Stefan Locke besucht für die FAZ das Konservierungslabor des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau. Allein 110.000 Schuhe gilt es zu erhalten, berichtet Locke, "denn schon bald werden diese materiellen Zeugnisse das einzig Authentische sein, womit sich der industrielle Massenmord an Millionen Menschen im Nationalsozialismus belegen lässt." Schuhe und Koffer "sind es auch, in denen sich heute noch Hinweise auf ihre einstigen Besitzer finden lassen. Manchmal kämen unter Sohlen versteckte Adressen oder Münzen zum Vorschein, die auf die Herkunft schließen ließen, sagt Rosse. Auch auf Koffern aufgetragene Nummern können Auskunft geben. In einem Labor liegt ein verbeulter und halb zerrissener, schwarzer Koffer unter einer Lampe. Mit dickem Pinselstrich und weißer Farbe ist die Nummer AK 322 auf den Deckel geschmiert. 'Das ist die Personennummer', erklärt Rosse. Der Transport, das habe sie ermitteln können, ging im Oktober 1944 von Prag nach Theresienstadt und dann nach Auschwitz. Der Besitzer hat nicht überlebt."
Die Tagebücher der britischen Adligen und Nationalsozialistin Unity Mitford sind in Großbritannien aufgetaucht, berichtet Eva Ladipo in der FAZ. Mitfords Verehrung für Hitler ist kein Geheimnis, hier wird ihre "hemmungslose, geradezu infantile Verliebtheit" nochmal deutlicher: "So schwärmt Unity Mitford - falls sie wirklich die Autorin ist - im Telegram-Stil ein ums andere Mal davon, wie 'sehr süß', 'sehr, sehr süß' und 'einfach süß' der FUHRER (in Großbuchstaben und roter Tinte) wieder war. Sie verzeichnet 139 Treffen mit ihm, davon acht ganz allein mit ihm, zum Teil stundenlang (...)" Die Briten jedoch, so Ladipo, scheinen sich dafür, anders als in der Vergangenheit, nicht besonders zu interessieren: "Doch die Zeiten, in denen das alles zu einer weit entfernten Vergangenheit gehörte, deren Andenken die eigene Gewissheit stärkte, eindeutig auf der siegreichen Seite des Guten zu stehen, sind vorbei. Die extreme Rechte befindet sich nämlich auch in Großbritannien im Aufwind, offenbar ist der alte Witz unter diesen neuen Vorzeichen vorbei."
Bereits im Juli 1944 berichtete die New York Times "zwischen dem 15. April 1942 und dem 15. April 1944" seien "mehr als 1,715 Millionen Juden in zwei 'extermination camps' in 'Upper Silesia' namens Auschwitz und Birkenau ermordet worden", erinnert Sven Felix Kellerhoff in der Welt. Dennoch war die Berichterstattung von Großbritannien über die USA bis Bombay und Jerusalem im Januar 1945 bedeutend zurückhaltender: "Es dürfte an einer Erfahrung gelegen haben, die knapp drei Jahrzehnte zurücklag. Im Ersten Weltkrieg verbreiteten die meisten Blätter in Großbritannien und ab 1917 auch in den USA wüste Propagandabotschaften über die 'Hunnen' und ihre Verbrechen. Zwar gab es vereinzelt wahre Kerne, insbesondere die Massenerschießungen von Zivilisten von Ende August bis Oktober 1914 in Belgien und Nordostfrankreich. Das Meiste aber war frei fabuliert. Aus Sorge, erneut auf Fake News hereinzufallen (auch wenn es dieses Wort noch nicht gab), verbreiteten im Zweiten Weltkrieg die seriösen Zeitungen in den Ländern der Anti-Hitler-Koalition allzu fürchterlich klingende Berichte nicht oder nur sehr abgedämpft."
Im Aufmacher des SZ-Feuilletons erzählt Bernhard Heckler von den Absurditäten seines Besuches in der Gedenkstätte in Auschwitz: "Im Hotelzimmer liegt eine Broschüre mit dem Titel 'Kraków Must See'. Gleich auf der ersten Seite wird Auschwitz-Birkenaubeworben. Ab 70 Euro, Abholung beim Hotel in einem klimatisierten Van, Englisch sprechender Fahrer. Direkt auf der zweiten Seite folgt das Angebot für einen Ausflug zu einer 'ExtremeShootingRange': 'Lernen Sie auf dem größten Schießstand in Krakau, wie man mit bis zu 33 verschiedenen Waffentypen umgeht und schießt, darunter auch Kalaschnikow-Gewehre des Typs AK 47. Genießen Sie nach dem Schießtraining ein kaltes Bier.'"
Bestellen Sie bei eichendorff21!Franziska Augstein hat eine Biografie über Winston Churchill geschrieben. Im Tagesspiegel-Gespräch erzählt sie von Churchill als Privat - und als Staatsmann. So bewundernswert seine politischen Leistungen aber seien, ein bisschen abwinken muss man schon, sagt die Tochter ihres Vaters: "Churchills Raison d'être war das Empire, so wie es in seiner Jugend gewesen war: ein saturiertes Kolonialreich, das es zu bewahren galt. Gegen Diktaturen jenseits des Empire hatte er an und für sich nichts einzuwenden. Bis weit in die Dreißiger Jahre hat er Mussolini und auch Hitler für ihre harte Hand im Umgang mit den verhassten Linken gepriesen. Den spanischen Diktator Franco protegierte er noch, als seine eigenen Leute ihm sagten, das britische Interesse erfordere diese Unterstützung nicht mehr." Und der hat uns vor Hitler gerettet?
Für die tazresümiert Klaus Hillenbrand die von der Berliner Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz organisierte Diskussion "Nach der Shoah - und dann?", bei der neben dem Historiker Volker Weiß auch Berlins Ex-Senator Klaus Lederer sprach. Der sprach nicht nur über die "Erlösungstheologie" in der DDR, "die das eigene Volk von jedweder Schuld befreite und dafür sorgte, dass man über Rechtsradikalismus und Antisemitismus gar nicht erst reden musste", sondern kam auch auf antisemitische Tendenzen in der Linken zurück: "Er machte keinen Hehl aus seiner Befürchtung, Linke seien auf dem Weg weg von der Aufklärung hin zur Reaktion. Mit Behauptungen wie 'Free Palestine from German Guilt' werde offen für Geschichtsrevisionismus geworben. Weil der direkte Antisemitismus in Deutschland verpönt sei, mache sich dieser über den Umweg Israel breit. Wer als Linker zu geringen Differenzierungen neige, für den sei der Judenhass als 'Erlösungsideologie' eine Alternative zu umständlichen Erklärungen des Geschehens im Nahen Osten. Einfache Antworten lägen bei manchen Linken heute im Trend, so Lederer: 'gut gegen böse, schwarz gegen weiß, gegen jede Differenzierung'. Dieses Denken habe durchaus Ähnlichkeiten mit Rechtsradikalen und es schließe Solidarität mit Juden aus."
Wolfgang Krischke resümiert indes auf den Natur und Wissenschaften-Seiten der FAZ eine Tagung im Lüneburger Nordost-Institut, die sich den Fragen "Warum sind einerseits Demokratisierungsbestrebungen in Russland immer wieder gescheitert? Und warum konnten sich andererseits in den baltischen Staaten, in Polen, Finnland und der Ukraine tragfähige demokratische Staatsformen herausbilden?" widmete: "Ein Schlüsselbegriff der Tagung war die 'Zivilgesellschaft' als entscheidender Faktor für das Entstehen demokratischer Staatsformen."
Weitere Artikel: In der taz-Schlagloch-Kolumne schlägt Charlotte Wiedemann vor, dass sich "eine hochrangige jüdische Delegation aus Deutschland auf den Weg nach Namibia" macht, "um Ovaherero und Nama mit den Worten 'Wir verstehen euren Schmerz' zur Seite zu stehen."
Am 27. Januar 2025 jährt sich die Befreiung des KZ Auschwitz zum Achtzigsten Mal. Nils Minkmar berichtet in der SZ von einer Veranstaltung zum "Tag des Gedenkens" in Frankfurt: "Es ist ein Tag der dialektischen Erörterung: Einerseits zeigt sich das jüdische Leben in Deutschland in großer Vielfalt, ist munter und selbstbewusst, andererseits findet es hinter hohen Mauern statt. Die Veranstaltung selbst lieferte den Beweis dieser These: spannendste Debatten, aber vor den Fenstern, Mauern und Polizei. Warum ist es nicht gelungen, für jüdische Menschen hierzulande eine Normalität und Selbstverständlichkeit zu garantieren?"
2025 wird auch ein Jahr sein, an dem an Flucht und Vertreibung von Deutschen aus ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reichs erinnert wird. Gundula Bavendamm, Direktorin der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin, erzählt auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ unter anderem, wie unterschiedlich die Flüchtlinge in West- und Ostdeutschland behandelt wurden - im Osten durften sie sich nicht mal so nennen: "Schon im Oktober 1945 benannte die sowjetische Besatzungsmacht ihre Flüchtlingsbehörde in Zentralverwaltung für deutsche Umsiedler um. Die anhaltende Massenvertreibung auf diese Weise zu verharmlosen war Programm und sollte jede Hoffnung auf Rückkehr nehmen. 1948/49 wurde die Ost-Berliner Sonderverwaltung abgeschafft. Politisch stand alles unter der Kontrolle Moskaus, eine öffentliche Diskussion über die Verantwortung der Sowjetunion und ihrer Vasallen für die Vertreibungen war mithin ein Tabu."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Sozialwissenschaftler Timm Graßmann befasst sich in seinem aktuellen Buch "Marx gegen Moskau. Zur Außenpolitik der Arbeiterklasse" mit Marx' kritischer Sicht auf das autokratische Russland und dessen Begeisterung für Polen. Viele Linke würden vergessen, dass Marx "auch ein großer Analytiker und Gegner von autoritären Staatsformen war und Demokratie, die er politische Emanzipation nennt, verteidigte", sagt er im taz-Gespräch mit Yelizaveta Landenberger. So sah Marx "in der Geschichte der russischen Politik zwei Konstanten, nämlich Autokratie und eine Außenpolitik der systematischen Übergriffe, die man als imperialistisch oder expansionistisch bezeichnen könnte - Territorien erobern als Ausdruck nationaler Größe, womit immer auch die Zerstörung schon bestehender politischer Einheiten einhergeht. Ein Moment, das diese beiden Konstanten verbindet, ist, dass Russland Demokratien oder Republiken auslöscht und damit versucht, diesen Freiheitsgeist, der irgendwo außerhalb Russlands der Flasche entwichen ist, wieder da hineinzubekommen - um so zu verhindern, dass er jemals in Russland auftaucht. In einer Rede auf einem Londoner Polenkongress 1867, einer Solidaritätsveranstaltung mit dem damals geteilten Polen, sagte Marx deshalb wortwörtlich, Europa habe nur eine Wahl: Polen wiederherstellen oder Barbarei."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im epischen FR-Gespräch erläutert der Osteuropa-HistorikerJörg Baberowski, dessen Buch "Der sterbliche Gott" über das russische Zarenreich vergangenes Jahr erschienen ist, weshalb Russlands Weite der Autokratie den Boden bereitete, warum die "Vordenker des eliminatorischen Antisemitismus vor allem in Russland zu Hause" waren und weshalb sich Putins Herrschaft von jener der Zaren unterscheidet: "Die Herrschaft Nikolais I. ruhte auf dem Fundament von Autokratie, Adel und dynastischer Integration. Die meisten Untertanen des Zaren waren Leibeigene. Im Zeitalter von Demokratie und Diktatur aber legitimiert sich Herrschaft im Verweis auf den vermeintlichen Willen des Volkes. Nicht einmal autoritäre Ordnungen können es sich noch leisten, Stimmungen, Meinungen und Bedürfnisse zu ignorieren, und sie geben sich große Mühe, ihr Handeln als Ausdruck des Volkswillens auszustellen, Gefolgschaft und Unterstützung für sich zu mobilisieren und die Bürger bei guter Laune zu halten. Auch Diktaturen stützen sich auf Partizipation, soziale Mobilität und Zustimmung, weil es viele Menschen gibt, die ein Interesse daran haben, zu gehorchen. Zwar beruft sich Putin auf das imperiale Erbe der Sowjetunion, aber seine Herrschaft hat sich von den Traditionen des sozialistischen Staates längst gelöst. ... Putins Macht beruht auf dem Geheimdienst, in dem er selbst sozialisiert worden ist und der sich das staatliche Gefüge weitgehend unterworfen hat."
"Wie allen ikonoklastischen Bewegungen ist auch der postkolonialen Theorie das Schicksal nicht erspart geblieben, in Teilen selbst zu erstarren und einzelne Denker zu Ikonen zu erheben", halten der HistorikerRobert Gerwarth und der HistorikerStephan Malinowski in der Zeit fest. Was die Debatte um das Verhältnis zwischen Kolonialismus und Holocaust angeht, wird sie nicht mehr "allein von rechts bestritten, sondern auch von einer linken, tendenziell jungen, global vernetzten akademischen Elite und ihren aktivistischen Vereinfachern." Am "Antikolonialismus geschulte Intellektuelle haben eurozentrische und mit kolonialen Traditionen verklebte Weltbilder oft treffend kritisiert. In Teilen aber ist die sich als progressiv verstehenden Lehre, die einst gegen die 'großen Erzählungen' angetreten war, selbst zu einer solchen geworden. Diese erbringt längst die Leistungen aller Ideologien: Sie bietet einfache Antworten für komplexe Realitäten und eine binäre Trennung von Gut und Böse an. In diesem Fall die Imagination eines zeitlos unterdrückten 'Globalen Südens', der sich zwar nicht präzise lokalisieren lässt, dafür aber gegen einen vermeintlich ewigen Kolonialismus steht, der historisch den NS-Staat und seine Verbrechen einschließt und in der Sicht nicht weniger Autoren in der angeblichen Kolonialmacht Israel kulminiert."
Gestern griffen wir eine Meldung der Jüdischen Allgemeinen auf, dass das niederländische Zentralarchiv Akten über die Kollaboration Hunderttausender Niederländer an der Vertreibung und Ermordung von Juden online stellt (Unser Resümee). Nun hat die Datenschutzbehörde ein Veto eingelegt, berichtet Tobias Müller in der taz und kommentiert: "Dass eine allgemeine Öffnung der Archive nur in Übereinstimmung mit datenschutzrechtlichen Bestimmungen geschehen kann, ist unbestritten. Rechtsstaatliche Bestimmungen sind dazu da, um sie einzuhalten. Es wird weitere Verhandlungen benötigen zwischen Angehörigen von Opfern und Täter*innen sowie juristischen und historischen Expert*innen, um sich auf die Modalitäten einer vollständigen Öffnung der Archive zu verständigen. Dieses Ziel nämlich wird zwar vorerst aufgeschoben, deswegen aber nicht aufgehoben - und das sollte es auch nicht."
Ab heute können niederländische Bürger das Zentralarchiv des Landes konsultieren, um herauszufinden, wie sich ihre Vorfahren in der Zeit der deutschen Besatzung verhalten haben. In dem Land hatte es eine umfassende Kollaboration gegeben, erinnert die Jüdische Allgemeine in einer Meldung: "Mehr als 75 Prozent der jüdischen Bevölkerung der Niederlande - etwa 103.000 Menschen - wurden von den Nazis mithilfe der Behörden und Teilen der Bevölkerung ermordet. Es wird erwartet, dass die Identität von Hunderttausenden niederländischer Bürgerinnen und Bürger, die mit den Nazis kollaborierten und neben anderen Verbrechen zur Ergreifung von Juden beitrugen, aufklärbar wird. ... Die Datenbank mit dem Namen "Oorlog voor de Rechter" (Der Krieg vor Gericht) enthält die rund 485.000 Akten des Centraal Archief Bijzondere Rechtspleging."