9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2021 - Geschichte

Als ausgesprochen aufschlussreich empfiehlt die Historikerin Karina Umbach in der taz die gerade in Britannien erschienenen Tagebücher des reaktionären Lebenmanns Chips Channon, der sich in den zwanziger Jahren der englischen Aristokratie mit Gehässigkeiten, Antisemitismus und Nazi-Sympathien empfahl. Auch mit den Hohenzollern war er dicke: "Channon war mit zwei Söhnen des Ex-Kronprinzen Wilhelm befreundet und lernte während der Olympiade deren Mutter Cecilie kennen. Das gemeinsame Mittagessen verlief gut, auch wenn der Ästhet Channon dabei die geschmacklose Umgebung ausblenden musste: 'Fritzi (Friedrich von Preußen) führte uns nach Cecilienhof, das die kaiserliche Familie für englisch hält. Es ist ein scheußliches Haus … falscher Tudorstil, kurz vor dem Krieg erbaut. Dass man auf einen See schauen kann, ist eine Erleichterung. Die Inneneinrichtung ist royal: plüschig, palmig … und keine Ornamente außer Fotos von toten Monarchen und ein paar Familienporträts, alle hässlich.'"

Der Historiker Werner Renz erinnert in der FR an den Prozess gegen Adolf Eichmann, den Architekten des Holocausts, der vor sechzig Jahren am 11. April 1961 in Jerusalem begann: "Der Jerusalemer Prozess war ein Meilenstein der internationalen Strafjustiz. Nicht umsonst ist vom Weg von Nürnberg über Jerusalem nach Den Haag die Rede. Eine Tragik will es scheinen, dass drei Akteure der Prozesse von Nürnberg und Jerusalem, die USA, Russland und Israel, dem 1998 geschlossenen Gründungsvertrag für den Internationalen Strafgerichtshof nicht beitraten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2021 - Geschichte

In der Diskussionen über den Kolonialismus ist viel von der wirtschaftlichen Ausbeutung aber wenig vom Faktor der Missionierung die Rede. Der  Historiker Heiko Wegmann erzählt im Gespräch mit Tim Körner von der taz die Geschichte des Caritas-Gründers Lorenz Werthmann, der ein starker Befürworter des Kolonialismus war, natürlich ganz im Sinne der katholischen Kirche. Wegmann hat die Dokumente eines Kongresses gelesen, an dem Wertmann teilnahm und wo die katholische Position zu den Kolonien skizziert wurde. "Bei den Referaten über sogenannte 'Rassenmischehen' in deutschen Kolonien wurden Gleichheitsvorstellungen ebenso wie Kolonialrassismus deutlich: Es hieß, die Bibel gelte für alle Menschen, so wie sie vor Gott gleich seien. Formelle Verbote von 'Mischehen' lehnte man also ab. Sie würden das 'Zutrauen der schwarzen Zöglinge' und damit das Missionswerk stören. Katholische Geistliche seien deshalb in Einzelfällen dazu gezwungen, in den Kolonien solche Eheschließungen vorzunehmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2021 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Historiker Rasim Marz an die griechische Revolution von 1821, um die bis heute währenden Fronten zwischen Griechenland und der Türkei zu erläutern: "Die griechische Revolution zielte (…) nicht nur auf die staatliche Obrigkeit: Auf dem Peloponnes wurden massenhaft Muslime und Juden massakriert, in anderen Teilen des Landes wurden sie verfolgt und vertrieben. In den ersten fünfzehn Tagen fielen landesweit 15.000 Menschen den Pogromen der aufständischen Griechen zum Opfer, 3.000 Landgüter wurden niedergebrannt. Die osmanische Zentralregierung reagierte gegenüber den griechischen Untertanen mit einer Welle des Terrors und bezichtigte sie des kollektiven Hochverrats. Damit befeuerte sie bei den Muslimen den religiösen Fanatismus und den Hass auf die Griechen. Landesweit kam es zur Verfolgung von Christen, Zehntausende fielen den Gewaltexzessen zum Opfer."

In Israel wird der Holocaustgedenktag begangen, indem im Land zwei Minuten lang die Sirenen heulen und das öffentliche Leben innehält. Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank fragt in der Jüdschen Allegemeinen, ob ein solches Gedenken auch in Deutschland sinnvoll wäre: "Im Zentrum der Auseinandersetzung mit der Geschichte sollte auch die Frage stehen, wie sich vor nicht einmal hundert Jahren eine moderne westliche Gesellschaft in kürzester Zeit in eine radikale Ausgrenzungsgesellschaft verwandeln konnte. Was in den zwanziger Jahren gefehlt hat, war ein radikales Bekenntnis aller aufrichtigen Bürger zur gesellschaftlichen Verantwortung. Wie kann ein solches Bekenntnis öffentlich sichtbar gemacht werden? Es kann jedenfalls nicht per Gesetz eingefordert werden, sondern muss auf Freiwilligkeit basieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2021 - Geschichte

In der Welt plädiert der Historiker Julien Reitzenstein dafür, die "Washington Principles" in deutsches Recht zu überführen und so endlich eine rechtlich verbindliche und vor allem erweiterte Lösung für den Umgang mit Raubkunst zu schaffen: "Die Bundesrepublik hat sich 1998 verpflichtet, faire und gerechte Lösungen für die Erben von Verfolgten zu erarbeiten. Doch trotz der Mahnung des Bundesrates vor fast zwanzig Jahren hat die Bundesregierung bislang auf eine Überführung in deutsches Recht verzichtet. Allerdings hält die Kommission nun selbst fest, dass sich herausgestellt hat, dass die Definitionen und Verfahrensregeln, mit denen sie arbeiten muss, aus heutiger Sicht zu eng erscheinen. Es muss zukünftig unterschieden werden, was als Raubgut zurückgegeben werden soll und was als sogenanntes Fluchtgut - also Verkäufen nach der Flucht ins sichere Ausland. Verkäufe, die nicht erfolgt wären, hätte das NS-Regime nicht den Verfolgten die Lebensgrundlagen und den größten Teil ihres Vermögens in Deutschland entzogen." Würde das nicht praktisch jeden Verkauf in der NS-Zeit betreffen?

Zu den ersten Denkmälern, die nach dem Krieg in Deutschland errichtet wurden, gehören jene, die an die Vertreibung erinnern. Diese Denkmäler sind in vieler Hinsicht problematisch, schreibt der Historiker Helmut Walser Smith in geschichtedergegenwart.ch: "Und dennoch, bei aller Betonung von Verlust und Trauer repräsentieren die Denkmäler auch frühe Versuche, eine der dramatischsten Verschiebungen in der sozialen Verteilung des Todes im 20. Jahrhundert öffentlich zu markieren: nämlich den drastischen Anstieg des Anteils der zivilen Toten. Im Ersten Weltkrieg, so eine Berechnung, entfielen etwa 20 Prozent aller Toten auf Zivilist:innen, im Zweiten Weltkrieg dagegen etwa 50 Prozent."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2021 - Geschichte

Michael Rothberg, Erfinder der "Multidirektionalen Erinnerung", irrt sich, wenn er den Holocaust in eine Linie mit Kolonialverbrechen in Afrika stellt, schreibt Stefa Laurin bei den Ruhrbaronen: "Auch wenn die Forderung richtig ist, sich mit der deutschen Kolonialgeschichte zu beschäftigen, so macht das nur Sinn, wenn man sie als Teil der deutschen Expansionsgeschichte sieht, die sich allerdings vor allem nach Osten orientierte. Die Eroberungspolitik der Nazis stand in diese Jahrhunderte alten Linie und war keine Besonderheit. Hitler stand in einer historischen Tradition, die postmoderne Historiker und auch Rothberg mit ihrer Fixierung auf der kolonialen Eroberungen in Afrika, Asien, im pazifischen Raum und der beiden Amerikas vor allem durch europäische Staaten seit der Neuzeit, übersehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.03.2021 - Geschichte

Anlässlich der 60. Jährung des Eichmann-Prozesses erinnert der Historiker Norbert Frei in der SZ auch daran, was der Prozess für Israel bedeutete: "Die politischen Prämissen, unter denen Israel nach Eichmanns Ergreifung agierte, waren sehr klar: Die Welt sollte akzeptieren, dass sich der junge Staat als die alleinige und rechtmäßige Vertretung aller Juden verstand. Aber der Prozess bot auch Gelegenheit, das Narrativ der zionistischen Staatsgründung zu erweitern, in dem das Schicksal der europäischen Juden bis dahin kaum eine Rolle gespielt hatte. Jetzt sprach Premierminister David Ben-Gurion von der 'historischen Pflicht gegenüber sechs Millionen Angehörigen unseres Volks, die ermordet worden sind'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2021 - Geschichte

Alexej Nawalny steht in einer langen Tradition russischer Oppositioneller, die ihr "persönliches Wohlergehen" für politisches Engagement geopfert haben, erinnert der Kulturwissenschaftler Ulrich M. Schmid in der NZZ: "Der Protopope Awwakum (1620-1682) protestierte gegen Kirchenreformen und endete auf dem Scheiterhaufen. Alexander Radischtschew (1749-1802) prangerte die Leibeigenschaft an und vergiftete sich selbst. Alexander Herzen (1812-1870) kritisierte die Autokratie und ging freiwillig ins Exil. Alexander Solschenizyn (1918-2008) dokumentierte den Gulag und wurde aus der Sowjetunion ausgewiesen. In all diesen Fällen stand nicht die Kultivierung eines Opferstatus im Vordergrund, sondern die Überzeugung, dass das eigene Leben hinter der größeren Wahrheit zurückzustehen habe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2021 - Geschichte

Heute vor 150 Jahren begannen die Tage der Pariser Commune. Rudolf Walther schildert in der taz eine Art sympathisches Chaos, das aber bald mit schlimmen Folgen gekapert wurde: "Im 'Manifest der Fédération des Artistes', an dem auch der Maler Gustave Courbet (1819-1877) mitwirkte, hieß es im April 1871: 'Das Komitee wird zur Herstellung eines gemeinschaftlichen Luxus zum Glanz der Zukunft der Weltrepublik […] beitragen.' Diese utopischen Projekte verdienen es, so wenig vergessen zu sein wie Lenins Kommuneinterpretation in 'Staat und Revolution' (1917/18) unterschätzt werden sollte - mit all ihren verheerenden Folgen. Lenin bastelte im revolutionären Handgemenge aus den Erfahrungen der Kommune und Marx' Kommentar eine Art Fahrplan für jeden kommenden Aufstand. So begründete er die angebliche Notwendigkeit einer 'Diktatur des Proletariats' - und einer Partei, die in dessen Namen auftritt und zur alleinigen Machtausübung entschlossen ist."

Außerdem: Bis heute prägen "Emotionen und ein Hang zum Sakralen" die deutsche Erinnerungskultur und erschweren somit die Analyse und führen zu Abwehr, schreiben der Historiker Jörg Hackeschmidt und die Politikwissenschaftlerin Caroline König in der NZZ. Sie fordern, Deutschland müsse ein positives "Selbstverständnis als Nation" ausbilden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2021 - Geschichte

Die FAZ ist alles andere als ein Waisenknabe, wenn es um Uni-Politik über Rezensionen geht (schon dass meist nicht benannt wird, wenn ein Uni-Professor eine Rezension in der FAZ schreibt, ist ein Problem). Heute aber greift Patrick Bahners zwei Rezensionsportale im Internet an, H-Soz-Kult und Sehepunkte, weil auf beiden Hedwig Richters historischer Bestseller "Demokratie - Eine deutsche Affäre" verrissen wurde, Auf H-Soz-Kult schreibt der Trierer Historiker Christian Jansen, in den Sehepunkten (hier) Andreas Wirsching, der immerhin Chef des Instituts für Zeitgeschichte ist. Besonders Wirsching ist extrem scharf: "Jenseits des Neides erklärt eine doppelte Provokation den maßlosen Widerspruch, den Hedwig Richter bei Fachkollegen auslöst. In der Form stört das Spielerische, die gewagte Kombination von Thesenbildung und Enthusiasmus. Freudlos wird von Jansen 'emotionaler Überschwang' gerügt, 'ein Verstoß gegen das Gebot als Wissenschaftlerin, möglichst objektiv, nüchtern und kritisch zu schreiben'. In der Sache ist das Skandalträchtige, dass für Hedwig Richter auch der Nationalsozialismus ein Kind aus der Verbindung der Deutschen mit der Demokratie ist."

Das Kaiserreich war niemals modern, antwortet in der SZ Joachim Käppner auf Hedwig Richter. Schon die Reichsgründung 1871 hatte einen "verhängnisvollen Geburtsfehler", denn der Einheit fehlte "das Pendant, ihre Zwillingsschwester: die Freiheit. Diese hatten die Bajonette der Fürstenarmeen mitsamt der Revolution von 1848/49 im Blut erstickt. In den USA, Großbritannien, Italien ist die Geschichte der staatlichen Einigung auch immer die des Kampfes für die Freiheit und Selbstbestimmung gewesen. Die nationale Einheit der Deutschen aber von 1871 war nicht das Werk freier Bürger, sondern eines brutalen Obrigkeitsstaates."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2021 - Geschichte

Emmanuel Macron ist der erste Präsident, der die französischen Verbrechen im Algerienkrieg systematisch aufarbeiten lässt, auch wenn es noch keine Entschuldigung von Seiten Frankreichs gibt. Dominic Johnson beschreibt in der taz den Weg dahin: "Justizminister Mitterrand, der Folter in Algerien billigte, wurde 1981 Frankreichs erster 'linker' Präsident. Als eine seiner ersten Taten rehabilitierte er die Putschgeneräle von 1961. Auf ihn folgte der Gaullist Jacques Chirac, der 1999 den Algerienkrieg erstmals als 'Krieg' anerkannte - um den gefallenen Franzosen ein Denkmal zu setzen. Sein Nachfolger Nicolas Sarkozy verpflichtete 2005 Frankreichs Schulen per Gesetz, die 'positive Rolle der französischen Überseepräsenz, insbesondere in Nordafrika', zu lehren - dieser Passus wurde nach massiver Empörung gestrichen. Erst der Sozialist François Hollande zelebrierte 2016 einen Gedenktag für 'alle' Opfer des Algerienkrieges, aber das ging im islamistischen Terror unter."