Martin Doerry, ehemals stellvertretender Chefredakteur des
Spiegel, lässt für die
Zeit das 16-bändige Editionsprojekt "Die
Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945" Revue passieren, das jetzt abgeschlossen ist. Das monumentale Projekt wurde unter anderem von
Götz Aly mit betreut, der
Perlentaucher hat im Lauf der Jahre aus einigen Bänden
"vorgeblättert". "Das gewählte Verfahren, die streng chronologisch geordnete Präsentation der Dokumente, verzichtet auf eine
Bewertung des Materials", erläutert Doerry. "Die Herausgeber aller Bände beschränken sich jeweils auf eine längere Einleitung und eine beeindruckende Zahl von Anmerkungen zu den historischen Texten. Und so liest sich die Edition wie ein
gigantisches Tagebuch voller Hass und Brutalität, Zerstörungswahn und ideologischem Fanatismus, aber auch voller Ängste und enttäuschter Hoffnungen. Jede Leserin, jeder Leser wird hier in ein Wechselbad der Emotionen geschickt, wird
Zeuge von Niedertracht und Hilflosigkeit, Verachtung und Verzweiflung. Wer sich darauf einlässt, größere Teile der Edition am Stück zu lesen, wird unweigerlich bedrückt und belastet." Allen Rechten und Linken, die die Erinnerung an den Holocaust heute als leeres Ritual verspotten, empfiehlt Doerry diese Lektüre.
In der
NZZ blickt der
Sozialwissenschaftler Matthias Messmer zurück auf die Anfänge des Konflikts zwischen
China und Taiwan: "Wie bei jedem Konflikt begann auch dieser im Kleinen:
Mao Zedong, ein Bauernsohn und Kommunist, hasste
Chiang Kai-
shek, den Nachfolger des modernen Staatsgründers
Sun Yat-
sen und Führer der chinesischen Nationalpartei (Kuomintang), aus tiefstem Herzen. Und umgekehrt. Der offene Bürgerkrieg in den vierziger Jahren war die logische Folge. In diesem siegte 1949 bekanntlich Mao, und Chiang musste sich mit seinen Truppen wohl oder übel - aber bis zu seinem Tod 1975 stur an der
Vision von der Rückeroberung des Festlands festhaltend - nach Taiwan zurückziehen. Wohlgemerkt auf eine Insel, die bis kurz vor Ende des 19. Jahrhunderts nur eine sehr geringe Wertschätzung durch die Kaiserdynastie der Mandschu erfahren hatte - und erst nach der fünfzigjährigen Kolonialherrschaft der Japaner (1895-1945) von China als
begehrenswertes Territorium entdeckt wurde. Bis zu jenem Zeitpunkt war Taiwan lediglich für Han-Chinesen aus den südlichen Provinzen Fujian und Guangdong (meist Hakka- oder Hoklo-Abkömmlinge) von Interesse. Diese hofften, auf der ursprünglich von austronesischen Ureinwohnern bewohnten Insel ein besseres Leben als in ihrer eigenen Heimat zu haben."
Im mit fünfzehn Minuten Lesezeit angegebenen
Welt-Gespräch mit Jan Grossarth erklärt der Historiker
Ewald Frie, dessen
aktuelles Buch "Ein Hof und elf Geschwister. Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben in Deutschland" für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert ist, wann die
bäuerliche Zeit in Deutschland zu Ende ging: "Die Brüche begannen schon im 19. Jahrhundert mit der Verstädterung und Industrialisierung. Aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg löst sich die bäuerliche Sozialwelt auf: Der Bullenball im November, die monatlichen Zuchtviehmärkte, die Heiratsstrategien: Bauernsöhne heiraten Bauerntöchter, um die Zukunft des Hofes zu sichern. (…) Die 1950er Jahren wirken im Rückblick wie ein
letztes Aufblühen, ein 'Indian Summer' der alten agrarischen Epoche. Aber all das fällt in den 1960er Jahren auseinander. (…) Das
Wirtschaftswunder bringt neue, attraktivere Betätigungsmöglichkeiten. Vor allem die kleineren Bauern entscheiden sich für andere Berufe. Um einen Lebensstandard zu halten, der der außerbäuerlichen Welt vergleichbar ist, wird immer mehr Land, werden immer mehr Tiere benötigt."