Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 28.02.2014 - New York Times

Für die Reiseausgabe des New York Times Magazine besucht Jon Mooallem den Mittelpunkt der Erde. Der liegt auf halber Strecke zwischen San Diego und Phoenix, Arizona, und ist Teil des steingewordenen Wolkenkuckucksheims des Milliardärs Jacques-André Istel. Istels Wüstenstadt "Felicity" ist eine Ansammlung monumentaler Gebäude und erdbebensicher verankerter Granitblöcke, in die ein Künstler seit 13 Jahren die Geschichte der Menschheit einmeißelt: "Ein Verzeichnis menschlicher Erfolge, Verrücktheiten und Gewalt. Van Goghs 'Sternennacht', das erste Polospiel 600 vor Christus, die Ausbreitung des Islam, H. G. Wells, Laotse, der Hamburger... Und weil Istel nicht vorhersehen kann, wie der künftige Besucher all dessen aussehen wird, vermittelt er fundamentale Wahrheiten, als wären sie eben erst entdeckt worden: 'Schön und romantisch anzuschauen, beeinflusst der Mond die Menschen aufs Tiefste.'" Istel hat Millionen in sein Lebensprojekt gesteckt, erhält aber bislang nur wenig Aufmerksamkeit. Werbung macht er keine, er hat ja Zeit. Seine "Felszeichnungen" sollen mindestens 4000 Jahre überdauern.

Mac McClelland liefert einen interessanten Bericht aus dem von der türkischen Regierung in Eigenregie betriebenen Flüchtlingslager in Kilis an der Grenze zu Syrien. Das Camp mit 14.000 "Gästen", wie es laut des von der Türkei unterzeichneten Flüchtlingsabkommens von 1951 heißt, ist sauber und ordentlich wie eine Vorortsiedlung. Es verfügt über reichlich Straßenlaternen, Supermarkt, Satellitenfernsehen, Internet, Kindergarten und Spielplätze, die wie von McDonald's hingestellt aussehen. Ein Ort zum Glücklichsein? Die ideale Lösung? Weder noch. Eher noch erleichtern solche Camps die staatliche Kontrolle: "Massive Integrationsprobleme sind der wahre Grund, warum viele Flüchtlinge in den Camps bleiben. Hier wird ihnen geholfen. Allerdings können sie auf andere Weise 'verloren gehen'; sie leben in einem dauernden Zustand der Unsicherheit … Je länger ein Flüchtling in einem Camp bleibt, desto prekärer die psychologische Situation … Andererseits lässt der relative Komfort es weniger dringend erscheinen, nach sinnvollen und nachhaltigen Lösungen zu suchen." Laut besagtem Abkommen soll eine solche Lösung u. a. das Recht auf Arbeit, Obdach, Reisefreiheit und staatliche Fürsorge beinhalten.

Und: In Venezuela toben seit Tagen Massenproteste. Sie nahmen ihren Ausgang in Universitäten und wenden sich gegen das von Hugo Chavez installierte und seinem Nachfolger Nicolás Maduro fortgesetzte linkspopulistische Regime. Die Proteste werden gewaltsam niedergeschlagen, die staatlichen Medien schweigen sie unterdessen tot, schreibt Franicsco Toto in einem längeren Denkstück.

Magazinrundschau vom 21.02.2014 - New York Times

Für das Magazin der NYTimes liefert Mac McClelland einen interessanten Bericht aus dem von der türkischen Regierung in Eigenregie betriebenen Flüchtlingslager in Kilis an der Grenze zu Syrien. Das Camp mit 14.000 "Gästen", wie es laut des von der Türkei unterzeichneten Flüchtlingsabkommens von 1951 heißt, ist sauber und ordentlich wie eine Vorortsiedlung. Es verfügt über reichlich Straßenlaternen, Supermarkt, Satellitenfernsehen, Internet, Kindergarten und Spielplätze, die wie von McDonald's hingestellt aussehen. Ein Ort zum Glücklichsein? Die ideale Lösung? Weder noch. Eher noch erleichtern solche Camps die staatliche Kontrolle: "Massive Integrationsprobleme sind der wahre Grund, warum viele Flüchtlinge in den Camps bleiben. Hier wird ihnen geholfen. Allerdings können sie auf andere Weise 'verloren gehen'; sie leben in einem dauernden Zustand der Unsicherheit … Je länger ein Flüchtling in einem Camp bleibt, desto prekärer die psychologische Situation … Andererseits lässt der relative Komfort es weniger dringend erscheinen, nach sinnvollen und nachhaltigen Lösungen zu suchen." Laut besagtem Abkommen soll eine solche Lösung u. a. das Recht auf Arbeit, Obdach, Reisefreiheit und staatliche Fürsorge beinhalten.

Laura Poitras und James Risen berichten, dass auch eine amerikanische Anwaltsfirma vom australischen Counterpart der NSA abgehört wurde. Das gehe aus Dokumenten von Edward Snowden hervor: "Die Enthüllung gewährt einen seltenen Einblick in einen spezifischen Fall, in dem Amerikaner von den Abhörern umgarnt wurden. Er ist von besonderem Interesse, weil amerikanische Anwälte mit Klienten im Ausland die wachsende Sorge bekundet hatten, dass ihre vertrauliche Kommunikation kompromittiert werden könnte. Laut dem Dokument vom Februar 2013 hatte die Regierung Indonesiens die Anwaltskanzlei um Hilfe bei Handelsgesprächen ersucht. Das australische Pendant zur NSA, das Australian Signals Directorate, benachrichtigte daraufhin die Agentur, dass es die Gespräche überwachen würde, inklusive der Kommunikation zwischen indonesischen Politikern und der amerikanischen Kanzlei, und bot an, die gewonnenen Informationen weiterzugeben."

Magazinrundschau vom 14.02.2014 - New York Times

Michael Wilson erzählt in einer sehr traurig zu lesenden Reportage die letzten Tage des Philip Seymour Hoffman. Noch Tage vor seinem Tod schien alles wie immer: "Für jemand, der mit 46 Jahren allein starb, war sein Tag alles andere als isoliert. Er war eine bekannte Figur in Greenwich Village, ein üblicher Anblick für die Nachbarn, wenn er einen Kinderwagen schob, auf einem Treppenabsatz rauchte oder einem Touristen den Weg wies. Kurz, ein normaler New Yorker - mit einem Oscar in seinem Regal. Seine letzten Tage waren nicht anders. Er lebe nicht abgeschlossen. Überall wurde er gesehen." Zum Beispiel ein paar Tage zuvor auf dem Sundance Festival. "In Sundance fragte ihn ein Zeitschriftenredakteur, der ihn nicht sorfort erkannte, was er mache. 'Ich bin heroinsüchtig', antwortete Hoffman."

Magazinrundschau vom 31.01.2014 - New York Times

Stephen Lee Myers schreibt gerade an einer Putin-Biografie. Wer bei den Olympischen Winterspielen gewinnt, findet er bei seinen Recherchen in Sotschi heraus. Demnach sind die bisher teuersten Spiele die Ausgeburt sowjetischer Großmannssucht eines gewissen Putin. Ökonomisch stimulierend sei der 51-Milliarden-Wahnsinn (300 neue Straßenkilometer, 24.000 Hotelbetten, die weltgrößte Kunstschneeanlage etc.) bei realistischer Betrachtung nur für Putins Oligarchen. Der Demokrat Boris Nemtsov nennt die Spiele darum ein "Fest der Korruption". Alles, von der Ortswahl bis zur Architektur, sei unter Ausschluss der Öffentlichkeit entschieden worden. Auch das genau Ausmaß der arbeitsrechtlichen und der Umweltvergehen wird wohl unbekannt bleiben, gibt Myers zu verstehen. NGOs, wie der "Environmental Watch on the North Caucasus" werden systematisch in ihrer Arbeit behindert und eingeschüchtert: "Dennoch werden die Spiele wohl ein Erfolg für Putin werden. Außer, der Terror sucht Sotschi heim."

Jason Zinoman untersucht die schwarzhumorige Seite von David O'Russels "American Hustle" und Martin Scorseses "The Wolf of Wallstreet". Zu letzterem meint er: Oft generiere die Kluft zwischen Jordan Belforts (DiCaprio) Sicht der Dinge und der Realität den Witz. "Belfort verdient sein Geld, indem er andere hinters Licht führt, doch er ist auch ein Trottel. In einer 10-minütigen Szene nimmt er Methaqualon und wird zum Primaten. Sein Gesicht verzerrt sich, er sabbert und seine Beine sind so lappig, dass es aussieht, als versuchte ein Fisch zu laufen."

Magazinrundschau vom 16.12.2013 - New York Times

So wie Ärzte vor gut siebzig Jahren Lobotomie als Wundermittel gegen psychische Störungen propagierten, so propagieren heute Pharmakonzerne und Ärzte Medikamente gegen das ADHS-Syndrom, erzählt Alan Schwarz in einer großen Reportage. Inzwischen werden die Medikamente oft für Kinder mit jeder Art von vermeintlich abweichendem Verhalten ("ist manchmal unkonzentriert") verschrieben. Jetzt sind auch die Erwachsenen dran: "Weil Studien gezeigt haben, das ADHS bei mehreren Familienmitgliedern vorliegen kann, nutzen die Pharmakonzerne den Markt für Kindern, um den für Erwachsene zu erschließen. Ein Pamphlet von 2008 von Janssen, dem Hersteller von Concerta - mit der Überschrift 'Wie die Eltern so das Kind?' - behauptet, 'ADHS ist eine häufig vererbte Störung', obwohl Studien zeigen, dass auf die meisten Eltern von ADHS-Kindern diese Diagnose nicht zutrifft."

Adam Fisher schildert in einer beeindruckenden Reportage den geradezu gargantuesken Aufwand, den Google treibt, um die Welt von oben und unten und allen Seiten und in den kleinsten Details zu kartografieren, bis sie - wie in der Erzählung "Über die Genauigkeit von Wissenschaft" von Jorge Luis Borges - identisch wird mit ihrer Karte. Allerdings gibt es hier etwas, das man sich auch in anderen von Monopolisten beherrschten Gebieten des Netzes wünschens würde: einen Konkurrenten aus der Open Source-Szene, OpenStreetMap, eine Art Wikipedia für Kartennarren, und ein Projekt das beträchtlichen Erfolg hat, seit Google seine Programmierschnittstelle für Google Maps teilweise kostenpflichtig gemacht hat. Seitdem sind nämlich Unternehmen wie Apple und Foursquare zu O.S.M ausgewichen - ohne es sich unter den Nagel reißen zu können: "Die O.S.M.-Daten sind kostenlos, aber ihre Nutzung hat einen Widerhaken. Jede Verbesserung oder Änderung an den O.S.M.Karten muss zur Zentrale zurückgesandt werden. Das ist eine clevere Taktik, die die Konkurrenten dazu zwingt, entweder Google allein zu bekämpfen oder sich einem Bündnis anzuschließen, das bei Erfolg zugleich die Unmöglichkeit eines Monopols im Kartenwesen sicherstellen wird."

Außerdem in einer sehr reichhaltigen Woche der New York Times: Grauenhaft und unheimlich liest sich Jon Mooallems Reportage über die "Crazy Ants", Ameisen, die in riesigen Massen über ganze texanische Landstriche herfallen. Gerne kriechen sie in elektrische Geräte oder wandern einem die Waden hoch: "In Südamerika, wo Wissenschaftler ihren Ursprung vermuten, haben sie Hühnern die Nasenhöhlen verstopft. Sie kriechen auch in die Augen von Kühen. Bis heute sind sie nicht aufzuhalten." Ernüchternd liest sich Ben Sisarios Recherche zu Musikstreaming-Diensten wie Spotify, deren zahlbare Angebote offenbar nur zögernd benutzt werden und den Musikern zu wenig Tantiemen bringen.

Magazinrundschau vom 05.11.2013 - New York Times

Verändert das Internet die Literatur, die Geschichten, die erzählt werden? Diese Frage stellt die New York Times Book Review einer Reihe von Autoren. Aber klar, antwortet als erste Margaret Atwood, "hier ein Praxistest: Schreiben Sie Edgar Allan Poes Erzählung 'Der entwendete Brief' neu und ersetzen Sie die alten durch heutige Kommunikationsmittel. Im Original wurde ein 'Brief' auf 'Papier', geschrieben mit 'Tinte' und verschlossen mit einem 'Siegel' versteckt, indem er wie ein ganz unwichtiger Brief offen in eine Ablage gelegt wurde. Der Brief musste für die Suchenden unsichtbar sein, aber in der Nähe liegen, damit er wenn nötig schnell hervorgezogen werden konnte. Legen Sie los. Ich bin sicher, es gibt hundert brillante Auflösungen des Rätsels um 'Die entwendete Email'."

In einem ziemlich weitschweifigen Artikel über die NSA stellt sich Scott Shane auch die Frage, wie nutzbringend dieser ganze gigantische Überwachungsapparat eigentlich ist. "Die flächendeckende Überwachung in Afghanistan - laut den Snowden-Dokumenten werden die Verstecke zweitrangiger Taliban genauso überwacht wie Regierungsstellen - hat bisher keinen Sieg gegen den technisch unterlegenen Feind gebracht. Die Agency beobachtete, wie Syrien sein Arsenal chemischer Waffen aufbaute, aber dieses Wissen wurde nicht genutzt, um das grausame Schlachten im August bei Damaskus zu verhindern. Die Dokumente zeigen, wie die Agency ihre Erfolge aufbläst, den Pfusch und die Schwächen dagegen gern auslässt: Eine Flut von kostspieligen Informationen, die nicht ausgewertet werden, Abhörprotokolle, die mangels Sprachkenntnissen nicht gelesen werden, und Computer, die - sogar bei der NSA - wie so oft verrückt spielen."

Magazinrundschau vom 29.10.2013 - New York Times

Jeff Himmelman begleitet die philippinische Mannschaft des Tankers Sierra Madre, den die amerikanische Armee nach dem Zweiten Weltkrieg aufgegeben hatte. Heute liegt er bei den Spratly-Inseln im Südchinesischen Meer vor Anker und wird als Ausgangspunkt für Expeditionen zur Überwachung der umliegenden Inseln genutzt. China, Taiwan, Vietnam, Malaisia, Brunei und die Philippinen erheben Anspruch auf die Inselgruppe und haben jeweils einen Teil davon besetzt. Ein hohes Öl- und Gasaufkommen sowie ein großer Fischreichtum machen die Spratlys zu einem stark umkämpften Gebiet. Die Macht vor Ort aber haben die Chinesen: "Obwohl ein für die Chinesen unvorteilhaftes Schlichtungsurteil - das frühestens im März 2015 gefällt werden wird - für sie zu einem Imageproblem werden könnte, ist China nicht wirklich eingeschǘchtert, was zum Teil daran liegt, dass es keinen Vollstreckungsmechanismus gibt. 'Lassen Sie uns ehrlich sein', sagt Stephanie Kleine-Ahlbrandt [vom United States Institute of Peace]. 'Die Chinesen haben im Prinzip gelernt, Hegemonie wie die USA zu betreiben. Sie sagen, dass die USA unverhohlen internationales Recht verletzen, wenn es in ihrem Interesse ist. China sieht: Das ist das, was first-class-Mächte tun."'

Außerdem: Glenn Greenwald und Bill Keller führen eine interessante Diskussion über "objektiven" Journalismus.

Magazinrundschau vom 22.10.2013 - New York Times

In einem Food-Special der Zeitung schreibt Marnie Hanel über den Pazifischen Riesenkraken, der unter anderem im Puget Sund vor Seattle haust und den die Stadtbevölkerung unbedingt vor dem Verspeisen retten wollte, obwohl seine Bestände, wie sich herausstellte, überhaupt nicht gefährdet sind. Daneben porträtiert Hanel den Koch Matthew Dillon, Seattles Oktopus-Ikone, der die Zubereitung des durchaus nicht so ohne weiteres weich zu kriegenden Tiers perfekt beherrscht: "„Der Erfolg jedes Oktopusgerichts liegt in seiner Konsistenz. Auf den griechischen Inseln lassen ihn Fischer bis zu hundert Mal gegen Felsen sausen, um sein zähes Fleisch, das zu neunzig Prozent aus Muskeln besteht, zart zu machen. In Japan massieren Schüler von Sushi-Meister Jiro Ono ihre Oktopusse bis zu fünfzig Minuten lang. In der häuslichen Küche wird er oft geklopft. Selbst dann kann die Konsistenz widrigerweise immer noch mit 'buttergebratenem Gummi’' vergleichbar sein, wie Mark Plunkett [vom Seattle Aquarium] es einmal bezeichnete.“"

Elle Barry reist mit dem Zug durch ein zerrüttetes Russland, wo sie abseits der großen Städte frappierende Armut, sterbende Dörfer und eine katastrophale Infrastruktur vorfindet. Während Putin in seinem Ferienhaus mit seinen Gästen in Joghurt und Honig baden soll, haben 20 Prozent der Russen in ihren Wohnungen nicht einmal heißes Wasser. "Weil sich der Staat nicht um das Umland kümmert, quälen die Leute sich mit Entscheidungen herum, die in vergangene Jahrhunderte gehören: Die Häuser mit einem Holzofen heizen, bei dem alle drei Stunden mit Hand nachgelegt werden muss, oder Diesel verbrennen, der die Hälfte des Monatsgehaltes kostet? Wenn die Straße so kaputt ist, dass Krankenwagen nicht bis zum Haus gelangen, ist es dann sicher zu bleiben? Wenn die Häuser aber keinen Käufer finden, können sie dann überhaupt weggehen?" Barrys Recherchen lassen nur wenig Hoffnung auf eine baldige Verbesserung der Situation. Mehrere Videos und Bilder veranschaulichen die Reportage und Barry lässt den Leser auch anhand einer seitlich mitlaufenden Route ihre Reise nachverfolgen.
Stichwörter: Wasser, Felt, Oktopus, Rouen

Magazinrundschau vom 17.09.2013 - New York Times

Schönheit und Schrecken hat ein hellauf begeisterter Jonathan Lethem in Thomas Pynchons neuem Roman zum 11. September und den Tiefen des Internets, "Bleeding Edge", erlebt. Er erklärt Pynchons düstere Weltsicht mit Verweis auf Philip K. Dick in der Sunday Book Review: "Während gewöhnliche Paranoiker glauben, dass die schlimmsten Fragen monströs einfache Antworten haben, weiß die paranoide Kunst, dass die beängstigenderen (aber unvermeidlichen) Entdeckungen weitere Fragen sind. Der paranoiden Kunst geht es um Deutung, sie entlockt sie ihrem Publikum; sie misstraut sich selbst und wird so zum notwendigen Gegenpart der selbstzufriedenen Kunst. In Pynchons Sicht wandelt sich das System der Moderne mit ihrer Aufklärung und Befreiung - Eisenbahn, Post, Internet, etc. - immer wieder zum Black Iron Prison des Kapitalismus mit seinen Beschränkungen, Monopolen und Überwachungen. Am fließenden Übergang dieses Wandels (oder an seinem 'blutigen Grat') leben wir in unserer ganzen Hilflosigkeit. Pynchons Figuren ernähren sich von den Brocken der Freiheit, die vom Fließband der erbarmungslosen Umwandlungsmaschinerie fallen - wie die Katze beim Fleischer. Für James Joyce ist die Geschichte ein Albtraum, aus dem wir aufzuwachen versuchen. Für Pynchon ist die Geschichte ein Albtraum, in dem wir Träumer mit wachem Verstand werden müssen."

Im Magazine stellt Laura Rappano den Wunderknaben Battushig Myanganbayar aus der Mongolei vor, der es dank eines ehrgeizigen Schuldirektors mit siebzehn Jahren aus der Steppe ans MIT geschafft hat.

Magazinrundschau vom 10.09.2013 - New York Times

Im New York Times Magazine porträtiert Jeffrey Gettleman den ruandischen Staatspräsidenten Paul Kagame, den er zu einem 3-stündigen Gespräch traf. Kagame ist als Politiker umstritten: Er ist autoritär, Opposition und freie Medien sind unter seiner Herrschaft praktisch abgeschafft, und er unterstützt mörderische Rebellengruppen im Kongo. Gleichzeitig kämpft er sehr erfolgreich gegen Korruption, die hohe Sterblichkeitsrate, gegen den Dreck und die Gewalt in den Straßen. Westliche Politiker und Entwicklungshelfer lieben ihn: "Kagame hat das Bild der gesamten Milliarden-Dollar-Entwicklungshilfeindustrie aufpoliert. 'Man steckt sein Geld rein und bekommt Resultate', erklärt ein Diplomat, der versichert, nicht offen sprechen zu können, wenn sein Name genannt wird. Ja, Kagame sei 'vollkommen skrupellos', sagt der Diplomat, aber es gebe ein wechselseitiges Interesse, ihn zu unterstützen, denn Kagame beweise, dass Hilfe für Afrika keine reine Verschwendung sei und dass arme und heruntergewirtschaftete Staaten mit der richtigen Führung auf Kurs gebracht werden kann. 'Wir brauchten eine Erfolgsstory, und er war es.'"
Stichwörter: Geld, Kongo, Kagame, Paul