Heute wird in
Auschwitz und an vielen anderen Orten der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee gedacht. In seiner Rede zum Tag des Gedenkens "Achtzig Jahre Befreiung von Auschwitz - was nun?" in Frankfurt, die die
SZ druckt, hat
Michel Friedman genug von der Behauptung, man könne nicht mehr tun gegen
wachsenden Antisemitismus in Deutschland: "Seit Jahrzehnten beobachten alle Gewalt, schreiben alle davon, sprechen alle davon. Wir beobachten
geistige Brandstiftung, organisierten Rechtsextremismus, immer stärker wachsenden Linksextremismus und vor allen Dingen auch Islamismus. Jeder und jede, die oder der die Würde des Menschen antastet, hätte dafür strafrechtlich und politisch zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Irgendjemand muss also versagt haben. Irgendjemand muss doch Verantwortung tragen. Der Staat, er
kann sich nämlich wehren. Er hat das zuletzt im Fall der
letzten Generation bewiesen. Plötzlich wurden Prozesse rechtsstaatlich innerhalb von Monaten mit Urteilen beendet. Warum geht das nicht, wenn es um Judenhass, um Israelhass und die Vernichtung des jüdischen Staates geht? ... Wir sind nicht hilflos. Auch nicht, was die sozialen Medien angeht. Demokratie sollte aufhören, immer nur zu reagieren."
Darüber wie es nach den Reaktionen auf den 7. Oktober mit dem
Antisemitismus in Deutschland steht, ist sich auch Reinhard Müller in der
FAZ nicht sicher: "Unmittelbar nach diesem Angriff - lange vor der israelischen Reaktion - setzte besonders in universitären Milieus
Jubel über das Massaker an Zivilisten ein. Mehr noch: Das Leben von Juden in Deutschland, deren Einrichtungen schon zuvor geschützt werden mussten, ist noch unsicherer, für manche unerträglich geworden."
"Es droht etwas verloren zu gehen, nicht nur der mühsam errungene Konsens in Deutschland, die
historische Schuld von Auschwitz anzunehmen. Auch die Kraft der Lehren aus Auschwitz erlahmt", warnt in der
SZ Joachim Käppner. "In der leider sehr reichhaltigen Geschichte des Bösen, zu dem der Mensch fähig ist, bleibt Auschwitz unerreicht. Aber was Deutsche dort verbrochen haben, muss dieses Land verpflichten, Freiheit und Demokratie unerschrocken zu verteidigen.
Rechte Geschichtsklitterer und hysterische Israelhasser, die auf den Straßen schreien, 'Palästina von deutscher Schuld zu befreien', also faktisch vom jüdischen Staat, versündigen sich an den Opfern von Auschwitz."
Es ist ein wenig paradox, dass
gerade Auschwitz zum Inbegriff des Holocaust wurde, denn das Lager diente zum größten Teil der Ausbeutung der Insassen, schreibt der Holocaust-
Historiker Stephan Lehnstaedt auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der
FAZ. Auschwitz war auch ein Konzentrationslager. Damit unterschied es sich von den reinen
Vernichtungslagern Belzec,
Sobibor oder
Treblinka: "Die Deutschen verschonten dort nur die wenigen Häftlinge zeitweilig, die ihnen bei der Beraubung der Opfer und der Beseitigung ihrer Leichname helfen mussten. Das Lager in Treblinka kam dafür mit einer Fläche von 24 Hektar aus. Weil es bereits 1943 aufgelöst wurde, gelang den Tätern dort eine beinahe
vollständige Beseitigung der Spuren. Es gibt dort keine sichtbaren Hinterlassenschaften, die dort den Genozid visualisieren oder symbolisieren könnten - außer den Kiefern, die die SS pflanzte, um wenn nicht Gras, so doch zumindest Bäume über die Sache wachsen zu lassen. Weil es dort so wenig zu sehen gibt, wird die Gedenkstätte Treblinka
wenig besucht." In Treblinka, so Lehnstaedt, wurden mindestens ebenso viele Menschen ermordet wie in Auschwitz.
"Dieser Jahrestag ist absolut einzigartig", erklärt im Interview mit
Spon Piotr Cywiński, der Leiter der Gedenkstätte Auschwitz. "Zum 60. Jahrestag kamen 1.500 Überlebende. Bei der Zeremonie vor zehn Jahren waren es 300. Dieses Jahr werden wir vielleicht noch
60 Überlebende dabeihaben. Und sie sind sehr, sehr alt. Vielleicht ist das der letzte runde Jahrestag mit einer bemerkenswerten Gruppe von Überlebenden. ... Im Juni habe ich mit einer Gruppe polnischer Überlebender über den Jahrestag diskutiert. Ich schlug vor, wieder Politiker auf die Bühne zu holen. Sie haben sich vehement dagegen gewehrt. Sie sagten, ihr Leben lang wünschten sie sich einen Moment, in dem
kein Politiker sprechen würde."
Die
Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann wundert sich nicht, dass immer weniger Menschen wissen,
was der Holocaust war. Das sei ein Versagen der "International Holocaust Remembrance Alliance" (IHRA) , meint sie in der
FR, die 2016 ihre Orientierung geändert und "Antisemitismus" in den Vordergrund gestellt hat, wofür wiederum
Benjamin Netanjahu verantwortlich sei. In einer Rede 2016 vor der UNO "baute er seine Allianzen mit der westlichen Welt neu auf, indem er die aktuellen Konflikte um seine Siedlungspolitik herunterspielte und zu einem großen Kampf der westlichen Welt gegen die islamische Welt aufruft. Dieses gemeinsame Feindbild, das die Palästinenser pauschal einschließt, war der Kontext für eine Israel-Politik, die konsequent auf die Sicherheit des Staates Israel setzt und gleichzeitig gegen mögliche
Kritik an diesem Staat mit der
Waffe des Antisemitismus vorgeht." Dass der Holocaust heute in Frage gestellt oder vergessen wird, liegt also nicht an europäischer Geschichtsvergessenheit oder arabischem Israelhass, sondern an dem israelischen Juden Netanjahu?
Der größte Skandal der Gedenkfeier in Auschwitz ist für die Autorin
Erica Fischer, bekannt durch die dokumentarische Erzählung "Aimée & Jaguar", dass
Benjamin Netanjahu wohl teilnehmen wird, obwohl Polen ihn wegen eines Haftbefehls des Internationalen Strafgerichtshofs festnehmen müsste. In der
taz schreibt sie: "Der
Verantwortliche für den Völkermord an bislang mindestens 47.000 palästinensischen Zivilist:innen, überwiegend Frauen und Kindern, oder ein Vertreter seiner Regierung werden also ihr Haupt beugen in Anerkennung der jüdischen Opfer eines beispiellosen Genozids. Seite an Seite mit
deutschen Politiker:innen, die sich durch ihr Schweigen zum Genozid an den Palästinenser:innen und die Waffenlieferungen an Israel zu Kompliz:innen gemacht haben."
Auch der irische Präsident
Michael D. Higgins ließ es sich nicht nehmen, bei einer Gedenkrede ausführlich über den
Gazakrieg zu sprechen - obwohl ihn die winzige jüdische Gemeinde gebeten hatte, lieber zu schweigen.
Eine protestierende Jüdin wurde abgeführt.
In der
NZZ erinnert der
Historiker Ernst Piper daran, dass die Alliierten spätestens 1941/42 wussten, dass die Deutschen
gezielt Juden ermordeten. "Keines der alliierten Länder war bereit, Initiativen zugunsten der vom Tod bedrohten Juden zu ergreifen, sei es durch Bombardierung von Auschwitz oder durch die großzügige Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge." Piper
hatte schon vor einigen Wochen im
Perlentaucher über die Verhinderung des Gedenkens an den Holocaust unter dem kommunistischen Regime erinnert.