Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

327 Presseschau-Absätze - Seite 10 von 33

Magazinrundschau vom 13.07.2010 - Times Literary Supplement

James Hall hat die beste und anregendste Ausstellung von Renaissance-Zeichnungen seines Lebens gesehen: "Fra Angelico bis Leonardo" im Britischen Museum. Skizzen, so zeigt sich dort, galten in der Renaissance nicht als große Kunst, sondern vor allem als Brainstorming-Technik! "Vor der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhundert, als Gutenbergs Buchdruck eine höhere Papierproduktion mit sich brachte, spielten Zeichnungen eine begrenzte Rolle im künstlerischen Prozess. Die meisten Künstler-Zeichnungen wurden auf hölzernen Tafeln angefertigt, die mit Wachs oder Knochenmehl beschichtet waren und die nach dem Gebrauch gesäubert werden konnten. Da sie ihre vorläufigen Studien nicht lange bewahren konnten, brauchten die Künstler ein viel besseres visuelles Gedächtnis als diejenigen, die später mit Papier arbeiten konnten. Und sie mussten besser in der Lage sein, Kompositionen im Kopf zu planen."

Letztlich ist Phil Baker nicht ganz glücklich geworden mit Alex Butterworth' Buch "The World that Never Was", aber einige sehr interessante Geschichten über die Anarchisten des späten 19. Jahrhunderts hat er ihm doch entnommen: "Geeint hat sie - wenn überhaupt - die Ablehnung jeder gesetzten Autorität, die Charaktere reichen hier von der Tolstoischen Figur des Peter Kropotkin bis zum wesentlich wilderen Francois Koenigstein, besser bekannt als Ravachol. Abgestoßen von Thomas Huxleys darwinistischem Essay 'Kampf ums Dasein' von 1888 war Kropotkin der große Theoretiker der gegenseitigen Hilfe und er hatte eine Schwäche für Kaninchen als Spezies. Er bewunderte sie als Symbol der Dauer, das der Selektion entgegensteht. Ravachol dagegen begann seine Karriere damit, die Leiche einer alten Frau zu exhumieren, er ermordete einen 95-jährigen Mann und startete eine Reihe von Terroranschlägen, die einige Kommentatoren dazu veranlasste, Mut, Güte und Seelengröße des Täters zu preisen."

Mit Gewinn hat J. P. E. Harper-Scott die Tschaikowsky-Biografie von Roland John Wiley gelesen, in der er erstmals Tschaikowskys Briefe an Bruder Modest, in denen er über seine Homosexualität schreibt, auf Englisch lesen konnte. Von Adam Zamoyskis Chopin-Biografie rät er dagegen strikt ab: zu altbacken.

Magazinrundschau vom 22.06.2010 - Times Literary Supplement

Jeremy Adler stellt ausführlich Rüdiger Safranskis "Goethe und Schiller" und Gustav Seibts "Goethe und Napoleon" vor, die nun auch auf Englisch erschienen sind und seiner Ansicht nach ein faszinierendes Bild von Goethes verbindlicher Persönlichkeit zeichnen: "Ob er mit Schriftstellern, Forschern, Wissenschaftlern oder Männern von Einfluss zu tun hatte, Goethe wusste den größtmöglichen beidseitigen Nutzen zu erzielen. Dass er so oft in der Lage war, eine produktive Beziehung mit den führenden Persönlichkeiten seiner Zeit aufzubauen, besonders mit Schiller, seinem einzigen Konkurrenten als Schriftsteller, und selbst mit dem Kaiser Napoleon, sagt viel über Goethes Kultur, eine Selbstkultur oder Bildung, die er selbst in seinen Schriften verkündete. Erstaunlicherweise suchten sich sowohl Schiller als auch Napoleon Goethe aus, sie hofierten ihn und gewannen ihn mit literaturkritischen Diskursen. Wer heutzutage am Wert der Kritik zweifelt, könnte Schlechteres tun als diese Instanzen zu prüfen."

Magazinrundschau vom 15.06.2010 - Times Literary Supplement

Bettina Bildhauer freut sich über Cyril Edwards Versuch, dem englischsprachigen Publikum mit seiner Übersetzung das "Nibelungenlied" näher zu bringen. Es wurde von verschiedenen Völkern immer wieder anders und neu erzählt. Zum Beispiel von den Deutschen: "Es war ein mächtiger Widerspruch im Zentrum der nationalsozialistischen Verwendung, dass Deutschland sich gleichermaßen mit Siegfried als dem unschuldigen Opfer von Verrat und Hinterhalt identifizierte, (dies galt als schlagkräftige Erzählung, um Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg zu erklären), wie mit Siegfrieds Mördern, den Nibelungen beziehungweise Burgundern, die sich heldenhaft weigerten einen von ihnen aufzugeben. Diese Nibelungentreue wurde oft von den Nazis verlangt. Gerade die Tatsache, dass die Charaktere eigentlich aus Burgund, Island und den Niederlanden stammten, erlaubte den Deutschen, sich mit den verschiedenen Seiten zu identifizieren, je nachdem wie es gerade passte."

Außerdem: Gleich drei Neuerscheinungen zur Kleidungs- und Frisurenkultur im viktorianischen Zeitalter hat Kirstie Blair entdeckt: Während sich Daneen Wardrop in "Emily Dickinson and the labor of clothing" mit der Bedeutung der Kleiderwahl der Autorin (auch in ihren Gedichten) beschäftigt, geht Christine Bayles Kortsch in "Dress Culture in late Victorian Women's Fiction" nicht nur dem Tragen von Kleidern, sondern auch der Produktion derselben in der Literatur des späten 19. Jahrhunderts nach. Galia Ofek dehnt ihre Untersuchung von "Representations of Hair in Victorian Literature and Culture" auch auf männliche Schriftsteller und bildende Künstler aus. Sheena Joughin begibt sich mit der Schriftstellerin Jackie Kay in "Red Dust Road" auf die desillusionierende Suche nach ihren leiblichen Eltern - und nicht zuletzt nach sich selbst.

Magazinrundschau vom 08.06.2010 - Times Literary Supplement

Simon Goldhill hat in Zachary Masons "The lost Books of the Odyssey" die wohl brillanteste Offenbarung seit James Joyces Bearbeitung des Homer-Stoffes entdeckt. Originaltext und moderne, uns vertraute Themen werden wunderbar verbunden: "Odysseus kehrt nach Ithaka zurück und findet eine in die Jahre gekommene, verheiratete Penelope. 'Verzweifelnd irgendwoanders nach einem echten Ithaka suchend, dreht Odysseus sich um und flieht schwindelnd vor den quälenden Schatten.' Dass Penelope nach zwanzig Jahren eventuell nicht mehr die perfekte und noch immer wunderschöne Ehefrau ist, geht zurück auf hämische Überlieferungen der Antike, und der befremdete Odysseus, der durch sein ständiges Suchen lieber ein neues Ithaka schaffen möchte, als anzukommen, ist das oft besungene Thema Cavafys. Es ist fast ein Klischee heutiger Zeit, sich über Penelopes Bedürfnisse, Odysseus wahre Sehnsüchte und die Möglichkeiten des Versagens zu wundern, die eintreten, wenn ein Ehemann zu seiner Frau zurückkehrt. Mason kennt dies alles hinreichend. Seine ersten Kapitel knüpfen dort an, wo die Tradition angelangt ist."

Außerdem: Gillian Tindall liest interessiert Jeffrey H. Jacksons lebhaft erzählte Geschichte der Überschwemmung von Paris 1910, vermisst dabei allerdings oft den historischen Kontext. Auf eine Reise durch die Geschichte der Sonette begibt sich Katherine Duncan-Jones in Stephen Burt and David Mikics "The Art of the Sonnet" und entdeckt dabei viele historisch-interessante, aber leider nicht immer künstlerisch anspruchsvolle Sonette.
Stichwörter: Joyce, James, Odysseus

Magazinrundschau vom 11.05.2010 - Times Literary Supplement

Der Schriftsteller Julian Barnes macht einem sofort Lust, das Tagebuch von Eugene Delacroix zu lesen: "Delacroix war 24 Jahre alt, als er am 3. September 1822 begann, sein Tagebuch zu schreiben. Es beginnt mit einer einfachen Erklärung und einem verführerischen Versprechen: 'Ich führe meinen so oft angekündigten Plan aus, ein Tagebuch zu führen. Was ich mir am meisten wünsche ist, nicht zu vergessen, dass ich es für mich allein schreibe. Darum werde ich immer die Wahrheit sagen, hoffe ich, und mich so verbessern. Diese Seiten sollen mich zurechtweisen, wenn ich meine Ansichten ändere. Ich mache mich frohgemut ans Werk.' Man versteht sofort, warum manche Menschen glauben, alle Tagebücher seien geschrieben worden, damit andere sie lesen. Trotz der Behauptung im zweiten Satz lädt uns dieser Absatz ein mitzulesen. Wenn dies ein Roman wäre, hingen wir bereits am erzählerischen Haken: Wir wollen und müssen wissen, ob der Tagebuchschreiber wirklich die Wahrheit erzählt, ob er sich verbessert, ob er seine Ansichten ändert und ob sein anfänglicher Frohsinn schwindet oder nicht."

Außerdem: Kate Webb bespricht Helen Simpsons Erzählband "In-Flight Entertainment" und Daniel Karlin bespricht zwei Bücher über Lewis Carroll - eins davon sammelt französische Stimmen zu Carroll.

Magazinrundschau vom 09.02.2010 - Times Literary Supplement

Martin Amis' neuer Roman "The pregnant widow" ist eine "Elegie über verpasste Gelegenheiten", schreibt Bharat Tandon. Der Roman spielt in den siebziger Jahren und zeigt mehrere junge Leute zwischen sexueller Befreiung und Selbstfindung: "Zu Beginn, im Sommer 1970, findet sich Keith während seiner Semesterferien in einem italienischen Schloss wieder, er büffelt die Geschichte des englischen Romans und entdeckt seine Leidenschaften, während seine definitiv männlichen Blicke zwischen der mal Freundin, mal Exfreundin Lily und der aristokratischen Scheherazade (Lily 5'5, 34-25-34. Scheherazade: 5'10, 37-23-33), hin und her wandern; erstere ist offensichtlich der bevorstehenden sexuellen Revolution gegenüber eher offen eingestellt, zweitere, eine gewendete Gutmenschin, wird sich des neuen sexuellen Stils gerade bewusst. In einem Plot, der sich zwischen einer Shakespeare-Komödie und einem Iris-Murdoch-Roman bewegt, zeichnet Amis seine Charaktere, wie sie nicht nur gelegentlich einer mit dem anderen fummeln, sondern auch unbeholfen nach einem stabiles Verständnis tasten, das von ihnen in einer Zeit erwartet wird, in der sich Werte im Wandel befinden, die neuen Regeln aber noch nicht etabliert sind."

Magazinrundschau vom 02.02.2010 - Times Literary Supplement

Zum Holocaustgedenktag druckt das TLS eine redigierte Fassung von Will Selfs Vorlesung über W.G. Sebald: "Sebald lesen bedeutet, mit der europäischen Geschichte konfrontiert zu werden. Nicht mit der Geschichte als ideologisch determiniertem diachronischen Phänomen - wie es von den Hegelianern und Spenglerianern vorgeschlagen wurde - und auch nicht als synchronisches Phänomen, das zum Onjekt baudrillardscher postmoderner Analyse werden kann. Für Sebald ist Geschichte statt dessen ein Palimpsest, dessen Bedeutung nur geahnt werden kann, indem man hier ein wenig wegradiert, dort ein wenig hinzufügt und dann - am wichtigsten - einen Schritt zurücktritt, um einen synoptischen Blick tun zu können, der in seinem Wesen suspekt bleibt. Ich glaube es ist dieser verführerische Überblick - den Sebald uns immer wieder in Erinnerung ruft mit seinen Schriften über die Arbeiten niederländischer Landschaftsmaler und englischer Aquarellisten - der zum Teil unsere Bereitschaft erklärt, Sebald eine spezifisch moralische Vorrangstellung und damit implizit eine Geschichtsschreibung zuzuschreiben, was er ausdrücklich abgelehnt hat. Für die englischsprachige Welt - und vor allem die Engländer - ist Sebald der ersehnte 'gute Deutsche'; er ist alles, was Speer sein wollte, aber nie sein konnte."

Magazinrundschau vom 12.01.2010 - Times Literary Supplement

Fasziniert stellt Wendy Doniger "Nine Lives" vor, William Dalrymples neuen Reportageband aus Indien, der mit sehr viel Sympathie von Menschen erzählt, die ihr Heil in der Spiritualität suchen - und den Subkontinent in eine "große Irrenanstalt für die göttlichen Verrückten" verwandeln. "Aber die hässliche Seite der Religion, die eher Wunden schlägt als Balsam bietet, wird auch sichtbar. Hindus verfolgen sowohl die Tantriker als auch arme, verwitwete und sozial marginalisierte Frauen, denen - besonders wenn Unheil über die Gemeinde gekommen ist - vorgeworfen wird, Hexerei zu betreiben und von Dorfbewohnern 'die Leber zu essen'; gelegentlich werden sie tatsächlich noch getötet, wie die Hexen zur Zeit der Reformation in Europa und den USA. Mataji (die als Digambara im Himmelskleid durch Westbengalen wandert) musste zwei religiöse Zeremonien über sich ergehen lassen, bei denen ihr die Haare einzeln aus dem Kopf gerissen wurden, eins nach dem anderen, sie hat sich diese Prozedur ausgesucht, anstatt sich Kopf rasieren zu lassen. 'Das ganze Ritual dauerte fast vier Stunden, und war sehr schmerzvoll. Ich versuchte, nicht zu weinen, aber ich schaffte es nicht.'"

Magazinrundschau vom 29.12.2009 - Times Literary Supplement

In höchsten Tönen lobt George Brock Timothy Garton Ashs Essays "Facts are Subversive", die zum Glück alle angeblich professionelle Distanz zu ihrem Gegenstand vermissen ließen: Die Essays über den Islam findet er ganz großartig, aber auch die, in denen Garton Ash "weiter der Frage nachgeht, die er seit dem Zusammenbruch der zentraleuropäischen kommunistischen Regimes 1989 immer wieder gestellt hat: Wie lassen sich politischer Wandel und Gewalt trennen? Die Anhaltspunkte in den Essays sind nicht sehr ermutigend: Garton Ashs frühere Arbeiten über die Revolutionen von 1989 stehen längst auf der Leseliste der Machthaber und Geheimpolizisten in China, Iran und Birma. Die Lektionen wurden verdaut und angewandt."
Stichwörter: Ash, Timothy Garton, Birma

Magazinrundschau vom 10.11.2009 - Times Literary Supplement

Mit Goethe und Mozart habe man Hugo von Hofmannsthal zu seiner Zeit verglichen, erzählt der Germanist Paul Reitter. Ebenso habe es aber auch Kritik gegeben, insbesondere von Karl Kraus, der keine Gelegenheit ausließ, Hoffmansthal eins mitzugeben: "Als ein begieriger Sammler von Porzellanarbeiten, der Gedichte in Stefan Georges exklusiven 'Blättern für die Kunst' veröffentlichte, sah Hofmannsthal sich dem Vorwurf der ästhetischen Dekadenz ausgesetzt. Kraus etwa machte sich über ihn lustig und nannte ihn einen 'Edensteinsammler', der 'das Leben flieht' und gleichzeitig den Dingen huldigt, 'welche es verschönern'. Die Kritik saß, war aber kaum angemessen. Denn tatsächlich hatte Hofmannsthal schon von Beginn an seine Einwände gegen die Neigungen geäußert, die Kraus ihm vorwarf. In der Tat hat er einmal gesagt, dass 'modern' sein für ihn bedeute, 'alte Möbel und junge Nervositäten' auszustellen. Die Weltflucht ist ein wichtiges Sujet in seinen Arbeiten aus dem Jahrzehnt nach 1890, aber sie ist bei ihm eher als Problem verhandelt denn als Ideal." Im Anschluß an eine sehr lange Einführung bespricht Reitter die Hofmannsthal-Ausgabe "The Whole Difference" von J.D. McClatchy, dessen Tenor ihm nicht recht gefällt, und zwar weil Hofmannsthals Leben und Werk unter McClatchys Händen "prächtiger, aber auch weniger komplex and darum langweiliger gerät, als es tatsächlich war".