9punkt - Die Debattenrundschau

Innere Spaltungen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.03.2019. Betrachtet die deutsche Kulturpolitik den Kolonialismus als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit"? Jedenfalls ist diese Formulierung aus einer Erklärung der Kulturminister zum Thema Restitution verschwunden, berichtet die FAZ. Einige der schönsten Skulpturen kommen von Völkern, die mit Sklaven handelten - an wen soll man restituieren, fragt ebenfalls die FAZ. Das Brexit-Referendum "war eine so perfekte Zusammenfassung britischer Makel, dass es fast künstlerisch anmutet", meint auf Zeit online der britische Schriftsteller und Musiker Musa Okwonga. Die NZZ druckt ein Interveiw des 2015 gestorbenen René Girard nach, der seine Theorie des Sündenbocks erklärt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.03.2019 finden Sie hier

Europa

Der Warschauer Bürgermeister Rafal Trzaskowski möchte eine 12-Punkte-Erklärung für die Rechte Homosexueller durchsetzen und stößt damit selbstredend auf den Widerstand der regierenden Populisten von der PiS-Partei. Jan Cienski vermutet in politico.eu, dass die PiS-Partei das Thema nutzen könnte wie im Jahr 2015 das Thema Migration, auch um die Opposition, die sich unter dem Label  "Europäische Koalition" für die Europawahl zusammengeschlossen hat, zu spalten. Zwar ist auch Donald Tusks Bürgerplattform in diesen Fragen liberaler geworden. Und "dies funktioniert sehr gut in den großen liberalen Städten, die den Kern ihrer Wählerplattform bildet, inklusive Warschau wo Trzaskowski seinen PiS-Rivalen im letzten Jahr bei einer Wahl überflügelte. Die Partei ist zugleich von links bedroht von der Frühlingspartei des offen schwulen Robert Biedron, aber sowohl in der Bürgerplattform als auch in der Europäischen Koalition insgesamt verbleiben doch traditionelle Konservative."

Das Brexit-Referendum "war eine so perfekte Zusammenfassung britischer Makel, dass es fast künstlerisch anmutet", meint auf Zeit online der britische Schriftsteller und Musiker Musa Okwonga. "Einige Bürgerinnen und Bürger wollten das Land schon immer auf eine Armlänge Abstand zum Kontinent haben. Es ist ein merkwürdiger und einzigartiger Widerspruch: eine stolze globale Macht und eine vorsichtige kleine Insel; eine Gesellschaft, die an der Oberfläche lebhaft und multikulturell erscheint, im Grunde aber Angst hat, von außen überrannt zu werden. Das hat Tradition: Der Journalist Ian Cobain stellte in seinem Buch The History Thieves fest, dass allein im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in Großbritannien etwa 300 Invasionsromane veröffentlicht wurden."

Viel spricht dafür, dass Geld aus unbekannten Quellen in die Konten großer Spender für den Brexit wie etwa den Millionär Arron Banks gelaufen ist, schreibt Anne Applebaum. Britannien wäre dann auch Opfer seines eigenen Finanzsystem geworden: "Die Wahrheit ist, dass Großbritannien zu einem Ort geworden ist, an dem undurchsichtiges Geld aus unbekannten Quellen mit einem selbstgefälligen Achselzucken akzeptiert wird. London ist die Welthauptstadt des Offshore-Bankings, Heimat der anspruchsvollsten Buchhalter und Anwälte; ein Drittel der britischen Milliardäre hat diese Dienstleistungen in Anspruch genommen und Geld außerhalb der Reichweite des Staates bewegt, so ein Bericht vom Donnerstag in der Times of London."

Recht bizarr lesen sich die Ausführungen des Historikers Brendan Simms, der am Freitag eine "Denk ich an Deutschland"-Konferenz der FAZ und der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft eröffnen wird. Seine Eröffnungsrede ist in der FAZ vorabgedruckt. Er findet ausgerechnet jetzt, dass sich die EU ein Vorbild am Vereinigten Königreich nehmen soll, in das sich ja Nationen wie Schottland eingereiht hätten. Stattdessen werfe Deutschland Britannien "Rosinenpicken" beim Brexit vor: "Aber die Bundesrepublik möchte im Bereich der Verteidigung Rosinen picken, indem sie alle Vorteile der kollektiven Verteidigung genießt und sich weigert, ihre Pflichten gegenüber der Nato zu erfüllen. Deutschland wirft Großbritannien Nationalismus vor und unterstützt dennoch in Nordirland (über den 'Backstop' im Austrittsvertrag) den irischen Nationalismus gegen den britischen und auf der Iberischen Halbinsel den spanischen Nationalismus gegen den katalanischen."
Archiv: Europa

Internet

Ein Netz wie Facebook kann auf die Dauer durchaus zusammenbrechen. Netzwerken wie MySpace, Friendster oder dem ungarischen, einst sehr erfolgreicheh iWiW ist das längst passiert. Die Gesetzmäßigkeiten werden erforscht und sind äußerst komplex, schreibt Niels Boeing in einem Hintergrundstück für Zeit online unter Bezug auf den ungarischen Datenforscher Laszlo Lörincz, der den Zusammenbruch von iWiW durch die Isolation von einigen großen Insiderklicken erklärt, die den Bezug zu den übrigen Nutzern verloren hätten: "Lörincz hat noch eine weitere Beobachtung gemacht, die den Strategen von Facebook Kopfzerbrechen bereiten dürfte: Der Zusammenbruch kündigte sich in der zeitlichen Analyse der Daten nicht an. Das ähnelt dem Verlauf von außergewöhnlich schweren Erdbeben: Sie bauen sich von immer häufigeren kleineren über mittelschwere Erdbeben auf. Sie sind plötzlich da - ohne eine Vorwarnzeit von Tagen, Wochen oder gar Monaten."
Archiv: Internet
Stichwörter: Facebook, Soziale Netze

Ideen

Die NZZ hat ein langes Interview von 2005 des Kulturphilosophen Robert Pogue Harrison mit dem inzwischen verstorbenen Anthropologen René Girard übersetzt. Es geht um den Sündenbock in den Religionen, um Heidegger, der einst sagte: "Nur ein Gott kann uns retten" und um das Heilige: "Die Sakralisierung, die Heidegger fordert, ist eine Rückkehr zum Archaischen, und das ist ihm klar. Deshalb weiß er auch, dass es unmöglich ist. ... Das Moderne ist, entgegen Heideggers Auffassung, nicht schlecht. Es ist die Schlechtigkeit der Menschen, die es schlecht werden lässt; aber an sich ist es gut. Es ist eine Entwicklung, die dem Menschen mehr Intelligenz, mehr Menschlichkeit bringt - denn allen negativen Aspekten der Welt zum Trotz ist unsere Welt in vieler Hinsicht die beste, die wir je gekannt haben. Darum ist es diese Welt, die gerettet werden muss. Und sie kann nur gerettet werden, wenn die Menschen besser miteinander auskommen."

Heinz Bude, der gerade ein Buch zum Thema veröffentlicht hat, erklärt im Interview mit der SZ, warum er Solidarität für einen wichtigeren Begriff hält als Gerechtigkeit oder Empathie: "Der Sozialstaat braucht Gerechtigkeitserwägungen, die im Prinzip für alle Beteiligte einsichtig sind und deshalb verpflichtend gemacht werden können. Aber er geht unter, wenn er nicht durch ein Solidaritätsbestreben in der Gesellschaft gehalten wird. Solidarität bindet und moderiert Gerechtigkeit. Die Solidarität der Staatsbürger kommt zum einen für die Kosten der Zuerkennung sozialer Rechte auf. Sie kann zum anderen aber auch einen gewissen Takt bei der Wahrnehmung sozialer Rechte verlangen. Es gibt eine unausgesprochene Reziprozitätsregel im Solidaritätsempfinden, die explizite Rechte an implizite Pflichten bindet."

Am Wochenende hat sich die ehemalige Freien Volksbühne, heute Haus der Berliner Festspiele, als Palast der Republik inszeniert, und ein Diskurswochenende abgehalten - mit vierzig Veranstaltungen, Runden Tischen, Performances und prominenten Intellektuellen, die sich fragten, wie wir die Revolution doch noch hinbekommen könnten: "Der Palast-Wiedergänger hat sich lustigerweise mitten in der Westberliner Gemütlichkeit angesiedelt, im gutbürgerlichen Bezirk Wilmersdorf. ... Das ist ein gelungener postideologischer Witz", spottet Peter Laudenbach, der für die SZ da war. "Dass ideologisch gefestigte Neomarxisten wie die Benjamin-Expertin Susan Buck-Morss, ein Star im akademischen Feld, eingeladen werden, hier ihre revolutionsromantischen Runden zu drehen, hat eine eigene Ironie, für die der altmodische Begriff der 'repressiven Toleranz' zu harmlos ist. Eher handelt es sich um das Vertrauen aller Beteiligten darauf, dass die kultiviert vorgebrachten Radikalismen garantiert folgenlos bleiben, aber das Diskurs-Event schmücken." (Mehr zu dem Wochenende in Berliner Zeitung und Tagesspiegel)
Anzeige
Archiv: Ideen

Politik

Nicht sehr optimistisch kommentiert Kamel Daoud im Guardian die Lage in Algerien: "Das Regime setzt auf Angst und Ermüdung der Demonstranten. Und wenn das Sicherheitsargument nicht verfängt, setzt der Clan von Algier auf ein anderes: die Alternativlosigkeit. Die Leidenschaft der Opposition auf der Straße hat etwas Erhabenes. Eine solche Gemeinschaftlichkeit wurde in Algerien noch nie gesehen. Sie repräsentiert die Wiederentdeckung des Stolzes und einer Stimmgewalt, die die Welt überrascht. Aber es bleibt bei einer Kollektion von Slogans, einem Ausdruck der Zorns ohne Alternativen." Boualem Sansal dagegen misstraut dem friedlichen Bild der Demonstrationen im Gespräch mit Jürg Altwegg in der FAZ: "Die Demonstrationen sind so vorbildlich verlaufen, dass es irgendwo einen Dirigenten geben muss."

Im Interview mit der FR sieht Francis Fukuyama aller berechtigten Kritik zum Trotz noch kein Land am Horizont, das den USA wirklich ihren Führungsanspruch streitig machen kann: China, gut, "aber wir neigen dazu, die Schwächen des chinesischen Systems zu übersehen. Die einzige Legitimation der Kommunistischen Partei ist ihr wirtschaftlicher Erfolg. Niemand weiß, was passiert, wenn der nachlässt. .... In Iran oder Saudi-Arabien zum Beispiel gibt es mehr Universitätsabsolventinnen als -absolventen. Das wird diese Länder schwer erschüttern. Sie sind doch nur attraktiv für fundamentalistische Muslime. Das gilt auch für das Modell China. Ein paar Führern mag es attraktiv erscheinen, aber die normalen Menschen möchten nicht leben wie die Chinesen. Woran ich vor zwanzig Jahren wirklich nicht dachte, das sind die überall an die Oberfläche kommenden Viktor Orbáns. Demokratische Mehrheiten werden genutzt, um gegen Minderheiten vorzugehen. Das macht mir derzeit die größten Sorgen."
Archiv: Politik

Gesellschaft

Der Blogger Lucas Schoppe stellt sich in einem Essay  zur Debatte um gendergerechte Sprache die Frage, warum die Grünen das Genderisierungsgebot so viel überzeugender repräsentieren als die Sozialdemokrat*innen, die es doch mit gleichem Eifer betreiben, bei ihrer Klientel aber nicht so gut ankommen: "Der Streit um die genderpolitisch korrekte Sprache ist .. tatsächlich keiner zwischen Frauen und Männern, sondern einer um die Durchsetzung milieuspezifischer Geltungsansprüche. Was aus der Innenperspektive des dabei tonangebenden Milieus als moralisch geboten, fraglos stimmig und längst überfällig erscheint, muss aus anderer Perspektive als ein Ausdruck von Machtansprüchen dastehen."

Es hat geklappt mit der Verleihung des Göttinger Friedenspreises an Iris Hefets von der "Jüdischen Stimme für gerechten Frieden" (unsere Resümees), berichtet Reimar Paul in einer Randnotiz in der taz. Preisträgerin Iris Hefets hat in ihrer Dankesrede skizziert, wie ihrer Ansicht nach die Debatte über Israel funktioniert: "Die Rechte der Palästinenser werden verletzt, es findet ein politischer Protest dagegen statt, die deutsche Presse findet - oder erfindet - einen antisemitischen Vorfall und am Ende wird von Antisemitismus geredet und diesbezüglich agiert, womit der ursprüngliche Protest erstickt ist."
Archiv: Gesellschaft

Kulturpolitik

Die kulturelle Blüte des Königreichs Benin verdankt sich dem Sklavenhandel, in den es verwickelt war, schreibt Andreas Kilb in der FAS: "Die Restitution von Bronzen an die Königsfamilie wäre ein ebenso unüberlegter wie unhistorischer Akt. Die Nachfahren der Igbo, deren Vorväter mit ihrer Freiheit für die Kulturblüte Benins bezahlt haben, hätten ebenso viel Anrecht auf die Objekte wie die Herrscher von Benin City. Als Symbole 'nationaler Identität', wie sie von gutgläubigen Kulturpolitikern immer beschworen wird, dürften die Bronzen erst dann taugen, wenn Nigeria seine inneren Spaltungen überwunden hat."

Die Kulturministerkonferenz wird in dieser Woche erstmals zum Thema tagen, meldet unter anderem die taz. Darüber berichtet auch Patrick Ba in der FAZ. Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder und früherer Direktor des Vorderasiatischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin, hat im Auftrag der Kulturminister für die Konferenz der Minister eine "Gemeinsame Erklärung" verfasst, die Bahners in der FAZ liest. In einer ersten Version, so Bahners, stand da: "Die Bundesregierung, die Länder und die Kommunen erkennen an, dass Kolonialismus ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit war." Aber dabei ist es nicht geblieben, so Bahners: "Nach der ersten Beratung mit den Vertretern des Bundes wurde das Papier überarbeitet. In der neuen Fassung, die dieser Zeitung ebenfalls vorliegt, ist der erste Satz gestrichen. Der Kolonialismus wird nicht mehr als 'Verbrechen gegen die Menschlichkeit' bezeichnet und nicht mehr als 'System der Unrechts- und Gewaltherrschaft' verurteilt."