Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

443 Presseschau-Absätze - Seite 14 von 45

Magazinrundschau vom 17.07.2018 - Guardian

An einer scheinbar kleinen Geschichte zeigt Matthew Luxmoore das Ausmaß nationalistischen Furors in Polen: Luxmoore erzählt vom Schicksal der kommunistischen "Dankbarkeitsdenkmäler", die überall in Polen nach dem Krieg errichtet wurden, und des unentwegten Kommunisten Jerzy Tyc der geduldig ein Denkmal nach dem anderen restaurieren will, während die PiS-Partei genau die gegenteilige Politik betreibt und ein Denkmal nach dem anderen abreißen lässt. Das führt regelmäßig zu Szenen mit Schaulustigen, die das traurige Ende dieser Denkmäler, die auch Male einer Besatzung und eines totalitären Regimes waren, auf Handys festhalten. "In diesem November wird Polen die Hundertjahrfeier seiner Wiedergeburt als eigenständiger Staat im Jahr 1918 feiern, der auf mehr als ein Jahrhundert der Teilung durch imperiale Mächte folgte. Die PiS-Partei will einen neuen polnischen Staat verkörpern, der von allen Relikten kommunistischer Herrschaft gereinigt ist und setzt nun eine ganze Reihe antisowjetischer Helden auf die Sockel. Russland ist erregt. Es beschuldigt Polen, gemeinsame Kooperationsabkommen zu brechen, die in den 1990er Jahren geschlossen wurden und die auch den Schutz und die Erhaltung historischer Stätten einschlossen. Aber während der Kreml mit Vergeltung droht, macht die PiS-Partei unverdrossen weiter."

Magazinrundschau vom 10.07.2018 - Guardian

Für Daniel Bessner bleibt die große Frage, ob eine offene Gesellschaft überhaupt möglich ist, wenn einige Personen so reich werden wie George Soros. Aber jenseits dieses grundsätzlichen Problems, steht für Bessner fest, dass Soros das Beste ist, was die Meritokratie je hervorgebracht hat. Kein Wunder, dass sich die Rechtspopulisten in Ungarn, aber auch die amerikanischen Alt-Righter auf ihn eingeschossen haben. Dabei verbucht Soros das Scheitern der osteuropäischen Demokratien auf dem Konto des Westens: "Seit den Neunziger erklärte er das Aufkommen der Kleptokratie und des Hypernationalismus im früheren Ostblock mit dem mangelnden politischen Willen und der fehlenden Vision des Westens. 'Demokratien', beklagte er 1995, 'leiden unter einem Mangel an Werten ... Sie sind notorisch unwillig, irgendetwas auf sich zu nehmen, solange nicht elementare Eigeninteressen berührt sind.' Für Soros hat der Westen in einer epochalen Aufgabe versagt und dabei Unfähigkeit und Kurzsichtigkeit bewiesen. Aber es war nicht nur der Mangel an Willen, aus dem sich der Westen in jenem Moment zurückhielt. In der Ära der Schocktherapie strömte westlichen Kapital nach Osteuropa - aber dieses Kapital wurde vor allem in die private Industrie investiert, und nicht in demokratische Institutionen oder Graswurzel-Organisationen, was den Kleptokraten und Antidemokraten half, die Macht zu erringen und zu bewahren. Soros erfasste das Hauptproblem, aber er konnte nicht verstehen, wie eben die Logik des Kapitalismus, der Profit über alles stellt, zwangsläufig sein demokratisches Projekt gefährdete."

Magazinrundschau vom 19.06.2018 - Guardian

Der britische Kunstmarkt ist etlichen peinlichen Fälschungen aufgesessen, etliche Werke stammen aus der Sammlung des Franzosen Giuliano Ruffini, der etwa einen unechten Lucas Cranach an den Fürsten von Liechtenstein verhökerte, wie Samanth Subramanian in einer spannenden Geschichte über Kunstdetektive erzählt: "Am meisten irritierte an den mutmaßlichen Fälschungen, die Ruffini verkaufte, wie viel Leute auf sie reingefallen sind. Die National Gallery in London stellte ein kleines Ölgemälde aus, das man für ein Werk des Künstlers Orazio Gentileschi aus dem 16. Jahrhundert hielt - ein kampfesmüder David, auf einem strahlend blauen Stück Himmel aus Lapislazuli. Das Porträt eines Edelmanns vor schlammigem Hintergrund wurde 2011 von Sotheby's an einem privaten Sammler als ein Frans Hals verkauft; der Käufer zahlte 8,5 Millionen Pfund. Sotheby's verkaufte auch ein Ölgemälde mit dem Heiligen Hieronymus, Parmigiano zugeschrieben, in einer Auktion 2012 für 842.500 Dollar. Auf Vorsicht bedacht gab der Katalog nur an, dass das Werk aus dem Umkreis von Parmigiano stammte - womit gesagt wird, dass es von einem Künstler stammt, der von Parmigiano beeinflusst war, oder von einem seiner Schüler. Aber der Katalog zitierte auch einige Experten, die glaubten, es stamme von Parmigiano selbst. Die Arbeiten waren voll von einschlägigen, kleinster Details. Auf Hieronymus' Arm zum Beispiel erschienen Dutzende von leichten horizontalen Rissen, die hin und wieder von einem kräftigeren vertikalen Bruch gekreuzt wurden. Auf französischen Leinwänden aus dem 18. Jahrhundert breiten sich die Risse in der Farbe wie ein Spinnennetz aus; auf flämischen Stoffen wie Baumrinde. Bei italienischen Gemälden der Renaissance ähnelt das Muster unsauberem Mauerwerk. Auf dem Heiligen Hieronymus passten die Risse perfekt. Professor David Ekserdjian, einer der wenigen Kunsthistoriker, die den Parmigiano anzweifelte, sagte, er habe einfach nicht das Kribbeln des Wiedererkennens gespürt, das Fachleute für sich als besondere Gabe reklamieren: Die Intimität mit einem Künstler, die sie mit der Fähigkeit vergleichen, in einer großen Menge einen Freund zu erkennen. 'Aber offen gestanden habe ich nicht auf das Bild geblickt und gesagt: Oh, das ist eine Fälschung.'"

Magazinrundschau vom 29.05.2018 - Guardian

Kaum zu glauben, dass die Briten den Oligarchen und Putin-Freund Roman Abramowitsch aus dem Land werfen. Dabei hat die britische Politik jahrzehntelang russische Oligarchen und ihr Geld freudig aufgenommen, erinnert Oliver Bullough in einem langen Report. Mit seiner Recherche will er auch die Scharte auswetzen, dass er, der Experte auf diesem Gebiet, vor dem Foreign Policy Committee nicht sagen konnte, wieviel schmutziges Geld nun wirklich ins Land geflossen sei - es kommt einfach über zu viele und zu verdeckte Kanäle. Aber dass es nicht nur 25 Milliarden Pfund sind, wie offiziell angegeben, sondern eher mehrere hundert Milliarden, hält er für sicher. Das Geld wird selten investiert, weiß Bullough, sondern für Goldene Visa und Privatschulen ausgegeben, für Luxusgüter, Immobilien und Yachten. Warum London bis jetzt nichts gegen die Geldwäsche unternommen hat, erklärt Bullough der Banker Bill Bowder, der selbst vergeblich einen Prozess angestrengt hatte: "Er schlussfolgerte, dass zu viele einflussreiche Briten - Anwälte, Banker, Finanzberater, Immobilienmakler - von russischem Geld abhängig geworden waren. 'Wenn die Geldströme gestoppt worden wären', sagte er 2016, 'hätten gewisse Leute ihren Lebensunterhalt verloren, und ich denke, das waren Leute mit politischem Gewicht in diesem Land'. Viele britische Institutionen haben auch Spenden von wohlhabenden russischen Geschäftsleuten akzeptiert. Sadiq Khans City Hall von Elena Baturina, deren Mann Bürgermeister von Moskau war; die Konservative Partei von Ljubow Tschernuchin, deren Mann einst Putins Minister war und die 160.00 Pfund dafür zahlen, um mit Boris Johnson und David Cameron Tennis zu spielen." Zum Gebaren britischer Anwälte mit russischen Klienten hat auch Nick Cohen in einem Kommentar einiges zu sagen.

Weiteres: In einem weiteren Text nehmen Carls Rhodes und Peter Bloom den Philanthrokapitalismus amerikanischer Superreicher unter die Lupe.

Magazinrundschau vom 15.05.2018 - Guardian

Die #MeToo-Bewegung hat die Unterschiede zwischen den beiden großen Fraktionen des Feminismus zutage treten lassen, meint Moria Donegan, die etwas polemisch, aber immerhin mit historischer Perspektive den individualistischen vom sozialen Feminismus unterscheidet: Auf der einen Seite stehen die Frauen, die sich in der Männergesellschaft allein durchboxen wollen, auf der anderen Seite stehen die wagemutigen Visionärinnen, die für alle gemeinsam kämpfen: "Es ist eine alte Debatte: Soll der Feminissmus darauf zielen, die Gesellschaft zu verändern, oder Frauen wappnen, in der bestehenden besser klarzukommen? Aber warum wird dieser Konflikt als einer zwischen Generationen beschrieben, wenn es doch klar ist, dass die beiden feministischen Sichtweisen seit Jahrzehnten miteinander im Clinch liegen? Zum Teil liegt das natürlich an Altersfeindlichkeit und mangelnder Neugier - die reflexartige Unterstellung, die Alten seien zu zahm und die Jungen zu rücksichtslos. Und es gibt die Vorstellung, die von allen politischen Denkweisen nur dem Feminismus eigen ist, dass er als soziale Bewegung in diskreten, kohärenten und vorübergehenden Wellen aufkommt."
Stichwörter: Feminismus, #metoo, Metoo, Moria

Magazinrundschau vom 24.04.2018 - Guardian

Der Guardian bringt einen Vorabdruck aus Corey Peins Recherche unter den aufstrebenden Unternehmern des Silicon Valley. Pein zog mit einer halb ausgegorenen Startup-Idee nach San Francisco und mietete bei AirBnB für 85 Dollar die Nacht zwei Quadratmeter in einem Fünf-Bett-Zimmer, das er mit Absolventen von Ivy-League-Unis teilte, die einen Service anbieten wollen, den bisher ihre Mütter kostenlos für sie erledigten: Essen bringen, Wäsche waschen, zum Training fahren. Noch schlimmer als die Zerstörung dieser Kultur durch unerwachsene Nerds findet Pein die Folgen für die Ökonomie: "Jobs von neun bis fünf mit Sozialleistungen und bezahlten Überstunden gehen vielleicht bei all der Disruption verloren, aber dafür haben wir das Internet, mit zahllosen Einzelaufträgen, und Möglichkeiten für Freie, über die Runden zu kommen, wird zu einem Videospiel: Man muss die richtigen Knöpfe drücken und bekommt sofort seine magere Belohnung. Über ein Drittel der Amerikaner arbeiten inzwischen als Freie oder kurzzeitig Beschäftigte, ihr Lebensunterhalt hängt vom Gutdünken ihrer Auftraggeber ab. Die Wahl, Unternehmer zu werden, wurde für sie getroffen. Die Zerstörung des Sozialsystems, der öffentlichen Bildung und organisierten Arbeit führte zu einem System, das man die 50-Cent-Ökonomie nennen kann und nur zwei Optionen lässt: Get rich or try dying."

Symeon Brown stellt die Wölfe von Instagram vor: Narzissten und Hochstapler wie der inzwischen berücjtigte Elijah Oyefeso, die so lange ihren Erfolg als Trader, Rich Kid oder Moneymaker vorgaukeln, bis sie so viele Follower haben, dass sie tatsächlich Kasse machen können.

Magazinrundschau vom 10.04.2018 - Guardian

Im Westen zerbrechen die Nationalstaaten an einer deregulierten Finanzwirtschaft, Großmachtrivalitäten und Big Data, derweil zerfallen in der einst kolonisierten Welt die Bevölkerungen in postnationale Gruppierungen - etwa in umherstreifende Stammesmilizen, ethnische und religiöse Unterstaaten und Superstaaten, schreibt der britisch-indische Schriftsteller Rana Dasgupta in einem Essay. Für ihn ist der Nationalstaat am Ende. Dasgupta findet das nicht schade, er denkt über die Möglichkeit einer vom Staat getrennten Bürgerschaft nach, die durch Staatsbürgerschaft ererbte Privilegien aushebelt: "Wer als Finne geboren wurde, genießt einen rechtlichen Schutz und ökonomische Erwartungen, die sich stark von denen eines Somaliers oder Syrers unterscheiden. Auch die Bewegungsfreiheit eines Finnen ist eine andere. Aber in einem Weltsystem - statt einem System von Nationen -  gäbe es keine Rechtfertigung für solch radikale Unterschiede. Die Bewegungsfreiheit des Menschen ist eine notwendige Konsequenz der Bewegungsfreiheit des Kapitals: Es ist ungerecht, dass das eine sich frei bewegen darf, der andere nicht. Moderne technologische Systeme  bieten Modelle, Bürgerschaft neu zu denken, sie vom Staatsgebiet zu entkoppeln und so ihre Vorteile gerechter zu verteilen. Die Rechte und Möglichkeiten, die mit einer westlichen Bürgerschaft verknüpft sind, könnten auch in anderen Weltgegenden eingefordert werden, ohne in den Westen reisen zu müssen. Wir könnten an politischen Prozessen teilhaben, die zwar weit weg von uns stattfinden, uns aber dennoch betreffen: Wenn die Demokratie den Wählerinnen und Wählern eine gewisse Kontrolle über ihre eigenen Lebensumstände geben soll, müsste eine US-Wahl dann nicht die meisten Menschen auf der Erde einbeziehen? Wie sähe der politische Diskurs in Amerika aus, wenn er auch Wähler im Irak oder in Afghanistan befriedigen müsste?"

Magazinrundschau vom 20.03.2018 - Guardian

Der Glaube an den unvermeidlichen Fortschritt basiert in den USA auf dem Markt, in Europa auf der Nation, in der Sowjetunion auf revolutionärer Technologie. Im Russland des Wladimir Putin gibt es diesen Glauben nicht, schreibt der amerikanische Historiker Timothy Snyder: Putin hat die Maskulinität gegen die Demokratie in Stellung gebracht, und die Politik der Unvermeidlichkeit durch eine Politik der Ewigkeit ersetzt: "In der Politik der Ewigkeit gibt es keine gerade Linie in die Zukunft mehr, sondern nur einen Zirkel, der ohne Unterlass dieselben Bedrohungen aus der Vergangenheit wiederbringt. In der Politik der Unvermeidlichkeit ist niemand verantwortlich, denn kleine Abweichungen werden sich zum Wohle des Ganzen aussortieren. In der Politik der Ewigkeit ist niemand verantwortlich, denn der Feind kehrt zurück, egal was wir tun. Politiker der Ewigkeit verbreiten die Überzeugung, dass die Regierung einer Gesellschaft als Ganzes nicht helfen, sondern nur gegen Bedrohungen schützen kann. Fortschritt wird ersetzt durch Unheil. Sind sie erst einmal an der Macht, fabrizieren sich Ewigkeitspolitiker ihre Krisen und manipulieren die daraus resultierenden Emotionen. Um von ihrer Unfähigkeit zur Reform oder ihrer Unwilligkeit abzulenken, halten sie ihre Bürger permanent zwischen Jubel und Empörung, sie ertränken die Zukunft in Gegenwart. In der Außenpolitik machen Ewigkeitspolitiker die Errungenschaften anderer Länder, die ihren eigenen Bürger als Vorbild erscheinen könnten, verächtlich. Sie benutzen Technologie zur Verbreitung ihrer politischen Fiktion im In- und Ausland, glauben nicht an Wahrheit und reduzieren das Leben auf Spektakel und Emotion."

Den Willen zur Wiederherstellung verlorener Maskulinität sieht auch Pankaj Mishra weltweit im Zentrum gegenwärtiger Krisen: "Die Sehnsucht nach Männlichkeit kontaminiert Politik und Kultur im 21. Jahrhundert in der ganzen Welt. Der rapide Wandel in Wirtschaft, Gesellschaft und Technologie stürzt eine exponentiell wachsende Zahl  entwurzelter und verwirrter Männer in eine unheilvolle Suche nach männlichen Gewissenheiten."

Magazinrundschau vom 06.03.2018 - Guardian

Kann es sein, dass das britische Establishment am Ende ist? Dass die noble Herkunft nicht mehr automatisch über Oxbridge an die Spitzen von Staat und Wirtschaft führt? Aeron Davis sieht das so, fürchtet allerdings, dass an die Stelle des alten Establishments kein neues tritt, sondern nur noch eine inkonsistente Elite aus Reichen und Mächtigen: "Die automatische Verbindung von exklusiver Ausbildung, Tradition, Status, Macht und Geld, die einst das Establishment ausmachte, gibt es nicht mehr. Heute ist ein viel kleinerer Teil über die Clarendon-Oxbridge-Schiene an die Macht gekommen. Exklusive Londoner Clubs leeren sich oder - schlimmer noch für die Eliten - erlauben jetzt Frauen, Ausländern und Menschen aus niederen Schichten die Mitgliedschaft. Die Angehörigen der Aristokratie, die einst großzügig über die Vorstände von öffentlichen Institutionen und Unternehmen gleichermaßen verteilt waren, sind nicht mehr zu sehen. Mit der zerbrochenen Verbindung durch die gemeinsame Kultur und Bildung sind auch die alten Werte des alten Establishments verschwunden. Es lässt sich nachlesen, dass der Staatsdienst einst eine ehrenvolle Aufgabe für die Elite war. Wie George Orwell 1941 notierte, glaubte die Upperclass, egal wie nutzlos sie war, an den Dienst für die Nation: 'Mit ihrer Bereitschaft, sich selbst töten zu lassen, hat Englands herrschende Klasse immer gezeigt, dass sie einigermaßen anständig ist.' Solch Pflichtgefühl und Selbstopfer gibt es in der neuen Elite definitiv nicht. Statt dessen kreisen ihre Werte um persönliche Bereicherung, Individualismus, aufgeklärtes Eigeninteresse und die Reverenz an die 'Schöpfer des Wohlstands'. Aber solche Normen sind die Antithese zu jedem Gefühl von einem gemeinsamen, kollektiven Interesse. Eigennütziger Individualismus und das Überleben der Angepassten sind keine gute Basis, um eine Gruppe zusammenzuhalten, auch nicht die Elite."

Magazinrundschau vom 27.02.2018 - Guardian

Tobias Jones rekapituliert den beängstigenden, hierzulande wenig beachteten Aufstieg der Neofaschisten in Italien, die vor allem durch den früheren Bandleader und Kneipenwirt Gianluca Iannone für den italienischen Mainstream anschlussfähig wurden. Ihr Name CasaPound ist Reverenz an den amerikanischen Schriftsteller und Duce-Bewunderer Ezra Pound und klingt eher nach einem Kulturinstitut als nach einem Schlägertrupp: "In einem Land, in dem Stil und Pose ganz oben stehen, war CasaPound Faschismus für Hipster. Es gab Berichte über Gewalt, aber die machten das Ganze vor allem für Männer, die sich ziellos, an den Rand gedrängt und in ihrer Männlichkeit bedroht fühlen, nur noch attraktiver. Sie kamen in Scharen, um ihre 15 Euro Mitgliedsbeitrag zu zahlen. Anfang der Nuller Jahre war es für Mainstream-Politiker kein Tabu mehr, in warmen Worten von Mussolini zu sprechen: Bewunderer des Duce waren Minister geworden und mehrere faschistische Splitterparteien gewannen an Stärke: Forza Nuova, Fronte Sociale Nazionale und verschiedene Skinhead-Gruppen. Aber während die meisten Faschisten aussahen wie Wiedergänger der dreißiger Jahre aussahen, konzentrierte sich CasaPound auf zeitgenössische Themen und dachte sich kreative Kampagnen aus: 2006 hängten sie 400 Schaufensterpuppen in ganz Rom auf, um gegen die Wohnungsnot zu protestieren. 2012 besetzten CasaPound-Anhänger die Büros der EU in Rom und warfen Kohlesäcke aus dem Fenster, um die Belange italienischer Bergarbeiter zu unterstützen. Einige ihrer Positionen überraschen auf den ersten Blick: Sie sind, natürlich, gegen Einwanderung, aber aus dem angeblich 'progressiven' Grund, dass die Ausbeutung der migrantischen Arbeiter eine Rückkehr zur Sklaverei bedeutet."

Vor den Wahlen blickt auch Thomas Jones in der London Review of Books auf Italiens sich in Auflösung befindliche Parteienlandschaft.