Stukenbrock eine Gedenkstätte für russische Kriegegefangene errichtet werden soll. Hunderttausende von ihnen sind durch die Nazis gestorben - gedacht wird ihrer kaum: "Mehrere zehntausend Rotarmisten liegen verscharrt im Sand der Senne unter gepflegtem Rasen und lichten Kiefern. Sie verhungerten, starben elendig an Krankheiten, wurden ermordet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.10.2020 - Geschichte

Gerhard Matzig berichtet in der SZ begeistert von seinem Besuch im renovierten Jüdischen Museum in Frankfurt am Main, das ab Mittwoch den Neubau von Volker Staab eröffnet und eine "ungemein facettenreich organisierte, immer persönlich inszenierte, von Menschen und vom Alltag erzählende" neue Dauerausstellung zeigt: "Sie findet immer wieder aus dem 'Es war einmal' in das Präsens nicht des Raunens, sondern des vergegenwärtigenden Begreifens. Wer sich nach dieser kenntnisreichen, informativen und anschaulichen Ausstellung nicht öffnet für eine Erzählung, die nicht allein ein Narrativ der Schoah ist, sondern auch eine Geschichte vom Glück und vom Glücken, nicht allein vom 'die', sondern vom 'wir', dem ist kaum zu helfen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2020 - Geschichte

So leicht wird es nicht werden, die Moabiter Gedenkskulptur für die koreanischen Trostfrauen, die auch ein Mahnmal gegen sexualisierte Kriegsgewalt überhaupt ist (unser Resümee), wieder abzubauen, obwohl das japanische Außenministerium Druck macht. Japanische Politiker wollen diese Geschichte unter den Tisch kehren und haben es nie geschafft, ein angemessenes Mahnmal zu errichten, schreibt Sven Hansen in der taz. "Jetzt können sie dem Korea Verband e. V. dankbar sein. In dem deutsch-koreanischen Verein sind viele ältere inzwischen eingebürgerte Frauen koreanischen Ursprungs aktiv. Sie blicken beim Gedenken an die mutigen 'Trostfrauen' nicht nur zurück und etwa einseitig auf Japan, sondern haben sich mit deutschen, japanischen und internationalen Frauen-, Menschenrechts- und Migrantenorganisationen vernetzt. Genau das macht jetzt ihren Erfolg aus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2020 - Geschichte

Das Bezirksamt Berlin-Tiergarten fordert den Abbau des Denkmals. Foto: Korea Verband, mehr hier.

In Berlin-Moabit wurde vom Künstlerpaar Kim Seo-Kyung und Kim Eun-Sung eine Skulptur aufgestellt, die an die koreanischen "Trostfrauen" erinnert, also an die Zwangsprostitution im Zweiten Weltkrieg. Die Statue protestiert auch gegen ein halbherziges Abkommen zwischen Tokio und Seoul, mit dem diese Geschichte unter den Teppich gekehrt werden soll - Aktivisten lösen damit in allen Ländern und jetzt auch in Berlin (wo das Bezirksamt die Statue verboten hat) Ärger aus. Regina Mühlhäuser und Insa Eschebach beleuchten bei geschichtedergegenwart.ch den Hintergrund: "Tatsächlich behandelt Japan das Thema als bilaterales Problem mit Südkorea, dabei kommen die Opfer aus allen japanisch besetzten Ländern. Und genau das ist auch die Stärke der Bronzefigur: Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf die historische Kontinuität sexueller Gewalt gegen Frauen in bewaffneten Konflikten. Sie erhebt Einspruch gegen Vergewaltigung und sexuelle Versklavung immer und überall - nicht aggressiv, nicht mit erhobener Faust oder einer Fahne, einer Flamme oder einer Waffe in der Hand. Sie erhebt Einspruch durch Präsenz und Beharrlichkeit - und eben darin liegt ihre Kraft."

Sylvie Kerviel erzählt in Le Monde, wie in Nantes das kulturelle Highlight des Jahres, eine große Ausstellung über Dschingis Khan abgesagt wurde. Die Chinesen, mit denen das Musée d'histoire de Nantes zusammenarbeitete - auch wegen der Leihgaben - stellten am Ende derart zensorische Forderungen, dass es nicht mehr ging. Dabei waren die Ausstellungsmacher schon bereit, den Namen Dschingis Khan auf dem Ausstellungsplakat nur in die Unterzeile zu nehmen. "Woraufhin China sein Veto einlegt, bevor es eine Prüfung aller Dokumente - Karten, Texte, Katalog - verlangte. Das Büro für nationales Erbe in Peking verfasste daraufhin eine neue Synopse, 'die Elemente einer tendenziösen Neufassung enthält und darauf abzielt, die mongolische Geschichte und Kultur zugunsten einer neuen nationalen Erzählung vollständig zu eliminieren', erklärt  Bertrand Guillet, der Direktor des Museums. Die Mongolei wird 'zur Steppe Nordchinas'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2020 - Geschichte

In der NZZ erinnert Markus Schär an den Versuch der New York Times vor gut einem Jahr, die Geschichte der USA umzuschreiben: Statt mit der Unabhängigkeit 1775 habe sie 1619 begonnen, als ein Schiff die ersten afrikanischen Sklaven nach Amerika brachte, schrieb damals die Journalistin Nikole Hannah-Jones. Nur die Sklaverei habe Amerika den Aufstieg zu einer wirtschaftlich so potenten Nation ermöglicht. Schär zeichnet die heftige Debatte nach, die daraufhin ausbrach und schließlich in sich zusammenfiel: "Nach dem Einspruch von republikanischen Spitzenpolitikern mischte sich im September auch Präsident Donald Trump in die Debatte ein: Mit einem Tweet drohte er Kalifornien, Bundesmittel zurückzuhalten, wenn der Staat das Project 1619 in die Lehrpläne aufnehme. Und die geballte Kritik, ob von Experten oder Ignoranten, zeigte Wirkung: In einem Interview mit CNN bestritt Nikole Hannah-Jones, dass sie 1619 als das wahre Gründungsjahr der USA bezeichnet habe. Das ließ sich allein mit ihrem Twitter-Feed leicht widerlegen; deshalb löschte ihn die Journalistin gleich ganz. Und schließlich fanden Kritiker, dass die New York Times die umstrittene These in der Online-Version entfernt hatte, entgegen den guten Sitten ohne irgendeine Anmerkung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2020 - Geschichte

In der NZZ erklärt die Historikerin Hedwig Richter, die gerade ein Buch zur Geschichte der deutschen Demokratie veröffentlicht hat, weshalb Demokratien immer auch auf Eliten angewiesen sind: "Die reichen Ressourcen des Kapitalismus ermöglichten überhaupt erst eine Vielzahl an partizipativen Praktiken. Eisenbahnen, Straßen und die wachsende Presselandschaft schufen einen politischen Kommunikationsraum; in den Schulen lernten alle lesen und schreiben. Der Staat beschränkte die Arbeitszeiten. Arbeiter hatten nun Zeit und Geld, sich Zeitungen zu kaufen und zu lesen, um abends in die Kneipe zu gehen und über die neuesten Parlamentsdebatten zu diskutieren."

Wer kann schon sagen, weshalb ausgerechnet der 3. Oktober zum Tag der Deutschen Einheit ausgerufen wurde, fragt der Schriftsteller Norbert Frei in der SZ: "Die Frage führt zurück in die frühen Morgenstunden des 23. August 1990, als die fünf Monate zuvor erstmals frei gewählte Volkskammer der DDR den Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes gemäß Artikel 23 zum 3. Oktober beschloss; das Datum fand dann Eingang in den acht Tage später unterzeichneten Einigungsvertrag, dem die beiden deutschen Parlamente am 20. September zustimmten - wiederum acht Tage nach Unterzeichnung des Zwei-plus-vier-Vertrages in Moskau. Der allerdings trat erst ein halbes Jahr später in Kraft, nach Hinterlegung der letzten Ratifizierungsurkunde durch die Sowjetunion, weshalb es am 1. Oktober 1990 noch einer Erklärung der Außenminister der Vier Mächte bedurfte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2020 - Geschichte

In der NZZ erinnert Alexandra Gittermann an eine frühe Luftbrücke: Im von der preußischen Armee eingekesselten Paris stiegen 1870 Heißluftballons auf, um die Blockade zu durchbrechen: Einer der größten Ballonenthusiasten war "Gaspard-Félix Tournachon, besser bekannt als Nadar, der eher als Fotograf in die Geschichtsbücher eingegangen ist denn als Ballonfahrer, obwohl er einige Jahre zuvor mit seinem Riesenballon 'Géant' eine aufsehenerregende Bruchlandung bei Hannover hingelegt hatte. Als die Belagerung begann, holten er und einige andere alle verfügbaren Luftgefährte aus ihren Lagern - und brachten es auf ganze sieben, die sich außerdem zum größten Teil in beklagenswertem Zustand befanden. Nicht umsonst taufte man eines von ihnen 'das Sieb'. Trotz dieser nicht gerade vielversprechenden Ausgangssituation betraute die Regierung Nadar, Eugène Godard sowie Gaspard-Félix Tournachon, allesamt erfahrene Piloten, mit der Aufgabe, den Ballonverkehr aus der Stadt zu organisieren. Nach den ersten geglückten Probestarts richtete man bereits Ende September eine erstaunlich regelmäßige Ballonpost ein..." (Man sieht doch gleich einen Film mit der Besetzung von "Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris" vor sich.)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2020 - Geschichte

Sinn der Forderungen der Hohenzollern gegen den Staat ist - neben dem Wunsch, weiterhin ohne Arbeit komfortabel existieren zu können -, über Leihgaben in Ausstellungen Einfluss zu nehmen auf das Bild, das man in der Geschichte so abgegeben hat. Andreas Kilb weist diese Forderungen in der FAZ scharf zurück und verweist auf die Ausstellung "De keizer en het Derde Rijk" im niederländischen Haus Doorn, wo der Kaiser seine Exiljahre zubrachte: "Sie zeigt anhand von Objekten und Fotos, wie Wilhelms Familie den Untergang der Weimarer Republik betrieb: der Ex-Kronprinz durch seine Wahlempfehlung für Hitler und den Auftritt beim 'Tag von Potsdam'; seine Frau Cecilie durch ihre Netzwerke in rechten und demokratiefeindlichen Milieus; sein jüngerer Bruder durch eine Karriere bei der SA und Wahlkampfreden für die Nazipartei und der vertriebene Kaiser selbst durch Hasstiraden gegen Juden und Bolschewisten." Das Haus gehört heute selbstredend dem Staat Niederlande.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2020 - Geschichte



In Hamburg, im Museum der Arbeit, gibt es zur Zeit auch die Ausstellung "Grenzenlos - Kolonialismus, Industrie und Widerstand". Sie beleuchtet "die Wertschöpfung mit Kolonialgütern vom Herkunftsort bis zum Bestimmungsland" und blickt dabei in vier Hamburger Fabriken, erzählt in der Welt Stefan Grund. "Erklärtes Ziel der Kuratoren Sandra Schürmann und Christopher Nixon: 'Wir wollen die menschenverachtenden Verhältnisse zeigen, die hinter der romantisierenden Bezeichnung 'Hamburger Kaufmannsindustrie' stecken.' ... Wie das Elfenbein wurden pflanzliche Rohstoffe mit hohem Arbeitseinsatz der indigenen Bevölkerung, die zum Teil versklavt, zum Teil schlecht bezahlt wurde, nach der Ernte zur Verschiffung vorbereitet und transportiert. Karawanen für Elefanten-Stoßzähne umfassten zum Beispiel bis zu 2.000 afrikanische Träger. Die Arbeitsbedingungen auf den Kakao-Plantagen waren wie jene bei der Kautschukernte unmenschlich. Die Arbeiter hatten eine Sechstagewoche mit täglich 18 Arbeitsstunden. Auf den Pflanzungen des Hamburger Unternehmers Adolph Woermann wurden widerständige Arbeiter in einen Hungerturm gesperrt. Allein im Jahr 1913 starben auf einer seiner Plantagen 65 von 213 Arbeitern. Die Prügelstrafe war allgegenwärtig, in der deutschen 'Vorzeigekolonie' Togo stand auf kleinste Vergehen die Strafe von 50 Peitschenhieben, die häufig zum Tode führte."

Die Ukraine hat die Schirmherrschaft für eine deutsch-ukrainische Historikerkommission niedergelegt, berichtet Reinhard Veser in der FAZ. Anlass war ein bitterer Streit über die Frage, ob der "Holodomor", der millionenfache Hungermord an zumeist ukrainischen Bauern, als Genozid anzuerkennen sei. Die selbst in dieser Fragen streitenden Historiker wollten eine entsprechende Petition an den Bundestag nicht unterzeichnen, so Veser: "Der Dissens besteht nicht über das Ausmaß des Verbrechens und die direkte Verantwortung Stalins dafür, sondern darüber ob es dessen Ziel war, die Ukrainer als ethnische Gruppe 'als solche' zu vernichten, wie es in der UN-Konvention gegen Völkermord heißt. Es sprechen starke Argumente für diese These, doch es gibt auch gewichtige Gegenargumente. Denn die Hungersnot 1932/33 traf nicht nur Ukrainer, sondern Kasachen und Bauern in einigen Teilen Russlands. Allen Opfergruppen war gemeinsam, dass Stalin sie als antisowjetische Elemente betrachtete."