9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1585 Presseschau-Absätze - Seite 13 von 159

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2025 - Geschichte

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Der Historiker Volker Weiß, dessen Buch "Das Deutsche Demokratische Reich" gerade erschienen ist, erklärt im Zeit-Interview mit Christian Staas, wie die DDR "zum Sehnsuchtsort" der Rechten werden konnte: "Die extreme deutsche Rechte hat sich der westlichen Hemisphäre nie wirklich zugehörig gefühlt. Der Westen steht für sie seit dem 19. Jahrhundert für Liberalismus, Demokratie und Arbeiterbewegung. Kulturell wie politisch zog es sie daher nach Osten (...) Die Rechte rekurriert auf die DDR als autoritären Ordnungsstaat, was sie ja durchaus war, auf ihr preußisches Erbe, das in den Achtzigerjahren in der Selbstdarstellung des SED-Staates aufgewertet wurde. Die Sehnsucht gilt Ordnung und sicheren Grenzen. Zwar hat die DDR die eigene Bevölkerung eingesperrt, aber es ist eben auch nicht jeder reingekommen. Die Polizei stellte noch eine Autorität dar, das Militär war in die Gesellschaft integriert, so was möchte man wieder haben. Die DDR verkörpert für die Rechten ein Deutschland ohne Achtundsechzig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2025 - Geschichte

Heute vor achtzig Jahren wurde von den Westalliierten Dresden bombardiert. 25.000 Menschen kamen ums Leben. Solche Bombardierungen hatte es in den meisten deutschen Städten gegeben. In den Hamburger Bombennächten 1943 kamen schätzungsweise 34.000 bis 40.000 Menschen ums Leben. Aber Dresden wurde zuerst von den Nazis und dann von der DDR-Regierung mit besonderer Bedeutung aufgeladen, sagt der Dresdner Historiker und Publizist Matthias Neutzner im Gespräch mit Markus Wehner von der FAZ: "Die Erzählung wurde in der DDR sogar weiter dramatisiert, indem man die Zahl der getöteten Menschen, die die NS-Propaganda bereits verzehnfacht hatte, in den Fünfzigerjahren ins Unzählbare und Namenlose erweiterte, in eine mythische Dimension trieb. Die Toten wurden kollektiviert und ihre Gräber eingeebnet. Man hat die Namen entfernt und eine Gedenkanlage darauf gebaut. Das war eine willkommene Anklage gegen den imperialistischen Westen und zugleich eine Abgrenzungsstrategie gegenüber der westdeutschen Bundesrepublik, die man in der Tradition des Dritten Reichs sah." Nach dem Mauerfall schlossen rechtsextreme Narrative nahtlos an, so Neutzner." Nachdem um 2005 diese rechtsextreme Instrumentalisierung unerträglich wurde, hat die Zivilgesellschaft in einem mühevollen Prozess zusammengefunden, sodass man immer mehr die Deutungshoheit zurückgewinnen konnte."

Ebenfalls vor achtzig Jahren fand die Konferenz von Jalta statt, über die Reinhard Veser in der FAZ schreibt. Sie ist unter anderem in Polen in schlechter Erinnerung, denn sie steht "für eine Entscheidung von Großmächten über die Köpfe der Betroffenen hinweg, für die Teilung Europas in einen freien und einen unfreien Teil nach Kriegsende und für Zynismus, Schwäche und Naivität des Westens im Umgang mit dem Machthaber im Kreml." Und "auf der Konferenz wurde die von der Sowjetunion in Polen eingesetzte provisorische Regierung anerkannt; die legitime polnische Exilregierung mit Sitz in London wurde vor vollendete Tatsachen gestellt."

Außerdem: Heute vor fünfzig Jahren besiegte Margaret Thatcher ihren Konkurrenten Edward Heath im Rennen um den Parteivorsitz der britschen Konservativen und prägte daraufhin die Welt bis heute, hält Arno Widmann in der FR fest.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2025 - Geschichte

Buch in der Debatte

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Gerade ist das Buch "Das Deutsche Demokratische Reich" des Historikers Volker Weiß erschienen, in dem er darlegt, wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört. Im FAS-Gespräch mit Julia Encke macht er sich noch einmal die Mühe, Alice Weidels Aussagen über "Hitler als Kommunist" (mehr hier) zu zerlegen und erklärt, worum es den Rechten bei den permanenten Überschreibungen von Geschichte geht: "Man schafft sich damit ein historisches Argument des Gegners vom Leib, und man erklärt den Gegner selbst zum Nazi. Wenn ich sage, die Nazis waren links, dann werden im Umkehrschluss die Linken zu Nazis, und der gesamte Antifaschismus, der der AfD ja seit der Gründung entgegenschlägt, wird damit ad absurdum geführt und langfristig auch entwertet. Dabei ist es ein doppeltes Spiel, weil man selbst mit bestimmten Elementen des Nationalsozialismus kokettiert: Schauen wir den Wahlkampfslogan an: 'Alice für Deutschland'. Er ist eine Verballhornung und spielt mit dem Motto, das auf die Dienstdolche der SA eingraviert war: 'Alles für Deutschland'. Ein Spiel, das man bewusst aufnimmt, bis hin zu diesem freakigen Gruß von Elon Musk."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2025 - Geschichte

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Im großen FR-Gespräch mit Michael Hesse über das Ende des Zweiten Weltkrieges erläutert der Historiker Richard J. Evans, Autor eines dreibändigen Werkes über das "Dritte Reich", warum Deutschland spätestens nach Stalingrad keine Siegchance mehr hatte, auch aufgrund des steigenden Terrors "innerhalb der deutschen Streitkräfte selbst. Die Zahl der durch Militärgerichte verhängten Todesurteile war erschreckend hoch. Desertion, Selbstverstümmelung, Defätismus oder Fahnenflucht wurden mit unerbittlicher Härte bestraft: 16.000 deutsche Soldaten wurden hingerichtet - im Vergleich zu nur 48 im Ersten Weltkrieg." Vor allem aber widerspricht er vehement seinem Kollegen Timothy Snyder, der den Krieg gegen die Ukraine mit dem Zweiten Weltkrieg verglich: "Das ist natürlich Unsinn. Für Hitler gab es keine festen Grenzen - weder in territorialer noch in zeitlicher Hinsicht. Sein Krieg sollte grenzenlos sein, ein Kampf ohne geografische oder zeitliche Beschränkungen. Putin hingegen, so meine Einschätzung, verfolgt das Ziel, die Grenzen der alten Sowjetunion wiederherzustellen. Putin strebt keine Weltherrschaft an."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2025 - Geschichte

Neulich hat sich die AfD-Politikerin Alice Weidel mit Elon Musk unterhalten und nebenbei behauptet, Hitler sei Kommunist gewesen. "Das ist eine dreiste Geschichtsfälschung", schreibt Richard Herzinger im Perlentaucher. "Tatsächlich handelte es sich bei Hitlers Ideologie um eine exzessiv radikalisierte Spielart des 'völkischen' Nationalismus und Rassismus. Den Marxismus hielt er für ein 'jüdisches' Machwerk, das die 'deutsche Volksgemeinschaft' zersetze und daher mit allen Mitteln ausgerottet werden müsse. Entsprechend brutal wurden Kommunisten im Nationalsozialismus verfolgt." Das heißt allerdings, nicht, dass es nicht Verbindungslinien zwischen den Totalitarismen gab: "Namentlich im Deutschland der Weimarer Republik kam es immer wieder zu Annäherungen zwischen den beiden totalitären Bewegungen. Auf der extremen Rechten befürworteten in den 1920er Jahren radikale Nationalisten wie Arthur Moeller van den Bruck ein Zusammengehen mit den Kommunisten im Kampf gegen den westlichen Liberalismus, den sie als ihren Hauptfeind betrachteten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2025 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Historiker Alexander V. Pantsov an den chinesischen General Chiang Kai-shek (1887-1975), eine äußerst zwiespältige Figur, der gegen die Japaner und die chinesischen Kommunisten kämpfte, bis er sich nach Taiwan zurückziehen musste: "Er etablierte eine Schreckensherrschaft und ist für den Tod von mehr als anderthalb Millionen unschuldiger Menschen verantwortlich. Er errichtete ein korruptes oligarchisches Regime. Zugleich aber darf man nicht vergessen, dass er auch ein Kämpfer für die nationale Befreiung seines Volkes war, der Architekt eines neuen, republikanischen China, ein Held des Zweiten Weltkriegs, ein treuer Verbündeter der Vereinigten Staaten und anderer Länder der Anti-Hitler- und Anti-Japan-Koalition und ein Reformer der taiwanischen Gesellschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2025 - Geschichte

Marta Kijowska kommt in der NZZ auf die Gedenkfeier zur Befreiung des Lagers Auschwitz vor achtzig Jahren zurück. Sie verweist vor allem auf das Buch "Anus Mundi" von Wieslaw Kielar, dessen Übersetzung bereits 2023 im S. Fischer Verlag erschien, das aber in der deutschen Presse kaum Beachtung erfuhr. Kielar gehört wie Tadeusz Borowski und Seweryna Szmaglewska zu den AutorInnen, die das Leiden nichtjüdischer Polen im Lager beschreiben. Kielars Bericht liest sich für Kijowska besonders instruktiv, weil er in vier Jahren Auschwitz viele verschiedene Stationen des Lagers durchlief. Die nichtjüdischen Polen hatten einen eigenen Blick auf ihre Erfahrung, wie Borowski beschreibe Kielar das Lager als eine "moralisch indifferente Welt, in der es keine klare Trennung von Opfern und Tätern gibt, in der jeder alles tut, um zu überleben". Borowski sei in seinem Buch "Bei uns in Auschwitz" allerdings noch bei weitem zynischer, während sich Kielar bemühe, sachlich und präzise zu bleiben, die Dinge so zu schildern, wie sie gewesen seien.

Es gab die berühmte "Rattenlinie": Schlimmste Nazi-Verbrecher schafften es, mit der Mithilfe des Vatikan nach Südamerika zu fliehen. Einige wurden trotzdem später noch gefasst wie Eichmann oder Klaus Barbie. Und es gab die zweite "Rattenlinie", die nicht so bekannt ist: Nazis wie Walter Rauff, "der an der Ostfront Militärlastwagen zu mobilen Gaskammern umbauen ließ, und Alois Brunner, Eichmanns Mann fürs Grobe", so Marcel Gyr in der NZZ, konnten sich darüber nach Ägypten oder Syrien absetzen. Die dort nach 1945 herrschenden Diktatoren halfen gern, und auch natürlich Amin al-Husseini, der Vorgänger Jassir Arafats als Anführer der Palästinenser und enge Freund und Partner der Nazis. Richtig beneidenswert war Brunners Existenz am Ende aber nicht, schreibt Gyr. Die Israelis haben ihn zweimal mit Bombenattentaten getroffen, bei denen er einmal ein Auge verlor und einmal ein paar Finger. Und seine schöne Villa in Damaskus musste er am Ende auch aufgeben. "Zwar hielt das Asad-Regime bis zuletzt seine schützende Hand über den österreichischen Kriegsverbrecher. Doch als dieser begann, ausländischen Journalisten Interviews zu geben, wurde er zur Last. Seine Wohnung an der Rue Haddad, wo er auf dem Dach Kaninchen gezüchtet hatte, musste er aufgeben. Er wurde andernorts in Hausarrest gesetzt, um ihn vor den Blicken der Weltöffentlichkeit zu entziehen. Im Verlies des syrischen Geheimdienstes schließlich, wo Brunner die letzten Jahre bis zu seinem Tod 2001 eingesperrt war, gab es nicht einmal mehr Tageslicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2025 - Geschichte

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Dass sich die Deutschen nach der offiziellen Kapitulation am 8. Mai 1945 friedlich verhalten würden, hielten die Alliierten nicht für möglich, hält Harald Jähner, ehemaliger Feuilletonchef der Berliner Zeitung in der NZZ fest, der zum Thema auch ein Buch geschrieben hat. Man rechnete mit zahlreichen Partisanenaktionen und heftigem Widerstand, aber: nichts dergleichen passierte. Im Gegenteil, die Sieger wunderten sich über die "verblüffend willige Unterordnung" der Deutschen, die laut Jähner mehrere Gründe hat. Unter anderem das "traditionelle Verständnis von Autorität und Gehorsam", aber auch das "Ethos des deutschen Berufsbeamtentums, das sich nach dem jeweils geltenden Gesetz, nicht nach individuell zu verantwortenden Werten richtete, kam durch den Regimewechsel in keinen Konflikt. Nach diesem Muster funktionierte ein Großteil der deutschen Gesellschaft, die sich um eine möglichst reibungslose Wiederaufnahme der Versorgung bemühte. Im Streben nach einer Wiederherstellung von Recht und Ordnung, der Eindämmung der überall drohenden Anarchie, war die Bereitschaft der Kooperation mit den Besatzungsmächten hoch."
Stichwörter: 8. Mai 1945, Regimewechsel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2025 - Geschichte

Olaf Scholz kriegt es in einem Twitter-Post zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz hin, nicht zu erwähnen, dass dort vor allem Juden umgebracht wurden.

In Frankreich sind die Linke und die Rechte ganz besonders schnell zur Hand, wenn es darum geht, Gaza mit Auschwitz gleichzusetzen. Laurent Joffrin, ehemals Chefredakteur von Libération und heute Gründer des Online-Magazins lejournal.info, rückt die Dinge gerade: "In Gaza starben 45.000 Menschen infolge von Bombenangriffen oder während besonders brutaler und tödlicher Militäroperationen. Es bedeutet keineswegs, das Leiden der Menschen in Gaza zu verharmlosen, wenn man feststellt, dass die beiden Ereignisse keinesfalls das gleiche Ausmaß oder die gleiche Natur haben. Die israelische Armee kann wegen Kriegsverbrechen angeklagt werden und wird sich vor der Geschichte, wenn nicht sogar vor internationalen Richtern, verteidigen müssen. Die Verwendung des Begriffs 'Völkermord' ist jedoch für jeden, der mit einem Minimum an gutem Glauben die Realität der beiden historischen Ereignisse betrachtet, eine elementare geistige Verwirrung."

Eine der wichtigsten Nachrichtensendungen Britanniens vergisst zu erwähnen, dass in Auschwitz Juden umgebracht wurden. Die Ansagerin: "Sechs Millionen Menschen wurden während des Zweiten Weltkriegs in Konzentrationslagern umgebracht, ebenso wie Millionen andere, weil sie Polen, Behinderte, Homosexuelle oder Angehörige einer anderen ethnischen Gruppe waren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2025 - Geschichte

Heute wird in Auschwitz und an vielen anderen Orten der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee gedacht. In seiner Rede zum Tag des Gedenkens "Achtzig Jahre Befreiung von Auschwitz - was nun?" in Frankfurt, die die SZ druckt, hat Michel Friedman genug von der Behauptung, man könne nicht mehr tun gegen wachsenden Antisemitismus in Deutschland: "Seit Jahrzehnten beobachten alle Gewalt, schreiben alle davon, sprechen alle davon. Wir beobachten geistige Brandstiftung, organisierten Rechtsextremismus, immer stärker wachsenden Linksextremismus und vor allen Dingen auch Islamismus. Jeder und jede, die oder der die Würde des Menschen antastet, hätte dafür strafrechtlich und politisch zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Irgendjemand muss also versagt haben. Irgendjemand muss doch Verantwortung tragen. Der Staat, er kann sich nämlich wehren. Er hat das zuletzt im Fall der letzten Generation bewiesen. Plötzlich wurden Prozesse rechtsstaatlich innerhalb von Monaten mit Urteilen beendet. Warum geht das nicht, wenn es um Judenhass, um Israelhass und die Vernichtung des jüdischen Staates geht? ... Wir sind nicht hilflos. Auch nicht, was die sozialen Medien angeht. Demokratie sollte aufhören, immer nur zu reagieren."

Darüber wie es nach den Reaktionen auf den 7. Oktober mit dem Antisemitismus in Deutschland steht, ist sich auch Reinhard Müller in der FAZ nicht sicher: "Unmittelbar nach diesem Angriff - lange vor der israelischen Reaktion - setzte besonders in universitären Milieus Jubel über das Massaker an Zivilisten ein. Mehr noch: Das Leben von Juden in Deutschland, deren Einrichtungen schon zuvor geschützt werden mussten, ist noch unsicherer, für manche unerträglich geworden."

"Es droht etwas verloren zu gehen, nicht nur der mühsam errungene Konsens in Deutschland, die historische Schuld von Auschwitz anzunehmen. Auch die Kraft der Lehren aus Auschwitz erlahmt", warnt in der SZ Joachim Käppner. "In der leider sehr reichhaltigen Geschichte des Bösen, zu dem der Mensch fähig ist, bleibt Auschwitz unerreicht. Aber was Deutsche dort verbrochen haben, muss dieses Land verpflichten, Freiheit und Demokratie unerschrocken zu verteidigen. Rechte Geschichtsklitterer und hysterische Israelhasser, die auf den Straßen schreien, 'Palästina von deutscher Schuld zu befreien', also faktisch vom jüdischen Staat, versündigen sich an den Opfern von Auschwitz."

Es ist ein wenig paradox, dass gerade Auschwitz zum Inbegriff des Holocaust wurde, denn das Lager diente zum größten Teil der Ausbeutung der Insassen, schreibt der Holocaust-Historiker Stephan Lehnstaedt auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ. Auschwitz war auch ein Konzentrationslager. Damit unterschied es sich von den reinen Vernichtungslagern Belzec, Sobibor oder Treblinka: "Die Deutschen verschonten dort nur die wenigen Häftlinge zeitweilig, die ihnen bei der Beraubung der Opfer und der Beseitigung ihrer Leichname helfen mussten. Das Lager in Treblinka kam dafür mit einer Fläche von 24 Hektar aus. Weil es bereits 1943 aufgelöst wurde, gelang den Tätern dort eine beinahe vollständige Beseitigung der Spuren. Es gibt dort keine sichtbaren Hinterlassenschaften, die dort den Genozid visualisieren oder symbolisieren könnten - außer den Kiefern, die die SS pflanzte, um wenn nicht Gras, so doch zumindest Bäume über die Sache wachsen zu lassen. Weil es dort so wenig zu sehen gibt, wird die Gedenkstätte Treblinka wenig besucht." In Treblinka, so Lehnstaedt, wurden mindestens ebenso viele Menschen ermordet wie in Auschwitz.

"Dieser Jahrestag ist absolut einzigartig", erklärt im Interview mit Spon Piotr Cywiński, der Leiter der Gedenkstätte Auschwitz. "Zum 60. Jahrestag kamen 1.500 Überlebende. Bei der Zeremonie vor zehn Jahren waren es 300. Dieses Jahr werden wir vielleicht noch 60 Überlebende dabeihaben. Und sie sind sehr, sehr alt. Vielleicht ist das der letzte runde Jahrestag mit einer bemerkenswerten Gruppe von Überlebenden. ... Im Juni habe ich mit einer Gruppe polnischer Überlebender über den Jahrestag diskutiert. Ich schlug vor, wieder Politiker auf die Bühne zu holen. Sie haben sich vehement dagegen gewehrt. Sie sagten, ihr Leben lang wünschten sie sich einen Moment, in dem kein Politiker sprechen würde."

Die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann wundert sich nicht, dass immer weniger Menschen wissen, was der Holocaust war. Das sei ein Versagen der "International Holocaust Remembrance Alliance" (IHRA) , meint sie in der FR, die 2016 ihre Orientierung geändert und "Antisemitismus" in den Vordergrund gestellt hat, wofür wiederum Benjamin Netanjahu verantwortlich sei. In einer Rede 2016 vor der UNO "baute er seine Allianzen mit der westlichen Welt neu auf, indem er die aktuellen Konflikte um seine Siedlungspolitik herunterspielte und zu einem großen Kampf der westlichen Welt gegen die islamische Welt aufruft. Dieses gemeinsame Feindbild, das die Palästinenser pauschal einschließt, war der Kontext für eine Israel-Politik, die konsequent auf die Sicherheit des Staates Israel setzt und gleichzeitig gegen mögliche Kritik an diesem Staat mit der Waffe des Antisemitismus vorgeht." Dass der Holocaust heute in Frage gestellt oder vergessen wird, liegt also nicht an europäischer Geschichtsvergessenheit oder arabischem Israelhass, sondern an dem israelischen Juden Netanjahu?

Der größte Skandal der Gedenkfeier in Auschwitz ist für die Autorin Erica Fischer, bekannt durch die  dokumentarische Erzählung "Aimée & Jaguar", dass Benjamin Netanjahu wohl teilnehmen wird, obwohl Polen ihn wegen eines Haftbefehls des Internationalen Strafgerichtshofs festnehmen müsste. In der taz schreibt sie: "Der Verantwortliche für den Völkermord an bislang mindestens 47.000 palästinensischen Zivilist:innen, überwiegend Frauen und Kindern, oder ein Vertreter seiner Regierung werden also ihr Haupt beugen in Anerkennung der jüdischen Opfer eines beispiellosen Genozids. Seite an Seite mit deutschen Politiker:innen, die sich durch ihr Schweigen zum Genozid an den Palästinenser:innen und die Waffenlieferungen an Israel zu Kompliz:innen gemacht haben."

Auch der irische Präsident Michael D. Higgins ließ es sich nicht nehmen, bei einer Gedenkrede ausführlich über den Gazakrieg zu sprechen - obwohl ihn die winzige jüdische Gemeinde gebeten hatte, lieber zu schweigen.


Eine protestierende Jüdin wurde abgeführt.

In der NZZ erinnert der Historiker Ernst Piper daran, dass die Alliierten spätestens 1941/42 wussten, dass die Deutschen gezielt Juden ermordeten. "Keines der alliierten Länder war bereit, Initiativen zugunsten der vom Tod bedrohten Juden zu ergreifen, sei es durch Bombardierung von Auschwitz oder durch die großzügige Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge." Piper hatte schon vor einigen Wochen im Perlentaucher über die Verhinderung des Gedenkens an den Holocaust unter dem kommunistischen Regime erinnert.