Spätaffäre

Nicht-journalistische Fragen

Vorschläge zum Hören, Sehen, Lesen. Wochentags um 17 Uhr
21.02.2014. Für die Ohren: Martin Heidegger und Kunst gegen Angst. Für die Augen: Tasleema Nasreen zum Fall Wendy Doniger. Für Sinn und Verstand: David Foster Wallace und ein Blick in argentinische Abgründe mit Uki Goñi.

Für die Ohren

War Martin Heidegger nun Antisemit oder nicht? Jetzt wurde ein Sammelband von seinen "Schwarzen Heften" veröffentlicht. In einem Gespräch mit Deutschlandradio Kultur verteidigt Silvio Vietta den Philosophen und bestreitet, dass er Antisemit gewesen sei (10 Min). - Dem widerspricht in einem weiteren Interview der Herausgeber der "Schwarzen Hefte" Peter Trawny: "Heideggers Werk ist eindeutig antisemitisch" (11 Min). - In einer Rezension im selben Sender setzt sich Thorsten Jantschek mit des "Meisterdenkers Sudelbüchern" auseinander (7 Min). Und Jürgen Kaube wendet sich in der FAZ "mit Grausen" ab.- Die Zeit hatte im Januar das vermisste "Schwarze Heft" von 1945/46 aufgespürt.

"Hilft Kunst gegen die Angst", fragt sich beim SWR eine Gesprächsrunde bestehend aus Dirk Knipphals von der taz, Dr. Michael de Ridder und dem Schriftsteller Michael Rutschky. Den Anlass bietet die Veröffentlichung von Wolfgang Herrndorfs Buch "Arbeit & Struktur", in dem der Autor den Verlauf seiner Krebserkrankung dokumentierte. (45 Min.)

Für Sinn und Verstand

Jessica Sequeira führt für die Boston Review ein faszinierendes Gespräch über die jüngere argentinische Geschichte mit dem Journalisten Uki Goñi, der nur seine Lebensgeschichte erzählen muss, um uns in die Abgründe, die da gähnen, hineinzuversetzen. Um 1980 arbeitete er beim englischsprachigen Buenos Aires Herald, der einzigen argentinischen Zeitung, die überhaupt über die Mütter von der Plaza de Mayo berichtete - unter großer Gefahr und zum allgemeinen Desinteresse der Argentinier. Dank eines seiner Bücher ist der Foltergeneral Alfredo Astiz verurteilt worden. In einer Szene schildert Goñi die Atmosphäre in Argentinien zur Zeit der Diktatur: "Wir waren damals zufällig zusammen auf einer Party und tanzten zu 'The Last Train to London' von ELO. Ich zog den Hausherren zur Seite und fragte ihn: 'Weiß du, wer hier ist?' Er sagte: 'Ja, Alfredo Astiz'. Ich sagte: 'Der Mörder der französischen Nonnen und des schwedischen Mädchens.' Und er: 'Nein, der Held der Falklands'. Darauf ich: 'Sag ihm nicht, dass ich für den Herald schreibe.' Ich fragte mich, ob ich auf der Party bleiben soll, und ich blieb und tanzte mit Astiz Seite an Seite."

Josh Roiland sieht sich für einen sehr schönen und lerreichen Artikel für Literary Journalism Studies, den er bei Longreads online stellte, die nicht-fiktionalen Texte von David Foster Wallace an, die man dennoch nicht als journalistisch definieren kann. Eines seiner Beispiele ist ein Text ("Roger Federer as Religious Experience"), den Wallace für die New York Times über Roger Federer schrieb und für den er Federer in Wimbledon traf. Tennis war bekanntlich eine wichtige Sache für Wallace. Roiland liest sich Wallace' Notizen zum Interview durch: "Wahrnehmung war wie immer sein großes Thema. Seine spezielle Herangehensweise war Wallace bewusst. Deutlich machte er sie, indem er seine neun Fragen mit einer gedruckten Überschrift versah: 'Nicht-journalistische Fragen'. Jede Frage ist einen Absatz lang, voller Abschweifungen, Nebenbemerkungen und Definitionen; manche haben handgeschriebene Zusätze. Kurz, sie lesen sich wie David Foster Wallace. Er fragt Roger Federer, ob er sich seiner Größe bewusst sei, ob ihm das Medienmikroskop bewusst sei, unter dem er operiert, ob er wisse, zu welchem Grad von Schönheit sein Athletismus imstande sei und wie großartig seine Bälle wirkten. Er schrieb sogar: 'Wieviel bemerken sie von den Balljungen?', strich diese Frage aber durch."

Für die Augen

In dem Dokumentarfilm "Tamikrest - A Desert Blues" folgt der Filmemacher Peter Braatz der algerischen Band Tamikrest. Aus dem Programmtext: "Ihre Väter griffen zur Waffe, sie kämpfen lieber mit der Gitarre: Die algerische Band Tamikrest verarbeitet die Sehnsüchte der jungen Tuareg. Sie spielen ihren Blues der Wüste." Hier kann man den Film sehen. (79 Min)

Penguin will die Restauflage von Wendy Donigers Buch "The Hindus: An Alternative History" in Indien einstampfen lassen und hat sich nicht bis zur letzten Instanz gegen Verbotsbestrebungen gewandt. Der Fall löst in Indien nach wie vor Empörung aus. Im indischen Sender CNN IBN äußert sich Taslima Nasreen in einem 23-minütigen Interview: "Ich verurteile Penguin dafür, dass der Verlag nicht zu seiner Autorin steht. Als Schriftstellerin erwarte ich, dass Penguin für Meinungsfreiheit einsteht." Nasreen konzedediert, dass die Lage für Verlage in Indien nicht einfach sei und fordert sie darum auf, für eine Abschaffung des britischen Kolonialgesetzes einzutreten, das heute Paragraf 295 A des indischen Gesetzbuchs bildet. Siehe dazu auch Anja Seeligers Beitrag im Ententeich.



Jill Emerys und Jean-Michel Carrés Dokumentation, die auf Arte und anderen Sendern gelaufen ist, blickt auf die letzten zehn Jahre in der Ukraine, ist aber noch vor den aktuellen Ereignissen gedreht worden - sie zeigt ziemlich unglaubliche Szenen in ukranischen Gerichten, im Parlament und eine ausgelassene Tanzveranstaltung auf dem Majdan. Auf Youtube ist sie noch zu sehen (99 Min.).

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