Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

327 Presseschau-Absätze - Seite 9 von 33

Magazinrundschau vom 05.07.2011 - Times Literary Supplement

Tev Broughton schreibt voll Begeisterung über den letzten Band der gesammelten Essays von Virginia Woolf. In einer Radiodiskussion mit Ehemann Leonard 1927 machte sich Woolf Gedanken darüber, ob nicht vielleicht zu viele Bücher veröffentlicht werden: "Warum nicht die erste Ausgabe auf begrenzt haltbarem Material drucken, das in etwa sechs Monaten in einem kleinen Haufen perfekt sauberen Staubs zerbröselt? Wenn eine zweite Ausgabe verlangt wird könnte diese auf gutem Papier gedruckt und gut gebunden werden ... Es würde kein Platz verschwendet und kein Staub sich ansammeln."

In der aktuellen Ausgabe schreibt Mark Bostridge einen sehr freundlichen Verriss von Adam Hochschilds Geschichte des Ersten Weltkriegs. Peter Parker (aus Oxford, nicht aus Queens) bespricht Alan Hollinghursts neuen Roman "The Stranger's Child". Brenda Maddox sieht überhaupt keinen Grund dafür, James Joyces Gebeine nach Irland zu bringen: Der Schriftsteller habe sich eher britisch als irisch gefühlt.

Magazinrundschau vom 19.04.2011 - Times Literary Supplement

Mit Vergnügen hat Jonathan Barnes das Buch "The Invention of Murder" von Judith Flanders gelesen, die erzählt, wie die Viktorianer das moderne Verbrechen erfanden. Entscheidend war die Professionalisierung der Polizei, die Herausbildung des Detektivs und die Massenpresse. Am besten natürlich das Beispiel Jack the Ripper: "Flanders stellt (vielleicht etwas forsch) fest, dass, seit Kain Abel erschlug, über keinen Mord so viel geschrieben wurde wie über die Whitechapel-Morde, und sie argumentiert, dass die Verbrechen eine Zusammenfassung grimmiger Logik bedeuten. 'Alles was wir über Jack the Ripper wissen - seinen Namen, seine Person, seine Grüne zu töten -, ist der Höhepunkt eines Jahrhunderts voll mörderischer Unterhaltung, Melodram, Puppenshows, Schauergeschichten', schreibt sie. Die Presse, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt einflussreicher wurde, war 1888 - das Jahr, in dem die Prostituierten des East End abgechlachtet wurden -, in der Lage, eine nationale Panik zu erzeugen. Viele, wenn nicht alle Briefe, die angeblich vom Täter an Scotland Yard, die Central News Agency und das Vigilance Committee geschickt wurden ('Mein Messer ist so schön und scharf, ich möcht' gleich ans Werk gehen...'), wurden fast sicher von Journalisten verfasst."
Stichwörter: Melodram, Flandern

Magazinrundschau vom 29.03.2011 - Times Literary Supplement

George Steiner liest Pierre Bouretz' Buch "D'un ton guerrier en philosophie", das den "dreißigjährigen Krieg" der europäischen Philosophie um Foucault, Derrida und Habermas - unter reger Anteilnahme der Amerikaner - rekapituliert. Feuer fängt Steiner nicht gerade: "Wenn man diese unvermeidlich sehr gelehrte Abhandlung der bereits etwas überholten Streitigkeiten niederlegt, kommt einem ein Gedanke: Wie weit entfernt ist die englische Gestalt und Atmosphäre der Philosohie doch von ihren kontinentalen und amerikanischen Gegenparts entfernt. Liegt das am provinziellen Denken oder am gesunden Menschenverstand?"

Außerdem: Terry Eagleton blättert mit spitzen Fingern durch die 100 Künstlermanifeste, die Alex Danchev in einem Buch versammelt hat: "es ist nie einfach zu entscheiden, wann diese künstlerischen Brandstifter es todernst meinen und wann sie uns auf den Arm nehmen".

Magazinrundschau vom 15.03.2011 - Times Literary Supplement

Kerstin Hoge stellt das Buch "The Last Lingua Franca" des britischen Wissenschaftlers und Publizisten Nicholas Ostler vor, das sich mit der Frage beschäftigt, ob Englisch in einer Welt, in der digitale Technologien billig und allgegenwärtig sind, als Verkehrssprache überlebensfähig ist beziehungsweise überhaupt noch gebraucht wird. "In Anerkennung der beispiellosen geografischen Ausdehnung des Englischen trifft Ostler eine strikte Unterscheidung zwischen Englisch als Muttersprache und Englisch als lingua franca bzw. Kommunikationsinstrument für Nicht-Muttersprachler. Diese Unterscheidung führt zu zwei Fragen bezüglich der Zukunft des Englischen. Die erste lautet: Wird sich Englisch, angesichts seiner Verbreitung als Muttersprache, in eine Reihe eigener Sprachen aufspalten wie Latein in den romanischen Sprachen? Und die zweite: Wird es auch weiterhin eine breit genutzte Verkehrssprache bleiben und möglicherweise seinen Einfluss noch steigern? Ostler beantwortet beide Fragen mit einem entschiedenen Nein." Englische Muttersprachler würden einander auch weiterhin weltweit verstehen, allerdings meint Ostler: "Innovationen in der Übersetzungs-Technologie werden die Notwendigkeit einer globalen Verkehrssprache beseitigen."

Kritisch besprochen wird außerdem eine neue Anthologie englischer Lyrik: ?The Cambridge History of English poetry", herausgegeben von Michael O?Neill.

Magazinrundschau vom 01.03.2011 - Times Literary Supplement

Niemand kann uns so viel über den Schmerz erzählen wie J.M. Coetzee, meint Stephen Abell: In all seinen Romanen ist er die höchste Autorität für das Leiden und die glaubwürdigste literarische Autorität für den Körper. "Ein Körper mit seinem Schmerz, seinem eigenen Schmerz mag etwas Gewisses sein, aber der Schmerz eines anderen ist uns in seinem Wesen fremd. Wir können Coetzees Werk als eine ständige Untersuchung der Vorstellung verstehen, dass der Schmerz geteilt werden kann. Coetzee legt ähnliche Überzeugungen dem Magistrat in 'Warten auf die Barbaren' in den Mund. Dieser erklärt: 'Schmerz ist Wahrheit, alles andere kann bezweifelt werden'. Allerdings kann er diese Sicht nicht lange aufrechthalten."

Paul Duguid liest einige Neuerscheinungen zur Zukunft des Buches und warnt vor falschem Alarmismus. In "Merchants of Culture" von John B. Thompson etwa lernt alles über das fianzielle und symbolische Kapital der Versorgungskette von "Autor, Agent, Verleger, Drucker, Sortimenter, Händler und Käufer": "Wenn diese Kette tatsächlich so stark ist, dann sollten wir vielleicht eher davon ausgehen, dass Amazon, Apple und Google in diesem Kette hinein wollen als sie zu zerstören. Thompson würde dem wahrscheinlich zustimmen. Das Problem im Handel kommt seiner Ansicht nach nicht aus der digitalen Welt, sondern von einer ungesunden Mischung aus kurzfristigem Denken und unstillbarer Gier. Dafür können wir nicht die Technologie verantwortlich machen."
Stichwörter: Amazon, Coetzee, J.M., Gier

Magazinrundschau vom 25.01.2011 - Times Literary Supplement

Kate Merkel-Haas liest eine Studie von Yunte Huang über die einst höchst erfolgreiche Kriminalroman- und Film-Serie um den chinesischstämmigen Ermittler Charlie Chan. Wie rassistisch diese Erfindung, im Film von einem Schweden dargestellt, war, steht zur Debatte. Und dass Charlie Chan eine uramerikanische Figur war, hält Merkel-Haas mit Huang für evident. Umso interessanter die Reaktionen in seiner angeblichen Heimat: "Huangs Analyse von Chans Filmkarriere schließt mit einem Kapitel über die Aufnahme der Figur in China selbst. Anders als Anna May Wong, eine chinesisch-amerikanische Schauspielerin, die vom chinesischen Publikum wenig Zuneigung erfuhr (weil sie als indezent galt), war der schwedische Schauspieler Warner Oland, der Chan spielte, in China so populär, dass Filmstudios in China und Hongkong ihre eigenen Versionen der Filme zu produzieren begannen. Wie Huang schreibt, war das 'der letzte Schritt des 'Yellowface' [also des Umschminkens von westlichen Darstellern, Anm. PT]: Ein tatsächlicher Chinese imitiert die Chinesen-Imitation eines Schweden.'"

Und im neuen TLS werden besprochen die Geschichte einer Familie aus der irakischen Oberschicht, die englische Übersetzung von Roland Barthes' "Die Vorbereitung des Romans" und fünf neue Anthologien zu Borges.

Magazinrundschau vom 09.11.2010 - Times Literary Supplement

Robert Potts stellt den Dichter J. H. Prynne vor, dessen Poesie - "schwierig und obskur, radikal und extrem" - er bewundert. "In seinem jüngsten Band, 'Sub Songs', eine hübsche Produktion eines kleinen Verlags in einem sehr großen Format - vergleichbar mit einem Notenband - mischt er wieder seine schärfsten Lieblingszutaten: beunruhigende Entwicklungen in der Biotechnologie; politische, erotische und philosophische Fragen über Identität und Differenz; Terror und Krieg; die Rolle des Lieds in verschiedenen menschlichen und tierischen Zusammenhängen; Komplizenschaft und Handlungsmacht. Das Zickzack widersprüchlicher Bewegungen und Satzfetzen erinnert wie alles, was er geschrieben hat, an den späten Beckett. (...) Man kann immer noch sagen, worum es in diesen Gedichten geht; aber es ist unwahrscheinlich, dass irgendjemand sagen kann, was sie bedeuten." (Hier ein Beispiel aus dem Jahr 1998: "Rich in Vitamin C")
Stichwörter: Biotechnologie, Prynne, J.H.

Magazinrundschau vom 12.10.2010 - Times Literary Supplement

Ein tolles Buch hat Stephen Fay gelesen: Kevin Telfers Geschichte der Allahakbarries. Bei diesen handelt es sich um das famose Cricket-Team, das Peter-Pan-Erfinder J.M. Barrie zusammengestellt hat. Mit dabei waren Conan Doyle, Jerome K. Jerome, P.G. Wodehouse und A.A. Milne: "Die meisten von ihnen waren hoffnungslose Cricketspieler. Barrie musste Birrell erklären, auf welcher Seite des Schlägers er zu stehen hatte, um den Ball zu treffen. Barrie selbst nannte sich den langsamsten Werfer aller Zeiten. Er behauptete, dass er sich nach jedem Wurf aufs Feld setzen würde, um abzuwarten, ob der Ball das andere Ende erreicht - was er manchmal auch tat. Conan Doyle war gut in Form, er hatte in einem Erstliga-Match gespielt - wenn er damit angab, dass er W.G. Grace angespielt hatte, war das keine Spinnerei. Wodehouse war ein versierter Spieler wie auch einige Flüchtlinge vom runden Tisch des Punch Magazine, wie der Karikaturist Bernard Partridge. Aber sie waren nicht sonderlich interessiert an Erstliga-Cricket. 1907, auf der Höhe dessen, was Cricket-Historiker als das Goldene Zeitalter beschreiben, klagt E.V. Lucas über harten Utilitarismus und Kommerzialisierung."

Weiteres: William Boyd (mehr hier) hat V.S. Naipauls Reportagensammlung "The Masques of Africa" gelesen und sie für ihre Misanthropie gehasst: "Vielleicht erklärt die offenkundige Flüchtigkeit die haarsträubenden Äußerungen, die sich Naipaul erlaubt - als hätte er nicht ein einziges Mal innegehalten, um ihre Bedeutung zu bemessen oder ihre grotesken Verallgemeinerungen zu bedenken: 'Afrikaner essen alles, was die Natur hergibt.' Oder: 'Es ist schwer, ein menschliches Verständnis von den Pygmäen zu entwickeln, sie als Individuen zu sehen. Vielleicht sind sie keine.'"

Magazinrundschau vom 10.08.2010 - Times Literary Supplement

H.G. Wells gilt als 'Mann der Zukunft', dessen Utopien von faschistischen Diktaturen und einer Europäischen Union tatsächlich Wirklichkeit wurden. Dass er aber auch ein Kind seiner Zeit war, das liest Claire Harmann in der Biografie "H.G. Wells - Another Kind of Life" von Michael Sherborn. So beschreibe dieser, wie Wells zu Beginn seiner schriftstellerischen Karriere Aufträge aller Art übernahm: "Das Problem für einen neuen Schreiber in den 1890er Jahren war nicht das Veröffentlichen oder der Lebensunterhalt - Michael Sherborne schreibt, dass es in diesem Jahrzehnt mehr als 2000 Journale gab -, aber sehr wohl, sich von der Masse abzuheben und bekannt zu werden. Wells akzeptierte daher alles, was der Journalismus ihm bot und war darauf vorbereitet, alle Arbeiten zu übernehmen, die nötig waren. Als er gefragt wurde, ob er Theaterkritiker für die Pall Mall Gazette werden wolle, war sein größtes Problem, dass er keinen Anzug besaß. Er ließ sich innerhalb von 24 Stunden einen schneidern. Niemand hatte ihn gefragt, ob er jemals im Theater gewesen war."

Außerdem: Nach Lektüre von Jonathan Balcombes "Second Nature", Jean Kazez' "Animalkind" und Adrian R. Morrisons "An Odyssee with Animals" zeigt sich Jennie Erin Smith unzufrieden mit dem Stand der Debatte über die Rechte der Tiere. "Die 'Anwälte der Tierrechte' sind damit gescheitert, die Öffentlichkeit und die Gesetzgeber davon zu überzeugen, dass Tiere niemals gequält oder getötet werden dürfen, einfach weil es Tiere sind; sie haben nur erreicht, dass festgelegt wird, unter welchen Umständen dies geschehen kann."

Magazinrundschau vom 27.07.2010 - Times Literary Supplement

"Abenteuerlichen Träumerinnen mit hinreißenden Namen" ist Daphne Spain (!) in Sheila Rowbothams (!) Buch "Women who invented the twentieth century" begegnet. Eine kleine Kostprobe: "Die amerikanische Anarchistin Voltairine de Cleyre, deren Vater sie nach dem Aufklärer benannte, war eine glühende Verfechterin der freien Liebe. Niemals sollte es erlaubt sein, 'die Liebe zu vulgarisieren durch die verbreitete Unanständigkeit eines fortgesetzt engen Kontaktes', behauptete sie, die auch nie besonders erpicht auf Kinder war, sich über mütterliche Instinkte mokierte und die Kinderlosen verteidigte. Dann gab es die britische Autorin Margaret Storm Jameson, die 45 Romane schrieb, bevor sie im Alter von 95 Jahren starb. Und Elsie Clews Parsons, eine Amerikanerin, die über Sex schrieb, bevor es irgendjemand in der besseren Gesellschaft darüber sprach. Die britische Sozialreformerin Clementina Black erklärte, das Fahrrad würde mehr für die Unabhängigkeit der Frauen tun als alles, was explizit diesem Ziel dienen sollte."

"Auch wenn Koestler immer ein Snob war, verhielt er sich niemals so uniform wie einer", hält Jeremy Treglown nach Lektüre von Michael Scammells Arthur-Koestler-Biografie fest. Roger Cardinal liest eine französische Neuausgabe von Lautreamonts schaurigen "Gesängen des Maldoror", die "noch immer sehr erfolgreich "das Verhältnis von Autor und Leser sabotieren, wenn nicht gar die Etikette der Literatur".