9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1627 Presseschau-Absätze - Seite 13 von 163

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2025 - Geschichte

Der britische Historiker Richard J. Evans erklärt im Zeit-Gespräch mit Samuel Rieth und Frank Werner die Vor- und Nachteile von kontrafaktischer Geschichtsschreibung: "Nützlich ist kontrafaktisches Denken nur dann, wenn es zeigen kann, welche unmittelbaren Alternativen es gegeben hätte, ohne in die ferne Zukunft zu schweifen. Wir können zum Beispiel fragen: Was wäre in Deutschland 1933 geschehen, wenn Hitler nicht an die Macht gekommen wäre? Höchstwahrscheinlich hätte es eine Militärdiktatur gegeben. Dagegen führt die Vorstellung, die Weimarer Republik hätte noch gerettet werden können, in die Irre. Die Demokratie war zu diesem Zeitpunkt bereits zusammengebrochen; der Reichstag war schon ausgeschaltet, er hatte seit März 1930 immer seltener getagt. Die einzige Partei in der Weimarer Republik, die fast durchgehend bis zum November 1932 Stimmen gewann, war die KPD. Aber ich glaube nicht, dass für die Kommunisten eine Chance bestand, an die Macht zu kommen. Die Entscheidungsgewalt war längst auf den Reichspräsidenten, auf Paul von Hindenburg und seine Entourage, übergegangen. Deshalb gab es nicht viele echte Alternativen zu Hitler. Gerade das ins Bewusstsein zu bringen, kann kontrafaktische Geschichte leisten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2025 - Geschichte

Auf geschichtedergegenwart.ch erzählt Claus Leggewie, wie die amerikanische Regierung anfängt die Geschichte zu bereinigen. Aus Heldengeschichten über den Zweiten Weltkrieg werden zum Beispiel Leistungen und Heldentaten von Natives - einer von ihnen war Ira Hayes, über den Peter LaFarge einen berühmten Folksong machte - aus den Gedenkorten und von Fotos getilgt werden: "Da man die multiethnische US-Gesellschaft selbst durch massenhafte Abschiebung und Zurückweisung kulturell nicht mehr 'entdiversifizieren' kann, verordnen die rechtsradikalen Machthaber eine seit Jahrhunderten geübte Praxis der 'damnatio memoriae': die symbolische Negation eines Namens und die Klitterung der Geschichte, ein Verfahren, das autoritäre und totalitäre Regime auf ihre Gegner anwenden und das anzeigt, wohin die Reise offenbar auch in den USA gehen soll."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.05.2025 - Geschichte

Die Regierung des Rechtspopulisten Javier Milei in Buenos Aires öffnet Archive mit Geheimakten, die neuen Aufschluss über die "Rattenlinie" geben werden, berichtet Andreas Knobloch in der Jüdischen Allgemeinen. Etwa 5.000 Nazi-Kriegsverbrecher, darunter höchste Funktionäre des Holocaust wie der später von den Isralis gefasste Adolf Eichmann, waren oft mit Hilfe des Vatikan und des Roten Kreuzes nach Argentinien geflüchtet. "Argentiniens damaliger Präsident Juan Domingo Perón gewährte bewusst hochrangigen Nazis Unterschlupf und hielt seine schützende Hand über sie. ... Die freigegebenen Akten enthalten Aufzeichnungen über Bankgeschäfte, Geheimdienstdokumente und vertrauliche Berichte des Verteidigungsministeriums, die zeigen, wie die Nazis sich in Argentinien ansiedeln konnten. Auch finden sich Einzelheiten zu Ermittlungen, die zwischen den fünfziger und achtziger Jahren von der Bundespolizei, den Nachrichtendiensten und der für den Grenzschutz zuständigen Nationalen Gendarmerie durchgeführt wurden, sowie vertrauliche Präsidialdekrete aus den Jahren 1957 bis 2005."

Was heute die Ukraine ist, ein um seine Freiheit kämpfendes Land im Osten Europas, war zu Ludwig Börnes Zeiten Polen. Daran unter anderem erinnert Dan Diner in seiner Börne-Preis-Rede, die die FAZ abdruckt: "Mit der zarischen Niederschlagung des polnischen Aufstandes 1831 langt eine Welle polnischer Flüchtlinge an in Paris - die sogenannte 'große Emigration'. Ludwig Börne, der den polnischen Kampf, wie er schrieb, in 'schmerzhafter Anteilnahme' begleitete, tat in seinen Pariser Briefen poetisch kund, Polen habe sich mit der Niederlage 'wie ein Saatkorn der Freiheit in die Erde' gelegt - ein Saatkorn, das, so fährt er fort, in Zukunft 'herrlich aufgehen' werde. In Paris befreundete sich Börne mit dem alsbald am Collège de France zu lehren kommenden polnischen Nationaldichter Adam Mickiewicz." Die Revolution von 1830 hat aber auch einen anderen Kontext, an den Diner in seiner schön mäandernden Rede erinnert: die beginnende Kolonisierung Algeriens. Auch um Heine und Tocqueville und die Idee der Gleichheit geht es.

Außerdem: Henriette Hufgard bespricht in der taz die Ausstellung "Gewalt ausstellen" (unsere Resümees) im Deutschen Historischen Museum.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.05.2025 - Geschichte

Das Deutsche Historische Museum rekonstruiert in seiner Schau "Gewalt ausstellen" die ersten, zwischen 1945 bis 1948 gezeigten europäischen Ausstellungen über die nationalsozialistischen Verbrechen (unser Resümee der FR-Besprechung). Jetzt erinnern wir schon an das Erinnern. Ist das noch sinnvoll? Absolut, erklärt Raphael Gross, Direktor des DHM, im Gespräch mit der FAS: "Diese Ausstellungen hatten noch ein europäisches Narrativ. Auch in Frankreich wurde gezeigt, was in Osteuropa passierte. Und andersherum. Insofern sind sie ein interessantes, tatsächlich vollkommen übersehenes Phänomen in der Geschichte. Darum hat es mich so gereizt, das genauer anzuschauen", so Gross, der außerdem hofft, dass die neue Bundesregierung an der 2023 beschlossenen Errichtung eines Okkupations-Museums festhält.

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Außerdem: In  der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ empfiehlt der Afrikanist Andreas Eckert Ravi Ahujas Studie "Shipping Lords and Coolie Strikers - Class, Race, and Maritime Capitalism in the Early Twentieth Century" über das "rassifizierte" (so Eckert) "Arbeitsmanagement in der britischen Handelsflotte im Zeitalter des Imperialismus". Der Historiker Jochen Hellbeck erzählt in der NZZ nochmal die Geschcihte der Schlacht von Stalingrad - gespiegelt auch in vielen Zitaten des damaligen Kriegsberichterstatters Wassili Grossman.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2025 - Geschichte

Schlange vor der Ausstellung "Crimes hitlériens" im Grand Palais, Paris, 1945. © Service historique de la Défense

Harry Nutt weist in der FR auf die Schau "Gewalt ausstellen. Erste Ausstellungen zur NS-Besatzung in Europa 1945 - 1948." im Deutschen Historischen Museum hin, die für ihn ein deutliches Plädoyer darstellt, endlich mit dem 2023 beschlossenen Bau eines 'Dokumentationszentrums Zweiter Weltkrieg und deutsche Besatzung in Europa' zu beginnen: "Noch ehe filmische, literarische oder geschichtswissenschaftliche Erkundungen und Deutungen ihre Wirkung zu entfalten vermochten, konfrontierten Ausstellungen bereits vor Kriegsende ein großes Publikum über die Gräuel der ebenso exzessiven wie systematisch angeordneten Gewalt: 'Die Bandbreite der Reaktionen reichte von Entsetzen bis zu Wut und Trauer. Der Künstler Ludwig Meidner, der selbst eine Bildserie über die Lagererlebnisse gezeichnet hatte, schrieb ernüchtert an einen Freund: 'Diese Photos führen meinen Zyklus ,Massacres in Poland' … völlig ad absurdum…, weil diese meine Blätter völlig harmlos u. gemütlich erscheinen mögen neben jenen Dokumenten der grausigen Wirklichkeit.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2025 - Geschichte

Malcolm X würde heute hundert Jahre alt. Sebastian Moll schildert ihn in der taz als eine widersprüchliche Persönlichkeit, die in ihrer Radikalität ein Vorbild war - und manche bizarre Wege ging. Auch auf die Rolle des Islams für X geht Moll ein: "X wurde dank seines Charismas nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis zum wichtigsten Anführer der 'Nation of Islam'. Mit ihm wuchs die vorher marginale Organisation auf mehrere Hunderttausend Mitglieder an und nahm eine stark politische Wendung. Die Macht, die X dadurch gewann, wurde ihm schließlich zum Verhängnis. Er wurde von der Nation of Islam, deren Anführer sich bedroht fühlten, verstoßen und schließlich ermordet. Der Tod von X mit nur vierzig Jahren war tragisch. Er stand am Ende seines Lebens vor einer erneuten Konversion. Nach Reisen nach Ägypten und Mekka bekam er ein tieferes Verständnis für den Islam und wandte sich von vielen Dogmen der Nation of Islam ab." Diese religiöse Wende hätte ihn wohl zu einer Annäherung an Martin Luther King geführt, so Moll.

Vor 500 Jahren wurde Thomas Müntzer hingerichtet (mehr zum Bauernkrieg von Uta Ruge im Perlentaucher). Luther hasste ihn als Schwärmer und Aufrührer und wohl auch als Konkurrenten, schreibt der Historiker Thomas Kaufmann auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ. Und "die marxistische Müntzer-Deutung setzte die lutherische Fixierung auf den Bauernkrieger Müntzer und seine finale Lebensphase unter umgekehrter Bewertung fort. In der Nachfolge von Friedrich Engels' Studie über den 'deutschen Bauernkrieg' (1850) sah die sozialistische Geschichtswissenschaft allein den Müntzer des Bauernkriegs im Zenit seiner historischen Bedeutung. Engels' Überhöhung des thüringischen Revolutionärs war es geschuldet, dass sein handschriftlicher Nachlass heute in Moskau liegt; gegen geltendes Archivrecht war er Josef Stalin 1949 zum 70. Geburtstag geschenkt worden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2025 - Geschichte

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Heute vor 500 Jahren wurden die Bauern besiegt, die Thomas Müntzer 1525 gegen die Landsknechtheere der deutschen Fürsten in die Schlacht geführt hatte. Wenn die Bauernkriege ein höheres Gewicht hatten als frühere Revolten, dann lag es auch am Internet jener Zeit, schreibt Uta Ruge, Autorin von "Bauern, Land", in einem Essay für den Perlentaucher: "Der entscheidende Unterschied zu früheren Erhebungen lag 1524/25 wieder im Wort, und zwar dem gedruckten Wort. Denn die Druckerpresse hatte sich inzwischen so weit verbreitet, dass sich dank des Mainzer Kaufmannssohns Johannes Gutenberg alle Ankündigungen, auch die Schriften Luthers und die zwölf Artikel der Bauernrebellen in zuvor unerreichbar hoher Auflage und kürzester Zeit verbreiten konnten. In Ochsenkarren, auf Eselrücken und in den Kiepen wandernder Pilger und Händler erreichten sie die Schenken, Marktplätze und geheimen Versammlungen der Bauern und konnten dort vorgelesen werden. Und erst nachdem die vielen, vielen lokalen Verhandlungsversuche der Bauern mit Bischöfen und Grafen, mit Äbten und Äbtissinnen zu nichts geführt hatten, gründete man vielerorts bewaffnete Haufen und verabredete sich zur gemeinsamen Aktion."

Hubertus Knabe
hatte vor dem 8. Mai in der FAZ einen der wichtigsten Artikel zum Kriegsende vor achtzig Jahren geschrieben (unser Resümee). Als "Befreiung" betrachtet er es nicht, wie er in seinem Blog nochmal betont: "Was wirklich am 8. Mai 1945 in Deutschland geschah, interessiert heute dagegen nur noch wenige. Ausgeblendet wird auch, dass die Alliierten bis heute an diesem Tag den Sieg über Deutschland feiern - nicht dessen Befreiung. Menschen, die das Kriegsende persönlich erlebt haben und das holzschnittartige Geschichtsbild korrigieren könnten, gibt es kaum mehr. Umso ungebremster erklären sich die später Geborenen zu Befreiten und damit zu Hitlers Opfern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2025 - Geschichte

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Die Bauernrevolution von 1525 war vor allem eine Medienrevolution, schreibt Christian Thomas in der FR, der sich unter anderem auf das Buch von Lyndal Roper zum Thema bezieht. Flugschriften seien das probate Mittel zur Kommunikation gewesen und wesentliches Organ, die Forderungen der Revolutionäre über das eigene Gebiet hinaus zu kommunizieren. "Die Abläufe wurden angeheizt durch einen Meinungskampf, der eine ungeheure Dynamik freisetzte. Es ist keine Evolution in den Medien, die nicht zugleich eine an Aufklärung oder des Aberglaubens wäre, des Arguments oder der Aggression. Der Medienkrieg erklärt die Energien, den Furor für die Freiheit, ebenso wie die Eskalation an Unerbittlichkeit. Alles ging rasend schnell. Das Jahrhundertereignis war ein auf nicht einmal zehn Monate zusammengeballter Tumult. Die Verhältnisse überstürzten sich, so dass man meinen könnte, dass die Menschen, damals nicht mehr wussten, wo ihnen der Kopf stand. Eine Analogie? Bei aller Vorsicht vor anachronistischen Aktualisierungen, so ist dies die vielleicht unheimlichste Vergegenwärtigung, die sich unserer Tage aufdrängt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2025 - Geschichte

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Vor 500 Jahren zogen Bauern durchs Land und stellten politische Forderungen. Ihr Aufstand wurde blutig niedergeschlagen, Thomas Müntzer hingerichtet. Die Historikerin Lyndal Roper erklärt im Interview mit Stefan Reinecke von der taz, wie im Bauernaufstand in den "zwölf Artikeln" Politisches religiös begründet wurde: "Es ging um die religiöse Überzeugung selbst, eine bäuerliche Theologie. Im dritten der zwölf Artikel fordern die Bauern die Abschaffung der Leibeigenschaft und damit ihre Freiheit. Die Begründung lautet: Christus hat alle mit seinem 'kostbarlichen Blutvergießen erlöst', Arme wie Reiche. Deshalb 'ist mit der Schrift bewiesen, dass wir frei sind und sein wollen'. Das ist fantastisch formuliert. Die Abschaffung der Leibeigenschaft wird religiös begründet. Weil nur Gott der Herr ist, darf kein Mensch Herr eines anderen sein. Diese religiös begründete Ablehnung der Leibeigenschaft ist übrigens prinzipiell, während sich die aufklärerische Vorstellung von Freiheit bekanntlich zumindest anfänglich mit der Praxis der Sklaverei vereinbaren ließ."

Außerdem: Etwas antizyklisch erinnert der Historiker Olaf Jessen in der NZZ an die Schlacht von Verdun.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2025 - Geschichte

Russland pflegt am 9. Mai seinen Opferstatus, der Hitler-Stalin-Pakt wird wie immer ausgeklammert. Das nehmen die Osteuropäer zu Recht übel, erklärt der Historiker Gerd Koenen im Interview mit der FR. "Als Deutsche sollten wir uns allerdings klarmachen, dass erst der wahnwitzige Eroberungs- und Vernichtungskrieg Hitler-Deutschlands nach 1939 Stalin, zuerst als Komplizen, dann als Gegner, die Möglichkeit gegeben hat, nicht nur sein eigenes, geschundenes Vielvölkerreich noch einmal terroristisch zusammenzufügen und zu erweitern, sondern sogar ein Moskauer Mega-Imperium zu errichten, das dann bis zur Elbe reichte. Wenn wir von 'deutscher Schuld' reden, umfasst sie nicht nur den 'Holocaust' und die anderen zivilen Massenverbrechen, sondern auch die Eröffnung dieses wahnwitzigen Eroberungskrieges und aller seiner Resultate."

taz-Autor Jan Feddersen stellt sich im Kontext der Erinnerungen an den 8. Mai nochmals die quälende Frage, ob die britischen und amerikanischen Bombardements der Zivilbevölkerung zu rechtfertigen waren, etwa in Hamburg, wo 1943 40.000 Menschen ums Leben kamen: "Geschichtsanklagende, revisionistische Bewegungen wie in Dresden, wo Demonstrationen zum angeblichen 'Bombocaust' registriert werden mussten, gab es in Hamburg nie. Trauer um die Toten musste es, konnte es, auch stadtoffiziell in den Jahren nach 1945, geben. Darf man als Nachkomme einer bei der 'Operation Gomorrha' fast vollständig getöteten Familie zwar auch trauern, aber ebenso sagen: Das biblisch ('eine Operation, bei der Pech und Schwefel vom Himmel fallen') inspirierte Geschehen geschah recht?"