9punkt - Die Debattenrundschau

Haupt- und Staatsaffären eines winzigen Staates

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.04.2016. Im Blog der LRB greift Adam Shatz die französische Autorin Elisabeth Badinter an, die westliche Kleidungsmarken mit islamistisch korrekter Mode boykottieren will: Ihr Feminismus passe bestens in eine "lange Geschichte weißer Männer, die braune Frauen vor braunen Männern retten" wollen. In der FR erklärt der Politologe Carsten Frerk die ungeheuren Privilegien der Kirchen in Deutschland. Zeit online schildert den erbitterten Streit zwischen Italien und Ägypten um den zu Tode gefolterten Journalisten Giulio Regeni. In der FR erzählt Arno Widmann die Operette des Frühkommunismus.

Ideen

Die untergründige Debatte zwischen multikulturalistischen Intellektuellen Großbritanniens und der USA und laizistischen Intellektuellen in Frankreich spitzt sich immer mehr zu - es wäre sicher amüsant, all diese wohlmeinenden Leute mal zu einem Kongress einzuberufen! Im Blog der LRB greift Adam Shatz nun die französische Feministin Elisabeth Badinter an, die zum Boykott westlicher Kleidungsmarken, die islamistische korrekte Kleidung anbieten, aufrief (unser Resümee). Sie leiste einen "robusten Beitrag zu jener Gleichsetzung zwischen Islam und muslimischen Bürgern", die sie selbst am Begriff der "Islamophobie" kritisiere. Und die laizistische Linke entfalte eine "taktische Zweideutigkeit, die an jene Intellektuellen des 19. Jahrhunderts erinnert, die den Einfluss des Judaismus in Frankreich beklagten und die Kritik des Antisemitismus im Namen der Meinungsfreiheit zurückwiesen." Aber "Badinters Fall ist noch komplizierter. Sie bettet ihre Position in die fortschrittliche Sprache des säkularen Feminismus... Der Wunsch, muslimische Frauen zu befreien, passt bestens in eine lange Geschichte 'weißer Männer, die braune Frauen vor braunen Männern retten' (wie es Gayatri Spivak ausdrückte): ein koloniales Projekt, das nun neu erfunden wird."

So denken allerdings nicht nur angelsächsische Intellektuelle. Ähnlich sieht es in Libération etwa auch die französische Grünen-Politikerin Esther Benbassa: "Was diesen überholten Großmutter-Feminismus angeht, so scheint er doch kaum auf der Höhe des Bildes, das Frauen heute von ihrer Identität haben", denn "keusche Mode" sei keineswegs nur islamisch. Alles unter der Überschrift: "Der Schleier ist nicht entwürdigender als der Minirock."

Außerdem: In der SZ portrtiert Arne Perras den indischen Studentenführer Kanhaiya Kumar, der von einer Abschaffung des Kastenwesens und einem demokratischen Kommunismus träumt.
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Religion

Der Politologe Carsten Frerk erklärt im Gespräch mit Katja Thorwarth, in der FR, warum es den Kirchen - besonders der katholischen - so leicht gelingt, sich bei Fällen von sexuellem Missbrauch der staatlichen Justiz zu entziehen: "Es geht um den Artikel 4 des Grundgesetzes und ganz entscheidend darum, dass 1949 von den Weimarer Kirchenartikeln ein Absatz zur Religionsfreiheit nicht übernommen wurde. Darin heißt es, dass durch die Religionsfreiheit Staatsgebote nicht beeinträchtigt werden, Gesetze also Vorrang vor Religionsgeboten haben. Das wurde einfach gestrichen. Die Sonderrolle der Kirche ist nur möglich, weil dieser eine Satz nicht übernommen worden ist."
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Politik

Auf Zeit online berichtet Martin Gehlen über die absurden Verschleierungstaktiken der ägyptischen Behörden im Fall des in Kairo ermordeten italienischen Studenten Giulio Regeni. Die italienische Ärzte, die den Leichnam endlich obduzieren konnten, fanden Spuren von acht Tagen entsetzlicher Folterungen. Und Regeni ist bei weitem nicht der einzige, der verschwand, gefoltert oder ermordet wurde: "Schockiert sprach Innenminister Angelino Alfano von 'unmenschlicher und animalischer Gewalt'. Und so entwickelt sich der Fall Regeni immer mehr zu einem außenpolitischen und wirtschaftlichen Desaster für Ägypten, wo in dem seit der Machtübernahme durch Ex-Feldmarschall Abdel Fattah al-Sissi willkürliche Verhaftungen, systematische Folter und politisch motivierte Morde mittlerweile beinahe täglich geschehen. Am Montag veröffentlichte die italienische Zeitung Corriere della Sera eine Namensliste mit 533 Ägyptern, die in den letzten acht Monaten von Sicherheitskräften verschleppt wurden und von denen 396 bisher nicht wieder aufgetaucht sind."

Vor einigen Wochen wurde im pakistanischen Punjab ein Gesetz verabschiedet, dass Gewalt gegen Frauen - auch gegen Ehefrauen! - unter Strafe stellt. Dagegen hat sich jetzt ein Koalition aus 30 religiösen und politischen Oppositionsparteien gebildet, die das Gesetz als "unislamisch" wieder abschaffen will. Auch der von der Regierung eingesetzte Rat für Islamische Ideologie ist gegen das Gesetz, erklärt der pakistanische Autor Mohammed Hanif in der New York Times: "Nicht nur Parteien wenden sich gegen das Gesetz: Der von der Regierung eingesetzte Islamrat hat es ebenfalls als unserer Kultur und Religion widersprechend eingestuft. Die Aufgabe des Rats ist es einzuschätzen, ob die Gesetze des Landes mit der Scharia übereinstimmen. Aber in Wahrheit ist das nur ein Haufen alter Männer, die Angst haben, dass all diese Frauen sie ins Bett ziehen wollen. Vielleicht gibt es darum keine frommen alten Frauen in diesem Rat, obwohl daran kein Mangel ist. Die früheren Entscheidungen des Rats besagten, dass Männer eine Minderjährige heiraten dürfen, dass sie ihre erste Frau nicht um Erlaubnis fragen müssen, wenn sie eine zweite heiraten wollen und dass Frauen Vergewaltigung in der Ehe nicht nachweisen können. Es ist der wohl privilegierteste dreckige-alte-Männer-Club des Landes."
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Geschichte

Brüssel ist nicht zum ersten Mal Hort sich streitender, um Macht und Einfluss kämpfender, radikaler Migranten, erzählt Arno Widmann in der FR am Beispiel von Karl Marx, der sich mit Zähnen und Klauen eine Position in der dortigen Emigrantenszene zu sichern suchte: "Marx' Versuch, sich mit einem selbstgegründeten Kommunistischen Korrespondenz-Komitee eine eigene Organisation aufzubauen, scheiterte. Mangels Nachfrage. Also kaperte er Wilhelm Weitlings 'Bund der Gerechten'. Marx und Engels und noch ein paar ihrer Kampfgenossen traten dem Handwerkerverein bei und übernahmen ihn. Der Club wurde umbenannt in 'Bund der Kommunisten', und Marx bekam den Auftrag, für diese Organisation eine Grundsatzerklärung, ein Manifest zu verfassen. So entstand das 'Manifest der Kommunistischen Partei'. Man weiß nicht, wie viel Mitglieder der Bund der Kommunisten hatte. Sollten es 200 in ganz Europa gewesen sein, es wären viele. [...] Das Operettenhafte dieser Vorgänge ist fast Stunde für Stunde nachzuvollziehen. Jeder kennt jeden. Jeder belügt jeden und dauernd öffnen und schließen sich lautstark Türen. Dass es die Haupt- und Staatsaffären eines winzigen Staates sind, macht sie nicht weniger lebensgefährlich."

Ein Museum, das christlichen Polen gewidmet ist, die im Zweiten Weltkrieg Juden halfen, ist nur Ausdruck der neuen nationalistischen Geschichtspolitik in Polen, schreibt Joseph Croitoru in der FAZ, der sich auf den kritischen Holocaust-Historiker Jan Grabowski, bezieht: "Grabowski hält dem polnischen 'Institut für Nationales Gedenken' (IPN) vor, es versuche, immer mehr Polen ausfindig zu machen, die Juden gerettet hätten, um die polnische Opferrolle zu zementieren. Diese Sichtweise könnte sich auch bei der Gestaltung des Ulma-Museums in Markowa durchsetzen, warnte der Historiker."
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Medien

Theresa Locker und Max Hoppenstedt wenden sich in Vice gegen Verschwörungstheorien von Telepolis (hier) bis Wikileaks gegen die Arbeit des "Panama-Paper"-Konsortiums: "Es ist ein pikierter Versuch der Diskreditierung langjähriger, harter Arbeit und einer beispiellosen Kooperation zwischen Medien, die an jedem anderen Tag im Jahr eigentlich durch die Regeln des Wettbewerbs in Konkurrenz zueinander stehen."
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Urheberrecht

Die Wikipedia darf demnächst keine Bilder von öffentlichen Gebäuden mehr publizieren, entschied das höchste Gericht Schwedens - das damit laut Leonhard Dobusch in Netzpolitik eine EU-weiten Regelung zuvorkommt: "Die schwedische Verwertungsgesellschaft für Bildkunst, Bildkonst Upphovsrätt i Sverige (BUS), hatte den schwedischen Wikimedia-Verein geklagt, weil dieser unter Offentligkonst.se offen lizenzierte und gemeinfreie Fotos von Kunstwerken im öffentlichen Raum geodatenbasiert angeboten hatte." Mehr zum Thema im Blog der Europaparlamentarierin Julia Reda.
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Gesellschaft

In der Welt wünscht sich Henryk M. Broder manchmal die Probleme von gestern wieder. Als ein Adenauer noch öffentlich dazu auffordern konnte, die "Lümmel" zu verprügeln, die eine Synagoge mit Hakenkreuzen beschmiert hatten: "Im Adenauer-Deutsch, also dem rheinischen Singsang, klang das nicht so brutal, wie es sich heute liest. Und da damals der Begriff 'political correctness' ebenfalls noch unbekannt war, blieb ein 'Shitstorm' aus. Es meldete sich niemand zu Wort, um den Kanzler zu belehren, dass dies möglicherweise ein Akt von 'Israelkritik' gewesen sein könnte. Ein Hakenkreuz war ein Hakenkreuz und der Antisemitismus nicht, wie man heute sagt, 'in der Mitte der Gesellschaft angekommen', wo er von Motivforschern, Psychologen und Soziologen in Empfang genommen und so lange untersucht wird, bis er sich in soziokulturellen Feinstaub verwandelt hat."

Ähnlich geht es Jagoda Marinic, die sich in der taz an den Kopf fasst nach der Lektüre eines Artikels von Umberto Eco aus dem Jahr 1995, der in 14 Punkten erklärte, was Urfaschismus ist: So einfach war die Welt mal? "Ich lese das und verstehe, dass sich heute nichts so einfach verstehen lässt. Begriffe werden derzeit pervertiert, die Lager, zu denen man Menschen zählt, wechseln ohne Vorwarnung: Da predigt Merkel trotz ihrer Politik plötzlich Humanität, während der linke Philosoph Slavoj Žižek krawallt, dass Europa an seinem Mitgefühl für Flüchtlinge vom afrikanischen Kontinent untergehen könnte. Natürlich schiebt er hinterher, dass kein afrikanischer Flüchtling so schlimm sein kann für Europa wie der Front National oder Pegida. Wer, bitte, kriegt da noch Ordnung rein?"
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