Intervention

Vergottung grenzenloser Gewalt

Von Richard Herzinger
06.02.2025. Alice Weidels Schutzbehauptung, Hitler sei in Wahrheit Kommunist gewesen, ist grotesk: Tatsächlich handelte es sich bei Hitlers Ideologie um eine exzessiv radikalisierte Spielart des "völkischen" Nationalismus und Rassismus. Den Marxismus hielt er für ein "jüdisches" Machwerk. Untergründige Verbindungen zwischen den beiden extremen Ideologien gibt es dennoch: Sie bestehen vor allem im gemeinsamen Hass auf den Westen und die Demokratie.
In ihrem kürzlichen Livestream-Gespräch mit Elon Musk behauptete Alice Weidel, die Kanzlerkandidatin der rechtsextremen AfD, Hitler sei ein Kommunist gewesen. Das ist eine dreiste Geschichtsfälschung. Tatsächlich handelte es sich bei Hitlers Ideologie um eine exzessiv radikalisierte Spielart des "völkischen" Nationalismus und Rassismus. Den Marxismus hielt er für ein "jüdisches" Machwerk, das die "deutsche Volksgemeinschaft" zersetze und daher mit allen Mitteln ausgerottet werden müsse. Entsprechend brutal wurden Kommunisten im Nationalsozialismus verfolgt.

Ebenso frei erfunden ist Weidels Behauptung, Hitler habe die deutsche Wirtschaft verstaatlicht, und sein Regime sei somit sozialistisch gewesen. In Wahrheit hat der "Führer" das Privateigentum nicht angetastet - sofern es sich nicht um jüdisches Eigentum handelte, das "arisiert", das heißt: den Juden geraubt  wurde. Weit davon entfernt, die deutsche Großindustrie zu enteignen, verhalf das NS-Regime ihr mit seiner Vernichtungspolitik zu enormen Extraprofiten.

Der Versuch, Hitler zum Kommunisten zu stempeln, ist freilich nicht neu. Schon lange ist es in Kreisen der Rechten Usus, den Nationalsozialismus der Linken in die Schuhe zu schieben - schließlich sei das Wort "sozialistisch" ja schon im Parteinamen der NSDAP enthalten gewesen. Solche Bestrebungen, sich der dunklen Seiten  der eigenen Ideologiegeschichte zu entledigen, indem man sie kurzerhand dem feindlichen Lager zuschreibt, findet sich spiegelbildlich auch bei vielen Linken - etwa, wenn sie behaupten, der Stalinismus sei in Wahrheit nicht "links", sondern "rechts" gewesen.

Jenseits solcher plumper Verwirrspiele lohnt es sich jedoch, einen näheren Blick auf die ideologischen Überschneidungen und Querverbindungen zwischen Kommunismus und Faschismus beziehungsweise Nationalsozialismus zu werfen, die größer sind als zumeist angenommen. Namentlich im Deutschland der Weimarer Republik kam es immer wieder zu Annäherungen zwischen den beiden totalitären Bewegungen. Auf der extremen Rechten befürworteten in den 1920er Jahren radikale Nationalisten wie Arthur Moeller van den Bruck ein Zusammengehen mit den Kommunisten im Kampf gegen den westlichen Liberalismus, den sie als ihren Hauptfeind betrachteten.

Mit dieser Strömung sympathisierte bis 1926 auch Joseph Goebbels. Hitler selbst lehnte derartige Tendenzen jedoch ab. Gleichwohl gab es bis kurz vor Hitlers Machtergreifung einen "linken Flügel" in der NSDAP um die Brüder Otto und Gregor Strasser, der das antikapitalistische Element in der NS-Ideologie besonders stark betonte. 1932 machte Hitler dieser innerparteilichen Strömung ein Ende. Dennoch kam es im selben Jahr beim Streik gegen die Berliner Verkehrsbetriebe zu einer Aktionseinheit zwischen KPD und NSDAP.

Von kommunistischer Seite propagierte Karl Radek im Auftrag der Kommunistischen Internationale 1923 eine Annäherung der KPD an die extreme Rechte im gemeinsamen Widerstand gegen die französische Besetzung des Ruhrgebiets. Anlass war die Hinrichtung von Albert Leo Schlageter, eines Kämpfers der illegalen "Schwarzen Reichswehr", durch die französischen Besatzungsbehörden. Schlageter wurde daraufhin von der extremen Rechten zum Märtyrer der nationalen Sache verklärt. Sein Erbe sollten die Kommunisten nach Radeks Vorstellung für sich reklamieren, um sich so als die wahre Avantgarde im "nationalen Befreiungskampf" zu profilieren: "Schlageter, der mutige Soldat der Konterrevolution, verdient es, von uns Soldaten der Revolution männlich-ehrlich gewürdigt zu werden." Denn, so Radek weiter: "Wir glauben, dass die große Mehrheit der national empfindenden Massen nicht in das Lager des Kapitals, sondern in das Lager der Arbeit gehört. Wir wollen und wir werden zu diesen Massen den Weg suchen und den Weg finden."

Für einen weiteren Versuch der Kommunisten, die Anhängerschaft der äußersten Rechten für sich zu gewinnen, steht der Name Richard Scheringer. Dieser rechtsextreme Offizier wurde 1930 wegen des Versuchs, in der Reichswehr eine nationalsozialistische Zelle zu bilden, zu eineinhalb Jahren Festungshaft verurteilt. Während er sie verbüßte, wandte sich Scheringer von der NSDAP ab und bekannte sich zur KPD - unter nationalistischen Vorzeichen: nur unter Einbeziehung des "revolutionären Proletariats" könne Deutschland im Kampf gegen die verhassten Westmächte bestehen.

Scheringer fungierte nach dem Krieg als Vorsitzender der KPD in Bayern, ohne seine Befürwortung einer Fusion von kommunistischer und nationalistischer Ideologie jemals ganz aufzugeben. Daran festzuhalten fiel ihm umso leichter, als sich die DDR bis Mitte der 1960er Jahre als die Gralshüterin der deutschen nationalen Identität  gerierte, während sie die Bundesrepublik als "Kolonie" der Westmächte und ihre führenden Politiker als Lakaien westlicher "Fremdherrschaft" denunzierte.

Mit dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 war die Verbrüderung zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus für einen Moment Realität geworden. Doch obwohl der Pakt nicht lange hielt und schnell in mörderische Feindschaft umschlug, stellte er doch mehr dar als nur ein taktisches Intermezzo, sondern offenbarte untergründige ideologische Verbindungen zwischen den beiden totalitären Systemen. Nach einem Besuch in Moskau erklärte Hitlers Außenminister von Ribbentrop, er habe sich dort "wie unter Parteigenossen" gefühlt. Stalin nannte Hitler schon vor dessen Machtergreifung 1933 bewundernd einen "Teufelskerl", und Hitler hielt Stalin für "in seiner Art genial", halte er doch das ganze riesige Sowjetreich "fest in seinem eisernen Griff."

Führerkult und die Vergottung grenzenloser Gewalt wurden gleichermaßen Kennzeichen kommunistischer und faschistischer Diktaturen. Heute ähneln sich autokratische Regime vor allem in ihrer Verschmelzung mit dem organisierten Verbrechen. Und ideologisch sind die extreme Rechte und Linke immer schwerer voneinander zu unterscheiden. Rechts- und linkspopulistische Parteien stützen sich nicht auf geschlossene weltanschauliche Systeme, wie dies bei ihren historischen Vorgängern der Fall war. Aus dem Ideologiefundus des 20. Jahrhunderts suchen sie sich die Versatzstücke heraus, die ihnen für ihre Demagogie jeweils nützlich erscheinen. Zusammengehalten werden sie nicht mehr durch dogmatische Gedankengebäude, sondern von dem Ressentiment gegen die liberale Demokratie.  

Richard Herzinger

Der Autor arbeitet als Publizist in Berlin. Hier seine Seite "hold these truths". Wir übernehmen in lockerer Folge eine Kolumne, die Richard Herzinger für die ukrainische Zeitschrift Tyzhden schreibt. Hier der Link zur Originalkolumne.