Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

327 Presseschau-Absätze - Seite 8 von 33

Magazinrundschau vom 06.12.2011 - Times Literary Supplement

Großes Lob von Iain Bamforth für Günter Blambergers Kleistbiografie, die "sicher eine Generation lang die definitive Lebensbeschreibung bleiben wird": "Blambergers Biografie vermittelt sehr überzeugend einen Eindruck davon, wie Kleist immer mehr die Verbindung verliert - auch zu seiner Epoche. Da Kleist sehr wenig hinterlassen hat (selbst seine Handlungen in der Hälfte von 1809 sind unklar) ist der Biograf paradoxerweise auf die innere Welt Kleists zurückgeworfen, obwohl Blamberger den Leser warnt, dass Kleist selbst (wie Kafka) nicht im mindestens an Psychologie interessiert war. Er las Leute wie ein Verhaltensforscher."

Außerdem: Toby Lichtig denkt über den Essayfilm nach.
Stichwörter: Essayfilm, Psychologie

Magazinrundschau vom 08.11.2011 - Times Literary Supplement

Einen einzigen "embarras de richesse" nennt Alan Jenkins den zweiten Band der Briefe von Samuel Beckett, durch den er sich mit höchster philologischer Gewissenhaftigkeit arbeitet. Erfahren hat er dabei zum Beispiel, wie Beckett James Joyce das Feld streitig machen wollte: "Über Joyce sagte Beckett: 'Je mehr Joyce wusste, umso mehr konnte er.' Von diesem Ideal der Kunst als Allwissenheit, höchster Fertigkeit und Überfülle wandte sich Beckett einer Kunst der, wie Beckett es nannte, Ignoranz und Inkompetenz zu, der Kunst 'des Nicht-Wissers, des Nicht-Könners'."
Stichwörter: Beckett, Samuel, Joyce, James

Magazinrundschau vom 04.10.2011 - Times Literary Supplement

Die BBC hat sich viel damit zugemutet, Wassili Grossmans Roman "Leben und Schicksal", der in epischer Breite vom Leben im Stalinismus erzählt, zu einem Radiohörspiel umzuarbeiten, meint Zinovy Zinik. Die beiden Drehbuchschreiber Jonathan Myerson and Mike Walker haben ihr ganzes handwerkliches Können aufgeboten, um aus Grossmans Personen- und Plotgeflecht einen dem Radio angemessenen Erzählstrang herauszuarbeiten, stellt Zinik anerkennend fest. Trotzdem fehlt ihm die Erzählstimme Grossmans, die den ganzen Roman zusammenhält. So bleibt dieses Hörspiel seiner Meinung nach eine konventionelle Serien-Erzählung voll Sowjet-Chic: "Das Resultat ist ein konventionelles, aber elaboriertes Stück Radio-Hörspiel, aufgeladen mit sowjetrussischer Exotik. Nur die Selbstgespräche in dieser mit Stars gespickten Produktion (so wie der letzte Brief von Shtrum's Mutter, gelesen von Janet Suzman) transportieren die Geständnishaftigkeit des Horror, der hinter Grossmanns Familiengeschichte lauert. Ohne eine vereinigende Erzählstimme hört sich Grossmans Fabel über den lügnerischen Triumph des kollektiven Schicksals über das individuelle Leben manchmal wie eine anti-stalinistische Version von 'The Archers' an.

Magazinrundschau vom 20.09.2011 - Times Literary Supplement

Angus Trumble hat die autobiografischen Essays der Literaturkritikerin Terry Castle gelesen, die Susan Sontag einmal als die 'ausdrucksstärkste und erhellendste' aller KritikerInnen bezeichnet hat. Die Wirrungen ihres akamdemischen und (homo-)sexuellen Lebens beschreibt Castle schonungslos, wie Trumble feststellt: "Und schlussendlich erfahren wir von der schmerzhaften Affäre mit 'der Professorin' in all ihrer trostlosen Unvermeidbarkeit. Wir hören von grausamen Gedankenspielen und fürchterlichem Verhalten, das beschämende Spektakel jugendlicher Lust und, natürlich, Lust im mittleren Alter, von Panikattacken in Abschlussprüfungen und der geladenen Waffe, die 'die Professorin' in ihrer Nachttischschublade verwahrte, 'um sie beim Sex rauszuholen und zu betrachten' und von den harten Lektionen danach."

Die Historikerin Jane Caplan ist beeindruckt von Ian Kershaws neuen Buch "The End", in dem der britische Hitler-Biograf die letzten Tage des Dritten Reichs untersucht. Kershaws Buch ist eine Mentalitätsstudie der politischen Macht: "Im Großen und Ganzen handelt es sich um eine unglaublich ambitionierte Suche nach den Motiven für das ungebrochene 'Überleben' in jeglichem Wortsinn. Obwohl dieses Buch nicht unter der Frage geschrieben wurde, wie der Krieg endete, sondern warum er nicht endete, ist diese Studie nicht im Geist des Gegenbeweises entwickelt worden. Vielmehr entfaltet Kershaw, der Meister der multifaktischen Erklärung, diese Frage und nimmt uns tief mit hinein in die Strukturen des Nazi-Regimes und deren Einfluss auf Machthaber und Untergebene."
Stichwörter: Sontag, Susan, Kershaw, Ian

Magazinrundschau vom 13.09.2011 - Times Literary Supplement

John Calder stellt Laure Adlers Interviewband mit Maurice Nardeau vor, ein "Homme des lettres" und die vielseitigste Person in der Pariser Literaturwelt nach dem Krieg. Nardeau, der gerade seinen Hundertsten feierte, erzählt von seinem Leben und seiner Leidenschaft für alles Schriftliche: "Auf die Frage, was man brauche, um ein 'richtiger Verleger' zu werden, antwortete Nardeau, dass man vor allem organisieren können müsse, obwohl er selbst immer allein hat arbeiten müssen, mit zwei bis drei Leuten und ganz ohne Geld, denn alles, was er anfing, machte Verlust. Aber das war egal: Nardeau war jedes Mal zufrieden, ein neues Talent ans Licht gebracht zu haben. Für Verleger, die er bewunderte, zählte nicht der Profit. Er hatte Freude daran zu tun, was er gern tun wollte und war stolz darauf, anders zu sein als alle anderen."

Außerdem: Rachel Polonsky liest zwei Studien zur Entwicklung der "Orientalistik" in Russland als akademische Disziplin.
Stichwörter: Geld, Orientalistik

Magazinrundschau vom 06.09.2011 - Times Literary Supplement

Was ist Michel Houellebecq? Prophet oder Poet? Um sich zwischen diesen beiden Positionen zu entscheiden, lohnt ein Blick auf Houellebecqs Lyrikmeint John Montague anlässlich der Übersetzung von Michel Houellebecqs Gedichtband "Le sens du combat" ins Englische. "Verdankt er seine Bekanntheit allein seinem erzählerischen Erfindungsreichtum, oder seinen aufwieglerischen Ansichten über Sex und den Islam? Einige Kritiker haben vehement auf Houellebecqs Romane reagiert und sie als 'abstoßend' und 'vulgär' bezeichnet. Aber vielleicht irren sie sich. Zwar fördert die narrative Form eine scheinbare Übereinstimmung zwischen Autor und Erzähler, aber Houellebecqs Figuren sind Chiffren und deshalb können wir uns nicht sicher sein, wie es mit dem Gewissen des Autors aussieht."

Paul Gravett hat in einigen französischen und englischen Comicromanen geblättert, die nicht nur sehr gefühlsstarke Geschichten erzählen, sondern diese auch grafisch nachfühlbar machen. Gerade der Comic, so Gravett, kann die Flüchtigkeit des Gefühlsausdrucks zeichnerisch erfassen: "Manchmal ist es nur der flüchtige Blick einer Person, ein dahingesagter Kommentar, oder ihre bloße Präsenz, die bedeutungsvoll fixiert werden kann - als gefrorener Moment ins Gedächtnis eingeschrieben wie in eine Bildtafel, aus der er zurückkehrt und nachklingt. Die visuellen und verbalen Möglichkeiten des Comicromans scheinen geeignet solche Feinheiten wie Schmetterlinge aufzuspießen."
Stichwörter: Houellebecq, Michel

Magazinrundschau vom 23.08.2011 - Times Literary Supplement

Auf eine literarische Reise ins "Reich des Bösen" begibt sich Robert Irwin mit Reeva Spector Simons investigativer Literaturgeschichte "Spies and Holy Wars" über anti-islamische Feindbilder in der englischsprachigen Thrillerliteratur des 20. Jahrhunderts. Vor allem hier erfährt man, mit welchen Vorurteilen der Westen dem Osten begegnet, meint Irwin: "Es gab eine Menge Rassismus gegenüber Arabern und Muslimen in der westlichen Kultur und die besten Orte, um danach zu suchen, sind Armeekasernen, Polizeistationen, Hollywood-Filmstudios und die Büros der Boulevardzeitungen. Orientalismus, im pejorativen Sinne, kommt von unten - aus Pulp novels, Music hall songs, Cartoons, der gewalttätigen Rhetorik der Straßengangs, Kämpfen auf Fußballplätzen und Filmen über fanatische, korrupte Terroristen. Es ist dummer akademischer Snobismus, in den Klassikern der englischen und französischen Literatur nach Hinweisen für Orientalismus-Klischees zu suchen, während man Populärliteratur und Bücher von Sax Rohmer, Dennis Wheatley und Daniel Easterman einfach übersieht."

Magazinrundschau vom 09.08.2011 - Times Literary Supplement

Anson Rabinbach hat sich von Leif Jerram auf einen Parforceritt durch die Geschichte der europäischen Stadt im 20. Jahrhundert mitnehmen lassen und strahlt! Denn "Streetlife" spielt sich nicht nicht in Rathäusern und Studierstuben ab, sondern auf den Straßen, in Fabriken, Kinos, Nachtklubs, Parks und Neubausiedlungen. "Die Pathologisierung des urbanes Lebens, betont Jerram, ist das Ergebnis einer abgehobenen, von Angst getriebenen Mittelklasse-Perspektive, die kulturellen Reichtum, Intimität und nachbarschaftliche Integration ignoriert. 'Streetlife' läuft diesem Kulturpessismismus zuwider, der historisch das Schreiben über Städte so oft geprägt hat wie auch das seiner utopischen Antipoden. So endet das Buch mit einer euphorischen, sogar hoffnungsvollen Note: 'Anstatt unsere Städte als gefährliche Sümpfe zu betrachten, in denen die Fundamente unserer Gesellschaft versinken könnten, sollten wir ihre atemberaubende Fähigkeit feiern, zu absorbieren, sich zu verändern und weiterzumachen.'"

Magazinrundschau vom 02.08.2011 - Times Literary Supplement

Stanley Weintraub erzählt in einem ellenlangen Vortrag vom bitteren Abstieg des George Bernard Shaw, der sich vom enttäuschten Demokraten und Sozialisten zum verblendeten Bewunderer aller möglichen Despoten wandelte: Stalin, Mussolini, Hitler - Shaw verehrte sie als "Männer, die die Dinge geregelt bekommen": 1935 war Hitler in seinem dritten Jahr an der Macht. Seit den frühen Zwanzigern hatte Shaw den Deutschen gepredigt, dass ihre 'besiegte, geplünderte und gedemütigte Nation' (in Shaws den Führer wiedergebenden Worten) einen Reformer vom Schlage des Duce brauchte. Auch wenn ihn Hitlers Judenhass etwas erschreckte, erklärte Shaw: 'Die Nazibewegung genießt in vielerlei Hinsicht meine tiefste Sympathie.'"

Magazinrundschau vom 12.07.2011 - Times Literary Supplement

Norma Clarke hat mit großem Vergnügen John Stubbs' Geschichte der Kavalierdichter gelesen, die - bei allem Glamour, Witz und Sex - mit ihrer Königstreue literaturgeschichtliche Opfer des englischen Bürgerkriegs wurden. "In den Augen der militanten Parlamentarier waren diese eleganten Höflinge, die von Wein und Weib sangen, Seide trugen und hochmütig von der Taverne zum Theater stolzierten, degenerierte, verkommene 'wilde Jungs'. Das Theater barg immer ein Potenzial von Krawall, aber manchmal war auch das Theatralische das Problem: Als der Soldatenpoet Sir John Suckling 1638 berittene Truppen für eine Militärexpedition des Königs aushob, veranstaltete er ein Spektakel: Er wählte 'sehr hübsche, junge, ordentliche Männer' aus und kleidete sie großzügig in weiße Wämser und scharlachroten Reithosen, mit passenden Mänteln, Hüten und Federn; und er stellte sicher, dass sie die besten Pferde bekamen und voll bewaffnet wurden. Es kostete ihn geschätzte 12.000 Pfund. Die Episode endete schmählich, und die Balladensänger spotteten über Sucklings 'Hundert Pferde'."
Stichwörter: Norma, Glamour, Seide