9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2020 - Geschichte

Der Althistoriker Roland Steinacher bespricht in der taz die Ausstellung "Germanen - Eine archäologische Bestandsaufnahme" des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte. Sehr instruktiv findet er sie. Allerdings hätte er gewollt, dass der Begriff der Germanen selbst, der seit 18. Jahrhundert zur nationalen Mythenbildung diente, problematisiert wird: "Rechts des Rheins bis zur Weichsel und nördlich der Donau bis zur Schwarzmeerküste lebte zwischen dem 1. und dem 4. Jahrhundert nach Christus eine Vielzahl von Gemeinschaften, für die erst Cäsar die Sammelbezeichnung 'Germanen' einführte. Diese Wilden waren - so die literarischen Bilder - todesverachtend, tapfer und ein bisschen dumm. Ein Bewusstsein gesamtgermanischer Identität hat es jedoch nie gegeben, daran änderte auch die beinahe verzweifelte Suche deutschtümelnder Wissenschaftler und Scharlatane nichts - bis heute."

Erhard Grundl, kulturpolitischer Sprecher  der Grünen, erklärt in der FAZ, was die "Unwürdigkeitsklausel" im Ausgleichsleistungsgesetz von 1994 ist. Sie regelt Entschädigungsansprüche bei sowjetischen Enteignungen in der späteren DDR zwischen 1945 und 49. Die Unwürdigkeitsklausel wird gelten, wenn festgestellt wird, dass die Hohenzollern den Nazis "erheblichen Vorschub" geleistet haben, so Grundl. Und hierüber bestehe sehr wohl ein Konsens unter den Historikern: "Wilhelm von Preußen warf sein gesamtes symbolisches Kapital in die Waagschale, um die Nationalsozialisten in konservativen Kreisen salonfähig zu machen und ihnen den Weg zur Macht zu ebnen. Er tat dies mit einer gewissen Stetigkeit und im Bewusstsein, dass seine Unterstützung für Hitler Erfolg haben könnte. Im Hugenberg-Urteil von 2005 sind das die Kriterien für eine erhebliche Vorschubleistung, weshalb der Ausgleichsanspruch der Antragsteller abgelehnt wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2020 - Geschichte

Wenn Deutschland schon über die Forderungen der Hohenzollern, in ihre alte Schlösser und Herrlichkeiten wieder einzuziehen (unsere Resümees), nicht lauthals lacht, kann es wenigstens recherchieren, meint Heribert Prantl in der SZ und bedankt sich bei der Historikern Stefanie Middendorf: Sie konnte einen Brief präsentieren konnte, der die Unwürdigkeit der Rückgabeforderung untermauert: "Alsbald nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und der Vereidigung des Hitler-Kabinetts am 30. Januar 1933 - es war dies die Geburtsstunde der NS-Diktatur - schrieb Kronprinz Wilhelm junior an Generalmajor von Bredow: 'Jetzt heißt es, die Geschlossenheit dieser Regierung in jeder Beziehung zu unterstützen und Jedem in die Fresse zu hauen, der versucht, in diese Geschlossenheit Unruhe und Misstrauen hineinzutragen. Dieses 'in die Fresse hauen' habe ich bereits verschiedentlich mit der notwendigen Rücksichtslosigkeit in den letzten Tagen besorgt.' Der Brief datiert vom 6. März 1933. Es gibt viele weitere Briefe dieser Art."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2020 - Geschichte

Eva Schlotheuber, Vorsitzende des Deutschen Historikerverbandes, forderte die Hohenzollern auf, ihre "aggressiven Angriffe" auf Historiker, Journalisten und Blogger zu beenden, meldet der Tagesspiegel (Unsere Resümees): "In der FAZ und im rbb-Inforadio erklärte Schlotheuber, dass der Anwalt der Hohenzollern, Markus Hennig, mit Hilfe von Falschaussage-Vorwürfen ein 'Klima der Angst' unter Historikerinnen und Historikern zu schaffen versuche. Da die Wissenschaftsfreiheit geschützt sei, versuche Hennig über den juristischen Wahrheitsbegriff kritische Stimmen zu diskreditieren. Er stoße sich dabei häufig an Formulierungsdetails: Bereits der Begriff 'Ausstellungsstücke' für die in staatlichen Museen gezeigten 'Leihgaben' der Hohenzollern führte etwa zum Vorwurf der Falschaussage. Es müsse möglich sein, konträre Meinungen zu verhandeln, wenn es um die Rolle von Kronprinz Wilhelm und seiner Familie vor 1933 gehe, sagte die Professorin."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2020 - Geschichte

Angriffslustig bleibt die Historikerin Eva Schlotheuber im Gespräch mit Anne Haeming vom Spiegel (der das Gespräch leider nicht online freistellt). Die Vorsitzende des Historikerverbands, die sich in der FAZ zusammen mit Eckart Conze gegen die juristische Politik der Hohenzollern wandte (Historiker, aber auch Medien wie der Perlentaucher werden mit teuren Unterlassungsaufforderungen beharkt) kritisiert die Antwort einiger Historiker, die ihre Äußerungen als Dekrete einer Verbandschefin attackierten (unser Resümee) als politisch motiviert. Die Hohenzollern bekommen nur dann weitere Entschädigungen, wenn geklärt ist, dass sie den Nazis nicht "erheblichen Vorschub" geleistet haben. Zu den juristischen Attacken der Hohenzollern sagt Schlotheuber: "Bei mir wurde unter anderem die Aussage inkriminiert: 'Das Aushandeln der Bewertung der Vergangenheit muss ein Dialog auf der Basis von Argumenten und begründeten Einschätzungen sein.' Sie wurde angegriffen, soweit dabei der Eindruck entstehe, 'Georg Friedrich von Preußen wende sich gegen eine Bewertung der Vergangenheit auf der Basis von Argumenten'. Ich habe die Unterlassungserklärung nicht unterzeichnet und mir anwaltliche Hilfe geholt, um das zurückzuweisen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2020 - Geschichte

Der Berlin-Teil der taz widmet sich den Reichen der Stadt (natürlich mit dem Ziel der Umverteilung). Interessant ist Susanne Memarnias Gespräch mit dem Historiker Hanno Hochmuth, der die Honoratioren- und Handelsstadt Hamburg mit der einstigen Industriellenstadt Berlin vergleicht: "Ich würde mich sogar zu der These hinreißen lassen, dass in Hamburg Abstammung eine viel, viel größere Rolle spielte als in Berlin. Berlin war schon immer, spätestens aber seit dem 19. Jahrhundert, eine Stadt der Newcomer. Über Generationen gewachsene familiäre Netzwerke waren hier nie so wichtig."
Stichwörter: Hamburg, Berlin, Umverteilung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2020 - Geschichte

Hohenzollern-Streit in der FAZ, dritte Folge. Einige Historiker hatten sich gestern im politischen Teil der FAZ gegen die Behauptungen der Historikerin Eva Schlotheuber (Vorsitzende des Historikerverbandes) und ihres Kollegen Eckart Conze gewandt, der Stand der Forschung sei eindeutig, die Hohenzollern seien Nazi-Fans gewesen. FAZ-Redakteur Patrick Bahners verteidigt heute in der Leitglosse des Feuilletons die Angegriffenen. "Richtig bleibt: Die vier Gutachten beschreiben Handeln und Denkungsart des früheren Kronprinzen Wilhelm übereinstimmend. Gestritten wird nur darüber, ob das juristische Kriterium des 'erheblichen Vorschubs' erfüllt ist." Davon hängt ab, ob die Hohenzollern weitere Entschädigungsansprüche haben.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2020 - Geschichte

Am 9. September erklärten die Vorsitzende des deutschen Historikerverbandes, Eva Schlotheuber, gemeinsam mit ihren Historikerkollegen Eckart Conze im Feuilleton der FAZ, dass die Debatte um die Hohenzollern eigentlich abgeschlossen und ihr Eintreten für die Nazis (das Kriterium für die Frage, ob sie weitere Entschädigungen erhalten) erwiesen sei (unser Resümee). Der These vom Konsens in dieser Frage widersprechen nun die Historiker Peter Hoeres, Ronald Asch, Jörg Baberowski, Hans-Christof Kraus, Sönke Neitzel, Andreas Rödder, Rainer F. Schmidt, Michael Sommer, Uwe Walter und Michael Wolffsohn, berichtet Reinhard Müller im politischen Teil dieser Zeitung. Müller zitiert aus einem Schreiben dieser Historikergruppe, das der FAZ vorliege. "In der Causa Hohenzollern widersprächen sich die Gutachten, und gerade sei seitens der Historischen Zeitschrift ein Aufsatz angenommen worden, der das Bild weiter differenzieren werde. 'Wir sind nicht der Meinung', so die Historiker weiter, dass der Verband 'hier einfach zugunsten zweier Gutachten Partei nehmen und diese Debatte für entschieden erklären kann'." Conze und Schlotheuber hatte auch kritisiert, dass die Hohenzollern-Familie die Debatte mit vielen Unterlassungserklärungen juristisch beherrschen wolle. Müller schreibt dazu: "Jeder hat das Recht, gegen vermeintlich falsche Aussagen vorzugehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2020 - Geschichte

In der SZ erinnert Heinrich August Winkler an die Gründung der Solidarność in Polen vor vierzig Jahren, deren nationalkonservativer Flügel heute hat das Land regiert: "Die Partei von Jarosław Kaczyński hat sich zielstrebig dem Abbau der Unabhängigkeit der Justiz gewidmet und den Rechtsstaat demontiert, für den die Pioniere der Solidarność wie Wałęsa, Mazowiecki und Geremek mit höchstem Einsatz gekämpft haben. In der polnischen Zivilgesellschaft und der parlamentarischen Opposition aber leben die freiheitlichen Ideen der Ur-Solidarność fort, und sie tun das nicht nur dort. Vieles von dem, was in den letzten Wochen von Maria Kolesnikowa und anderen Sprecherinnen der Anti-Lukaschenko-Opposition in Belarus zu hören war, erinnert stark an die von nüchternem Verantwortungsbewusstsein geprägten Analysen der gemäßigten Solidarność-Intellektuellen von 1980/81. Ein besseres Vorbild könnten Freiheitsbewegungen östlich der polnischen Grenzen auch gar nicht finden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2020 - Geschichte

Die Erinnerung an den Holocaust wird mehr und mehr instrumentalisiert, fürchtet Richard Herzinger in der NZZ: Von osteuropäischen Staaten wie Polen oder Ungarn, die von ihrer Kollaboration und ihrem eigenen Antisemitismus ablenken möchten, von westeuropäischen Parteien wie der AfD und dem Front national, die sich israelfreundlich geben, während sie den Nationalsozialismus und den Holocaust als unbedeutendes Detail der Weltgeschichte abtun, und durch Putin, der die Sowjetunion gerne als maßgebliche Kraft bei der Beendigung des Holocaust verstanden wissen möchte: "Im Kontext der sowjetischen Erzählung vom 'Großen Vaterländischen Krieg', welche der Kreml-Herrscher im Dienste seiner großrussisch-nationalistischen Ziele wiederzubeleben versucht, ist die explizite Formulierung des Anspruchs, Retter der europäischen Juden gewesen zu sein, ein Novum. Denn der Holocaust als ein gegenüber dem Kriegsgeschehen gesondert zu betrachtendes Verbrechen durfte der kommunistischen Ideologie gemäß zu Sowjetzeiten öffentlich nicht einmal erwähnt werden. Die ermordeten Juden wurden einfach unter jene 'sowjetischen Bürger' subsumiert, die dem deutschen Überfall zum Opfer gefallen waren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2020 - Geschichte

Bei allem guten Willen - der Denkmalstreit ist "geschichtsvergessen bis zum Gehtnichtmehr", meint der Schriftsteller Hans Christoph Buch in der NZZ. Bismarck stand beispielsweise "Kolonialbestrebungen skeptisch gegenüber, bevor Carl Peters und andere ihn durch getürkte Verträge mit afrikanischen Potentaten vor vollendete Tatsachen stellten. Bismarck sind, obwohl befangen in den Vorurteilen seiner Zeit, keine rassistischen Äußerungen nachweisbar (…) Was man Bismarck vorwerfen kann, ist die 1884/85 nach Berlin einberufene Kongo-Konferenz, auf der Afrika unter seiner Ägide wie ein Schokoladenkuchen aufgeteilt worden sein soll. Das stimmt so nicht, aber niemand macht sich die Mühe, die Protokolle der Konferenz nachzulesen, an der außer Europas Kolonialmächten die Vereinigten Staaten, Russland und das Osmanische Reich teilnahmen. Ich bin dieser niemand, und das Ergebnis der Nachprüfung ist widersprüchlicher, als es auf den ersten Blick erscheint."